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Fedora 22 - Große Änderungen für die Linux-Distribution

10.08.2015 | 11:09 Uhr |

Mit behutsamen Neuerungen gibt sich diese Distribution nie zufrieden. Auch Fedora 22 liefert größere Umbauten auf und unter der Oberfläche. Komplett ausgereift wirkt der Trendsetter diesmal nicht.

Nach der letzten Version, deren Fertigstellung fast ein Jahr dauerte, beschleunigt das von Red Hat gesponserte Fedora-Projekt wieder mit halbjährlichen Veröffentlichungen. Das letzte Fedora präsentierte mit der Aufteilung der Distribution in die Varianten Workstation, Server und Cloud eine neue Orientierung des Projekts. Mit dieser Ausrichtung ist klar, dass es der Distribution nicht mehr um Desktop-Anwender und Einsteiger geht, sondern um ambitionierte Anwender. Die Entwicklung von Fedora ist das öffentliche Versuchslabor von Red Hat. Wenn sich eine Neuentwicklung bewährt, so wandert diese oft in die hauseigenen Distributionen Red Hat Enterprise Linux und Cent-OS für Server oder Firmen-Desktops mit langen Unterstützungszeiträumen mit bis zu elf Jahren. Fedora präsentiert dagegen eine Vorschau, wie sich Neuentwicklungen in der Praxis schlagen und auf welchem Stand richtungweisende Systemkomponenten wie der Display-Server Wayland und der Gnome-Desktop sind. Der Unterstützungszeitraum ist mit 13 Monaten entsprechend kurz.

Ein frisches Gnome am Desktop

Traditionell spielt Gnome 3 als Arbeitsumgebung in Fedora eine zentrale Rolle und liegt jetzt in Version 3.16.1 vom März 2015 vor. Sie liefert einen umgestalteten Meldungsbereich am oberen Bildschirmrand, und das Kalender-Applet sammelt die vorherigen System-und Programmmeldungen. Charmant: Unter anderem nutzt das Gnome-Terminal die neuen Benachrichtigungen und zeigt bei länger laufenden Kommandos einen Hinweis an, wenn diese abgeschlossen sind.

Der Infobereich, in dem Hintergrundprogramme Symbole ablegen können, ist die untere linke Ecke gewandert und hält sich angenehm im Hintergrund. Als Option steht bei der Anmeldung auch wieder der Classic-Mode zur Verfügung.

Ist kein 3Dfähiger Grafikchip vorhanden, nutzt Gnome Software-Rendering über den Hauptprozessor.
Vergrößern Ist kein 3Dfähiger Grafikchip vorhanden, nutzt Gnome Software-Rendering über den Hauptprozessor.

Wayland: Langer Weg zum Standard

Wie die Vorgängerversion lieferte auch Fedora 22 neben dem herkömmlichen X-Server auch Wayland zum Ausprobieren mit und zeigt dazu auf dem Log-in-Bildschirm die Desktop-Option „GNOME unter Wayland“. Fedora 22 geht jetzt aber einen Schritt weiter und zeigt auch den Log-in-Bildschirm standardmäßig unter Wayland an.

Diese Entscheidung ist gewagt, da der neue Display-Server noch nicht auf allen Grafikchips läuft. Besonders Nvidia-Karten bereiten noch Schwierigkeiten. Funktioniert Wayland nicht, so muss es manuell in der Konfigurationsdatei „/etc/gdm/custom.conf“ abgeschaltet werden wie unter https://fedoraproject.org/wiki/Documentation_Desktop_Beat beschrieben. Fedora-Fans wird das nicht schrecken, aber für Einsteiger sind Probleme dieser Art schwer zu beheben.

Im neuen Gnome erkennt das Terminal-Fenster, wenn ein Befehl abgeschlossen ist, und meldet dies über das neue Benachrichtigungssystem.
Vergrößern Im neuen Gnome erkennt das Terminal-Fenster, wenn ein Befehl abgeschlossen ist, und meldet dies über das neue Benachrichtigungssystem.

Software: Neuer Paketmanager

Fedora 22 installiert die typische Auswahl von Gnome-Programmen in den aktuellen Versionen. Standard-Browser ist der laufend aktualisierte Firefox , und Libre Office ist in Version 4.4 mit von der Partie. Der Linux-Kernel arbeitet in Version 4.0.4. Damit ist Fedora die erste große Distribution, die den Sprung auf die 4er-Serie des Kernels macht. Wie immer ist Fedora streng auf Open-Source-Software bedacht, und viele Codecs für patentrechtlich geschützte Audio-und Videoformate fehlen. Diese liefert das externe Repository von RPM Fusion nach, das über den Browser schnell eingebunden ist .

Zur Software-Installation gibt es eine grafische Paketverwaltung im Stil eines App-Stores, der aber sehr langsam ist und nicht alle verfügbaren Pakete mit ihren Abhängigkeiten anzeigt. Fortgeschrittene Anwender werden deshalb das Paketmanagement per Kommandozeile bevorzugen, für das Fedora 22 jetzt das herkömmliche YUM mit dem neuen DNF ersetzt. DNF ist in Python 3 neu geschrieben, arbeitet deutlich schneller dank eines besseren Caches für die verwendeten Online-Paketquellen. Die wichtigen Befehle sind alle von YUM übernommen, so dass der Umstieg keine Schwierigkeiten macht. Zudem erlaubt DNF jetzt die Einbindung von inoffiziellen Repositories im Stil der PPAs von Ubuntu.

Voraussetzungen und Installation

Der Speicherhunger von Gnome 3.16.1 ist groß, und so belegt Fedora 22 Workstation schon nach der Anmeldung ohne gestartete Programme rund 700 MB RAM. Zwei GB RAM sind daher das Minimum. Ein Mehrkernprozessor ist für Gnome vorteilhaft, ein 3D-fähiger Grafikchip ist dagegen optional. Installiert benötigt das System mindestens vier GB auf der Platte, wobei dann es dann noch nicht mit zusätzlichen Anwendungen ergänzt wurde. Um die Installation kümmert sich das gewöhnungsbedürftige Programm Anaconda, das weiterhin seinen eigenwilligen Partitionierer nutzt.

Patentrechtlich geschützte Codecs und Player liegen in Fedora in den externen Paketquellen von RPM Fusion.
Vergrößern Patentrechtlich geschützte Codecs und Player liegen in Fedora in den externen Paketquellen von RPM Fusion.

Fazit: Fedora reift beim Anwender

Im Dauereinsatz als Desktop-System erweist sich Fedora 22 problematischer als die Vorgängerversion. Die Anzeige der grafischen Oberfläche wirkt mit den nicht ganz abgeschlossenen Umbauten auch auf braver Intel-Hardware nicht ganz flüssig: Ein bisweilen schleppender Mauszeiger unter Gnome, vereinzelte Grafikfehler bei der Textdarstellung in Libre Office und manchmal unsichtbare Symbole im Panel stören bei der Arbeit. Fedora braucht stets eine Weile, bis es beim Anwender nach diversen fehlerbereinigten Aktualisierungen reift. Bei Fedora 22 dauert dieser Reifeprozess länger als gewohnt, und Anwender müssen für größere und kleinere Probleme in der Zwischenzeit auf eigene Faust nach Lösungen Ausschau halten. Die Anlaufstellen im Web dazu sind die englischsprachigen Webseiten http://fedoramagazine.org , www.fedoraforum.org und https://ask.fedoraproject.org . Wer sich die Zeit nimmt, kann auch mit Fedora 22 und dem neuen Gnome einen soliden Desktop erwarten. Zahmer verhalten sich die anderen Varianten der Fedora Workstation mit den konservativeren Desktops XFCE, Mate und LXDE .

Website: https://getfedora.org Dokumentation: http://docs.fedoraproject.org

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