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Der Status Quo von Linux-Desktops im Jahr 2014

24.07.2014 | 11:24 Uhr |

So viel Auswahl: Den richtigen Linux-Desktop zu finden, ist gerade für Ein- und Umsteiger nicht leicht. Der Desktop-Guide 2014 präsentiert die zwölf populärsten Oberflächen.

Wo steht Linux auf dem Desktop? Geht man nach den Markterhebungen verschiedener Online-Dienste, so krebst Linux seit Jahren zwischen ein und zwei Prozent Marktanteil. Eine krasse Diskrepanz zum ungebremsten Siegeszug des freien Betriebssystems auf Servern, Embedded- und Mobilgeräten. Woran liegt’s? Sicher nicht an mangelnder Auswahl. Bei Linux und dessen Distributionen geht es, von spezialisierten Plattformen wie Android abgesehen, ganz um freie Software, freie Entwicklung und freie Wahl. Für viele Einsteiger und IT-Entscheider auf Chefsesseln bringt Linux aber auch die Qual der Wahl. Denn es gibt eine große Vielfalt von Distributionen und Desktop-Umgebungen. Nicht jeder Desktop passt in jedes Umfeld, zu jedem Wissensstand und zu allen Geschmäckern.

Dieser Artikel stammt aus der LinuxWelt 4/2014

Das neue Ubuntu LTS, der große Desktop-Guide, Ihre Festplatte 20 x schneller, Linux statt Windows XP - das und mehr finden Sie in der neuen LinuxWelt 4/2014 .

Hier geht’s lang. Nein, hier! Nein, dort!

Im Jahr 2014 ist der Linux-Desktop zersplittert wie nie zuvor. Denn das Feld teilen sich nicht mehr nur die drei großen Umgebungen wie KDE, Gnome und XFCE unter sich auf. Canonical, mit Ubuntu ein Schwergewicht, schlug mit Unity eigene Wege ein. Gnome 3 hat sich mit seiner Abenteuerlust, die eher zu kleinen Projekten passt, und unkonventioneller Bedienung zum Enfant Terrible des Linux-Desktops gemausert und sich damit aus dem Firmenumfeld fast ausgeschlossen. Dafür betraten mit Cinnamon und Mate vielversprechende Alternativen die Bühne, die jetzt in ausgereiften Versionen vorliegen und im Laufe des Jahres noch eine Menge Fans dazugewinnen werden.

Klar wäre es für die Situation und Chancen für Linux auf dem Desktop besser, wenn alle an einem Strang zögen und eine Art Standardoptik á la Microsoft Windows entwickelten, die unsichere Anwender vor vollendete Tatsachen stellt und diese zudem als das Nonplusultra verkauft. Aber so funktioniert Open Source nicht. Es gibt nicht „den“ perfekten Linux-Desktop – genauso wenig, wie plötzlich ein herausragendes Werk der Weltliteratur auf Wikipedia entsteht könnte. Was es gibt, sind herausragende Ideen, geniale Tüftler und individuelle Beiträge von Genies, die vielleicht genau die Lösung parat haben, die Sie oder Ihr Team gerade für ein Projekt braucht.

Linux-Komfort: Welcher Desktop passt zu Ihnen?

Eine Momentaufnahme der Nutzerzahlen auf linuxquestions.org, wo sich Nutzer aller Couleur tummeln: KDE hat Gnome vom ersten Platz verdrängt. Cinnamon und Mate sind starke Newcomer.
Vergrößern Eine Momentaufnahme der Nutzerzahlen auf linuxquestions.org, wo sich Nutzer aller Couleur tummeln: KDE hat Gnome vom ersten Platz verdrängt. Cinnamon und Mate sind starke Newcomer.

Wer verwendet was?

Nutzerzahlen von Linux-Desktops zu quantifizieren, ist beinahe unmöglich. Fragt man nur ein Dutzend Linux-Anwenderinnen und Anwender, so bekommt man ein Vielfaches dieser Zahl an Meinungen, Einwürfe und Empfehlungen zurück. Und eine Menge Kraftausdrücke, obskure Geek-Weisheiten und mit religiösem Eifer verfochtene Überzeugungen zu Usability, APIs und Desktop-Design. Auf Einsteiger wirkt das alles abschreckend bis arrogant und ist bei Anfängerproblemen selten hilfreich. Eine Orientierung zu Nutzungszahlen liefert das englischsprachige Linux-Forum linuxquestions.org in einer jährlichen Online-Umfrage, an der sich Profis und Einsteiger beteiligen. Demnach sind heute auch das brave XFCE und das schlanke LXDE gut im Rennen.

Von den Großen zu den Kleinen

Die folgende Auswahl an Desktops und Window-Managern richtet sich nach Verbreitung und nach Relevanz im Jahr 2014. So ist beispielsweise Gnome 2 nicht mehr mit dabei, obwohl die alte Version nach wie vor der Standard von Red Hat, Cent-OS, Debian 6 ist und damit weiterhin ein gewohnter Anblick im Firmen- und Forschungsumfeld. Stattdessen geht es in unserer Inventur um jene zwölf Kandidaten, die sich für den heimischen Linux-Desktop anbieten, der jetzt auch wieder eine Chance hat, ehemalige Windows-XP-Anwender abzuholen. Eine Zusammenfassung am Ende zeigt die kleineren Player bis hin zu abgefahrenen Nischenlösungen mit hohem Freak-Faktor.

Zu jedem der Desktops gibt es eine Empfehlung aus Einsteigersicht und eine empirische Messung des Ressourcenbedarfs wie RAM. Der wurde ermittelt, indem das Referenz-System (meist Ubuntu, Mint, Debian) zunächst ohne grafischen Display-Manager und Desktop, aber im gleichen Runlevel gestartet wurde. Der Unterschied des Speicherbedarfs in dieser Betriebsart mit der regulären RAM-Auslastung nach dem Start eines Desktops zeigt, wie viel Speicher eine grafische Oberfläche ohne laufende Programme verlangt. Ein Steckbrief fasst die Eckdaten und unsere Empfehlung für jeden Desktop auf einen Blick zusammen.

Die Ebenen des grafischen Desktops unter Linux: Der Display-Server (X-Windows-System) ist bei Linux-Systemen eine optionale Komponente und unterstützt verschiedene Window-Manager und Desktops.
Vergrößern Die Ebenen des grafischen Desktops unter Linux: Der Display-Server (X-Windows-System) ist bei Linux-Systemen eine optionale Komponente und unterstützt verschiedene Window-Manager und Desktops.

Desktop-Umgebungen und Window-Manager

Die Unterscheidung zwischen einer Desktop-Umgebung und Window-Managern ist keinesfalls Erbsenzählerei oder ein undurchsichtiges Detail. Denn auf technischer Ebene handelt es sich um verschiedene Komponenten, die zusammen die Arbeitsfläche auf den Bildschirm bringen und die Benutzereingaben verarbeiten. Die Grundlage einer grafischen Oberfläche ist aktuell der altehrwürdige X-Window-Server. Mit diesem verbinden sich die gestarteten Programme als Clients, um über das X-Window-Protokoll Daten mit dem Betriebssystem auszutauschen.

Damit die Fenster nicht unmotiviert und unansehnlich auf einer nackten der Arbeitsfläche herumhängen, bringt sie der Window-Manager in Form und stattet sie mit Kontrollmöglichkeiten aus (Schließen, Einrollen, Verschieben, Minimieren), ferner mit Rahmen, Titelleiste und auch oft als Compositor mit grafischem Schnickschnack. KDE ist dabei der Schnickschnack-Anführer. Desktop-Umgebungen bestehen aus Window-Manager, Desktop und einer Programmsammlung, die auf diese Umgebung zugeschnitten ist. Ein Window-Manager wie Openbox ist nicht nur die Grundlage für LXDE, sondern kann auch zur Darstellung eines sparsamen Desktops dienen, da die Entwickler oder Linux-Distributionen genügend Zusatz-Tools mitliefern.

So könnte bald die Zukunft des Linux-Desktops aussehen: Wayland-Weston ersetzt das alte X-Window-System mit schnellen, entschlackten Neuentwicklungen.
Vergrößern So könnte bald die Zukunft des Linux-Desktops aussehen: Wayland-Weston ersetzt das alte X-Window-System mit schnellen, entschlackten Neuentwicklungen.

Programme verschiedener Desktops lassen sich kombinieren, KDE-Anwendungen mit dem QT4-Toolkit laufen auch unter Gnome-affinen Arbeitsflächen, auf denen GTK2/3 vorherrscht, und anders herum. Der Preis ist, dass diese Anwendungen ihre benötigten Bibliotheken als Abhängigkeiten nachinstallieren und beim Aufruf mit in den Speicher laden. Abgesehen davon gibt es keine Einschränkungen, was Kombinationen angeht. In den nächsten zwei Jahren wird sich die Grundlage bei vielen Distributionen ändern: Mit Mir/Xmir (Ubuntu) und Wayland-Weston (alle anderen) stehen zwei neue X-Server in den Startlöchern, die einige neue und schnellere Herangehensweisen bringen werden.

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