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Fotografieren ohne Automatik - so geht's

20.10.2014 | 10:26 Uhr |

Verlassen Sie sich nicht immer auf den Automatik-Modus Ihrer Kamera. Probieren Sie, die Kamera manuell zu steuern. Das gelingt mit etwas Übung einfacher, als Sie denken

Automatik-Modi bieten moderne Kameras im Überfluss und für jede Aufnahmesituation. Doch auch wenn die Kamera so korrekt belichtete Fotos erzeugt, Sie geben damit ein großes Stück an Gestaltungsmöglichkeit aus der Hand. Profi-Fotografen benutzen daher in den meisten Fällen nur den manuellen Modus und stellen Empfindlichkeit, Belichtungszeit und Blendenöffnung selber ein. Probieren Sie es einfach mal aus, mehr als Übung und ein wenig Grundwissen, wie das Zusammenspiel dieser Einstellmöglichkeiten zum gewünschten Bild führt, brauchen Sie dafür nicht. Und schon nach kurzer Zeit haben Sie ein gutes Gefühl, welche Kameraeinstellung zur jeweiligen Aufnahmesituationen passt.

Dei geheimen Tricks der Profi-Fotografen

So arbeiten Automatik-Modi

Neben Tricks bei der Belichtung ist das Spiel mit der Unschärfe ein populäres Stilmittel. So beispielsweise bei Porträt-Aufnahmen: Hier erscheint das Porträt scharf, der Hintergrund verläuft in Unschärfe. Dieser geringe Schärfebereich macht sich umso mehr bemerkbar, je größer die Fläche des Bildsensors ist. Wir empfehlen daher mindestens die Fläche eines Micro-Four-Third-Sensors, wie ihn die Systemkameras von Olympus und Panasonic verwenden. Achtung: Nicht bei jedem Motiv ist so ein geringer Schärfebereich erwünscht. Vor allem bei Makro-Aufnahmen möchte man einenmöglichst hohen Schärfebereich abdecken, auch für Landschaftsaufnahmen ist dies das Mittel der Wahl.

Dementsprechend orientieren sich die Automatik-Modi der Kameras genau an dieser Anforderung: Im Porträt-Modus wählt die Kamera eine möglichst offene Blende für einen möglichst geringen Schärfebereich. Bei Makro- und Landschaftsaufnehmen setzt die Kamera auf eine möglichst geschlossene Blende, damit das Bild bestmöglich durchgehend scharf abgebildet werden kann.

Für Sport-Aufnahmen stellt die Kamera einen Autofokus-Modus ein, der das Motiv automatisch verfolgt (AF-S) und sorgt für eine möglichst kurze Belichtungszeit, um eine Bewegungsunschärfe zu vermeiden. Auch für Blitzaufnahmen gibt es bei den meisten Kameras verschiedene Modi: Beispielsweise belichtet die Kamera im Modus Porträt bei Nacht das Bild mit höherer Empfindlichkeit und längerer Belichtung, der Blitz friert wegen seiner deutlich kürzeren Abbrenndauer das Motiv im Vordergrund ein.

Der Porträt-Modus sorgt für eine möglichst offene Blende. So verschwimmt der Hintergrund in Unschärfe. Je größer die Fläche des Bildsensors, desto stärker ist dieser Effekt.
Vergrößern Der Porträt-Modus sorgt für eine möglichst offene Blende. So verschwimmt der Hintergrund in Unschärfe. Je größer die Fläche des Bildsensors, desto stärker ist dieser Effekt.
© Markus Schelhorn

Vorteile des manuellen Modus

Auch wenn Automatik-Modi für viele Aufnahmesituationen die gewünschten Bilder liefern, es gibt einige Situationen, in denen nur Sie entscheiden können, wie Sie das Bild belichten möchten. Besonders bei Motiven mit sehr starken Helligkeitsunterschieden kann die Kamera nicht korrekt auf das Motiv belichten, das Sie möchten. Zwar können die Automatik-Modi dies in vielen Fällen noch richten, aber letztendlich können nur Sie wissen, welchen Bildbereich Sie auf welche Weise belichtet haben möchten. Bestes Beispiel: Eine Person im Gegenlicht. Hier bieten sich ganz nach Ihrem Wunsch zwei mögliche Belichtungs-Szenarien an: Entweder möchten Sie die Person wie einen Scherenschnitt Schwarz abbilden, oder Sie belichten die Person korrekt, sodass der Hintergrund überstrahlt. Beide Szenen können Sie sehr gut als stilbildendes Element verwenden, die Kamera kann diese Entscheidung jedoch nicht treffen.

Bei Gegegenlicht-Aufnahmen können Sie im manuellen Modus genau bestimmen, ob Sie die Personen als Scherenschnitt abgebildet haben möchten, oder korrekt belichtet mit überstrahltem Hintergrund.
Vergrößern Bei Gegegenlicht-Aufnahmen können Sie im manuellen Modus genau bestimmen, ob Sie die Personen als Scherenschnitt abgebildet haben möchten, oder korrekt belichtet mit überstrahltem Hintergrund.
© Markus Schelhorn

Manuell für volle Kontrolle

Wir konzentrieren uns zunächst auf die Wirkungsweise der Komponenten. Blende, Belichtungszeit und ISO. Eine vierte Komponente lassen wir der Einfachheit halber außen vor: den Bildstil. Denn im Automatik-Modus wählt die Kamera einen eigenen Bildstil, der beispielsweise für Porträt-Aufnahmen die Hauttöne weicher erscheinen lässt oder für kräftiges Grün bei Landschaftsaufnahmen sorgt. Die Bildstile sind allerdings nur dann interessant, wenn Sie im JPEG-Format fotografieren. Bei RAW-Aufnahmen werden diese Bildstile in der Regel erst am Rechner eingestellt.

Die Blendenreihe ist eine der wichtigsten Orientierungen für den Fotografen. Je kleiner die Blendenzahl, desto größer ist die Blendenöffnung. Mit jeder weiteren geschlossenen Blendenstufe halbiert sich die Lichtmenge,die auf den Bildsensor trifft.
Vergrößern Die Blendenreihe ist eine der wichtigsten Orientierungen für den Fotografen. Je kleiner die Blendenzahl, desto größer ist die Blendenöffnung. Mit jeder weiteren geschlossenen Blendenstufe halbiert sich die Lichtmenge,die auf den Bildsensor trifft.
© Markus Schelhorn

Die Blende

Die Blende bestimmt, wie viel Licht auf den Bildsensor fällt. Je offener die Blende, desto mehr Licht fällt auf den Sensor. Sobald Sie die Blende schließen, verringert sich dementsprechend die Lichtmenge, die auf den Bildsensor fällt. Anfangs etwas verwirrend ist, dass eine kleine Blendenzahl eine große Blendenöffnung meint. Und je größer die Blendenzahl, desto kleiner wird die Blendenöffnung. In der Fotografie hat man Blendenstufen definiert. Diese Reihe merken Sie sich am Besten oder notieren sie. Jede Blendenstufe halbiert die Lichtmenge, die auf den Bildsensor fällt. Die Blendenreihe für gängige Objektive lautet: 1,4 – 2 – 2,8 – 4 – 5,6 – 8 – 11 –16 – 22. Als Beispiel verringern Sie die Lichtmenge um die Hälfte, wenn Sie die Blendenöffnung von F4 auf F5,6 verkleinern.

Bei sich schnell bewegenden Motiven muss die Belichtungszeit möglichst kurz sein, damit keine Bewegungsunschärfe entsteht. In dieser Abbildung beträgt sie 1/640 Sekunde.
Vergrößern Bei sich schnell bewegenden Motiven muss die Belichtungszeit möglichst kurz sein, damit keine Bewegungsunschärfe entsteht. In dieser Abbildung beträgt sie 1/640 Sekunde.
© Markus Schelhorn

Die Belichtungszeit

Je weniger Licht zu Verfügung steht, desto länger müssen Sie das Motiv belichten. Das bedeutet, dass Sie die Belichtungszeit entsprechend erhöhen müssen, solange Sie nichts an der Blende und der Empfindlichkeit geändert haben. Eine Eigenart bringt eine lange Belichtung, die sehr gerne als Stilmittel verwendet wird: Die Bewegungsunschärfe. Bei Aufnahmen von Personen möchte man dies aber meist vermeiden. Hier sollte die Belichtungszeit nicht länger als 1/60 Sekunden sein, ab 1/125 Sekunde vermeiden Sie weitestgehend eine Bewegungsunschärfe. Anders ist dies bei Sportaufnahmen: Hier sollte die Belichtungszeit möglichst kurz sein, damit keine Bewegungsunschärfe auftritt. In der Praxis sollte sie bei maximal 1/500 Sekunden liegen, ideal ist eine kürzere Belichtungszeit von rund 1/1000 Sekunden. Da in diesem Fall nur wenig Licht auf den Bildsensor trifft, sollten Sie eine möglichst große Blendenöffnung wählen und zur Not auch die Empfindlichkeit entsprechend erhöhen.

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Die Empfindlichkeit

In analogen Zeiten war die Empfindlichkeit des Films vorgegeben. Das ist bei Digitalkameras vorbei, hier können Sie die Empfindlichkeit jederzeit verändern, während Sie bei einer Analogkamera einen empfindlicheren Film einlegen mussten. Doch eines ist geblieben: Digitalkameras haben die Bezeichnung ISO aus der analogen Welt übernommen, auch wenn es technisch keine Gemeinsamkeit gibt. Je niedriger der Wert, desto weniger Empfindlich reagiert der Bildsensor auf Licht und umso geringer ist das Bildrauschen, das sich besonders in dunklen Bildbereichen durch Farbpunkte bemerkbar macht. Ein üblicher Wert ist hier ISO 100, der bei hellem Sonnenschein gewählt wird. Bei Fotografien in Räumen ohne Blitz bewegt sich der ISO-Wert üblicher Weise bei ISO 800 bis maxi-mal ISO 3200. Höherwertigeren Kameras gelingen selbst bei ISO 3200 noch Aufnahmen, die einen guten Kompromiss zwischen Bildqualität und Aufnahmeeinstellung bieten. Wir empfehlen auch bei Blenden- und Zeit automatik den ISO-Wert selber fest zu legen und nicht auf „Auto“ zu belassen. Anfangs werden Sie besonders beim Wechsel von zwei Aufnahmesituationen vergessen, den ISO-Wert umzustellen. Doch mit etwas Routinewerden Sie dies ganz automatisch machen.

Das Fotografieren immanuellen Modus ist kein Hexenwerk. Einmal auf den Geschmack gekommen, werden Sie immer öfters Ihre Kamera manuell einstellen.
Vergrößern Das Fotografieren immanuellen Modus ist kein Hexenwerk. Einmal auf den Geschmack gekommen, werden Sie immer öfters Ihre Kamera manuell einstellen.
© Markus Schelhorn

Drei Stellschrauben

Wenn Sie im manuellen Modus fotografieren, dann müssen Sie die Einstellungen für Blende, Belichtungszeit und ISO in Einklang bringen. Als Richtwertdient hier die Blendenstufe. Denn auch mit der Belichtungszeit und der ISO-Einstellung können Sie eine Aufnahmeanalog zu Blendenstufen beeinflussen. Das klingt zunächst kompliziert, aber ein einfaches Szenario verdeutlicht dies: Wenn Sie eine Aufnahme mit Blende F4, ISO 200 und einer Belichtungszeit von 1/200 Sekunden erstellen, dann können sie durch das Ändern zweier Einstellungen dieselbe Belichtung erreichen.

Möchten sie beispielsweise die Blende von F4,0 auf F5,6 um eine Blendenstufe schließen, dann müssen Sie entweder mit der Belichtungszeit oder der Empfindlichkeit gegen steuern. Der nötige Wert lässt sich einfach errechnen: Die Blendenöffnung ist um eine Blendeverringert, also fällt nur noch halb soviel Licht auf den Bildsensor. Also muss der Bildsensor entweder doppelt solange belichtet oder die Empfindlichkeit muss doppelt so hoch gewählt werden. In diesem Beispiel müssen Sie also entweder den ISO-Wert von 200 auf 400 oder die Belichtungszeit von 1/200 Sekunde auf 1/100 Sekunde verdoppeln.

Zum Abschluss noch ein paar Antworten auf typische Unklarheiten beim Fotografieren:

PSAM - Was ist das eigentlich?

PSAM ist ein verbreiteter Begriff, der für die manuelle Kontrollmöglichkeit einer Kamera steht. Er setzt sich aus den Anfangsbuchstaben von vier Begriffen zusammen.

Programm: Das „P“ steht dabei für Programm: Hier wählt die Kamera Blende und Verschlusszeit automatisch, Sie können jedoch die Empfindlichkeit (ISO) nach Wunsch bestimmen und den Blitz genauer steuern.

Zeitvorwahl: Das „S“ steht für Shutter, gemeint ist die Belichtungszeit. Hier wählen Sie die Belichtung und die Kamera stellt automatisch die Blende sowie die Empfindlichkeit (ISO) passend ein, sofern Sie selber keinen festen Wert für die Empfindlichkeit gewählt haben. Manche Kamerahersteller nennen diesen Modus auch „T“oder „Tv“. Dieser Modus eignet sich beispielsweise für Sportaufnahmen, bei denen Sie durch eine möglichst kurze Belichtungszeit eine Bewegungsunschärfevermeiden können.

Blendenvorwahl: Das „A“ steht für Aperture, also Blende. Hier wählen Sie die Größe der Blendenöffnung und die Kamera bestimmt automatisch die Belichtungszeitund die Empfindlichkeit. Einige Hersteller nennen diesen Modus auch „Av“.

Manuell: Das „M“ steht für manuell. Hier stellen Sie sowohl Blende als auch Belichtungszeit selber ein. Sofern Sie ISO nicht auf automatisch gestellt haben, wovon wir abraten, müssen Sie auch die Empfindlichkeit selber wählen.

Belichtungs-Dreieck - Welche Technik erzielt welchen Effekt?

An einem Beispiel veranschaulichen wir den Zusammenhang von Blende, Belichtungszeit und Empfindlichkeit. In allen gezeigten Einstellungen erhalten sie immer ein gleich belichtetes Bild. Probieren Sie es selber aus!

Blende

Belichtungszeit

ISO

Belichtungszeit

bleibt

gleich:

2,8

1/200 s

100

4.0

1/200 s

200

5,6

1/200 s

400

8.0

1/200 s

800

ISO

bleibt

gleich:

2,8

1/400 s

200

4,0

1/200 s

200

5,6

1/100 s

200

8,0

1/50 s

200

Blende

bleibt

gleich:

4,0

1/400 s

400

4,0

1/200 s

200

4,0  

1/100 s

100

4,0

1/50 s

50

Belichtungsmessung - Worauf kommt es an?

Die Kameras bieten mehrere Möglichkeiten der Belichtungsmessung. Einer der ältesten Messmethoden ist die mittenbetonte Integralmessung.

Hier berücksichtigt die Kamera das gesamte Bild für die Messung und gewichtet die mittlere Helligkeit stärker. Bei Motiven mit gleichmäßiger Helligkeitsverteilung sind die Ergebnisse gut, aber unterscheidet sich die Lichtsituation vom Hauptmotiv und der Umgebung stark, stößt diese Messmethode an seine Grenzen.

Mehrfeldmessung: Besser geeignet und ein guter Allrounder ist für die meisten Situationen die modernere Mehrfeldmessung. Die Kamera teilt das Bild in mehrere Sektoren auf und kann so die Lichtverteilung im Bild abhängig vom Motiv und dem gewählten Autofokuspunkt besser erkennen. Diese Messmethode ist für die meisten Motive die erste Wahl.

Spotmessung: Möchten Sie exakt auf Ihr Hauptmotiv belichten, dann können Sie die Spotmessung verwenden. Diese deckt rund fünf Prozent vom Gesamtmotiv ab. Der Nachteil: Hier kann aufgrund des geringen Messbereichs das Ergebnis stark schwanken. Aus diesem Grund bieten viele Kameras eine sogenannte Selektivmessung an, die einen größeren Messbereich von rund zehn Prozent bietet.

Gehört 4K die Zukunft der Fotografie?

JPEG oder RAW - Wirklich ein Unterschied?

Wenn Sie die bestmögliche Qualität erreichen möchten, dann verwenden Sie das RAW-Format

Dieses “digitale Negativ“ entwickeln Sie erst am Rechner, beispielsweise mit Apple Aperture oder Adobe Lightroom. Die Nachteile: Die größere Datenmenge und der Mehraufwand für das Entwickeln am Mac.

Fotografieren Sie im JPEG-Format, dann übernimmt die Kamera selber die Entwicklung der Bilder. Beispielsweise legt die Kameraso Farbstil, Farbtemperatur und Farbraum fest. Auch die Datenmenge ist geringer als bei RAW-Aufnahmen. Die Nachteile: Spätere Änderungen gehen auf Kosten der Qualität, zudem haben Sie deutlich weniger Spielraum bei der Korrektur von Lichter und Schatten.

Autofokus - Eine gute Idee?

Eine Digitalkamera bietet mehrere Fokusfelder, die Sie bei hochwertigen Kameras entweder zu einer Gruppe zusammenschließen oder einzeln bestimmen können.

Sind die Felder zu einer Gruppe zusammen gefasst, besteht die Gefahr, dass Sie aus Versehen auf ein anderes Motiv fokussieren als gewünscht. Daher empfehlen wir, nur einen Messpunkt zu verwenden. Doch der Autofokus kann noch mehr. So haben Sie die Wahl zwischen Single Autofokus (AF-S), bei dem Sie die Kamera auf das Motiv scharf stellen und diese Einstellung behält. Besonders für Sportaufnahmen interessant ist der Continuous Autofokus (AF-C), der sich konstant auf ein einmal anvisiertes Motiv scharf stellt, wenn sich die Entfernung zum Motiv ändert. Canon nennt dies AI-Servo. Sie können auch manuell auf ein Motiv fokussieren. Doch dies lohnt sich in der Regel für geduldsame Makrofotografen oder für den Videomodus.

Dieser Artikel stammt aus der FotoWelt 1/2014

Die Highlights der Photokina, die Tricks der Profis, 20 Systemkameras im Test - das und mehr lesen Sie in der neuen FotoWelt 1/2014 !

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