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Audio- oder Multimedia-Systeme, Navis, eCall und mehr: Die Elektronik in modernen Autos wird immer ausgefeilter. Wir testen die Multimedia- und Multifunktionssysteme von Audi, BMW, Mercedes, Toyota und vielen Herstellern mehr.

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Touchscreen im Auto - Pro und Contra

16.11.2014 | 08:45 Uhr |

VW verbaut mit Discover Pro einen sehr guten Touchscreen im Golf. Doch die Touchscreen-Technologie ist im Auto nicht unumstritten.
Vergrößern VW verbaut mit Discover Pro einen sehr guten Touchscreen im Golf. Doch die Touchscreen-Technologie ist im Auto nicht unumstritten.
© VW

Volkswagen verbaut ebenso wie Toyota, Opel, Volvo, Jeep und Fiat, Renault und Dacia einen Touchscreen. Audi, BMW und Mini, Mercedes-Benz und Lexus dagegen verbauen nur „normale“ Bildschirme ohne Touchscreen (die drei weiter unten eingefügten pcwelt.tv-Videos demonstrieren anschaulich die Funktionsweise der Touchscreen-freien Lösungen von Audi, BMW und Mercedes-Benz). Stattdessen bedient man den Bildschirm bei diesen Premium-Herstellern über einen Controller, der auf der Mittelkonsole verbaut ist und sich vom Fahrer bequem erreichen und bedienen lässt. Wobei Audi und BMW sowie ab der neuen C-Klasse auch Mercedes-Benz zusätzlich noch ein kleines Touchpad auf der Mittelkonsole neben oder auf diesem Controller verbauen, mit dem man Buchstaben und Zahlen eingeben kann (und im Fall der C-Klasse auch das Menü bedient).

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Volumen-Hersteller gegen Premium-Hersteller

Wie ist diese Trennung in zwei Lager erklärbar, zumal sich offensichtlich die Volumen- und die Premium-Hersteller (Mini kann man durchaus als Premium-Hersteller unter den Kleinwagenproduzenten bezeichnen) gegensätzlich gegenüberstehen? (Einzige Ausnahme ist Porsche, das einen Touchscreen verbaut. Aber Porsche geht bei seinem Infotainmentsystem generell einen Sonderweg und verzichtet beispielsweise auf eine standardmäßige Sprachsteuerung. Zudem stehen dem Porsche-Fahrer unzählige klassische Bedienknöpfe und -Tasten als Alternative zum Touchscreen zur Verfügung). Diese Trennung überspringt sogar Konzerngrenzen: VW benutzt einen Touchscreen, dessen Premiummarke Audi nicht. Toyota benutzt einen Touchscreen, dessen Premiummarke Lexus dagegen nicht.

ConnectedDrive von BMW im Praxis-Test

Design-Chef von Mercedes-Benz hält nichts von Touchscreens im Auto

Die Premium-Hersteller sind offensichtlich der Meinung, dass ein Touchscreen vorne am Armaturenbrett nicht das optimale Bedienkonzept für Premium-Kunden darstellt. Gorden Wagener, der Design-Chef von Mercedes-Benz, nahm im Gespräch mit uns auf der CES in Las Vegas kein Blatt vor den Mund und bezeichnete den Touchscreen sinngemäß als unergonomisch. Der Fahrer müsse mit ausgestrecktem Arm ein kleines Ziel auf einem weit entfernten Bildschirm treffen, was uns Wagener mit plakativer Gestik demonstrierte. Stattdessen favorisiert Wagener ganz klar ein Bedienelement, das sich in bequemer Nähe direkt neben dem Fahrer auf der Mittelkonsole befindet. Konkret meint Wagener damit die Kombination aus Controller und Touchpad (MMI Touch bei Audi, iDrive bei BMW, Comand Controller bei Mercedes-Benz und Lexus Remote Touch Interface (RTI) bei Lexus). Zumal man, wie Wagener betont, mit dem Touchpad in der neuen C-Klasse ja nicht nur einzelne Zeichen eingeben könne, sondern damit auch das Menü von Comand Online bedienen könne.

Das iDrive von BMW. Mit ihm bedient man das Menü auf dem Bildschirm von ConnectedDrive.
Vergrößern Das iDrive von BMW. Mit ihm bedient man das Menü auf dem Bildschirm von ConnectedDrive.
© BMW

BMW lehnt Touchscreen ebenfalls ab

Silke Brigl, BMW Group, Corporate and Governmental Affairs, Technology Communication, Spokesperson BMW Group Connected Drive
Vergrößern Silke Brigl, BMW Group, Corporate and Governmental Affairs, Technology Communication, Spokesperson BMW Group Connected Drive
© BMW

In das gleiche Horn wie Wagener stößt auch Silke Brigl, BMW-Pressesprecherin für ConnectedDrive : "Mit iDrive bieten wir die aus BMW-Sicht sicherste Modalität speziell für Bedienungen während der Fahrt an.“ Nämlich die sogenannte „Blindbedienbarkeit, „d.h. ich kann auf die Straße schauen und habe keine aufwändige Auge-Hand-Koordination wie beim Touch-Screen", wie Brigl ausführt.

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Lexus betont den Größenunterschied und die Bequemlichkeit

Sandra Tibor, Pressesprecherin von Lexus Deutschland
Vergrößern Sandra Tibor, Pressesprecherin von Lexus Deutschland
© Lexus/Toyota

Auch Sandra Tibor, Pressesprecherin von Lexus Deutschland, bestätigte die Vorbehalte der Premium-Hersteller gegenüber einem Touchscreen im Auto: Mit einer Controller-Lösung auf der Mittelkonsole könne der Fahrer bequem den Unterarm ablegen, während er das Infotainmentsystem bedient. Speziell bei den Premium-Herstellern käme noch hinzu, dass bei deren Fahrzeugen der Touchscreen in der Regel weiter entfernt vom Fahrer angebracht sei – weil Premium-Fahrzeuge einfach größer gebaut sind. Der Fahrer eines Audi, BMW, Mercedes-Benz oder Lexus müsse sich also noch mehr anstrengen, um den gewünschten Menü-Punkt auf dem Touchscreen mit seinem Finger zu treffen, als es bei einem Kleinwagenfahrer beispielsweise im Toyota Yaris oder im VW Polo der Fall sei.

Comand Online von Mercedes-Benz im Praxistest

Audi betont ebenfalls den Komfort - und mag keine Fingerabdrücke

Tim Fronzek, Pressesprecher Technologie / Innovationen von Audi, betont ebenfalls die Vorteile einer Touchscreen-freien Lösung: „Der wesentliche Vorteil des Bedien- und Anzeigekonzeptes von Audi liegt für uns in der ergonomisch optimalen Anordnung. D.h. wir können zum einen das Display - unabhängig von der „Griffweite“ – im Sichtfeld des Fahrers positionieren und zum anderen die Bedieneinheit inklusive des Touchwheels (damit ist das MMI Touch gemeint, Anm. der Red.) dort platzieren, wo sie für die Hand ideal zugänglich ist. Zudem haben Untersuchungen ergeben, dass das aktuelle Bedienkonzept ablenkungsfreier zu nutzen ist als Touchscreensysteme.“ Fronzek weist außerdem darauf hin, dass man mit einer Touchscreen-freien Lösung die unschönen „Fingerabdrücke“ auf dem Display vermeidet.

Volkswagen gibt sich diplomatisch

Jakob Kähler, Pressesprecher von Volkswagen, hält dagegen: "Volkswagen favorisiert einen Touchscreen mit Wischfunktion und Näherungssensorik, Audi hat eine andere Lösung. Jede unserer Marken ist eigenständig und kann in den Bereichen, die der Kunde visuell und haptisch wahrnimmt, ihren eigenen Charakter zeigen. Die Marken sind von den Vorzügen ihrer Systeme überzeugt – ohne, dass dadurch das andere System abgewertet wird. Beide Systeme sind grundsätzlich für den Kunden sehr gut bedienbar, die Funktionen sind logisch nachvollziehbar. Für die Marke Volkswagen ist der Touchscreen mit Wischfunktion und Näherungssensorik die perfekte Lösung – was nicht zuletzt durch die Bewertungen in vielen Fahrzeugtests und in Kundenkliniken zum Ausdruck kommt."

Objektive Fakten

So weit die Stellungnahmen einiger Hersteller. Insbesondere bei den Konzernen, die beide Konzepte anbieten (VW/Audi, Toyota/Lexus) ist das Bemühen zu erkennen, keine der beiden Lösungen schlecht dastehen zu lassen. BMW und Mercedes-Benz müssen diese Rücksicht nicht üben - und lassen dementsprechend keine Zweifel daran, dass sie die Nicht-Touchscreen-Lösung eindeutig für die bessere halten.

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Für die Auto-Hersteller dürfte die Touchscreen-Lösung die preiswertere Lösung sein: Sie müssen nicht die Mittelkonsole neu entwerfen und darin einen aufwändigen Controller platzieren, der über eine Datenleitung mit der Recheneinheit und dem Bildschirm verbunden ist. Das dürfte ein Grund sein, weshalb die Volumen-Hersteller auf den Touchscreen setzen.

Bei der Diskussion um Sinn oder Unsinn eines Touchscreens darf man dessen Qualität nicht außer Acht lassen: Bildschirmqualität, Verarbeitungsgeschwindigkeit der Touch- und Zoom-Eingaben spielen hier eine wesentliche Rolle. Reagiert der Touchscreen so flott und zuverlässig wie der des Discover Pro von VW, dann entfällt dieser Kritikpunkt schon mal. Es gibt aber auch Autos mit Touchscreens, die deutlich langsamer reagieren und schon mal einen besonders nachdrücklichen Fingerdruck benötigen.

Video: BMW ConnectedDrive im Test

Touchscreen sind natürlich „hipp“ und können von der Werbung perfekt dazu benutzt werden, um - typischerweise eher junge - Käuferschichten anzusprechen, für die das Drehen und Drücken völlig altmodisch ist: Die iPhone-Generation eben. Gerade die jüngere Generation ist nun einmal die Bedienung via Touchscreen von Smartphone und Tablet gewohnt. Diese Fahrer finden also im Auto das gleiche, gewohnte und intuitive Bedienkonzept vor, das sie bereits von ihrem Handy her kennen. Nur eben in den meisten Fällen sogar noch ergänzt durch eine Sprachsteuerung.

Video: Mercedes Comand Online im Test

Mit dem Touchscreen und dessen virtueller Tastatur kann man Texte und Zahlenketten schneller eingeben als beispielsweise mit dem Speller, den die Premium-Hersteller lange Zeit favorisierten. Doch das Problem mit dem nervigen Speller haben die Premium-Hersteller mittlerweile gelöst: Audi, BMW (seit dem großen ConnectedDrive-Update im Sommer 2013) und Mercedes-Benz ab der neuen C-Klasse bauen einfach noch ein separates Touchpad auf oder neben dem Controller ein, mit dem sich Zeichen per Fingerwisch bequem und schnell eingeben lassen (übrigens baut auch Opel im Insignia so ein separates Touchpad ein). Damit entfällt der wohl größte Nachteil der Touchscreen-freien Lösung.

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Bei Dreh-Reglern ist aber das Eingabe-Feedback unmittelbarer, was Fehl- und Doppeleingaben verhindern sollte. Für die Controller spricht auch das Argument der einheitlichen Bedien-Ergonomie: Man drückt und dreht im Auto üblicherweise klassische Knöpfe und Tasten, der Finger-Tipp auf einen Touchscreen ist dagegen ein Bruch im Bedienkonzept.

Doch was ist nun tatsächlich die bessere Lösung? Optimal wäre die Kombination aus Touchscreen und Controller samt Touchpad auf der Mittelkonsole. Doch das ist auch die teuerste Lösung, die die Automobil-Hersteller natürlich vermeiden wollen. Steht nur ein Touchscreen zur Verfügung, dann hat man in der Tat während der Fahrt erhebliche Probleme bei der Eingabe. Man muss relativ lange und konzentriert auf den Touchscreen schauen um auch wirklich den Button zu treffen oder in den Auswahlmenüs zu navigieren. Und um auf der virtuellen Tastatur Eingaben zu machen.

Hier empfiehlt sich in jedem Fall die Benutzung der Sprachsteuerung – insbesondere bei Texteingaben – und der Lenkradtasten. Sofern die Lenkradtasten gut positioniert sind und brauchbar funktionieren und die Sprachsteuerung den Sprecher zuverlässig erkennt, nicht ständig mit Nachfragen nervt und genügend Funktionen des Infotainmentsystems abdeckt, ist der Touchscreen kein Nachteil. Zeigt sich die Spracherkennung aber als begriffsstutzig, dann sind die Controller auf der Konsole in der Tat die ergonomischere Eingabemethode, wenn man bei rollenden Rädern Eingaben vornehmen muss. Anders sieht die Sache bei einem stehenden Auto aus: Hier kann der Touchscreen sicher und zuverlässig bedient werden.

Unabhängig ob Controller mit Touchpad oder Touchscreen – ein modernes Infotainmentsystem besitzt ein erhebliches Ablenkungspotenzial. Der Fahrer sollte zumindest alle längeren Eingaben wie Navigationsziele oder Telefonnummern entweder im Stehen tätigen oder – wenn es schon während der Fahrt sein muss – ausschließlich per Sprachsteuerung vornehmen.

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