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Live-TV für Linux: So klappt Fernsehen über das Web

28.06.2016 | 11:20 Uhr |

Tatort, Quiz oder Sportschau: Wer TV-Sendungen am PC sehen wollte, kam lange Zeit um die Anschaffung von TV-Tuner plus Antenne nicht herum. Dank Internet ist das inzwischen anders. Lesen Sie hier, wie Sie mit Ihrem Linux-System bestens unterhalten werden.

Der gewohnte Griff zur Fernbedienung, um eine aktuell ausgestrahlte Sendung am Bildschirm zu verfolgen, hat von Medienwissenschaftlern inzwischen den Namen „lineares Fernsehen„ erhalten. Dank Angeboten wie Netflix, Maxdome oder Watchever befindet sich traditionelles lineares Fernsehen auf dem Rückzug. Der Zuschauer möchte selbst darüber entscheiden, wann er einer Sendung folgen möchte. Und die Fernsehsender selbst unterstützen mit Angeboten zum Abruf von Sendungen diesen Trend. Die gute Nachricht: Auch unter Linux bleibt der Bildschirm hier schon seit langer Zeit nicht mehr dunkel.

Siehe auch: EM 2016 überall live verfolgen

On-Demand-Streaming bei Netflix & Co.

Bis vor einigen Monaten mussten Linux-Nutzer noch einige Basteleien in Kauf nehmen, um auf ihrem Computer die Serienhits von Netflix oder Amazon Prime Video ansehen zu können. Das lag daran, dass die Dienste auf Microsofts Silverlight-Plug-in aufsetzen, das aber originär nicht für Linux verfügbar ist. Also musste erst umständlich das Linux-Pendant Pipelight installiert und eingerichtet werden. Inzwischen haben aber alle größeren Player ihre Dienste umgestellt. Um etwa Netflix auch unter Linux ansehen zu können, benötigen Sie lediglich den Google-Browser Chrome in einer aktuellen Version.

Besuchen Sie einfach die Seite von Google und laden Sie sich das passende Paket für Ihre Distribution herunter. Danach können Sie sich auch bereits bei Ihrem Anbieter anmelden und sich den ersten Film ansehen.

IP-TV mit dem VLC Player: Wenn Sie die genaue IP-Adresse des Senders kennen, können Sie IP-TV auch ohne spezielle Set-Top-Box aufrufen.
Vergrößern IP-TV mit dem VLC Player: Wenn Sie die genaue IP-Adresse des Senders kennen, können Sie IP-TV auch ohne spezielle Set-Top-Box aufrufen.

IP-TV-Angebote von Telekom und Vodafone

Dem Kunden aus einer Hand Telefonie, Internetzugang und Fernsehen anzubieten, galt lange Zeit als Königsdisziplin bei den Serviceprovidern. Nach dem eher stillen Ende von Alice-TV setzen inzwischen nur noch die Telekom mit Entertain und Vodafone auf IP-TV-Angebote. Da Vodafone aber inzwischen die Netzstruktur von Kabel Deutschland vermarkten kann, stellt sich die Frage, wie lange ein solches separates TV-Angebot noch verfügbar sein wird.

Das Basisangebot von Entertain ist in einer ganzen Reihe von Tarifen enthalten. Dann können Sie einen Teil des Angebots auch ohne eine Set-Top-Box auf dem eigenen Rechner anschauen. Damit dies technisch funktioniert, muss das IP-Angebot Teil des von Ihnen gebuchten Tarifs sein. Und Sie müssen sich über einen Anschluss im IP-Bereich des Providers mit dem Netz verbinden. Ein Abruf vom Urlaubsort ist daher nicht möglich – oder nur mit aufwendigen technischen Verrenkungen, wie der Nutzung eines VPN-Tunnels.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, benötigen Sie nur eine passende Software, die die Streams auch wiedergeben kann. Hier bietet sich beispielsweise der Mplayer oder der VLC Player an. Starten Sie den VLC Player, und wählen Sie „Medien, Medium öffnen“. Wechseln Sie dann in den Bereich „Netzwerk“ und geben Sie hier etwa ein: „rtp://@239.35.10.4:10000“. Sind die anderen Voraussetzungen erfüllt, sollte sich binnen weniger Sekunden eine Sendung der ARD aufbauen.

Hilfe im Netz: Einige Anwender haben sich die Mühe gemacht, umfangreiche Kanallisten der TV-Sender zusammenzustellen, die das Umschalten viel einfacher machen.
Vergrößern Hilfe im Netz: Einige Anwender haben sich die Mühe gemacht, umfangreiche Kanallisten der TV-Sender zusammenzustellen, die das Umschalten viel einfacher machen.

Das funktioniert bei Vodafone TV ganz ähnlich, nur dass Vodafone statt RTP (Realtime Transport Protocol) das Protokoll UDP (User Datagram Protocol) verwendet und daher „udp://“ vorangestellt werden muss. Bei beiden Anbietern haben Nutzer allerdings das gleiche Problem: Die IP-Adressen, auf denen die einzelnen Sender verbreitet werden, werden von den Gesellschaften nicht veröffentlicht. Noch dazu sind die Programmangebote ständig in der Überarbeitung begriffen, so dass sich hier immer wieder rasche Veränderungen ergeben.

Glücklicherweise gibt es immer wieder fleißige Hände, die ganze Senderlisten kostenlos ins Internet stellen. Eine Google-Recherche mit Stichwörtern wie „Multicastadressliste“ und dem Namen des Providers fördert rasch Treffer ans Licht. Fast schon eine Institution ist das „Entertain Change(b) log“, das viele nützliche Fakten auch in Sachen Sendersortierung und Programmangebot versammelt.

Mediathek View: Nach dem ersten Start des Programms gibt es einige Einstellungen zu tätigen. Nach unserer Erfahrung können Sie hier alle Voreinstellungen einfach akzeptieren.
Vergrößern Mediathek View: Nach dem ersten Start des Programms gibt es einige Einstellungen zu tätigen. Nach unserer Erfahrung können Sie hier alle Voreinstellungen einfach akzeptieren.

Bleibt der Monitor trotz aller Bemühungen und erfüllter Voraussetzungen dunkel, kann das Problem im Router stecken. Denn viele Geräte mögen das UDP-Protokoll nicht und haben es in der internen Firewall abgeriegelt. Hier müssen Sie in der Konfigurationsoberfläche des Routers nachsehen, ob UDP- und Multicast-Pakete überhaupt durchgelassen werden.

Für den Empfang von verschlüsselten Pay-TV-Sendungen ist eine Set-Top-Box allerdings weiterhin unentbehrlich. Die Logik zum Entschlüsseln des Streams verbirgt sich in dem kleinen Kasten.

Wenn es ruckelt und zuckt

Mit einer schnellen Internetverbindung und den richtigen Apps steht dem Fernsehkonsum unter Linux nichts im Wege. Ganz reibungslos funktioniert das unter idealen Bedingungen – wenn die Internetleitung nicht nur schnell, sondern auch stabil ist. Auch der PC sollte kein Oldie sein und eine Hardwareausstattung bieten, mit der die Datenströme schnell genug konvertiert werden. Wie im Haupttext erwähnt, sollte der Router als Hauptverdächtiger untersucht werden, falls sich beim Abruf überhaupt nichts auf dem Bildschirm tut.

Ein wackeliges Netzwerk kann der Grund für kurzfristig auftretende Artefakte oder Tonschwankungen sein. Generell ist schnelles WLAN für Medienstreaming zwar meistens ausreichend, Kabelnetz für diese Aufgabe aber vorzuziehen. Der VLC Player bietet ein kleines eingebautes Werkzeug, mit dem Sie die Qualität der Übertragung prüfen können. Wenn Sie „Werkzeuge -> Medien-Informationen“ aufrufen, finden Sie im Register „Statistiken“ aktualisierte Informationen zur Datenrate. Prüfen Sie hier, wie viele „Frames“ das System bereits gezeigt hat. Gibt es hier einen hohen Wert unter „Verloren“, deutet das darauf hin, dass die Hardware mit der Decodierung schlicht nicht nachkommt.

Sieht hier hingegen alles gut aus, sehen Sie sich die Datenraten an. Für HD-Übertragungen müsste sie deutlich zwischen 7000 und 10.000 liegen. Sehen Sie hier einen niedrigen Wert, dafür bei „Verworfen“ einen sehr hohen Eintrag, ist die Netzwerkverbindung zu langsam oder wird anderweitig gestört.

Im Falle von WLAN kann bereits ein Wechsel des Ortes erfolgreich sein. Auch die Anschaffung eines Repeaters bringt hier oft Abhilfe.

Live-TV mit Magine und Zattoo

Während Zattoo bereits seit vielen Jahren Live-TV über das Internet anbietet, ist Magine TV ein noch recht junger Herausforderer. Beide Dienste bieten aber ein mehr oder weniger identisches Angebot. Neben einem kostenlosen Zugang mit begrenzter Programmauswahl werden auch kostenpflichtige Senderpakete angeboten. Damit können Sie dann direkt auf dem Computer, dem Tablet (per Browser oder App) oder der Set-Top-Box (Apple TV oder Fire TV) das Angebot abrufen.

Siehe auch: DVB-T2 in Full HD im Check

Bei beiden Diensten verschwimmen gerade die Grenzen zwischen klassischem linearem Streaming und einem Video-on-Demand-Angebot. Zattoo wie Magine TV enthalten nämlich Optionen, Time-Shifting zu betreiben oder verpasste Sendungen erneut aufzurufen.

Technisch anspruchsvoll ist der Konsum der Angebote unter Linux indes ebenfalls nicht mehr. Auch in diesem Fall genügt die Installation von Google Chrome, der alle notwendigen technischen Komponenten besitzt.

Mediatheken der öffentlichen Fernsehsender

Senderlisten in Mediathek View: Die Software stellt Ihnen übersichtlich die Angebote verschiedener Mediatheken zusammen.
Vergrößern Senderlisten in Mediathek View: Die Software stellt Ihnen übersichtlich die Angebote verschiedener Mediatheken zusammen.

In den Mediatheken der öffentlichen Sender lagern viele Stunden Material und Unterhaltung, allerdings nicht als dauerhaftes Archiv. Die Anstalten sind gesetzlich dazu verpflichtet, das Material binnen einer Woche wieder zu entfernen. Das ist für die Zuseher zwar ärgerlich, schmälert Nutzen und Unterhaltungswert aber nur wenig. Die Anstalten bieten für die einfachere Nutzung inzwischen auch Apps für mobile Geräte und Smart-TV an, für den Abruf der Sendungen auf dem Computer ist der Browser vorgesehen.

Die Top-20-Charts der Linux-Distributionen: So finden Sie Ihr Lieblings-Linux

Es gibt aber noch eine Alternative. Die Software Mediathek View liegt bereits in der Version 10 vor. Notwendig ist der Einsatz einer Software für Mediatheken sicher nicht, aber Mediathek View bietet gegenüber dem Browser eine Reihe von Vorteilen. Einerseits ruft das Programm gleich das Angebot einer ganzen Reihe von Mediatheken ab (ARD, ZDF, ORF mit ihren jeweiligen Sendergruppen). Das erfolgt ganz automatisch, so dass Sie stets einen aktuellen Überblick haben. Da hier andere Schnittstellen genutzt werden, entfällt auch die lästige Wartezeit auf den frühen oder späten Abend, wenn Sendungen mit Freigabe ab 12 oder 16 Jahren angesehen werden sollen. Und schließlich ist das Programm so eng mit Linux verbunden, dass Sie Sendungen auch aufzeichnen können. Dazu bedient sich Mediathek View einer Reihe externer Programme.

Streamingsendungen, IP-TV-Multicasts oder lokale Filmdaten: Der VLC Player ist eines der besten Werkzeuge für den Medienkonsum unter Linux.
Vergrößern Streamingsendungen, IP-TV-Multicasts oder lokale Filmdaten: Der VLC Player ist eines der besten Werkzeuge für den Medienkonsum unter Linux.

In den offiziellen Paketquellen der Distributionen liegt das Paket „mediathekview“ leider in hoffnungslos veralteten Versionen vor. Die manuelle Installation von der Projektseite ist indes nicht allzu schwierig. Diesen Weg sollten Sie in jedem Fall bevorzugen. Besuchen Sie die Projektseite unter http://zdfmediathk.sourceforge.net/ und laden Sie sich dort die aktuelle Version über den Link „Download“ auf den Rechner. Je nach vorliegender Linux-Distribution müssen Sie vor der eigentlichen Einrichtung noch eine Reihe von Paketen installieren. Die wenigste Arbeit haben Sie mit einer aktuellen Ausgabe von Linux Mint , das bereits alles mit an Bord und auch bereits installiert hat, was Sie für den Start benötigen. Installieren Sie dann entweder über den Paketmanager oder über die Konsole mit

sudo apt-get install openjdk 7 jre vlc flvstreamer mplayer libav tools 

die benötigten Pakete. Eine Besonderheit sind die „libav-tools“, denn dieses Paket ersetzt in neueren Ubuntu-Versionen und darauf basierenden Varianten das altbekannte Paket „ffmpeg“. Wenn Ihr System zurückmeldet, kein solches Paket zu kennen, dann nutzen Sie das gewohnte „ffmpeg“.

Mediathek View benötigt externe Hilfsprogramme: Wenn es für Ihre Distribution das Paket „ffmpeg“ nicht mehr gibt, setzen Sie den Pfad zu avconv unter „ffmpeg“ ein.
Vergrößern Mediathek View benötigt externe Hilfsprogramme: Wenn es für Ihre Distribution das Paket „ffmpeg“ nicht mehr gibt, setzen Sie den Pfad zu avconv unter „ffmpeg“ ein.

Sind die Voraussetzungen erfüllt, kann die eigentliche Einrichtung beginnen. Es handelt sich bei der Software um eine Java-Anwendung, die Sie letztlich nur in einem Verzeichnis entpacken müssen und somit auch im Home-Verzeichnis ablaufen könnte. Da dies aber nicht ratsam ist, entpacken Sie das Programm am besten in das für optionale Software vorgesehene Verzeichnis „opt“:

sudo mkdir /opt/mediathekview  sudo unzip MediathekView10.zip -d /opt/mediathekview  

Sollte bei Erscheinen dieses Hefts bereits eine aktuellere Version vorliegen, müssen Sie die „10“ in diesem Beispiel durch die aktuelle Nummer ersetzen. Gestartet wird die App dann über das Shellscript „Linux.sh“, das sich im Programmverzeichnis befindet. Mit

sudo ln -s Pfad-zu-Skript /usr/local/bin/mediathekview  

könnten Sie noch eine symbolische Verknüpfung anlegen, um die Anwendung vorbildlich einzurichten. Ob Sie nun diese Verknüpfung verwenden oder das Script über den Dateimanager aufrufen, spielt technisch keine Rolle.

Analyse mit dem VLC Player: Die Statistiken des Players liefern Indizien zur Lösung von Problemen, wenn die Wiedergabe klemmen sollte.
Vergrößern Analyse mit dem VLC Player: Die Statistiken des Players liefern Indizien zur Lösung von Problemen, wenn die Wiedergabe klemmen sollte.

Beim ersten Aufruf prüft die Software, ob alle benötigten Komponenten für den Einsatz zur Verfügung stehen. Hier wird die Software meckern, wenn Sie bereits „libav“, also das Nachfolgerpaket von „ffmpeg“ nutzen. In diesem Fall müssen Sie im Konfigurationsdialog des Programms („Einstellungen -> Programme -> Ffmpeg“) den Pfad „usr/bin/avconv“ eintragen.

Jetzt stellt die Software erstmals die Verbindung mit den Mediatheken her und sammelt die verfügbaren Einträge. Die Bedienung der Software ist weitestgehend selbsterklärend. Die angebotenen Inhalte werden in einer umfangreichen Datenbank gesammelt. In dieser stöbern Sie nach Belieben oder suchen nach Inhalten.

Zu jedem Eintrag haben Sie die Wahl, den Beitrag unmittelbar anzuschauen oder auch eine Aufzeichnung zu starten.

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