30.10.2008, 14:00

Gamestar

Hall of fame

Colonization

Der Civilization-Ableger vermittelt auf unterhaltsame Weise historisches Hintergrundwissen über die Erkundung und Eroberung der Neuen Welt.
Die Powhatan werden langsam lästig. Nach der Ankunft an der unbekannten Küste, die wir zu Ehren unseres Vaterlandes Neuengland tauften, hatten die bronzehäutigen Eingeborenen uns mit Freude begrüßt, hatten Tierfelle und Tabakblätter in unsere erste Siedlung Jamestown getragen und die bettelarmen Schuldknechte aus der Heimat das Geheimnis des Baumwollanbaus gelehrt. Seit kurzem jedoch murren sie, weil wir Straßen durch »ihr« Land legten und »ihre« Wälder für den Ackerbau rodeten, und immer öfter sieht man Reitergruppen vor unserem Palisadenwall vorbeiziehen, die Musketen griffbereit. Nicht weit von hier, in der Kolonie Neuholland, sollen die Apachen eine Mission niedergebrannt haben, und die fetten Wagenzüge der Handelsnation werden immer häufiger überfallen. Von den Spaniern im Süden dagegen hört man, dass sie mit ihren Dragonerheeren ein Indianerdorf nach dem anderen zerstampfen; randvoll mit Schätzen sollen die Galeonen sein, die Richtung Europa segeln. Nur die Franzosen scheinen keine Händel mit den Eingeborenen zu haben, die in Scharen als Konvertiten in ihre Siedlungen strömen. Jedoch vermuten wir, dass die Franzmänner hinter den Freibeutern stecken, die unsere Karavellen beschießen und die Handelsfracht für die Alte Welt plündern. Und nun also noch die Powhatan! Das wird kein gutes Ende nehmen, der Krieg wird kommen, und in den Siedlungen tuscheln die ersten Republikaner von Revolution ...
Neues aus Altem
Die Geschichtsbücher lehren, dass die Revolution kam: 1776 sagten sich die Kolonien von der Krone los und besiegten 1781 England im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Aber es könnte auch schon 1688 passieren oder 1723, wenn Sie nämlich gut genug spielen – Colonization erzählt die Besiedlung Amerikas nach, aber deren Ausgestaltung liegt in Ihrer Hand. Geschichte und Spiel verschmelzen dabei auf intelligente Weise zu einer Einheit, bei der selbst der schläfrigste Geschichtslaie unmerklich Wissen sammelt. Was wir aus Sicht der Engländer im ersten Absatz berichten, ist reines Spielerlebnis, aber auf vereinfachte Weise auch historische Lektion. Denn der Überlebenskampf, der Konflikt mit den Indianern, der Wettstreit der Nationen, der Unabhängigkeitsdrang, das alles entwickelt sich leicht und logisch aus der Mechanik des Strategiespiels. Die Entscheidungen, die Sie treffen, fußen auf dem Verständnis dafür, welche Zwänge, Konflikte und berauschenden Möglichkeiten sich den Siedlern offenbarten, denen die Neue Welt zu Füßen lag. Dass die Spanier gnadenlose Indianerschlächter waren, dass die Holländer formidable Geschäftstüchtigkeit entwickelten, so grundlegende Verständnisse von der Kraftkonstellation träufelt Colonization seinen Spielern unaufdringlich ein. Das gelingt, weil es in erster Linie ein durchdachtes, motivierendes Aufbau-Strategiespiel ist.
Altes aus Neuem
Colonization basiert auf dem 1991 erschienenen Microprose-Hit Civilization, doch es verändert dessen Grundfunktionen; die Reiche sind kleiner, die Siedlungen wichtiger, und Spieler kümmern sich um einzelne Einwohner, denen sie Berufe zuweisen. Das macht das Spielerlebnis überschaubar. Dennoch geschieht ständig Neues, vor allem am Anfang; erst gegen Ende hin schleicht sich Routine ein, zum Schluss durchbrochen vom spannenden Unabhängigkeitskrieg. Auch wenn der Name des Civilization-Designers Sid Meier die Packung krönt, erdacht hat das Spiel zum größten Teil sein Kollege Brian Reynolds (Rise of Legends). 1994 erschien das Original-Spiel für MS-DOS, ein Jahr später folgte eine Windows- Neuauflage. 13 Jahre später soll der Klassiker nun aufgefrischt werden, als eigenständiges Addon für Civilization 4. Auch wenn sich Kenner Originaltreue wünschen – zumindest aus geschichtlicher Sicht wäre eine Ergänzung angebracht. Denn bei aller historischen Treue findet sich eines im Ur-Colonization nicht, das die Geschichte Amerikas stark bestimmt hat: die Sklaverei.
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