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Google Glass im Blick - was kann die Megabrille?

25.02.2014 | 09:32 Uhr |

Noch ist Googles Datenbrille nur als Entwicklermodell verfügbar, sie soll erst nächstes Jahr auf den Markt kommen. Das Vorab-Modell „Explorer Edition“ erlaubt aber schon einen Blick auf Funktionen und verwendete Technik.

Selten hat eine Produktankündigung so viel positives wie auch negatives Echo bekommen wie Google Glass. Das Gerät ist noch nicht fertig, noch nicht außerhalb eines Entwicklerkreises erhältlich, und polarisiert schon jetzt: Kritiker sehen in dem tragbaren Computer mit Kamera einen Angriff auf den Datenschutz, Großbritannien bereitet schon eine Anpassung der Straßenverkehrsordnung vor, um Glass am Steuer zu verbieten. Technik-Begeisterte sehen in dem tragbaren Gadget dagegen die längst überfällige Weiterentwicklung, wie wir Computer – allen voran Smartphones – steuern und damit Informationen abrufen können. Das war auch die Motivation von Google-Häuptling Sergey Brin, das Projekt voranzutreiben: Weg vom Bildschirm und der gebückten Haltung bei der Bedienung eines Smartphones und zurück ins Geschehen. Googles Datenbrille soll deshalb möglichst kompakt und zurückhaltend sein, um weder die Bewegungsfreiheit einzuschränken, noch zu viel Aufmerksamkeit von Anwendern oder Außenstehenden auf sich zu ziehen. Bis es tatsächlich so weit ist und die gesamte Hardware entsprechend geschrumpft sowie das Bedienkonzept optimiert ist, dürfte es allerdings noch einige Gerätegenerationen dauern. Bemerkenswert ist, dass Google die Entwicklung nicht hinter verschlossenen Türen vorantreibt, wie das bei Apple üblich ist, sondern in einem Test für registrierte Beta-Tester erst noch Stimmen und Vorschläge sammelt.

Gibt es Google Glass bald beim Optiker?

Einer der Köpfe hinter Google Glass: Google-Mitgründer Sergey Brin lässt kaum eine Gelegenheit aus, sich mit der Datenbrille auf Konferenzen und Keynotes zu zeigen.
Vergrößern Einer der Köpfe hinter Google Glass: Google-Mitgründer Sergey Brin lässt kaum eine Gelegenheit aus, sich mit der Datenbrille auf Konferenzen und Keynotes zu zeigen.

Die Funktionen der Vorabversion

In der aktuellen Vorab-Ausführung, der sogenannten Explorer Edition, sammelt Google zunächst einmal Feedback von Entwicklern und Technik-Fans, die sich früh genug für die Testphase angemeldet hatten, um dann für 1500 US-Dollar die Entwicklerversion von Glass zu bekommen. Dabei handelt es sich um das Modell, dass Google auch in Europa auf einer Vielzahl von Presseveranstaltungen präsentiert hat. Die Brille selbst wird wohl erst viel später erhältlich sein, im Vorfeld müssen erst alle rechtlichen Fragen geklärt werden.

Google Glass ist in der jetzigen Form kein vollwertiger Ersatz für ein Smartphone, sondern eine Ergänzung dazu: Mithilfe von WLAN- oder Bluetooth-Tethering verbindet es sich zum Smartphone in der Hosentasche, wobei es jedoch selbst keinen Mobilfunk-Transmitter enthält. Für die Verbindung zum Telefon ist zudem die Glass-App für Android oder iPhone Voraussetzung. Auch Google Glass wird sich Funktionen und Anwendungsgebiete über eigene, nachinstallierte Apps erschließen. Im Auslieferungszustand ist der Funktionsumfang begrenzt. Gerade mal sieben Grundfunktionen beherrscht Glass, auf dem ein Android 4.0.4 läuft, ohne zusätzliche Apps: Fotos aufnehmen, Video aufzeichnen, Navigation, Google Mail, Google Suche, Google Plus Hangout starten, Telefonieren (per Smartphone). Gesteuert wird mittels Spracheingabe. Das sind alles keine Killer-Applikationen, die wirklich auf „Augmented Reality“ angewiesen wären, aber immerhin ist es ein Anfang, um das Konzept einem breit angelegten Test zu unterziehen.

Gesteuert werden die Funktionen per Spracheingabe, derzeit ausschließlich auf Englisch. Außerdem erfordert jeder Befehl die Ansprache: „OK, Glass...“, damit die Brille auf Eingaben lauscht. Für Menüs gibt es seitlich rechts am Brillengestell ein Touchpad, um mit Wischund Tippbewegungen Menüpunkte durchzublättern und aufzurufen.

Innenansicht, aus dem Blickwinkel des Trägers: Die sprachgesteuerte Navigationsfunktion von Google Glass ist eine der sieben Kernfunktionen des Vorserienmodells. Diese Illustration von Google vermittelt das Glass-Gefühl.
Vergrößern Innenansicht, aus dem Blickwinkel des Trägers: Die sprachgesteuerte Navigationsfunktion von Google Glass ist eine der sieben Kernfunktionen des Vorserienmodells. Diese Illustration von Google vermittelt das Glass-Gefühl.
© Google Inc.

Hardware: Leicht und unscheinbar

Mit nur 50 Gramm ist die Explorer Edition ein Leichtgewicht und somit keine Umstellung für Brillenträger. Bei dem Rahmen handelt es sich um ein wechselbares Brillengestell, das rechts seitlich die Elektronik trägt und am Bügel hinter dem Ohr einen Akku als Gegengewicht platziert. Am länglichen Gehäuse der Elektronik ist die Touchpad-Oberfläche angebracht, die genau über der Schläfe sitzt. Eine Besonderheit von Glass ist die Art der Audioausgabe: Einen Kopfhöreranschluss gibt es in der aktuellen Version nicht, stattdessen liegt rechts hinter dem Ohr wie bei Hörgeräten ein Knochenleitungs- Lautsprecher, der den Schädelknochen als Resonanzkörper nutzt. Die Lautstärke ist generell niedrig gehalten, damit andere Geräusche nicht überdeckt werden oder andere Leute mithören können.

Inzwischen haben einige Tester das Gerät entgegen Googles Empfehlung in seine Einzelteile zerlegt und den Aufbau sowie Fotos veröffentlicht. Wer geheime Zutaten erwartet, wird aber enttäuscht. Google Glass enthält herkömmliche Smartphone-Technologie mit einem SoC (System-on-a-Chip) von Texas Instruments mit einem 1,2 GHz starken Dualcore-ARM-Prozessor. 16 GB Speicher stehen brutto zur Verfügung sowie 682 MB RAM.

Auf der Platine befinden sich aber auch Beschleunigungssensoren für drei Achsen, ein Gyroskop und ein Magnetometer für eine Kompassfunktion. Für interessante Apps sind also alle Voraussetzungen geschaffen. Der WLANBaustein unterstützt 802.11 b/g und die frontal nach vorne gerichtete Kamera liefert 5 Megapixel oder 720p-Video.

Google Glass-App warnt müde Autofahrer

Durchsichtiges Display: Ein seitlich versteckter Projektor mit 640 x 360 Pixeln Auflösung projiziert das Bild auf ein Prisma über dem rechten Auge, damit der Träger weiterhin Blickkontakt mit Personen halten kann.
Vergrößern Durchsichtiges Display: Ein seitlich versteckter Projektor mit 640 x 360 Pixeln Auflösung projiziert das Bild auf ein Prisma über dem rechten Auge, damit der Träger weiterhin Blickkontakt mit Personen halten kann.
© Michael Homnick

Display: Als Prisma vor dem Auge

Das außergewöhnliche Bauteil an Google Glass ist natürlich das Prisma vor dem Auge des Trägers. Das Funktionsprinzip ist ein Head-up- Display, das die Augen nicht völlig abdeckt, sondern ein durchsichtiges Projektionsfeld ins Blickfeld rückt. Der Mini-Projektor ist seitlich über dem Bügel in einer sanften Biegung des Elektronikgehäuses untergebracht. Damit unterscheidet sich Glass von bereits seit den 90er Jahren serienreifen, militärischen Systemen, die ein Bild von oben projizieren.

Sergey Brin erläuterte während einer Präsentation, dass dieses Display niemals stören oder im Blickfeld sein sollte, wenn es der Anwender nicht wünscht. Die Anzeige ist deshalb versetzt über dem rechten Auge platziert und wirkt von der Größe her wie ein Bildschirm mit einer Diagonalen von 60 cm, den man aus einer Entfernung von zwei bis drei Metern betrachtet. Die Auflösung ist in dieser Nähe nicht ausschlaggebend und mit 640 x 360 Bildpunkten auch nicht besonders hoch. Es reicht aber für die Mobilversion von Webseiten.

Um etwas zu erkennen, müssen Anwender den Blick auf das Prisma richten, was ähnlich wie bei einer Lesebrille einen gewöhnungsbedürftigen Fokussierungswechsel erfordert und auf Dauer ermüdend ist. Laut Sergey Brin arbeitet Google noch an der optimalen Darstellung von Informationen und Menüelementen.

Ausblick: Preise und Verfügbarkeit

Die Entwicklerversion von Glass bringt noch keine Brillengläser mit. Das marktreife Modell soll sich allerdings auch mit normalen Brillen kombinieren lassen. Der Akku mit einer Kapazität von 570 mAh soll bei normaler Verwendung – also ohne lange Videoaufnahmen – einen ganzen Tag lang halten. Als Lademöglichkeit dient ein Micro-USB-Anschluss.

Google weist immer wieder darauf hin, dass die Spezifikationen der Explorer Edition diejenigen eines Vorserienmodells sind und dass sich die Hardware bis zum fertigen Gerät noch weiter entwickeln soll. Immerhin deuten alle Berichte der Tester, die Google Glass auf eigene Faust zerlegt haben, darauf hin, dass die Technik von der Stange und deshalb erschwinglich ist. Der Preis von 1500 US-Dollar für die Vorab-Modelle ist wohl auch als Schutzgebühr zu verstehen. Mehr als 10 000 Exemplare dürften weltweit noch nicht in Umlauf sein. Ausgehend von dem niedrigen Materialpreis schätzen Branchenkenner den möglichen Straßenpreis auf 300 bis 400 US-Dollar. Die Marktreife soll das Produkt Anfang 2014 erlangen, aber bis es auf regulärem Vertriebsweg nach Europa kommt, könnten doch noch einige Monate mehr vergehen.

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