Hall of Shame

Aufgedeckt: Der Android-Update-Skandal

Montag den 28.11.2011 um 14:55 Uhr

von Benjamin Schischka

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© Motorola/Google
Deutsche warten länger auf Updates, 56 % aller Android-Smartphones sind veraltet, 7 von 18 waren noch nie aktuell – wie kann das sein? PC-WELT hat nachgehakt.
Sechs verschiedene Android-Versionen sind derzeit auf dem Markt. Alle sind in alphabetischer Reihenfolge nach Süßigkeiten benannt: Cupcake, Donut, Eclair, Froyo, Gingerbread und Honeycomb. Die Fülle an verschiedenen Versionen verwirrt nicht nur den Anwender, sondern sorgt auch beim Entwickler für Ärger. Um möglichst viele Nutzer anzusprechen, ist er gezwungen, seine App für veraltete Android-Versionen zu optimieren. Die veralteten, aber immer noch verwendeten, Androiden sind außerdem ein potentielles Sicherheitsrisiko. Das Sicherheitsunternehmen Bit9 hat herausgefunden, dass 56 Prozent der aktuell erhältlichen Android-Smartphones veraltet und unsicher seien.
Version Codename Verbreitung
Android 1.5 Cupcake 0,9%
Android 1.6 Donut 1,4%
Android 2.1 Eclair 10,7%
Android 2.2 Froyo 40,7%
Android 2.3 Gingerbread 44,4%
Android 3.x Honeycomb 1,9%
Quelle: http://developer.android.com/resources/dashboard/platform-versions.html

Die Android-Fragmentierung hat also gravierende Nachteile. Die Android-Käufer trifft jedoch keine Schuld – sie sind der Update-Politik der Hersteller und Netzwerkbetreiber ausgeliefert. Bit9 hat zum Beispiel auch Fälle ermittelt, in denen auf einem neu gekauften Smartphone 300 Tage alte Software installiert war.

© Michael Degusta

7 von 18 Android-Smartphones hatten noch nie ein aktuelles Betriebssystem installiert

Der Blogger Michael Degusta veröffentlichte vor kurzem eine für Android-Smartphones wenig schmeichelhafte Grafik. Er verglich 22 Smartphones in den USA, vier davon Apple-Geräte, der Rest Androiden. Während iPhones auch noch im dritten Jahr nach Verkaufsstart von Apple mit Software-Updates versorgt wurden, liefen zum selben Zeitpunkt nur drei der 18 Android-Smartphones mit der aktuellsten Android-Version. Alle drei stammen übrigens von HTC: Nexus One, Droid Incredible und Evo 4G.
 
Aber es kommt noch schlimmer: Sieben der Android-Smartphones liefen laut Grafik zu keinem Zeitpunkt mit einem aktuellen Betriebssystem. Motorola Cliq, Samsung Behold II, Motorola Backflip, Motorola Cliq XT, Motorola Devour, Garmin Garminfone und HTC Aria hinkten der Entwicklung immer mindestens eine Android-Version, teilweise sogar zwei Versionen, hinterher.
 


 
Ein Handy-Vertrag läuft auch in den USA oft für zwei Jahre. Insofern ist es besonders bitter, dass innerhalb der ersten zwei Jahre nach Verkaufsstart schon zehn der 18 Androiden mindestens seit zwei Versionen veraltet waren. Betroffen waren drei Smartphones von HTC, zwei von Samsung, eines von Garmin und vier von Motorola. Bei elf Smartphones wurde die komplette Unterstützung mit Updates – also auch kleinere Bugfixes – bereits nach einem Jahr oder weniger eingestellt, schreibt Degusta. Dreizehn Geräte seien sogar noch verkauft worden, nachdem(!) der Update-Support eingestellt worden war.

Deutsche müssen oft länger auf Updates warten

Die Grafik spiegelt den US-Markt wider. Der wird jedoch nicht selten vor dem europäischen Markt mit Updates versorgt. Und Android-Besitzer in Deutschland müssen dann noch länger warten. So geschehen beispielsweise beim Motorola Milestone. Das Update auf Android 2.2 erfolgte in den USA in der ersten August-Woche 2010. Für Deutschland hat sich das Update immer wieder verschoben – im März 2011 war es dann endlich soweit .
 
Warum dauern viele Android-Updates so lange?
 
Warum dauert das bei vielen Android-Smartphones so lange? Ein Grund sind sicherlich die dezentralen Strukturen in der Android-Welt. Während Apple Hardware und Software unter einem Dach vereint, liefert Google bei Android nur die Software. Das Update liegt damit auch wesentlich in der Hand der Hersteller. Die müssen es außerdem an die teilweise sehr unterschiedliche Hardware ihrer Smartphones anpassen. Was passiert, wenn ein Update offensichtlich nicht perfekt auf ein Gerät abgestimmt wurde, zeigt der Fall Milestone. Als das lang ersehnte Froyo-Update endlich da war, gab es viele Beschwerden. So viele, dass Motorola Europa auf seiner Facebook-Seite extra eine Problem-Diskussion namens „Bugs/Problems with Android 2.2 Froyo on Milestone“ eröffnet hat. 

Manch ein Android-Methusalem scheidet zudem von vornherein für ein aktuelles Update aus, weil er zu rechenschwach ist. Im besten Fall bekommen Sie dann zumindest ein abgespecktes Update, das die Hardware verträgt. So geschehen beim HTC Desire Android 2.3. Wir würden Ihnen gerne empfehlen, nur schnelle Androiden zu kaufen – aber schnelle Hardware alleine ist leider auch kein Garant für ein flottes Update.

Nicht zuletzt sind die Android-Anpassungen der Smartphone-Hersteller schuld. Spezial-Oberflächen mögen einerseits schick und nutzerfreundlich sein, andererseits erhöht sich der Aufwand beim Anpassen eines Android-Updates.

Häufig müssen sich die Smartphone-Hersteller auch anhören, sie würden auf einen umfassenderen Update-Support verzichten, damit sich der User bald ein neues Android-Smartphone kaufe. Diese Strategie würde einerseits viele Kunden vergraulen. Beim nächsten Smartphone-Kauf greifen Update-Geschädigte wohl kaum noch einmal zur selben Marke. Das gilt andererseits aber nur für Technik-affine Kunden. Käufer, die sich der Problematik nicht bewusst sind, greifen auch beim nächsten Mal vielleicht zur gewohnten Marke. Sind die eingesparten Kosten für Entwicklung und Auslieferung des Updates höher als Gewinnausfälle in Folge genervter User, hat es sich rein theoretisch gerechnet – zumindest kurzfristig. Ohne Zugang zu internen Unterlagen kann man diese Anschuldigung aber kaum beweisen.

Ein weiteres Problem: Bei Handys, die bei Mobilfunkbetreibern mit einem Vertrag erworben werden, sind oft die Mobilfunkbetreiber ein weiterer Bremsklotz, durch die die Auslieferung von Updates weiter verzögert wird. Die Mobilfunkbetreiber müssen durch eigene Tests sicherstellen, dass ein Smartphone auch nach dem Update und den von ihnen selbst eingebauten Erweiterungen noch problemlos mit dem eigenen Mobilfunknetz funktionieren.

Das sagen die Smartphone-Hersteller

PC-WELT hat einige der großen Android-Smartphone-Hersteller auf die Update-Problematik angesprochen. Sony Ericsson verweist für aktuelle Infos wie Zeitplanung und Verfügbarkeit knapp auf das Unternehmens-Blog . Immerhin verspricht der Hersteller uns aber, das gesamte Xperia-Portfolio von 2011 auf Android 4.0 zu aktualisieren. HTC nennt einen hohen Qualitätsanspruch als Grund für Wartezeiten. Ausführliche Testreihen sollen ein reibungsloses Update sicherstellen. Ferner verspricht HTC uns ein Update auf Android Ice Cream Sandwich für die Geräte Sensation, Sensation XL, Sensation XE und Evo 3D. Von Motorola und Samsung traf bis zum Redaktionsschluss kein Feedback ein.

Fazit

Die Android-Fragmentierung ist ein Fluch für User und Entwickler. Wer ein schnelles Top-Modell eines updatefreudigen Herstellers kauft, minimiert das Veraltungs-Risiko zwar, hundertprozentige Sicherheit gibt es aber nicht. Die Lösung des Problems liegt nicht in der Hand der User – Google und die Hersteller müssen sich an einen Tisch setzen und die Fragmentierung beenden. Oder zumindest eindämmen.

Die Sicherheitsspezialisten von Bit9 schlagen etwa vor, dass man Smartphones wie Computer und nicht wie Mobiltelefone behandeln solle. Die Hardwarehersteller sollen also die Kontrolle über das Betriebssystem dem Softwarehersteller – sprich Google – überlassen. Erst dann könne Ruhe ins Android-Chaos kommen. Was halten Sie von der Idee? Wie sind Ihre Erfahrungen mit Android-Updates? Schreiben Sie Ihre Meinung ins Kommentar-Feld unter dem Artikel!

Montag den 28.11.2011 um 14:55 Uhr

von Benjamin Schischka

Kommentieren Kommentare zu diesem Artikel (17)
  • magiceye04 14:28 | 01.12.2011

    Hm, gefühlt jeder 2. Werkstatttermin wegen irgeneiner Macke am Auto führt zu einem Firmware-update und damit ist die Sache gegessen. Das update selber kostet nix, nur die Zeit. Wobei es ja hin und wieder auch Hardware-updates gibt, in der Regel sogar kostenlos (Rückrufaktion).

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  • LucidaConsole 02:48 | 01.12.2011

    Zitat: Mylin
    Wieso? Funktioniert es nicht richtig? Worauf beruht denn dein Anspruch auf eine andere Software?

    Es soll Leute geben, die fahren mit einem 2 Jahre alten Auto herum. Obwohl es längst ein Update gibt, das mehr Sicherheit und Komfort bietet. Der Hersteller mag das KFZ-Update aber nicht kostenlos herausrücken. Das ist ein Skandal! Oder doch nicht? Warum ist das bei Smartphones anders?

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  • magiceye04 18:04 | 30.11.2011

    Was für Folgekosten? Die 5€ im Monat für ne Flatrate?

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  • ohmotzky 10:57 | 30.11.2011

    Zitat: JochenPankow
    Genau dieses Wirrwar an Android-Versionen und die sehr späten Updates bewegen mich dazu, noch kein Smartphone oder Tablet-PC mit Android zu kaufen. Für mich mit kleinem Einkommen ist es ein hohes "Investitions-Risiko"!

    Das Betriebssystem sollte autonom in der Hand von Google bleiben!

    Ich bediene mich derzeit besser noch meines Desktop PC´s und eines "konventionellen" Handys. .

    Och das musst du lockerer sehen, das Handy ist noch der kleinste Posten, die Folgekosten sind es die Kleinverdienern das Genick brechen.......

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  • gkj43 02:27 | 30.11.2011

    Zitat: ch62718ris
    So genau wusste ich natürlich nicht warum die Smartphones nicht so mochte.
    Muss man das verstehen? Nee, nä?
    Der Rest ist auch nicht viel verständlicher.:bse:

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