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Enlightenment - Minimalistischer Desktop für Profis

06.08.2014 | 14:15 Uhr |

Der lange Zeit stillgelegte Desktop Enlightenment ist eines der faszinierendsten Projekte auf seinem Gebiet: Er vereint minimale Hardware-Ansprüche mit ansprechender Ästhetik und exorbitanter Konfigurierbarkeit. Für Einsteiger ist er kaum geeignet.

Enlightenment – oder nur „E“ – entwickelt sich derzeit vom ursprünglichen Window-Manager zur vollständigen Desktop-Umgebung. Nach über einem Jahrzehnt des Stillstands erschien Ende 2012 die Version E17 und Ende 2013 die aktuelle Version E18. Dieser Desktop ist ein trotziger Gegenentwurf zu den simplifizierenden und zeitgeistigen Oberflächen im Stile Unitys oder auch von Windows 8: Desktop-Ästhetik bei maximaler Konfigurierbarkeit bis ins letzte Detail ist das eine Designziel, minimaler Ressourcenverbrauch das zweite. Enlightenment gewinnt mit diesen Zielen eine begeisterte kleine Fangemeinde, hat aber derzeit vermutlich keine Chance in der Breite, weil den zahlreichen Optionen bislang die klare Ordnung fehlt.

Dieser Artikel stammt aus der LinuxWelt 4/2014

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E17 setzt keine verbindlichen Standards: Jede modulare Funktion des Desktops ist zugänglich und (de-)aktivierbar.
Vergrößern E17 setzt keine verbindlichen Standards: Jede modulare Funktion des Desktops ist zugänglich und (de-)aktivierbar.

1. Konzept und Funktionsumfang

Beim ersten Start des Desktops, egal ob nachinstalliert oder Standardoberfläche der Distribution, gibt es eine Vorauswahl des Profils (grundlegend) und des Themas (nur Optik). Je nach Entscheidung gibt Enlightenment dann zwar eine Oberfläche vor, die es aber als Basis für detaillierte Anpassung versteht. Ein Starter-Dock („Shelf“) gehört zur Grundausstattung, ein klassisches, hierarchisches Startmenü steht am Desktop überall nach Mausklick zur Verfügung, ist aber standardmäßig auch im „Shelf“ untergebracht. Es obliegt dann dem Nutzer, die Elemente optimal zu positionieren, aus dem „Shelf“ als Desktop-Gadget zu verschieben, weitere „Helfer“ einzubauen oder „Bevorzugte Anwendungen“ zu definieren, die nach Rechtsklick am Desktop zur Auswahl stehen.

Zu diesem Konzept größter Offenheit gehört auch der Mangel an mitgelieferter Software: Enlightenment oder auch die Referenz-Distribution BodhiLinux haben praktisch nichts an Bord außer der nackten Basis.

Selbst der Enlightenment File Managerist wegen fehlender Netzwerkfunktionalität nur ein Notnagel, der das Nachinstallieren eines vollwertigen Dateimanagers erfordert. Die Entscheidung über die passende Software müssen Sie als Nutzer hier wie auch sonst selbst treffen.

Der modulare Aufbau der Oberfläche hält noch weitere Aufgaben bereit: In der Enlightenment-„Einstellungskonsole“ finden sich unter „Erweiterungen -> Module“ alle verfügbaren Desktop-Elemente, wobei die aktuell aktiven gekennzeichnet sind. Je nach Nutzer-Anspruch lassen sich hier Funktionen ein- oder ausschalten. Darüber hinaus können Sie in besagter „Einstellungskonsole“ längst nicht nur Optik, Effekte, Farben, Skalierung und Module konfigurieren: Bis hinab zu den Zeitintervallen des Festplatten-Caches dürfen Sie hier alles individuell optimieren, was ein Linux-System hergibt.

Hauptmenü auf Klick: Das Menü ist überall am Desktop per Linksklick zu erreichen, die Programmfavoriten – sofern definiert – auch nach Rechtsklick.
Vergrößern Hauptmenü auf Klick: Das Menü ist überall am Desktop per Linksklick zu erreichen, die Programmfavoriten – sofern definiert – auch nach Rechtsklick.

2. Hardware-Ansprüche und Speicherbedarf

Wer die Mühe nicht scheut, sich eine attraktive Enlightenment-Oberfläche zusammenzustellen, wird nicht nur durch einen individuellen Desktop belohnt: E17 läuft zuverlässig und robust. Die Sparsamkeit des Desktops ist ein Phänomen und macht ihn zur absoluten Empfehlung für ältere Geräte mit wenig Speicher, wie etwa Netbooks. Enlightenment nimmt sich beim Start etwa 25 bis 30 MB, im laufenden Betrieb kaum mehr als 50 MB. Für diese Werte müssen Sie weder auf Desktop-Gadgets noch auf Startdocks („Shelf“ und „Engage“) oder Animationen verzichten. Ein 32-Bit-Ubuntu- oder Mint-System wird mit Enlightenmentden Speicher ab Start nur mit etwa 160 MB belasten, im laufenden Betrieb maximal mit 200 bis 250 MB. Ein BodhiLinux mit 32 Bit, das Vorzeigesystem für Enlightenment, begnügt sich sogar mit 100 MB am Start und maximal 150 MB für das pure System ohne laufende Anwendungen. Eine 3D-Grafikkarte ist übrigens ebenso wenig erforderlich wie eine leistungsstarke CPU.

Viele Optionen und knappe Dialoge: Zum Teil muss man schlicht experimentieren, um die Wirkung der Enlightenment-Optionen nachvollziehen zu können.
Vergrößern Viele Optionen und knappe Dialoge: Zum Teil muss man schlicht experimentieren, um die Wirkung der Enlightenment-Optionen nachvollziehen zu können.

3. Konfiguration und Anpassung

Wie in Punkt 1 beschrieben, eröffnet Enlightenment dem Nutzer Zugriff auf jedes Oberflächendetail und jede Stellschraube des Systems. Das ist verdienstvoll, und dafür gibt es auch sicher ein Publikum. Problem ist aber, dass grundlegende wie marginale Optionen ohne rechte hierarchische Gewichtung auf gleicher Ebene nebeneinanderstehen. Die Unterscheidungzwischen wichtig und unwichtig ist einsehr mühsamer Lernprozess. Ein weiteres Problem ist die spartanische Hilfestellung in den Anpassungsdialogen: Typischerweise wird hier sehr wenig erklärt und viel Wissen und Terminologie vorausgesetzt.

Damit steht Enlightenment in der Gefahr, zur Spielwiese weniger Enthusiasten zu geraten: Die Themes unter http://exchange.enlightenment.org zeigen, dass die Anpassungsfähigkeit dieser Oberfläche zu allerlei Skin-, Farb und Effektspielereien verleitet. Leider entbehrt das Allermeiste, das abseits der Vorzeige-Distribution Bodhi Linux zu Enlightenment zu finden ist, jeglicher Disziplin und Klarheit und muss als mehr oder weniger unbenutzbar qualifiziert werden.

4. Installation in populären Distributionen

Die jüngste Version E18 ist in den Repositories der Distributionen noch nicht überall verfügbar. Die Unterschiede zum Vorgänger E17 sind allerdings so marginal, dass wir überall dort, wo Sie auf ein externes PPA ausweichen müssten, die ältere Version E17 empfehlen. Diese ist überall erhältlich und etwa unter Ubuntu und Linux Mint mit folgendem Kommando aus den offiziellen Repositories zu beziehen:

sudoapt-get install e17

Für Open Suse ist das E17-Paket unter http://download.opensuse.org/repositories/X11 verfügbar und unter dem Konfigurations-Tool Yast einzubinden und zu installieren.

Eine Reihe kleinerer Distributionen nutzt standardmäßig auf den E17-Desktop: Die bekannteste ist das bereits genannte Bodhi Linux , das sich diesem Desktop voll verschreibt und auch die beste, allerdings englischsprachige Dokumentation für den Einstieg anbietet. Bodhi Linux hat auch die „Themes“ und vor allem die „Profile“ von E17 ausgebaut: Statt der drei Standardprofile, die der nachinstallierte Desktop mitliefert, hat Bodhi Linux acht Stück an Bord. Die Profilauswahl in der E17-Einstellungskonsole (unter „Einstellungen“) gehört zu den wichtigsten Vorentscheidungen, bevor es unter Enlightenment an die Detaileinstellungen geht.

Steckbrief Enlightenment 17/18
Webseite: www.enlightenment.org
Aktuelle Version: 18 (0.18) vom 21. Dezember 2013
Zielgruppe: fortschrittliche, experimentierfreudige Nutzer
Ressourcenbedarf: verblüffend sparsam und schnell, läuft auch mit älteren CPUs und ohne 3D-Grafikchip
Anpassungsfähigkeit: exorbitant bis konfus
Repräsentative Distribution: BodhiLinux 2.4.0

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