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Web-Proteste – Klicks für mehr Gerechtigkeit

12.07.2012 | 14:34 Uhr |

Immer mehr Menschen nehmen an globalen Bürgerbewegungen teil. Ihr Ziel: Fairness, Frieden und Demokratie weltweit möglich machen – und das mit wenigen Klicks.

Zum Protestieren treffen sich Menschen heute nicht mehr nur auf öffentlichen Plätzen. Stattdessen klicken sie für den Weltfrieden in Netzwerken und unterzeichnen mit ihren Namen und Mailadressen Petitionen. Ländergrenzen spielen dabei keine Rolle. Wichtig ist nur, ob ein vermeintliches Unrecht die Menschen eines Netzwerks bewegt. So kann es durchaus passieren, dass beispielsweise ein fidschianischer Aktivist für das Recht von Frauen in Usbekistan eintritt.

Die Motivation, politisch aktiv zu werden, um für mehr Menschenrechte und Demokratie einzutreten, hängt stark davon ab, was der Einzelne glaubt, tatsächlich damit bewirken zu können. Zahlreiche Petitionen kursieren im Netz. Über die Wirksamkeit der digitalen Unterschriftenlisten herrschen jedoch mindestens genauso große Zweifel wie über die Aufrichtigkeit von Politikern.

Der Grund vieler Proteste: Internationale Patent-Abkommen

Klicktivismus zur Gewissensberuhigung

Verspottet wird diese Art des Protests als „Klicktivismus“. Zwischen dem Check des E-Mail-Kontos und dem Facebook-Stream wird mal kurz eine Petition unterzeichnet –mittels weniger Klicks wird zum Beispiel versucht, die anstehende Entscheidung über das Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen, kurz ACTA, noch in die richtigen Bahnen zu lenken. Mit dem Gefühl, etwas getan zu haben, kann sich der Friedensklicker danach wieder seinem Facebook-Stream zuwenden. Fragt sich, was hat’s gebracht?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich der Blick auf ein globales politisches Netzwerk: Avaaz könnte wohl zu einer der größten demokratischen Bürgerbewegungen im Internet zählen. Die Mitgliederzahlen zumindest beeindrucken mit 14 Millionen aus 194 Ländern, angefangen von Brasilien und Deutschland mit über einer Million Mitgliedern bis hin zum karibischen Inselstaat Montserrat mit über 6000 Einwohnern, von denen 85 Avaaz-Mitglieder sind.

Mit einem Mausklick die Welt verbessern – als „Klicktivismus“ wird diese Form des Protests verhöhnt. Doch digitale Petitionen, beispielsweise die des Bürgernetzwerks Avaaz, zeigen Wirkung.
Vergrößern Mit einem Mausklick die Welt verbessern – als „Klicktivismus“ wird diese Form des Protests verhöhnt. Doch digitale Petitionen, beispielsweise die des Bürgernetzwerks Avaaz, zeigen Wirkung.

Um das Antipiraterie-Abkommen zu stoppen, hat das Netzwerk bisher über 2,8 Millionen Unterschriften gesammelt. Petitionen übergibt die Bürgerbewegung medienwirksam Vertretern von Politik und Wirtschaft. Ob ACTA vor allem deshalb auf Eis gelegt wurde, lässt sich nicht klar sagen. Sicher ist nur, dass ein Netzwerk in kürzester Zeit Millionen Unterschriften generieren kann. Diese sind zwar nicht rechtsgültig, aber die massenhafte öffentliche Entrüstung, der sogenannte Shitstorm, dürfte dennoch der Politik und Wirtschaft Kopfzerbrechen bereiten. Zumindest sind sie ein probates Mittel, um gesellschaftsrelevante Themen in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stellen und damit politische Entscheidungen zu beeinflussen.

Dass eine Unterschriftenaktion tatsächlich Einfluss auf eine laufende politische Entscheidung haben kann, zeigt der Fall Anna Hazare. Der ghandistische Aktivist kündigte Mitte 2011 einen Hungerstreik an. Die indische Regierung sollte eine Eingabe der indischen Zivilgesellschaft anerkennen, die die anstehende Entscheidung über ein Anti-Korruptions-Gesetz beeinflussen sollte. Avaaz sammelte 500 000 Unterschriften innerhalb von 36 Stunden. Die indische Regierung gab dem öffentlichen Druck nach und unterzeichnete die Forderung des Bürgerrechtlers. Bürgernetzwerke wie Avaaz haben also durchaus das Potenzial, politische Entscheidungen mittels Petitionen zu beeinflussen.

ACTA: Das waren die Inhalte und Forderungen

Vom Schmetterlingseffekt und kreisenden Erregungen

Warum soziale Netzwerke ein derartiges Machtpotenzial entwickeln können, erklärt Peter Kruse, Organisationspsychologe, in einer Bundestagsrede. Die derzeitige Machtverschiebung vom Anbieter zum Nachfrager führt der Gehirnforscher auf drei Ursachen zurück. Erstens ist die Vernetzungsdichte in den letzten Jahren explodiert. So haben immer mehr Menschen Zugang zu Informationen. Zweitens konnten Nutzer durch das Web 2.0 Inhalte selbst erstellen, bearbeiten und verteilen. „Neben der Tatsache, dass wir die Vernetzungsdichte hochgejagt haben, haben wir die Spontanaktivität in dem System hochgejagt“, so Peter Kruse in seiner Rede. Die dritte Ursache findet sich in sozialen Netzwerken. Die Re-Tweet-Funktion etwa hat dafür gesorgt, dass Themen in kürzester Zeit weltweit und emotional geladen präsent sind. Je mehr Menschen sich von einem Thema betroffen fühlen, desto öfter werden diese Nachrichten re-tweetet. So kann ein Thema innerhalb kürzester Zeit zum Hype werden und sich zu einem der Top-Themen wandeln. Peter Kruse bezeichnet diesen Vorgang als kreisende Erregungen.

Sind alle drei Voraussetzungen erfüllt, hohe Vernetzungsdichte, hohe Spontanaktivität und kreisende Erregung, können bestimmte Themen von Netzwerken aufgeschaukelt werden. „Sie werden erleben, dass diese Systeme plötzlich mächtig werden, und zwar ohne dass man vorhersagen kann, wo das ganz genau passiert“, sagt Peter Kruse. Warum Themen wie „Rettet das Internet“ sich nicht voraussagen lassen, liegt an der Tatsache, dass Netzwerke nichtlineare und dynamische Systeme sind. Bereits kleine Abweichungen der Anfangsbedingungen in solchen Systemen können im langfristigen Verlauf zu einem völlig anderen Ergebnis führen. Experten bezeichnen das als den sogenannten Schmetterlingseffekt.

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