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Linux: Kernel-Hotkeys für den Notfall

19.11.2013 | 14:05 Uhr |

Linux läuft bekannt stabil. Aber wie bei jedem System gibt es Pannen und Benutzerfehler, die scheinbar den harten Reset über die Stromtaste erfordern. Sanfter und mit geringerem Risiko eines Datenverlusts arbeiten die Kernel-Hotkeys.

Einen halbwegs sanften Shutdown auch in Schieflagen verspricht eine Option des Linux-Kernels: Dabei können Sie im Notfall mit vordefinierten Tastenkombinationen Basiskommandos an den Kernel schicken. Diese Hotkeys bestehen aus drei gedrückten Tasten – Taste Alt und Taste Druck sind immer dabei, ferner je nach Bedarf eine weitere Buchstabentaste. Diese Notfall-Hotkeys nennen sich die „magischen SysRq-Hotkeys“, denn die Taste Druck trägt auf vielen Tastaturen auch noch die Beschriftung „S-Abf“, englisch „SysRq“ – also „Systemabfrage“ oder „System Request“.

Dauerhaftes Aktivieren der Magic Keys: Setzen Sie in der Datei „sysctl.conf“ den einschlägigen Eintrag auf Wert „1“. Für den Eingriff benötigen Sie root-Rechte.
Vergrößern Dauerhaftes Aktivieren der Magic Keys: Setzen Sie in der Datei „sysctl.conf“ den einschlägigen Eintrag auf Wert „1“. Für den Eingriff benötigen Sie root-Rechte.

Kernel-Keys ad hoc und dauerhaft aktivieren

Aus unerfindlichen Gründen sind die nützlichen Magic Keys nur zum Teil standardmäßig aktiviert und nur zum Teil bequem aktivierbar. So bietet etwa aktuelles Open Suse die Magic Keys ohne manuelles Zutun, während Ubuntu diese Option vermissen lässt. Ferner bietet Open Suse mit dem Yast-Konfigurations-Tool eine bequeme Klickoption, die Hotkeys ein- oder auszuschalten, während unter den meisten Distributionen und auch unter Ubuntu folgende manuelle Eingriffe in Systemdateien notwendig sind: Die Signaldatei für die Magic Keys lautet „/proc/sys/kernel/sysrq“ und enthält eine einzige Zahl, eine „0“ für deaktivierte Magic Keys, eine „1“ für globales Aktivieren, ferner die Potenzen von 2 hoch 1 bis 2 hoch 8 für eine differenzierte Auswahl der möglichen Hotkeys. Letztere, also die Zahlen 2, 4, 8 bis 256 lassen wir hier unter den Tisch fallen, da es nicht schaden kann, im Notfall sämtliche Magic Keys nutzen zu können. Dafür genügt die simple „1“.

Um in der laufenden Sitzung die Magic Keys einzuschalten, müssen Sie nur mit root-Rechten die notwendige „1“ in die Datei „sysrq“ schreiben. Am einfachsten erledigen Sie das im Terminal mit den Befehlen:
sudo bash echo "1" > /proc/sys/kernel/sysrq
Diese Änderung wirkt ebenso unmittelbar unter laufendem Linux wie umgekehrt das Abschalten mit der „0“. Trotz dieses einfachen Mechanismus ist es sicher komfortabler, sich automatisch auf funktionierende Magic Keys verlassen zu können, ohne erst diese Datei bearbeiten zu müssen.

Dies erledigen Sie durch einen Eingriff mit root-Rechten in die Datei „/etc/sysctl.conf“:
sudo gedit /etc/sysctl.conf
Suchen Sie im oberen Teil der kleinen Datei nach einer Zeile mit dem Eintrag „kernel.sysrq“. Entfernen Sie gegebenenfalls das führende Kommentarzeichen „#“ und setzen Sie den Wert auf „1“:
kernel.sysrq = 1 Nachdem Sie die Datei gespeichert haben, arbeiten die Magic Keys dauerhaft ab dem nächsten Systemstart.

Die SysRq-Magic-Keys sollten sich auf die beschriebene Weise bei jedem Standard-Linux aktivieren lassen. Lediglich bei selbst kompiliertem Kernel kann es vorkommen, dass die betreffende Option vor dem Kompilieren unter „Kernel hacking“ übersehen und absichtlich nicht aktiviert wurde.

Open Suse und Magic Keys: Die Distribution vereinfacht die Kontrolle der Sysrq-Hotkeys. Die Option findet sich unter „Systemeinstellungen fi Yast fi System fi Kernel-Einstellungen“.
Vergrößern Open Suse und Magic Keys: Die Distribution vereinfacht die Kontrolle der Sysrq-Hotkeys. Die Option findet sich unter „Systemeinstellungen fi Yast fi System fi Kernel-Einstellungen“.

Die Abfolge der wichtigsten Magic Keys

Bevor Sie künftig einem hängenden Linux einfach den Saft abdrehen, sollten Sie vorher die wichtigsten Kernel-Funktionen ausspielen – und zwar in folgender Reihenfolge:
1. Die Tastenkombination Alt-Druck-E beendet alle Tasks außer dem Init-Prozess sanft (Terminate). Die Aktion sollte auch den X-Server, also die Desktop-Oberfläche, beenden. Warten Sie nach dem Hotkey kurz ab, damit das System Zeit hat, möglichst alle Tasks auf diese Art zu beenden.
2. Hängende Programme, die sich von der ersten Aktion nicht haben beeindrucken lassen, würgen Sie im nächsten Schritt gewaltsam mit dem Hotkey Alt-Druck-I ab (Kill).
3. Daten im Cache schreiben Sie sodann mit Alt-Druck-S auf die Festplatte zurück. Das verringert bei einem Systemhänger die Gefahr eines Datenverlustes erheblich und erspart Ihnen womöglich langwierige Reparaturläufe von fsck.
4. Danach können Sie mit Alt-Druck-B einen Neustart auslösen.

Eine weitere wichtige Option ist der Hotkey Alt-Druck-U, der alle gemounteten Dateisysteme aushängt und im sicheren Read-only-Modus wieder einhängt. Bei alten PCs mit APM-Standard hilft eventuell Alt-Druck-O für sauberes Herunterfahren.

Bei neueren Geräten mit ACPI hat der Hotkey hingegen meist die kontraproduktive Wirkung, dass das System komplett einfriert.

Alle genannten und alle weiteren relevanten Magic Keys zeigt die Tabelle auf dieser Seite.

Sysrq-Magic-Keys des Linux-Kernels

Tastenkombination

Info/Aktion

Kurzbeschreibung

Alt-Druck-0 [bis 9]

Info

Legt die Quantität (Log-Level) der „Info“-Hotkeys fest

Alt-Druck-B

Aktion

Neustart (Ultima Ratio, wenn alles andere scheitert)

Alt-Druck-C

Aktion

Künstlich ausgelöster Systemtotalabsturz

Alt-Druck-E

Aktion

Normales Beenden aller laufenden Tasks (SIGTERM)

Alt-Druck-F

Aktion

Zwangsweises Beenden des Vordergrund-Tasks

Alt-Druck-I

Aktion

(OUT-OF-MEMORY-KILL)

Alt-Druck-L

Info

Zwangsweises Beenden aller laufenden Tasks (SIGKILL)

Alt-Druck-K

Aktion

CPU-Analyse (nur auf Konsole, etwa nach Strg-Alt-F1)

Alt-Druck-L

Aktion

Zwangsweises Beenden aller Sitzungs-Tasks (Effekt: Abmeldung)

Alt-Druck-M

Info

Zwangsweises Beenden aller laufenden Tasks inklusive Init-Prozess

Alt-Druck-O

Aktion

(SIGKILL)

Alt-Druck-R

Aktion

Speicher-Analyse (nur auf Konsole, etwa nach Strg-Alt-F1)

Alt-Druck-S

Aktion

Regulärer Shutdown über das Advanced Power Management

Alt-Druck-T

Info

(nur Altgeräte)

Alt-Druck-U

Aktion

Übernimmt Maus und Tastatur bei abgestürztem X-Server

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