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Kliniken rüsten auf: Digitalisierung im Healthcare-Bereich

09.06.2015 | 09:53 Uhr |

Standardsoftware ist im klinischen Umfeld rar. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt die anhaltende Konsolidierung in diesem Markt. Die IT-Bereiche müssen sich deshalb um Best-of-Breed-Lösungen bemühen - trotz chronischer Finanzknappheit, akuten Personalmangels und hoher Datenschutzanforderungen. Hinzu kommt der digitale Wandel, der gerade im Healthcare-Bereich große Chancen verspricht.

Das Internet der Dinge ist in der Gesundheitsbranche angekommen. Im CIO-Jahrbuch 2013 wagte Helmut Schlegel, CIO des Klinikums Nürnberg, folgende Wette: "In zehn Jahren wird jeder zwanzigste Bürger über sechzig einen medizinischen Datenkommunikator am Körper tragen." Schlegel hat gute Chancen zu gewinnen.

Bislang steigen allerdings vor allem jüngere Menschen auf diesen Trend ein: An ihren Handgelenken sieht man immer häufiger Activity Tracker, wie sie Anbieter wie Fitbit, Garmin, Sony, Samsung oder Polar auf den Markt werfen. Marktauguren prophezeien bereits deren Auswertung durch die Krankenversicherungen. Aber dem steht immer noch das Datenschutzrecht im Wege - auch wenn der Gesetzgeber "von der Entwicklung überrollt" wird, wie Schlegel meint.

Noch sind Ärzte und Kliniken erstaunlich wenig an den so erzeugten Vitaldaten interessiert. Offenbar sehen sich Mediziner, Kliniken und Krankenkassen noch überfordert, die Massendaten über Schlaf, Bewegung und Ernährungsgewohnheiten von Patienten zu erheben und auszuwerten. Schlegels Arbeitgeber, nur eine Uniklinik in Deutschland ist größer, wertet bislang nur die Daten von Herzschrittmachern aus.

Augmented Reality im Pflegeprozess

Helmut Greger, CIO an der größten deutschen Uniklinik, der Berliner Charité, sieht die Anwendung von Health- und Activity-Trackern sogar "bis auf Weiteres mehr im Freizeitbereich und nicht im professionellen medizinischen Umfeld". Allerdings werde auch auf diesem Sektor die Sensorik einen immer größeren Stellenwert einnehmen, räumt Greger ein.

Bernd Christoph Meisheit, CIO des Klinikkonzerns Sana, sagt den Health- und Activity-Trackern hingegen "ein großes Potenzial im künftigen Krankenhausalltag" voraus. Sinnvolle Einsatzmöglichkeiten seien beispielsweise das Identifizieren und Lokalisieren von Patienten sowie die mobile Echtzeiterfassung von Vitalparametern. Sana selbst setze diese Technologie derzeit allerdings "aufgrund anderer Projektprioritäten" nicht ein. Einsatzszenarien und potenzieller Nutzen sollen aber im nächsten Jahr evaluiert werden.

Einer der aktuellen Technikschwerpunkte in dem Konzern mit seinen 79 Standorten und einem Jahresumsatz von zwei Milliarden Euro liegt dagegen in der Anwendung von Augmented Reality für medizinische und pflegerische Prozesse. Laut Meisheit "bahnt sich hier eine Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Professor Helmut Krcmar an der TU München an".

Kommt in diesen Tagen die Rede auf digitale Geschäftsmodelle , steht oft der Begriff "Disruption" im Raum: Newcomer mit einem digitalen Hintergrund mischen sich in die Geschäftsmodelle einer Branche ein und übernehmen Teile der Wertschöpfung. Im klinischen Bereich ist davon noch nicht viel zu sehen. Im Wesentlichen befinden sich die drei medizinischen Grundaufgaben Anamnese, Diagnostik und Therapie weiter fest in den Händen der Krankenhäuser. Allerdings könnte sich daran einiges ändern. Der gesamte Healthcare-Bereich steht nämlich unter hohem Kosten- und Effizienzdruck, und Fremdanbieter könnten bestimmte Nischen besetzen.

"Wir wollen die digitalen Befunde in eine zentrale elektronische Fallakte bringen." Helmut Schlegel, CIO Klinikum Nürnberg
Vergrößern "Wir wollen die digitalen Befunde in eine zentrale elektronische Fallakte bringen." Helmut Schlegel, CIO Klinikum Nürnberg

Schlegel fasst seine Definition von Digitalisierung folgendermaßen zusammen:

  • Unterstützung der sekundären und primären Leistungsprozesse im Krankenhaus sowie digitalisierte Ergebnisdaten der Diagnostik und der Therapie

  • mit dem Ziel, dass alle berechtigten Mitarbeiter auf alle notwendigen Daten zu jeder Zeit von jedem Ort über ein System mit einheitlicher Oberfläche zugreifen können;

  • ergänzt durch die Optimierung des Behandlungsprozesses von der Einweisung bis zur Entlassung beziehungsweise Weiterleitung des Patienten, so dass sich die Behandlungszeiten verkürzen und mit denselben personellen Ressourcen mehr Patienten behandeln lassen, was sich auch in den Erlösen niederschlagen soll.

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