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Linux Mint 16 - Was kann die Version "Petra"?

19.07.2014 | 09:16 Uhr |

Die erfolgreichste Abspaltung von Ubuntu ist Linux Mint, das seit 2008 immer einen Monat nach jeder Ubuntu-Version mit seiner eigenen Interpretation des Linux-Desktops erscheint. Inzwischen ist Mint bei Version 16 „Petra“.

Linux Mint begann als Nachgedanke zu Ubuntu, der Änderungen und Ergänzungen in Form einer modifizierten Ubuntu-Version zur bequemen Installation lieferte. Inzwischen hat sich Linux Mint mit dem eigenen Desktop „Cinnamon“ weiter vom Vorbild entfernt. Das Projekt um den irischen Programmierer Clement Lefebvre bekommt zunehmend den Charakter einer eigenständigen Distribution, die zwar Ubuntus Paketquellen nutzt, aber auf der Oberfläche seiner eigenen Vorstellung folgt, wie der Linux-Desktop aussehen und funktionieren sollte. Verglichen mit Unity und Gnome 3 fallen diese Vorstellungen traditioneller aus, mit klassischen Bedienelementen. Zudem folgt Mint keiner strikten Open-Source-Philosophie, sondern hat einen möglichst komplett eingerichteten Desktop im Sinn, auf dem auch Adobe Flash sowie Player und Codecs vorinstalliert sind, die in anderen Distributionen fehlen.

Cinnamon 2.0: Das Entwicklerteam hat fünf Monate Arbeit in die neue Version investiert, damit diese auf eigenen Füßen stehen kann und kein installiertes Gnome 3 mehr voraussetzt.
Vergrößern Cinnamon 2.0: Das Entwicklerteam hat fünf Monate Arbeit in die neue Version investiert, damit diese auf eigenen Füßen stehen kann und kein installiertes Gnome 3 mehr voraussetzt.

Cinnamon 2.0 trennt sich von Gnome

Das aktuelle Linux Mint 16 basiert auf Ubuntu 13.10, das letzten Oktober erschienen ist und bis Juli 2014 Unterstützung in Form von Sicherheits-Updates bekommt. Während Ubuntu nur kleinere Neuerungen brachte, macht Mint 16 mit der neuen Desktop-Umgebung Cinnamon 2.0 einen großen Schritt: Cinnamon 2.0 ist jetzt keine Abwandlung der Gnome-Shell mehr. Diese Desktop-Umgebung ist jetzt eigenständig, baut wie Unity und XFCE auf einigen Gnome-Bibliotheken und dem GTK3-Toolkit auf, setzt aber kein komplett installiertes Gnome 3 mehr voraus. Bei Komponenten, die sich von Gnome entfernen, setzt Cinnamon jetzt auf eigene Forks, die in Eigenregie entwickelt werden und damit Versionskonflikte zu Gnome vermeiden. Der neue Unterbau macht Cinnamon schlanker und schneller. Ein weiterer Nebeneffekt ist, dass es nun auch andere Distributionen leichter haben, Cinnamon 2.0 neben Gnome als Desktop-Umgebung anzubieten.

Gute Gründe für Linux Mint

Die Neuerungen in Cinnamon

Was nach dem Start von Cinnamon 2.0 schnell auffällt, sind die neuen Hilfetechniken zum Platzieren geöffneter Programmfenster: Als Positionierungshilfe verfügt der Desktop jetzt über aktive Ränder und Ecken. Wird ein Fenster mit der Maus ganz an den Rand geschoben, wird dessen Größe von Cinnamon automatisch auf die Hälfte des Bildschirms angepasst. Bei der Positionierung in den Ecken bekommt das Fenster genau ein Viertel des Bildschirms zugeteilt. Mit gedrückter Strg-Taste schiebt dabei ein Fenster die anderen aus dem Weg, damit diese nicht verdeckt werden. Wer derlei Fenster-Ballett nicht mag, kann diese Funktionen in den Cinnamon-Einstellungen über „Fenster: Kacheln und Randumschaltung“ aber auch deaktivieren.

Zur klanglichen Untermalung der Aktionen auf dem Desktop feiern in Cinnamon 2.0 System-Sounds ein Comeback – eine eher verspielte Eigenschaft, die bei anderen Desktops vor Jahren unter die Räder des Fortschritts kam. Im unteren Panel liegt jetzt im Stil von Gnome 3 ein Applet, das schnellen Zugriff bietet auf die persönlichen Einstellungen, auf die Systemeinstellungen, auf den Benutzerwechsel und den Neustart des Systems. Für die Benutzerverwaltung findet sich in den Systemeinstellungen ein neues Werkzeug für Benutzer und Gruppen.

Neue Applets im Panel: Unter den mitgelieferten Extras für die untere Leiste findet sich dieses Benutzermenü mit Abkürzungen zu den Systemeinstellungen und zum schnellen Benutzerwechsel.
Vergrößern Neue Applets im Panel: Unter den mitgelieferten Extras für die untere Leiste findet sich dieses Benutzermenü mit Abkürzungen zu den Systemeinstellungen und zum schnellen Benutzerwechsel.

Eigene Tools und Programme

Neben Cinnamon bringt die Distribution auch Eigenentwicklungen mit, die Komponenten von Ubuntu ersetzen oder ergänzen: Der Anmeldebildschirm nutzt den Display-Manager MDM 1.4, eine Weiterentwicklung des alten GDM von Gnome 2.32. Der Anmeldebildschirm zeigt jetzt schon in den Standardeinstellungen einen animierten Hintergrund und merkt sich den zuletzt angemeldeten Benutzer.

Im Unterschied zu Ubuntu und Gnome 3 pflegt Mint als mitgelieferten Dateimanager das Programm Nemo, das aus einer älteren Version von Nautilus entstanden ist, nachdem dessen Funktionsumfang mit jeder Version vereinfacht wurde. Nemo bietet einen Einstellungsdialog für die Zuordnung von Dateitypen zu Anwendungen und zeigt eine Fortschrittsanzeige für Dateioperationen im Panel an.

Auf dem Desktop informiert Mintupdate über verfügbare Paket-Updates, startet allerdings mit Verzögerung und bleibt mit seinem Applet im Panel dezent im Hintergrund. Die Einstellungen von Mintupdate zu wichtigen System-Updates ist aber nicht unumstritten: Je nach Komponente teilt Mint die verfügbaren Aktualisierungen in fünf Stufen ein, wovon aber nur die ersten drei automatisch installiert werden. Kernel-Updates, die meist wichtige und sicherheitsrelevante Aktualisierungen bringen, bleiben somit erst außen vor, bis Anwender die Einstellungen von Mintupdate ändern oder das System auf der Kommandozeile mittels

sudo apt-get dist-upgrade

auf den neuesten Stand bringen.

Ansonsten setzt die Distribution auf Bewährtes und Aktuelles aus den Ubuntu-Paketquellen: Firefox liegt in Version 24 bei, wobei Firefox 26 schon in den Repositories zur Aktualisierung vorliegt. Libre Office 4.1.2 sorgt für die bewährten Büroanwendungen, und als Player werden Banshee 2.6.1 für Audiodateien und VLC 2.0.8 für Videos vorinstalliert.

Linux Mint in vier Varianten

Keine Aktualisierungsfunktion: Obwohl Mint eine angepasste Variante des Ubuntu-Installers nutzt, fehlt dessen Möglichkeit, eine ältere Version der Distribution auf Festplatte zu aktualisieren. Die Mint-Entwickler bevorzugen konsequent eine frische Installation.
Vergrößern Keine Aktualisierungsfunktion: Obwohl Mint eine angepasste Variante des Ubuntu-Installers nutzt, fehlt dessen Möglichkeit, eine ältere Version der Distribution auf Festplatte zu aktualisieren. Die Mint-Entwickler bevorzugen konsequent eine frische Installation.

Fazit: Minze mit kurzer Blüte

Ein Nachteil bleibt der kurze Unterstützungszeitraum, der jenem von Ubuntu 13.10 folgt und nur noch sechs Monate beträgt, wobei es im letzten Monat schon keine Updates mehr in den Ubuntu-Quellen gibt. Dies wäre weiter kein Problem, wenn Mint eine komfortable Update-Funktion im Programm hätte. Aber anders als Ubuntu kann der Mint-Installer, welche eine angepasste Variante des komfortablen Ubuntu-Installationsprogramms ist, ein älteres Mint auf der Festplatte nicht einfach aktualisieren. Diese Funktion fehlt bei Mint schlicht und mit einer neuen Ausgabe der Distribution ist auch eine komplette Neuinstallation fällig. Immerhin gibt es Hilfsmittel, Daten und Software schnell wieder zu restaurieren.

Das kommende Linux Mint 17, das voraussichtlich im Mai 2014 erscheint, wird wieder eine LTS-Version mit Langzeitunterstützung über fünf Jahre. Dies wäre die bessere Wahl für Mint-Anwender, die keine Lust auf häufige Neuinstallationen haben.

Website: www.linuxmint.com
Dokumentation: www.linuxmint.com/documentation.php

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