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Micro PC im Test - kompletter PC auf einem Stick

25.10.2015 | 08:44 Uhr |

Ein Windows-Rechner für 150 Euro in Form eines USB-Sticks mit HDMI-Anschluss zum Anstecken an jeden Monitor oder Fernseher: Kann das funktionieren? Wir machen den Test.

Die Frage ist berechtigt: Wenn die kompakte Hardware eines Smartphones oder Tablets für viele Alltagsaufgaben ausreicht, weshalb muss dann ein PC immer aussehen und so groß sein wie ein PC? Ja, böte abgespeckte Hardware nicht sogar Vorteile für bestimmte Einsatzszenarien? Im Wohnzimmer beispielsweise möchten nur die wenigsten eine graue Kiste neben dem Fernseher stehen haben, ein Computer als Stick könnte dahinter verschwinden.

Diesen Platz im Wohnzimmer haben längst andere Geräte besetzt, nämlich speziell dafür konzipierte Hardware wie das Apple TV oder das Amazon Fire TV , der Chromecast-Stick von Google sowie diverse Smart-TV-Boxen. Allen diesen Geräten ist gemeinsam, dass sie anders als der klassische Computer für einen eng eingegrenzten Einsatzzweck konzipiert sind, nämlich als Mediacenter im Wohnzimmer.

Die besten Alternativen zum Windows Media Center

PC auf einem Stick: Windows bietet alle Möglichkeiten

Neu ist die Idee eines universell nutzbaren Mini-PCs natürlich nicht: Apple hat seinen Mac Mini schon vor zehn Jahren auf den Markt gebracht, seitdem gibt es zahlreiche Nachahmer auf der Windows-Plattform. Dazu gehören auch die neuen „Next Unit of Computing” (NUC) genannte Kompaktrechner von Intel, deren Gehäuse gerade einmal etwa so groß sind wie eine Packung Margarine.

Nun hat der Chip-Hersteller bei der Miniaturisierung nochmals nachgelegt und mit seinem Compute Stick einen Rechner in Form eines Sticks mit gewöhnlichem Windows 8.1 auf den Markt gebracht. Der lässt sich per HDMI an praktisch jeden Monitor und Fernseher anstecken. Streamen, arbeiten und spielen verspricht der Hersteller für seinen „überraschend leistungsstarken“ Kleinst-PC, den diverse Online-Händler für rund 150 Euro verkaufen. Zum gleichen Preis bietet der taiwanesische Hersteller Hannspree seinen Micro PC an, ebenfalls ein PC in Form eines rund zehn Zentimeter großen Sticks mit Atom-Prozessor und dem aktuellen Betriebssystem von Microsoft.

Die Vorteile solcher Rechner auf Windows-Basis liegen auf der Hand: Sie sind nicht nur ultraportabel und hinsichtlich Bedienung und Benutzung vielen Menschen vertraut. Sie erlauben auch die Installation und Nutzung jeder Windows-Software. Soweit das Prinzip, tatsächlich aber bildet die Hardware-Ausstattung beider Modelle enge Grenzen. Denn die Sticks arbeiten mit der Atom-CPU Z3735F, die zwar vier Kerne besitzt, aber nur maximal 1,33 GHz getaktet ist.

Rechts der Ein-/Ausschalter, in der Mitte die Micro-USB-Buchse für die Stromversorgung, links die einzige USB-Buchse zum Anschließen der Peripherie. Der Slot für Micro-SD-Karten befindet sich auf der Rückseite.
Vergrößern Rechts der Ein-/Ausschalter, in der Mitte die Micro-USB-Buchse für die Stromversorgung, links die einzige USB-Buchse zum Anschließen der Peripherie. Der Slot für Micro-SD-Karten befindet sich auf der Rückseite.
© Hannspree

Micro PC: Alles ist fest verlötet, austauschen lässt sich nichts

Zudem statten die Hersteller ihre Geräte bloß mit zwei GByte Hauptspeicher und 32 GByte Flash-Speicher aus, von denen das Betriebssystem und die Recovery-Partition nur etwa 19 GByte (Hannspree) beziehungsweise 16 GByte (Intel) frei lassen – die platzfressende Systemwiederherstellung ist da schon deaktiviert. Erweitern lässt sich der Speicher allerdings über den integrierten Slot für Micro-SD-Karten, der Datenträgern bis zu 128 GByte Größe aufnimmt.

Micro-SD-Speicherkarten mit 64 Gigabyte im Test

Sämtliche Komponenten sind für die extrem kleine Bauform fest integriert und verlötet, austauschen oder erweitern kann man hier im Gegensatz zu gewöhnlichen Rechnern nichts. Schließlich muss man bei den Sticks mit weiteren nicht unerheblichen Einschränkungen leben: Der Netzzugang ist nur per 2,4 GHz-WLAN und hier auch nur bis zum Standard 802.11n möglich, das schnellere 802.11ac wird nicht unterstützt. Ebenso fehlt USB 3.0, beide Sticks verfügen nur zudem über eine einzige USB-Buchse mit 2.0-Speed. Schließlich arbeiten sowohl der Intel Compute Stick als auch der Micro PC von Hannspree mit Windows auf 32-Bit-Basis, obwohl sich die schnellere 64-Bit-Architektur ansonsten längst durchgesetzt hat.

Leistungsmäßig laufen die Sticks „normalen“, stärkeren Computern also hinterher. Die Frage ist jedoch: Wie stark macht sich das bei normalen Büro-, Surf- und Mediacenteraufgaben bemerkbar? Darüber hinaus gehen wir der Frage nach, ob und wie weit sich die neuen Windows-Sticks als Ersatz für einen Home Theater PC (HTPC) oder eine Streaming-Box im Wohnzimmer eignen. Oder ob dafür nicht doch bessere und sogar vielleicht günstigere Alternativen ohne das Microsoft-Betriebssystem existieren.

Ein USB-Hub zum Erhöhen der Zahl der USB-Buchsen kostet zwar nur ein paar Euro, die wenigsten Haushalte haben ihn aber daheim und können mit dem PC-Stick sofort loslegen.
Vergrößern Ein USB-Hub zum Erhöhen der Zahl der USB-Buchsen kostet zwar nur ein paar Euro, die wenigsten Haushalte haben ihn aber daheim und können mit dem PC-Stick sofort loslegen.

Compute Stick & Micro PC im Praxistest

Auspacken und sofort loslegen, so versprechen es die Hersteller und so funktioniert es auch mit leichten Einschränkungen. Der Lieferumfang beider Geräte ist mit Netzteil und USB-Kabel für die Stromversorgung sowie einer rund 20 Zentimeter langen HDMI-Verlängerung gleich dürftig. Die meisten Käufer eines solchen Sticks werden nach dem Auspacken nämlich nicht gleich starten können, weil ihnen nur ein USB-Anschluss zur Verfügung steht und sie vermutlich kein kombiniertes Maus-/Tastatur-Funkset zur Hand haben. Das ist zwar ebenso wie ein USB-Hub zum gleichzeitigen Anschließen von Maus und Tastatur teuer, man muss es sich aber erst einmal besorgen. Als Alternative für die Anbindung von Eingabegeräten und anderer Peripherie steht daneben Bluetooth 4.0 zur Verfügung.

Die bereits erwähnte HDMI-Verlängerung löst übrigens gleich zwei Probleme: Zum einen sind die HDMI-Buchsen an manchen Monitoren und Fernsehern so platziert, dass sich die im Vergleich zum normalen HDMI-Stecker klobigen Sticks nicht einstecken ließen. Zum zweiten umgeht man mit der passenden Platzierung über die Verlängerung das Problem, dass man das System über den am Stick angebrachten Taster einschalten muss – das wäre direkt hinter dem PC oder Fernseher nur mit Fingerakrobatik möglich.

Die sequentielle Datenrate fürs Lesen vom internen Flash-Speicher beträgt beim Intel-Stick knapp 167 MByte pro Sekunde (im Bild), das Modell von Hannspree erreicht rund 146 MByte pro Sekunde.
Vergrößern Die sequentielle Datenrate fürs Lesen vom internen Flash-Speicher beträgt beim Intel-Stick knapp 167 MByte pro Sekunde (im Bild), das Modell von Hannspree erreicht rund 146 MByte pro Sekunde.

Die Ersteinrichtung danach ist tatsächlich in wenigen Minuten erledigt: WLAN auswählen, Windows-Konto einrichten und ein paar Einstellungen vornehmen, fertig. Trotzdem dauert es dann noch rund vier Stunden, bis beide Sticks wirklich betriebsbereit sind. So viel Zeit brauchen die Atom-Prozessoren nämlich, um die annähernd 100 Windows- und Microsoft-Updates der zurückliegenden Patchdays zu installieren – das gibt bereits einen Vorgeschmack auf das Leistungsniveau.

Ohne große Einschränkungen lässt sich der Büroalltag bewältigen, das aktuelle Microsoft-Office, diverse PDF-Tools und ähnlich anspruchslose Software reagieren schnell auf Mausklicks und Tastaturanschläge. Auch mit dem lokalen Videostreaming in Full-HD-Auflösung (1080p) hatte weder der Intel- noch der Hannspree-Stick Probleme. Das Surfen im Netz läuft insgesamt zufriedenstellend, wenngleich der Aufbau der Webseiten mitunter schon deutlich länger dauert als gewohnt. De facto ungeeignet sind die Micro-PCs dagegen für rechenintensive Anwendungen wie Videoschnitt und ähnliches.

Schwache Werte bei den Leistungs-Benchmarks

Die Praxiserfahrungen bestätigen sich bei den Benchmark-Messungen. Beim aktuellen PC-Mark 8 (Home-Test, Accelerated-Einstellung) musste sich der Hannspree-Stick mit 978 Punkten begnügen, der Konkurrent von Intel ist mit 1.041 Punkten nur wenig besser (siehe Tabelle am Schluss). Die Werte liegen am untersten Ende der Vergleichsskala, selbst ein aktueller Low-Budget PC mit der Intel-CPU J2900 schafft es bei PC-Mark auf fast 1400 Punkte. Solche Rechner gibt es inklusive 500-GByte-Festplatte, doppelt so viel Hauptspeicher, DVD-Brenner, Gigabit-Netzwerk inklusive Tastatur, Maus und Windows 8.1 für weniger als 250 Euro. Der Lenovo H30-00 Mini PC ist ein Beispiel.

Nur gut 6.500 Punkte schafft der Hannspree-Stick im Grafik-Benchmark 3DMark (ICE Storm Unlimited), der Intel Compute Stick kommt auf 7.285 Punkte.
Vergrößern Nur gut 6.500 Punkte schafft der Hannspree-Stick im Grafik-Benchmark 3DMark (ICE Storm Unlimited), der Intel Compute Stick kommt auf 7.285 Punkte.

Praxisnäher als das Abspielen lokaler Video dürfte bei den Sticks das Streamen sein und hier wird die WLAN-Verbindung schnell zum Problem. Denn die maximale Übertragungsrate lag im Test jeweils nur bei gut 40 MBit/s, bei einer durchaus noch wohnungstypischen Entfernung von 15 Metern und Störung durch andere Funknetze sank der Datendurchsatz dagegen auf Werte zwischen ein und zwei MBit/s. Da ist an Videostreaming natürlich nicht mehr zu denken. In der Praxis wird mancher Stick-Besitzer deshalb in zusätzliche Netzinfrastruktur investieren müssen, zum Beispiel in einen WLAN-Repeater oder eine WLAN-Powerline-Kombination.

Der mit CrystalDiskMark gemessene Lese-Datentransfer des internen Flash-Speichers geht mit 146 bzw. 167 MByte/s in Ordnung, beim Schreiben ist der Intel Compute Stick deutlich schneller (78 MByte/s) als der von Hannspree (46 MByte/s). Die Kartenslots beider Rechner schaffen maximal 22 bis 24 MByte/s, die Performance schneller Micro-SD-Karten bleibt damit ungenutzt. Erfreulich ist der niedrige Stromverbrauch von rund drei Watt im Leerlauf und maximal zehn Watt unter Volllast.

Fazit: neuer Formfaktor mit vielen Beschränkungen

Die beiden Micro-PCs mit Windows 8.1 stellen einen völlig neuen Formfaktor dar, allein das macht sie schon interessant. Zwischenzeitlich haben mit Archos, I.onik und Lenovo weitere Hersteller ähnliche Geräte angekündigt. Wer einen ultraportablen Rechner mit Microsoft-Betriebssystem zum Einstecken in die Hosentasche und zum Betrieb an einem x-beliebigen Monitor oder Fernseher sucht, hat dann sogar die Qual der Wahl. Große Unterschiede zwischen dem Intel- und dem Hannspree-Modell bestehen indes nicht, weder beim Preis, noch bei der Hardware oder der Performance.

Apropos Performance: Mit „überraschend leistungsstark“ bewirkt Intel seinen Compute Stick – das lässt sich so oder so interpretieren. Fakt ist, dass die Hardware-Kombination aus leistungsschwachem Atom-Prozessor, äußerst knappem Hauptspeicher, kleiner Festplatte, 32-Bit-Beschränkung, USB 2.0 und fehlendem Netzwerkanschluss für viele Alltagsaufgaben einfach nicht ausreicht. Was nützt ein Mini-PC im Wohnzimmer, von dem man mangels WLAN-Durchsatz nicht gescheit streamen kann, nur weil der Router zwei Zimmer weiter steht? Aufrüsten in ein kabelgebundenes Netzwerk ist ebenso wenig möglich wie der Austausch anderer Komponenten. Selbst ein Notebook bietet da mehr Möglichkeiten.

Rechnet man zum Straßenpreis von 150 Euro noch Tastatur, Maus, USB-Hub und einen WLAN-Repeater hinzu, sind günstige gewöhnliche PCs nur noch unwesentlich teurer. Schon für 250 Euro bekommt man nicht nur eine stärkere CPU, sondern auch ein DVD-Laufwerk, mehr RAM, Festplattenplatz und Anschlüsse, USB 3.0, GBit LAN und und und… So bleiben als Argument für die Sticks im Wesentlichen Größe und Portabilität.

„Richtige“ PCs wie der Lenovo H30-00 Mini PC kosten teilweise nur wenig mehr als die neuen Windows-Sticks, leisten aber sehr viel mehr – dafür sind sie deutlich größer.
Vergrößern „Richtige“ PCs wie der Lenovo H30-00 Mini PC kosten teilweise nur wenig mehr als die neuen Windows-Sticks, leisten aber sehr viel mehr – dafür sind sie deutlich größer.
© Lenovo

Wer einen Micro-PC vor allem im Wohnzimmer als Media Center einsetzen möchte, kann gleich auf völlig andere Systeme setzen: z.B. den neuen Raspberry Pi 2 , Chromecast von Google oder den Fire TV Stick von Amazon – jeweils zum Preis von rund 35 Euro. Alle drei erfüllen ihre speziellen Aufgaben übrigens gut, smarte Wohnzimmergeräte in der Preisklasse von knapp 100 Euro (Apple TV, Fire TV Box und der neue Nexus Player) bieten sogar so viel Performance, dass sie auch zum Spielen reicht.

Hannspree Micro PC

Intel Compute Stick

Internet

www.hannspree.eu/de

www.intel.de

Preis (Internet)

ca. 150 Euro

ca. 150 Euro

Lieferumfang

Stick, Netzteil mit USB-Kabel, HDMI-Verlängerung, englische Kurzanleitung

Stick, Netzteil mit USB-Kabel, HDMI-Verlängerung, englische Kurzanleitung

Betriebssystem

Windows 8.1 mit Bing (32 Bit)

Windows 8.1 mit Bing (32 Bit)

Prozessor

Atom Z3735F (Quad-Core, 1,33 GHz)

Atom Z3735F (Quad-Core, 1,33 GHz)

Hauptspeicher

2 GByte RAM DDR3

2 GByte RAM DDR3

Flashspeicher

32 GByte, davon ca. 19 GByte frei

32 GByte, davon ca. 16 GByte frei

Erweiterbarkeit Micro-SD-Karte

bis 128 GByte

bis 128 GByte

WLAN / Bluetooth

802.11b/g/n / BT 4.0

802.11b/g/n / BT 4.0

Anschlüsse

1x Micro-USB (Strom), 1x USB 2.0, HDMI

1x Micro-USB (Strom), 1x USB 2.0, HDMI

Abmessungen / Gewicht

101 x 38 x 10 mm / 46 Gramm

102 x 38 x 13 mm / 56 Gramm

Kühlung

passiv, ohne Lüfter

aktiv, mit Lüfter

Datentransfer interner Flash-Speicher (Lesen / Schreiben)

146 / 46 MByte/s

167 / 78 MByte/s

Datentransfer Micro-SD-Karte (Lesen / Schreiben)

24 / 22 MByte/s

23 / 23 MByte/s

WLAN-Übertragungsrate (0,5 Meter)

max. 42,4 MBit/s

max. 40,8 MBit/s

WLAN-Übertragungsrate (15 Meter)

max. 1,3 Mit/s

max. 1,4 MBit/s

PC-Mark 8 (Home Accelerated)

978 Punkte

1.041 Punkte

3D-Mark (ICE Storm)

6.552 Punkte

7.285 Punkte

Leistungsaufnahme (mit USB-Tastatur/-Maus und WLAN): Leerlauf / Volllast

3,0 / 10,5 Watt

3,0 / 8,5 Watt

Video: Quadcore-CPU & 1 GB RAM - der Raspberry Pi 2
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