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„Der wahre Experte denkt nicht wie ein Fan“

04.06.2010 | 17:25 Uhr |

Das Schönste am Fußball ist, dass jeder eine Expertenmeinung dazu hat. Was aber unterscheidet den wahren vom eingebildeten Kenner? Ex-Nationalspieler Fredi Bobic weiß es.

PC-WELT.de: Herr Bobic, wissen Sie, welches Land Helmut Schön coachte bevor er Deutschland trainierte?
Fredi Bobic: Das ist hart. Ich tippe auf ein deutschsprachiges Land. Wenn nicht, dann wahrscheinlich gar keins?

Es war das Saarland, das war 1952 autonom. Macht ein historisches Fußballwissen jemanden automatisch zum Experten?
Ich glaube nicht, dass es damit getan ist, dass man irgendwelche Fakten oder Statistiken weiß. Man muss sie auch bewerten können.

Deutschland verfügt über geschätzte 60 Millionen Fußballexperten. Was unterscheidet den wahren Fußballexperten vom eingebildeten?
Der wahre sieht das Gesehene realistisch und objektiv. Der eingebildete denkt in der Art eines Fans. Zu meiner Zeit als aktiver Fußballer nannte ich das den Fan-Journalismus. Das war eine Krankheit. Da gab es Journalisten, die für eine Zeitung objektiv arbeiten sollten, aber persönlich betroffen waren, weil wir verloren hatten.

Demnach dürften Sie nie den VfB Stuttgart analysieren …
Das ist richtig. Fällt mir auch immer unheimlich schwer. Sport1 hat mich schon zweimal damit ins Schwitzen gebracht. Ich war zweimal zu Gast in der Talksendung Doppelpass, als der VfB in der Krise war. Ich versuchte dennoch objektiv zu bleiben.

Sie waren Europameister 1996, DFB-Pokalsieger 1997, schossen zehn Tore für Deutschland. Wird man automatisch zum Fußballexperten, wenn man auf höchstem Niveau gespielt hat?
Nein. du musst dich mit dem Thema auseinandersetzen. Natürlich kannst du als ehemaliger Fußballer immer über Fußball reden. Entscheidend aber ist, dass du weißt, was deine Aufgaben als Experte sind.

Welche Aufgaben sind das?
Nicht den Meinungsmacher der Nation spielen, sondern sagen, was du siehst und spürst. Mit einfachen Worten. Auf keinen Fall ständig komplizierte Fachbegriffe reinhauen, dass der Zuschauer total verwirrt ins Bett geht.

Was ist zum Beispiel ein komplizierter Fußballfachbegriff?
Begriffe aus dem Englischen. Im Fußball spricht man oft von Rebounds – eigentlich ein Begriff aus dem Basketball. Das heißt bei uns „zweiter Ball“. Wenn ich dann sage „der jagt dem zweiten Ball hinterher“ werden viele Fans sagen: „Was ist denn der zweite Ball? Es gibt doch bloß einen!“

Sie sind seit März 2009 Geschäftsführer beim bulgarischen Club PSFC Chernomorets Burgas. Ist man ein wahrer Experte, wenn man den Fußball auf dem Platz und am Schreibtisch beherrscht?
Wahrscheinlich, ja. Weil ich eine zweite Sicht der Dinge bekomme. Dank der Arbeit als TV-Experte bin ich zudem vielleicht etwas objektiver bei meiner Arbeit als Geschäftsführer. Umgekehrt verstehe ich besser, was für eine Arbeit dahinter steckt, einen Fußballverein zu führen.

Am Sonntag sind Sie Gast in der Fußballtalksendung WM-Doppelpass (6. Juni ab 11 Uhr, Sport1). Neben Ihnen Udo Lattek, Bernd Schuster, Ralf Rangnick und Thomas Strunz. Wer ist in dieser Runde der König unter den Experten?
Udo Lattek. Ich kann mir keinen besseren vorstellen, den Sport1 dafür ins Rennen schickt. Der hat unheimlich viel Fachwissen und bring charmant dieses Stammtischritual rüber. Der haut auch mal Sprüche raus, provoziert ein bisschen.

Was macht ihn zum absoluten Experten?
Der hat alles erreicht. Das gibt ihm Freiheit und Gelassenheit, über alles zu reden. Auch über die großen Bayern darf er urteilen. Keiner wird ihm an den Karren fahren können. Und diese Eigenschaft haben wenige erreicht – vielleicht noch ein Franz Beckenbauer oder ein Uli Hoeneß.

Den schlauesten Satz von Lattek, den Sie je gehört haben …
Wir lachen uns immer kaputt, wenn es um die Kohle geht. Lattek sagt gerne, dass der eine Spieler nicht gerne für den anderen läuft, weil er weiß, dass der andere mehr verdient. Sonst redet Lattek immer gerne über den jungen Maradonna beim FC Barcelona oder früher „bei uns“, bei den Bayern war es ganz anders.

Während der Saison analysieren Sie Spielszenen der Fußballbundesliga in der Sendung „Spieltaganalyse“ (Sport1). Was kennzeichnet eine kompetente Auswertung einer Spielsituation?
Dinge zu sehen und zu verdeutlichen, die man beim ersten oder zweiten Blick nicht sieht. Da dreht sich zum Beispiel ein Spieler in einer Situation falsch. Warum? Wäre es besser gewesen, wenn er sich anders gedreht hätte? Oder wie hat es der Stürmer geschafft, sich im Rücken des Abwehrspielers wegzustehlen? Diesen Firlefanz siehst du in der realen Geschwindigkeit nicht – und wir meistens auch erst nach der fünften Wiederholung.

Bei WM-Tippspielen gewinnt meistens die ahnungslose Sekretärin. Warum ist das so?
Weil sie unbelastet reingeht. Das ist wie bei meiner Frau. Die schaut sich fünf Mal im Jahr ein Spiel an und sagt: Die Roten gewinnen. Die weiß gar nicht, wer da spielt. Aber in 95 Prozent der Fälle hat sie Recht.

Ein ausgeprägtes Fußballwissen ist also eine Belastung?
Auf jeden Fall. Aber eine schöne.

PC-WELT WM-Tippspiel

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