Microsoft im Wandel

Hersteller im Wettbewerb um neue Firmen-IT

Mittwoch den 08.08.2012 um 11:14 Uhr

von Alexander Roth

Dennoch: Funktionsstärke bleibt das Markenzeichen aktueller Windows-Geräte, was auch dem Unternehmensalltag  entgegenkommt - mag man meinen. Nur hat Microsoft auch hier ein Problem: Der Firmenanspruch wandelt sich ebenso. Das Stichwort lautet Consumerization . Privatanwender tragen ihre Ansprüche an IT zunehmend in die Unternehmen.

Das ist natürlich nicht das Problem von Microsoft allein. Die gesamte Industrie, die für die Her- und Bereitstellung von Unternehmens-IT verantwortlich ist, ist sich dessen bereits seit längerer Zeit bewusst und stellt entsprechend um. Von Microsoft über HP bis Dell und SAP, von Oracle über Apple bis Symantec, alle großen und kleinen IT-Konzerne befinden sich in einem Prozess, ihr Portfolio an die neuen Anforderungen der Firmenwelt anzupassen. Unternehmen wollen ihre IT und damit ihre Arbeitsbedingungen und Workflows heute weitaus mobiler, flexibler und vernetzter gestalten, als sie sich noch von ein paar Jahren gar nicht zu träumen gewagt hatten. Um es kurz zu halten: Manche Hersteller haben in diesem Wandel gerade die Nase vorn, manche ziehen hinterher. Und Microsoft?

Der Herbst 2012 entscheidet

Microsoft hat reagiert. Auch wenn dem Haus immer wieder Innovationsmangel nachgesagt wird – nicht wenige Experten sagen, Konzern-Chef Steve Ballmer habe zu lange vor dem modernen Wandel der IT die Augen verschlossen, ein angesehener Experte sprach kürzlich in der Zeitschrift Vanity Fair gar von dem „verlorenen Jahrzehnt“ für Microsoft – ist es Tatsache, dass der Megakonzern mittlerweile fast sein gesamtes Portfolio überarbeitet hat.

Microsoft bietet etwa inzwischen alleine im Firmenumfeld vielseitige Cloud-Produkte und Serverdienstleistungen und Anwendungen rund um Mailing, Kommunikation und Businessapplikationen. Das Erscheinungsbild des Konzerns ist längst aufgefrischt, ein teures neues Designerteam hat es möglich gemacht und den neuen „Metro“-Look entworfen, aktuell auf dem Windows-Phone zu begutachten.

Dennoch ist es Fakt: Der Konzern hat in zu vielen Feldern Marktanteile gelassen beziehungsweise verloren, als dass diese Tatsache vernachlässigt werden und so schnell aufgeholt werden könnte. Etwa im Tabletmarkt, als man Apples iPad nur zu lange müde belächelte, etwa im Markt für Mobiltelefone, in dem man eine mehr oder minder unheilvolle Partnerschaft mit Nokia eingegangen war (ein Markt, den der Konzern so gerne für sich einverleiben würde) oder auch im Web selbst. Reinem Internetbusiness, das Google, Facebook und Co, mehr als erfolgreich betreiben, schaute man zu lange passiv zu, ohne den Kuchen überhaupt zu sehen. Legendär das Zitat von Ballmer: „Das Geschäft von Google ist mit einem Kartenhaus zu vergleichen“

Man mag nun nachunken und weitere solche abschätzigen Zitate von Ballmer suchen, die es zur Genüge über Konkurrenzprodukte gibt, aber genauso muss man sehen, dass der Hersteller nun auf den meisten Ebenen vieles berichtigt und nachgeholt hat oder zumindest aktuell versucht, das zu tun. Der Blick der Marktbeobachter und Wettbewerber wandert nun auf diesen Herbst. Denn dann werden viele dieser Fragen beantwortet.

Herbst der Entscheidung

„Wir stehen vor einer neuen Ära“, sagte jüngst Steve Ballmer vor 18.000 Vertretern von Microsoft-Partnerunternehmen in einem großen Eishockeystadion in Toronto. Der Rahmen war dafür pompös, das passt zu den Vorwürfen, mit denen Ballmer derzeit so oft konfrontiert wird: Viele sagen dem Microsoft-Mitbegründer nach, er halte erstens deutlich zu viele Anteile am Konzern und könne zweitens deshalb auch im Alleingang entscheiden, wie er was ankündigt. Er ahme in Sachen Promo rund um diesen Herbst alleine mit seiner großen Geheimnistuerei den großen Gegner Apple nach, so die Häme. Eines steht fest: Im Vergleich zu den große Releases in den Vorjahren ist man ungewöhnlich leise.

Und dieser Herbst wird in der Tat entscheidend für Microsoft. Das Haus wird diesen Winter Windows 8 , Office 2012, das hauseigene Tablet „Surface“ und eine Reihe weiterer Produkte, etwa in den Bereichen Server und App-Entwicklung auf den Markt bringen. Diese sollen in ihren Feldern einen Großteil der genannten Herausforderungen erfüllen, Versäumnisse eliminieren und den Umgang mit Computern weltweit verändern. Windows 8 etwa soll dank dem Metro-Design, der Touchscreen-Bedienung und den vielen Cloud-Funktionen auch das „Computern“ mit Microsoft endlich zum Lifestyle-Erlebnis werden lassen.

Der Konzern selbst will zudem „Surface“ bringen, einen Tabletrechner ähnlich dem iPad, bestehend aus hauseigener Hardware, auf der Windows 8 läuft, und bei der das Touch-Display und Software aufeinander abgestimmt sind (dass die meisten Apps bislang noch fehlen, steht auf einem anderen Blatt).

Hardware-Partner wie HP, Toshiba, Dell und Co werden ebenfalls Windows 8-Notebooks, -Computer und -Tablets auf den Markt bringen, die neue Erlebnisse versprechen. Dazu kommt die neue Office-Suite, die nun mit der Cloud spricht und (bei entsprechend bereitgestellter Hardware) weitgehend per Finger zu bedienen ist. Die Neureleases erstrecken sich bis zu den Server-Produkten des Konzerns, die nun auch erstmals die eigene Cloud-Entwicklungssprache kennen  - mit diesen und weiteren Maßnahmen hat Microsoft seiner Entwicklerwelt Tür und Tor geöffnet, damit diese Apps für Windows 8am laufenden Band produzieren und anbieten.

Dazu kommen zahlreiche Firmenzukäufe, die Microsoft jüngst getätigt hat: Ein Hardware-Lieferant von Business-Displays ist dabei, genauso wie ein Internet-Konzern, der – vereinfacht ausgedrückt – Facebook für Firmen liefert (Yammer) . Die küftige Rolle des im letzten Jahr gekauften Dienstes Skype im Microsoft-Konzern ist noch nicht geklärt. Kurz: Man darf gespannt sein, was da rund um die neue Plattform noch so alles kommt. „Wir haben Windows neu erfunden“, sagt Ballmer. Ob das reichen wird, die eine Milliarde Nutzer zu halten oder gar auszubauen, kann nur die Zukunft zeigen. Egal wie es kommt, eines ist sicher: Word, Excel und Co wird es in der jetzt gewohnten Optik dann nicht mehr geben.

 

Mittwoch den 08.08.2012 um 11:14 Uhr

von Alexander Roth

Kommentieren Kommentare zu diesem Artikel (5)
  • Cold Steel 11:53 | 12.08.2012

    Ich bin sogar bei Office XP, also von 2002 geblieben. Fahre sehr gut damit. Warum also etwas was funktioniert ersetzen?

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  • qqqaqqq 20:55 | 11.08.2012

    Für immer mehr Anwender spielen Windows- oder Office-Kompatibilität keine Rolle mehr. Ist die Ära des Mega-Konzerns Microsoft abgelaufen? Oder schafft Microsoft die Kehrtwende?
    Waren MS Office Version jemals mit einander zu 100% Kompatibel?
    Ich für meinen Teil musste immer die Tabulatoren richten.
    Habe letztens gerade wieder mit jemanden gesprochen der bei MS Office 2003 geblieben ist weil er es satt hatte jedes mal seine Exzess Datenbank zu Konvertieren.

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  • deoroller 01:53 | 10.08.2012

    MS (Steven (Steve) Anthony Ballmer) kommt nicht darüber hinweg, dass sie nicht das wertvollste Unternehmen der Welt sind. Das ist der angebissene Apfel. Das ist für sie eine Niederlage. Andere wären froh, in einer solchen Position zu sein.
    Vor MS ist zwar noch ein "Ölhändler", aber das ist ein anderes "Schmierengewerbe".

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  • chipchap 00:04 | 10.08.2012

    Zitat: as80796
    ... Ich will mit meinem Rechner nicht Lifestylen, sondern Arbeiten und dabei nicht den Finger wund- und lahmschieben.
    Du hast den touch of time noch nicht gespürt. .
    Dann würde es Dir eiskalt den Rücken runterlaufen.

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  • as80796 23:59 | 09.08.2012

    So kämpft Microsoft um die Zukunft

    Zitat: "...Das reine Lifestyle-Erlebnis für den Anwender. Bis auf Microsofts Erlebnis-Spielekonsole „Xbox Kinect“, die gestengesteuertes Spielen ermöglicht und eine der größten Erfolgsgeschichten im Hause Microsoft der letzten Jahre ist – sind alle genannten Produkte mit einer Bodenständigkeit und Ernsthaftigkeit verbunden..."

    Mensch bin ich ein Fossil... kaum zu glauben. Ich will mit meinem Rechner nicht Lifestylen, sondern Arbeiten und dabei nicht den Finger wund- und lahmschieben. Als ob dieses Fingertouchdings das alleinseeligmachende Glück wäre.

    Und den User möchte ich mal sehen, der locker auf einem iPad oder sonstigem Tablett eine Exceltabelle mit zig Spalten und ein paar Hundert Zeilen toucht... Na denne viel Vergnügen.

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