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Lassen Sie sich nicht ausspionieren

19.06.2014 | 16:33 Uhr |

„Deep Web“ heißt der verborgene Teil des Internets. Denn viele Unternehmen sammeln und vermarkten die Spuren, die Sie im Internet hinterlassen. Wir sagen, wie Sie sich schützen.

Zur Einstimmung ein kurzer Blick in die Tiefen des unbekannten Internets: Der russische Anbieter von Sicherheits-Software Kaspersky hat im Internet einiges an Details zum „Deep Web“ zusammengestellt. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass dieser unsichtbare Teil den Großteil des Internets ausmacht und man als Anwender trotz dessen Allgegenwärtigkeit nichts davon mitbekommt. Worum geht es im Deep Web genau? Es geht ums Tracken beim Surfen, das heißt um das Sammeln, Zusammenführen, Verwerten und Verkaufen all jener Informationen, die jeder Nutzer im Internet hinterlässt. Wer also beispielsweise zuerst beim Bestellen in einem Online-Shop Informationen wie etwa Name, Adresse und Geburtsdatum hinterlässt, daraufhin nach bestimmten Begriffen googelt und schließlich noch über soziale Netzwerke postet, verrät schon mehr über sich, als ihm vermutlich lieb ist. All diese Informationen – und noch sehr viel mehr aus dem normalen Internetalltag – werden mittlerweile professionell gesammelt, ausgewertet und verkauft. Marco Reuss, leitender Virenanalyst bei Kaspersky, beziffert den Wert jedes einzelnen Werbeprofils eines Deutschen auf mehr als 100 Euro. Der Wert solcher persönlicher Infos wird sofort deutlich, wenn man an Suchanfragen nach bestimmten Medikamenten oder nach einem Ratenkredit denkt: Hat hier jemand medizinische oder finanzielle Probleme? Derartige Informationen sind bares Geld wert für Werbevermarkter und Anbieter.

Im Internet wird (fast) alles getrackt und verwertet

Von alledem bemerkt der normale Surfer zunächst einmal nichts – außer dass er sich unter Umständen darüber wundert, warum im Browser stets passende Werbung erscheint. Technisch stellt das automatische Sammeln und Weitergeben solcher Infos kein Problem dar. Experten schätzen, dass rund zwei Drittel der hundert wichtigsten Internetseiten weltweit die Surfgewohnheiten der Nutzer umfassend über sogenannte Cookies abspeichern. Zwar sind diese kleinen Textdateien praktisch, weil sie den Browser anhand einer individuellen ID wiedererkennen und einem damit etwa beim erneuten Anmelden auf einer Webseite das nochmalige Eintippen aller Angaben ersparen. Wenn Sie aber von „Dritten“, also von Werbefirmen, ausgelesen und ausgewertet werden, verliert der Normalanwender schnell jede Kontrolle darüber. So hat sich hinter den Kulissen ein milliardenschweres Netzwerk herausgebildet, das mit dieser „Ware“ Geschäfte macht – und der Handel damit wird zukünftig noch dramatisch zunehmen. Denn über Jahre war das Internet vor allem Informationsmedium, bevor es sich wegen der sozialen Netzwerke in Richtung „user-generated content“ bewegt hat. Für die Werbeindustrie und -vermarkter ist es ein Leichtes, freiwillig verbreitete Vorlieben, Hobbys und Interessen auszuwerten. Doch schon ist die nächste Dimension absehbar: Da sind zum einen die Apps auf mobilen Geräten mit Bewegungsprofilen sowie dem ständigen Einchecken vor Ort. Zum anderen gewinnt die Quantified-Self-Bewegung an Fahrt: Über Sensoren am Körper geben Menschen so ziemlich alles über sich preis. Das Ausmaß gegenüber Facebook und Co. steigert sich insbesondere deshalb nochmals, weil man seine Daten nicht mehr einzeln manuell veröffentlicht, sondern vielmehr vollautomatisch. Erteilt man einer App oder einem Körper-Tracker einmal die Erlaubnis, persönliche Daten zu veröffentlichen, muss man im Alltag nichts mehr tun. Datenmenge und -tiefe erhalten damit eine neue Dimension.

„Privater Modus“ ohne ausreichenden Schutz

Mit dem Abwählen der Option „Cookies von Drittanbietern akzeptieren“ stellen Sie den Browser (hier in Firefox) so ein, dass persönliche Informationen nicht webseitenübergreifend verwendet werden.
Vergrößern Mit dem Abwählen der Option „Cookies von Drittanbietern akzeptieren“ stellen Sie den Browser (hier in Firefox) so ein, dass persönliche Informationen nicht webseitenübergreifend verwendet werden.

Kritiker warnen vor zu viel Sammelwut, und für Internetnutzer stellt sich die Frage, welche Daten denn nun eigentlich genau über sie gesammelt und ausgewertet werden und wie sich dies gegebenenfalls unterbinden ließe. Um etwas Licht in das „persönliche“ Deep Web und das Ausspionieren der eigenen Surfgewohnheiten zu bringen, empfiehlt sich die Installation des Firefox-Add-ons Collusion . Diese Browser-Erweiterung zeigt dem Anwender, wer genau einen beim Surfen im Internet überwacht. Als weitere Option bleibt natürlich, sämtliche Cookies zu unterbinden. Das allerdings erschwert einem selbst den Surfalltag. Alle Browser bieten jedoch neben der Möglichkeit, Cookies ganz auszusperren auch genauere Einstelloptionen. Am Beispiel Firefox erläutern wir kurz, was es einzustellen gibt: Rufen Sie über die Alt-Taste zunächst die Menüleiste auf und klicken Sie auf „Extras, Einstellungen“. Die Cookie-Optionen verstecken Sie im Register „Datenschutz“ hinter der Funktion „Firefox wird eine Chronik …“. Hier wählen Sie daraufhin den Eintrag „ … nach benutzerdefinierten Einstellungen anlegen“. Ein Kompromiss ist das Deaktivieren des Feldes „Cookies von Drittanbietern akzeptieren“: Denn damit unterbinden Sie das Auslesen eines Cookies einer Webseite durch andere Webseiten. Eine weitere Option stellt der „Private Modus“ im Browser dar. Allerdings fehlt eine klare Definition darüber, was unterbunden werden soll und was weiter erlaubt bleibt. So kommt auch eine Untersuchung der Stanford University in Kalifornien zu dem Ergebnis, dass der Privatmodus in den verschiedenen Browsern erhebliche Lücken aufweist .

Do Not track: Ist das alles also doch nur heiße Luft?

Was sonst nur der Arzt weiß, erfährt aufgrund von Quantified Self und sozialen Netzwerken die ganze Welt: eine Unmenge persönlicher und zum Teil sensibler, medizinischer Daten.
Vergrößern Was sonst nur der Arzt weiß, erfährt aufgrund von Quantified Self und sozialen Netzwerken die ganze Welt: eine Unmenge persönlicher und zum Teil sensibler, medizinischer Daten.

Zunächst lief alles still und leise hinter den Kulissen, doch mit der Einführung von Windows 8 und damit mit Microsofts Internet Explorer 10 rückte eine neue Funktion in den Blickpunkt: „Do Not Track“ – abgekürzt mit DNT – soll den Webseiten-Betreibern und damit auch den Werbefirmen signalisieren, dass Kunden nicht verfolgt werden wollen. Es handelt sich hierbei jedoch um eine freiwillige Übereinkunft, eine gesetzliche Auflage, DNT zu respektieren, gibt es bislang noch nicht. Die Vermarkter wollen diese Funktion aber nur dann akzeptieren, wenn die Surfer sich aktiv dafür ent scheiden und dazu DNT im Browser selbstständig einschalten. Während der Anti-Track-Modus in Firefox, Safari und Google Chrome in der Voreinstellung tatsächlich deaktiviert ist, geht Microsoft in Windows 8 und im IE 10 – trotz vielerlei Protesten – den anderen Weg. Installiert man die Software in der Expresseinstellung, ist „Do Not Track“ eingeschaltet. Nachträglich sowie in der benutzerdefinierten Variante lässt sich die Einstellung zwar ändern, doch viele Anwender wissen ja gar nichts davon. Den Kritikern von DNT wie den in der Digital Advertising Alliance zusammengeschlossenen Werbefirmen ist dies ein Dorn im Auge. Sie sehen in Microsofts Vorpreschen einen Verstoß gegen die Richtlinien der Standardisierungsbehörde W3C (World Wide Web Consortium) und fühlen sich damit ihrerseits nicht daran gebunden, diese Browser-Einstellung zu respektieren. Derzeit ist der Ausgang dieses Streits völlig offen, die W3C-Behörde hat noch nichts entschieden, und ob Microsoft seine Voreinstellungen überdenkt und ändert, ist ebenfalls ungewiss. Momentan bleibt deshalb nur die Selbsthilfe – entweder über die Einstellungen im Browser oder ein Tool wie „Do Not Track Me“ . Dieses Add-on für Firefox unterbindet das Sammeln von persönlichen Informationen und blockiert solche Webseiten. Ein ähnliches Add-on für den Microsoft-Browser stellt die „Tracking Protection List“ des Fraunhofer Instituts dar.

 

 

 

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