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Fotografieren mit Gegenlicht: Darauf muss man achten

27.10.2014 | 11:15 Uhr |

Moderne Kameras sind toll, weil sie dank ausgeklügelter, intelligenter Elektronik sehr viel selber leisten. Allerdings bringt eine Situation die meisten Kamera-Automatiken an ihre Grenzen: Gegenlicht. Dabei ist das nicht nur ein Problem, sondern vor allem auch ein wunderbares Stilmittel.

Eine Kamera fängt das Licht ein, das vom Motiv reflektiert wird. Was aber, wenn sich hinter dem Objekt der Begierde eine Lichtquelle befindet, die viel heller strahlt als das Motiv selber; beispielsweise die Sonne. Dann hat Ihre Kamera ein ziemlich großes Problem. Sie wird zumindest im automatischen Modus versuchen, eine Überbelichtung zu verhindern. Allerdings wird sie ziemlich sicher den Bereich mit der maximalen Helligkeit als Bezug nehmen, also das Licht hinter dem Motiv. Das Ergebnis ist naheliegend: Das eigentliche Bildobjekt ist vollkommen unterbelichtet. Hilft man mit der manuellen Belichtungsspeicherung nach und schafft es, die Belichtung auf dem Motiv zu messen, ist das Resultat meist umgekehrt: Das Gegenlicht überstrahlt alles, das Foto ist überbelichtet.

Was ist Gegenlicht?

Vielfach assoziiert man mit Gegenlicht immer die Sonne, die sozusagen dem Objektiv entgegensteht. Allerdings kann Gegenlicht alles Mögliche bedeuten – Autoscheinwerfer ebenso wie eine Lampe oder auch einfach nur ein Fenster im Hintergrund. Wie sehr das als Herausforderung zu betrachten ist, hängt immer auch davon ab, wie groß die Lichtdifferenz zur Umgebung ist. Das Abblendlicht eines Fahrzeugs am Tag ist zwar heller als das Tageslicht, aber nicht so, dass es die Belichtungsmessung dramatisch beeinflusst. Das gleiche Licht in tiefer Nacht wirkt dagegen extrem blendend und grell. Auch die untergehende Sonne ist Gegenlicht, aber hier gilt ebenfalls, dass ihre Intensität deutlich geringer ist als beispielsweise in den frühen Mittagsstunden oder tiefer stehend am Nachmittag. Tatsächlich ist die Sonne fotografisch die größte Herausforderung, denn nichts strahlt heller als die Sonne. Entsprechend ist hier übrigens auch ein wenig Vorsicht geboten; der Blick durch die Teleoptik einer DSLR mit optischem Sucher ist nicht gerade optimal für die Augen, nutzen Sie hier lieber den Live-View. Je nachdem, wie sich die Umgebung präsentiert, empfiehlt sich außerdem die Verwendungeiner Gegenlichtblende, um Streulichtso gut wie möglich abzuhalten. Gerade im Schnee oder bei Wasserflächen sind die Lichtwege aufgrund der zahlreichen Reflexionen kaum kontrollierbar.

Fotografieren ohne Automatik

Gegenlicht ist keineswegs nur störend. Stimmt das Umfeld, wird es sogar selbst zum Motiv.
Vergrößern Gegenlicht ist keineswegs nur störend. Stimmt das Umfeld, wird es sogar selbst zum Motiv.

Kamera-Einstellungen

Für Gegenlichtaufnahmen können Sie entweder den Automatik-Modus verwenden, oder Sie stellen die Kamera manuell ein. Im zweiten Fall bedeutet das, den ISO-Wert auf 100 zu reduzieren, eine kleine Blendenöffnung zuwählen und auch die Belichtungszeit so zu reduzieren, dass am Ende nicht einfach auf dem Bild nur eine gleißende Fläche zu sehen ist. Eventuell können Sie sogar zusätzlich mit der Belichtungskorrektur noch um einen oder zwei Schritte heruntergehen, wenn alle anderen Maßnahmen nicht helfen sollten und die Kamera immer noch überbelichtet. Es besteht – ungewöhnlich genug – sogar die Option, auf ein lichtschwächeres Objektiv zu wechseln, wenn es einfach zu hell sein sollte.

Im Hinblick auf die Brennweite empfiehlt sich eine Normalbrennweite oder aber auch ein leichtes Tele, also ähnlich wie in der Porträt-Fotografie. Weitwinkel-Optiken sind weniger geeignet, taugen aber bei einem solchen Szenario wie dem Einstiegsbild in diesen Artikel. Allerdings ist hier das Gegenlicht auch nur das gestalterische Element des gesamten Bergpanoramas, weshalb das in diesem Fall funktioniert.

Es muss nicht immer strahlender Sonnenschein sein, allerdings sind solche durchstrahlten Wolkenlöcher auch ein Glücksfall, der für eine gespenstische Atmosphäre sorgt.
Vergrößern Es muss nicht immer strahlender Sonnenschein sein, allerdings sind solche durchstrahlten Wolkenlöcher auch ein Glücksfall, der für eine gespenstische Atmosphäre sorgt.

Standort wechseln

Die einfachste Maßnahme gegen zuviel frontales Licht besteht darin, den Standort zu wechseln, sodass Sie zumindest Seitenlicht oder Licht schräg von hinten haben. Wenn das Foto einen rein dokumentarischen Zweck hat, ist das durchaus ein probates Mittel. Allerdings können Sie das Gegenlicht auch zu Ihrem Verbündeten machen und als Stilmittel einsetzen. Dabei haben Sie mehrere Möglichkeiten, abhängig von den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln. Die simpelste Variante ist tatsächlich ein Standort - oder zumindest Perspektivenwechsel. Allerdings nur so weit, dass die Lichtquelle hinter dem eigentlichen Objekt verschwindet oder aus dem Bildmittelpunkt wandert, sodass Sie nicht direkt ins Licht fotografieren müssen. Damit können Sie dann die Belichtung auf dem Motiv messen und fotografieren. Allerdings wird Ihnen die Lichtquelle als greller Punkt im Bild erhalten bleiben, was nicht unbedingt schlimm ist. Zumal dies einen zusätzlichen Effekt bewirken, kann: das so genannte Lens Flare, auf Deutsch Blendenflecke. Sie entstehen durch Reflexionen und Streuung innerhalb des Objektivs, genauer gesagt, innerhalb des Linsenverbundes. Die Flecken lassen sich hinsichtlich der Position und Farbe kaum steuern, sorgen aber für einen interessanten Bildeffekt. Allerdings gibt es zur Erzeugung der Flecken zwei Faustregeln. Zum einen gilt, dass der Bereich, in dem Lens Flare auftritt, umso größer wird, je weiter Sie die Lichtquelle an den Bildrand rücken, bei Weitwinkelbrennweiten ist der Effekt stärker als bei Telebrennweiten. Zum anderen erzeugen Objektive mit zunehmender Menge an Linsen mehr Blendenflecke. Wollen Sie also Lens Flare in Ihrem Foto, nutzen Sie ein Zoom und kein Festbrennweiten-Objektiv.

Expedition-Fotografin Ulla Lohmann im Interview

Blendenflecken (rechts im Bild) sind ein schwer kontrollierbarer, aber dennoch mitunter schöner Effekt bei Gegenlichtaufnahmen.
Vergrößern Blendenflecken (rechts im Bild) sind ein schwer kontrollierbarer, aber dennoch mitunter schöner Effekt bei Gegenlichtaufnahmen.

Silhouetten

Natürlich lässt sich der Effekt des überstrahlten Motivs auch künstlerisch nutzen. Dann nehmen Sie billigend in Kauf, dass Ihr eigentliches Motiv sehr dunkel wird, Kontraste verschwinden und das Licht wird das Bild dominieren. Das kann sehr reizvoll sein, weil dann dem Betrachter sehr viel Interpretationsspielraum bleibt. Hier ist es sinnvoll, mit kleineren Blendenöffnungen zu arbeiten, da sonst am Ende ein vollkommen über-belichtetes Foto steht.

Auch der Sonnenuntergang ist eine Form von Gegenlichtaufnahme. Am Meer auch noch mit dem Wasser als natürlichem Reflektor.
Vergrößern Auch der Sonnenuntergang ist eine Form von Gegenlichtaufnahme. Am Meer auch noch mit dem Wasser als natürlichem Reflektor.

„Anti-Gegenlicht“

Die dritte Variante, mit Gegenlicht fertig zu werden, ist ein Blitz. Sie blitzen also praktisch gegen das Licht an und rücken damit das Motiv wieder in den Vordergrund. Das Besondere an der Technik ist, dass das Bild trotz grellem Hintergrund richtig ausgeleuchtet und belichtet wird, man aber dennoch das Gegenlicht erkennt. In der Regel – und das fällt dem Betrachter unterbewusst auf, sind bei solchen Aufnahmen kaum Schattenwürfe zu erkennen, was den Fotos eine gewisse Unnatürlichkeit verleiht, sie aber gleichzeitig sehr ästhetisch wirken lässt.

Bei geplanten Gegenlicht-Aufnahmen ist auch der Einsatz eines Reflektors denkbar. Im Gegensatz zum Blitz ist er allerdings schwieriger zu kontrollieren. Und gerade für Porträtfotos auch etwas problematisch, wenn das Model plötzlich mit zusammengekniffenen Augen da steht, weil der Reflektor ähnlich grell erscheint wie die Sonne. Umgekehrt kann aber ein „Reflektor„ auch eine wunderbare Gegenlichtquelle sein, etwa in Form einer glänzenden Radkappe eines alten Autos oder einer Wasseroberfläche. Ein Klassiker ist hier beispielsweise der Sonnenuntergang am Meer.

Zwei Arten, mit Gegenlicht umzugehen: Den Vordergrund bewusst unterbelicht und damit etwas vage darstellen (links) oder gegen die Lichtquelle anblitzen (rechts).
Vergrößern Zwei Arten, mit Gegenlicht umzugehen: Den Vordergrund bewusst unterbelicht und damit etwas vage darstellen (links) oder gegen die Lichtquelle anblitzen (rechts).

Gegenlicht ist eigentlich lästig, weil es nicht ganz einfach ist, damit umzugehen. Wenn Sie sich allerdings darauf einlassen, mit dem Licht zu arbeiten, dann wird daraus ein Schuh und Sie dürfen sich auf wunderschöne Aufnahmen freuen, die eben mehr sind als perfekt belichtete Motive.

Dieser Artikel stammt aus der FotoWelt 1/2014

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