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Experimentelles Multi-Boot mit Android

19.06.2014 | 08:34 Uhr |

Wem Android nicht genügt, kann parallel auch noch Linux auf einem Nexus-7-Tablet installieren. Über einen Boot-Manager lässt sich dann jeweils das gewünschte System starten.

Android-Geräte sind bei der Auswahl des Betriebssystems nicht flexibel. Es ist nicht vorgesehen, ein anderes oder neueres System zu installieren, außer der Hersteller bietet es selbst als Update an. Es gibt jedoch Entwickler, die alternative Systeme (Custom-ROMs) für Android-Geräte kostenlos zur Verfügung stellen, welche in der Regel das bisherige Android-System ersetzen. Damit lassen sich dann beispielsweise ältere Geräte auf eine neuere Android-Version aktualisieren, wenn der Hersteller kein Update anbietet. Custom-ROMs mit Android oder Linux eignen sich aber auch für Experimente mit unterschiedlichen Systemen. Um diese auszuprobieren, können Sie den Boot-Manager Multi ROM installieren, der den Wechsel zwischen mehreren Systemen erlaubt. Der Artikel beschreibt exemplarisch, wie das mit einem Google Nexus 7 (Modell 2012) unter Ubuntu 13.10 funktioniert.

Achtung: Die Installation mehrerer Systeme auf einem Android-Gerät ist ein Eingriff, der Nebenwirkungen haben kann. Wenn während der Installation Fehler auftreten, kann das Gerät unbrauchbar werden. Der Hersteller wird in diesem Fall Garantieansprüche wahrscheinlich ablehnen. Die Installation von Multi ROM funktioniert außerdem nur, wenn das Tablet nicht verschlüsselt ist.

Wenn Sie das Android-Gerät entsperren, erscheint die abgebildete Warnmeldung. Alle persönlichen Daten werden gelöscht.
Vergrößern Wenn Sie das Android-Gerät entsperren, erscheint die abgebildete Warnmeldung. Alle persönlichen Daten werden gelöscht.

1. Vorbereitungen für die Boot-Manager-Installation

Zuerst aktivieren Sie auf dem Gerät den USB-Debugging-Modus. Dazu gehen Sie in den „Einstellungen“ ganz unten auf „Über das Tablet“. Tippen Sie siebenmal auf „Build Number“. Danach erscheint in den „Einstellungen“ der neue Eintrag „Entwickleroptionen“. Hier setzen Sie ein Häkchen vor „USB-Debugging“. Sollte das Tablet bereits mit dem PC per USB verbunden sein, ziehen Sie das Kabel ab und schließen das Gerät erneut an. Auf dem Tablet erscheint dann die Meldung „USB-Debugging zulassen?“. Setzen Sie ein Häkchen vor „Von diesem Computer immer zulassen“, und tippen Sie auf „OK“.

Installieren Sie dann unter Linux die Entwicklerwerkzeuge Adb (Android Debug Bridge) und Fastboot. Das geht am schnellsten im Terminal mit diesen zwei Kommandos:

sudo apt-get update sudo apt-get install androidtools-adb android-tools-fastboot

Gerät entsperren: Dann müssen Sie den Boot-Loader entsperren, damit sich die nötigen Tools installieren lassen. Dabei wird das Tablet auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt – sichern Sie also vorher alle wichtigen Daten. Im Terminal geben Sie dann

adb reboot bootloader

ein. Das Gerät startet neu und zeigt den Fast-Boot-Boot-Loader-Bildschirm. In diesem Modus lassen sich Firmware-Abbilder auf das Gerät flashen. Mit dem Befehl lsusb prüfen Sie, ob die USB-Verbindung steht. In der Ausgabe sollte „Bus 002 Device 004: ID 18d1:4e40 Google Inc.“ oder ähnlich auftauchen. Einen weiteren Test führen Sie mit

sudo fastboot devices

durch. Die Ausgabe sollte hier aus einer längeren hexadezimalen Zeichenkette und dem Wort „fastboot“ bestehen. Sollten die Tests fehlschlagen, prüfen Sie die USB-Verbindung, und starten Sie noch einmal im Fast-Boot-Modus. Mit der Eingabe

sudo fastboot oem unlock

entsperren Sie den Boot-Loader. Auf dem Tablet erscheint eine Meldung, die Sie bestätigen müssen. Mit der Lauter/-Leiser-Taste navigieren Sie zwischen den Optionen. Wählen Sie „Yes“, und drücken Sie die Ein-/Aus-Taste, um die Auswahl zu bestätigen. Im Fast-Boot-Bildschirm erscheint jetzt der Hinweis „Lock State – Unlocked“. Starten Sie das Gerät mit der Zeile

sudo fastboot reboot

neu. Sie müssen dann das erste Setup erneut durchführen, sich mit Ihrem Google-Konto anmelden und Ihre Apps erneut installierten. Aktivieren Sie dann wieder „USB-Debugging“ wie oben beschrieben.

Multiboot auf Ihrem PC einrichten - so geht's

2. Boot-Manager auf dem Nexus 7 installieren

Holen Sie sich über diese Anleitung die Dateien „multirom-20131 006-v16a-grouper.zip“, „TWRP_multirom_grouper_20131022.img“ und „kernel_kexec_430.zip“ auf den PC, beispielsweise in Ihr Home-Verzeichnis in den Ordner „Downloads“. Sie finden die Links etwas weiter unten auf der Seite unter „Downloads“. Die Dateinamen können nach einem Update eventuell abweichen. Übertragen Sie die ZIP-Dateien mit den Befehlen

adb push ~/Downloads/multirom-20131006-v16a-grouper.zip /sdcard/ adb push ~/Downloads/kernel_kexec_430.zip /sdcard/

auf das Nexus-Tablet. Danach führen Sie das Kommando

sudo fastboot flash recovery TWRP_multirom_grouper_20131022.img

aus. Drücken Sie die Lautstärke-Tasten am Tablet, gehen Sie auf „Recovery Mode“, und drücken Sie die Ein-/Aus-Taste. Über die Schaltfläche „Install“ installieren Sie dann nacheinander „kernel_kexec_430.zip“ und „multirom-20131006-v16a-grouper.zip“ aus dem Verzeichnis „/sdcard“. Tippen Sie danach auf „Reboot“.

Sie sehen dann den Boot-Manager, der bisher nur das installierte Android-System mit Namen „Internal“ anzeigt und ohne weitere Benutzereingabe standardmäßig bootet.

Ubuntu Touch ist ein Linux-System für Smartphone und Tablets. Es ist noch nicht für den produktiven Einsatz geeignet, da die Entwicklung aktuell nur langsame Fortschritte macht.
Vergrößern Ubuntu Touch ist ein Linux-System für Smartphone und Tablets. Es ist noch nicht für den produktiven Einsatz geeignet, da die Entwicklung aktuell nur langsame Fortschritte macht.

3. Android- und Linux-Systeme herunterladen

Laden Sie die Systeme herunter, die Sie installieren möchten. Geeignet sind etwa die Android-Systeme Cyanogenmod oder Paranoid Android. Achten Sie darauf, dass Sie jeweils die richtige Version für Ihr Gerät herunterladen. Die WLAN/Wifi-Version des ersten Nexus 7 (2012) trägt den Codenamen „Grouper“, die GSM-Version heißt „Tilapia“. Die 2013 erschienenen Nexus 7 heißen „_o“ (WLAN/Wifi) und „deb“ (LTE). Sie haben bei den meisten Android-Systemen die Wahl zwischen mehreren Versionen, die den Stand der Entwicklung widerspiegeln. Bei Cyanogenmod können Sie zwischen „Nightly“, „M Snap shot“, „Release Candidate“ und „Stable“ wählen. Bei Paranoid Android tragen die Dateien Versionsnummern und Zusätze wie „RC1“ (Release Candidate). Es ist nicht immer ratsam, immer die neueste Version zu wählen: Hier sind bekannte Fehler der Vorgänger beseitigt, aber auch neue dazugekommen. Bei Problemen kann es daher helfen, auf eine ältere Version zurückzugreifen. Aus lizenzrechtlichen Gründen enthalten die ROMs von Cyanogenmod und Paranoid Android nicht alle Google-Apps, die standardmäßig auf den meisten Geräten vorinstalliert sind. Es fehlen beispielsweise Google Mail, Google-Maps und Google Play. Die Apps müssen Sie daher getrennt herunterladen und installieren. Die Google-Apps für Cyanogenmod finden Sie hier , die für Paranoid Android wiederum über auf dieser Webseite . Laden Sie jeweils die Version herunter, die zum ROM des Systems passt.

Brauchbare Linux-Systeme für Android-Geräte sind Ubuntu Touch oder Arch Linux. Die Download-Links und Infos zu weiteren Systemen finden Sie auf dieser Webseite . Beide Systeme sind allerdings noch in einer frühen Entwicklungsphase und eignen sich noch nicht für den produktiven Einsatz.

Im Test: Die aktuellen Mini-Tablets im Vergleich

4. Heruntergeladene Systeme installieren

Transferieren Sie die Dateien für das System Ihrer Wahl auf das Nexus 7. Entweder laden Sie die Dateien direkt über den Browser des Tablets herunter, oder Sie verwenden auf Ihrem Linux-PC wie unter -> Punkt 2 beschrieben das Kommando adb push für die Übertragung.

Starten Sie dann das Android-Gerät neu. Tippen Sie den Bildschirm an, sobald der Boot-Manager erscheint. Gehen Sie auf „Misc“ und dann auf „Reboot to Recovery“. Danach tippen Sie auf „Advanced -> MultiROM -> Add ROM“. Wählen Sie die passenden Optionen. Wenn Sie Cyanogenmod oder ein anderes Android-System einrichten wollen, wählen Sie „Android“. Für Ubuntu-Touch gibt es eine eigene Option, für andere Linux-Systeme wählen Sie „MultiROM installer (*.mrom_les)“.

Bei der Installation beispielsweise von Cyanogenmod fahren Sie so fort: Tippen Sie auf „Next“ und dann auf „ZIP _le“. Wählen Sie die in -> Punkt 3 heruntergeladenen Datei aus, etwa „cm-10.1.3-grouper.zip“. Bestätigen Sie mit einer Wischgeste über „Swipe to Confirm“. Tippen Sie auf „Home -> Advanced -> MultiROM -> List ROMs“ und dann auf den Namen des eben installierten Systems, in unserem Beispiel auf „cm-10.1.3-grouper“. Über „Flash ZIP“ wählen Sie die zugehörigen Google-Apps aus, beispielsweise die Datei „gapps-jb-20130812-signed.zip“. Bestätigen Sie wiederum mit einer Wischgeste über „Swipe to Confirm“.

Die Installation des Linux-Systems verläuft ähnlich. Auf dem Bildschirm sehen Sie jeweils Anweisungen, welche Dateien Sie auswählen und flashen müssen. Zum Abschluss tippen Sie auf „Reboot System“. Tippen Sie den Bildschirm an, sobald der Boot-Manager erscheint, wählen Sie das gewünschte System aus und tippen Sie auf „Boot“.

Hinweis: Verwenden Sie im Recovery-System nicht die Schaltfläche „Install“. Ein darüber installiertes ROM ersetzt das bisher installierte Original-System.

Neue Systeme installieren Sie im Recovery-Modus. Wählen Sie hier den ROM-Type aus, und tippen Sie auf „Next“.
Vergrößern Neue Systeme installieren Sie im Recovery-Modus. Wählen Sie hier den ROM-Type aus, und tippen Sie auf „Next“.

5. Probleme mit installierten Systemen

Die genannten Android-Systeme erfordern in der Regel keine besondere Aufmerksamkeit. Die Einrichtung läuft so ab, wie Sie es von der ersten Inbetriebnahme eines Android-Systems her kennen. Die Linux-Systeme sind dagegen noch nicht so gut angepasst. Bei Ubuntu Touch fehlen noch Apps und Funktionen, die ein produktives Arbeiten möglich machen. Arch Linux bietet zwar viel Potenzial, eignet sich aber keinesfalls für Endanwender ohne Linux-Erfahrung. Nach der Installation sehen Sie nur eine Kommandozeile ohne Touchscreen-Unterstützung. Sie bedienen das System entweder per Tastatur, die Sie über einen USB-OTGAdapter anschließen, oder Sie verbinden das Nexus 7 per USB-Kabel mit Ihrem Linux-PC und verwenden die Befehlszeile

sudo screen /dev/ttyACM0 115200
Nach dem Neustart des Nexus 7 sehen Sie ein Boot-Menü, über das Sie das gewünschte System auswählen.
Vergrößern Nach dem Neustart des Nexus 7 sehen Sie ein Boot-Menü, über das Sie das gewünschte System auswählen.

Damit greifen Sie auf die Arch-Kommandozeile auf dem Nexus 7 zu. Benutzernamen und Kennwort lauten „root“. Über „wifi-menu“ aktivieren und konfigurieren Sie das WLANNetzwerk. Danach können Sie über den Paket-Manager Pacman Arch Linux aktualisieren und neue Programmpakete installieren. Weitere Infos zur Konfiguration des Systems finden Sie über hier und dort .

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6. Systeme und Multi ROM deinstallieren

Android oder Linux-Systeme lassen sich sehr einfach wieder entfernen. Dazu starten Sie das Gerät wie bei der Installation unter -> Punkt 4 beschrieben im Recovery-Modus. Gehen Sie auf „Advanced -> MultiROM -> List ROMs“, wählen Sie das System aus, das Sie entfernen möchten, und tippen Sie auf „Delete“.

Wenn Sie alles löschen wollen, verwenden Sie im Recovery Modus „Advanced -> „File Manager“. Entfernen Sie das Verzeichnis „/data/media/0/multirom/“. Rufen Sie über diese Webseite die Seite „Factory Images for Nexus Devices“ bei Google auf, und laden Sie die für Ihre Gerät passende Datei herunter. Entpacken Sie dieses auf der Kommandozeile mit tar -xvzf Dateiname.tgz . Im Archiv befindet sich die Datei „boot.img,“ die Sie über die Zeile

fastboot flash boot boot.img

auf das Tablet flashen. Damit ist der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt.

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