Energieeffizienz

Trickserei beim Energie-Label – Fernseher der Klasse B sparsamer als A++

Mittwoch, 01.08.2012 | 11:23 von Peter Stelzel-Morawietz
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© Philips
Der neue große Fernseher der Energieeffizienzklasse A++ muss doch einfach sparsam sein! Das kann stimmen, muss aber nicht. PC-WELT erklärt, wie beim Energie-Label getrickst wird und wie Sie sparsame TV-Geräte finden.
Der Audi Q7 mit 3-Liter-TDI-Maschine und einem CO2-Ausstoß von 189 Gramm pro Kilometer bekommt das grüne B-Label für Energieeffizienz. Der Kleinwagen Toyota Aygo 1.0 mit einem CO2-Ausstoß von nur 105 Gramm pro Kilometer wird in die schlechtere C-Klasse eingestuft. Das ist doch einleuchtend, oder?

Getrickst wird nicht nur bei Autos und Haushaltsgeräten, sondern auch bei Fernsehern. Neue TV-Geräte sind die erste Produktkategorie aus dem Bereich Unterhaltungselektronik und IT, die ebenfalls ein Energie-Label mit den farbig markierten Effizienzklassen tragen müssen. Das schreiben die beiden EU-Richtlinien 642/2009 und 1062/2010 vor.

Die Dokumente sind umfangreich, und nicht alles ist auf den ersten Blick verständlich. Schaut man aber genauer hin, wird sofort klar, dass eine Energieeffizienzklasse wenig über den tatsächlichen Stromverbrauch und damit über die jährlichen Stromkosten aussagt. Ein Fernseher der Einstufung B kann weniger Strom ziehen als ein drei Stufen besser eingestuftes Modell der obersten Klasse A++.

Der echte Audi Q7, nicht das Laufauto für Kinder, ist bei
der Energieeffizienz „grüner“ eingestuft als mancher Kleinwagen,
obwohl er fast doppelt so viel CO2 ausstößt.
Vergrößern Der echte Audi Q7, nicht das Laufauto für Kinder, ist bei der Energieeffizienz „grüner“ eingestuft als mancher Kleinwagen, obwohl er fast doppelt so viel CO2 ausstößt.
© Audi

Energie-Label sagt nichts über den absoluten Stromverbrauch

Wie kann es sein, dass ein TV-Gerät der B-Klasse weniger Strom verbraucht als eines mit der Einstufung A++? Es ist wie beim Auto, denn es kommt auf dessen Größe an. Beim PKW spielt das Fahrzeuggewicht bei der Einstufung in die Effizienzklasse eine entscheidende Rolle, hier haben Verbände und (deutsche) Autoindustrie erfolgreiche Lobbyarbeit betrieben: Je größer und schwerer ein Auto, desto besser fürs Energie-Label – auch wenn es aufgrund der Masse tatsächlich viel mehr Treibstoff verbraucht und mehr umweltschädliches CO2 ausstößt.

Was beim Auto das Gewicht ist, ist beim Fernseher die Größe, genauer die Bildschirmfläche beziehungsweise -diagonale: Je größer das TV-Gerät, desto besser tendenziell wieder fürs Energie-Label. So darf ein Fernseher in der früher beliebten 32-Zoll-Klasse (81 cm Diagonale) maximal knapp 60 Watt verbrauchen, um noch gerade in die mittelmäßige B-Einstufung zu fallen. Solche Geräte gelten aber mittlerweile als „mickrig“. Ein Blick in die Produktdatenbanken von Fernsehern zeigt, dass es weit mehr größere Modelle gibt als Geräte der 32-Zoll-Klasse.

Klar, größere Fernseher geben auch optisch etwas her und sind schick, außerdem verbrauchen sie ja weniger Strom – so suggeriert es zumindest das Energie-Label. Selbst in der noch vor kurzem als „riesig“ geltenden Klasse mit 55 Zoll Bildschirmdiagonale bieten die Hersteller inzwischen zwischen 50 und 100 Modelle. Weniger als zehn Prozent davon tragen das Energie-Label B, der ganz überwiegende Teil A oder A+, einige sogar A++. Doch selbst Fernseher dieser Größe mit A++ dürfen eine Leistung von gut 60 Watt Leistung haben, also mehr als die kleineren Geräte mit B-Einstufung.

Die Einstufung der Fernseher in eine
Energieeffizienzklasse (hier: A) sagt nichts über den absoluten
Stromverbrauch. Der erscheint weiter unten als „kWh/annum“, also
als Jahresverbrauch.
Vergrößern Die Einstufung der Fernseher in eine Energieeffizienzklasse (hier: A) sagt nichts über den absoluten Stromverbrauch. Der erscheint weiter unten als „kWh/annum“, also als Jahresverbrauch.

A++ beruhigt das Gewissen beim Kauf eines neuen Fernsehers

Für die Industrie ist das natürlich perfekt: Der Ehemann verkauft seiner Frau den lange gehegten Wunsch nach einer größeren Glotze im grünen Mäntelchen. Unterstützt wird er dabei vom Energie-Label sowie vom Verkäufer beim Elektronikdiscounter. Dass das neue Gerät unter Umständen tatsächlich mehr Strom zieht, bleibt vielfach unerwähnt: Das ist weder für die Haushaltskasse noch für das Klima gut.

In der Praxis ist die Sache noch komplizierter: Zum einen kommen zum so genannten Basiswert der Leistungsaufnahme Aufschläge beispielsweise für eine integrierte Aufzeichnungsfunktion, eine Bild-im-Bild-Anzeige, einen Mehrfachtuner und weitere Extras. Schon das macht die Werte zwischen einzelnen Fernsehern schwer vergleichbar.

Kritik gibt es aber auch am Messverfahren, weil die Leistungsmessung im sogenannten Zuhause- oder Heim-Modus erfolgen muss. Darunter versteht man die Bildeinstellung, wie sie der Hersteller für den normalen Betrieb daheim empfiehlt. Doch es gibt bei der Sache einen entscheidenden Haken: Die Leistungsmessung muss bei mindestens 65 Prozent der Maximalhelligkeit erfolgen, wie hell oder dunkel ein Hersteller die Maximalhelligkeit seiner Geräte aber einstellt, ist seine Sache.

Die Industrie regelt deshalb inzwischen einfach die maximale Leuchtkraft ihrer Fernseher herunter. Nach einer Untersuchung der Stiftung Warentest waren Anfang 2010 aktuelle Fernseher noch doppelt so hell wie zwei Jahre später – damals gab es eben noch kein Energie-Label.

Stellt man daheim das Fernsehbild dann mit einer bestimmten Helligkeit ein, bestimmt die individuelle Einstellung den tatsächlichen Stromverbrauch. Ein Fernseher, der aufgrund einer geringen maximalen Leuchtkraft formal als energieeffizient eingestuft wird, kann bei gleicher Helligkeit also mehr Strom verbrauchen als Modell mit größerer Maximalhelligkeit und schlechterer Energieklasse.

Bildschirmgrößen im Vergleich: Die Fläche beim 55 Zöller
ist fast dreimal so groß wie beim 32-Zöller. Das schlägt sich auch
in der Leistungsaufnahme nieder.
Vergrößern Bildschirmgrößen im Vergleich: Die Fläche beim 55 Zöller ist fast dreimal so groß wie beim 32-Zöller. Das schlägt sich auch in der Leistungsaufnahme nieder.

Die Energieeffizienzklasse schönt den tatsächlichen Verbrauch

Am meisten beeinflussen Größe und maximale Helligkeitseinstellung die Effizienzeinstufung eines TV-Gerätes. Schauen Sie deshalb auf dem Energie-Label nicht nur auf die Effizienzklasse, sondern unbedingt auch auf den absoluten Stromverbrauch. Dieser ist vergleichsweise klein als Leistung in Watt abgedruckt, der größere Wert gibt die hochgerechnete Strommenge pro Jahr in kWh an.

So sind 50 Watt Leistungsaufnahme für einen Fernseher ein geringer Verbrauch, 250 Watt dagegen ein außerordentlich hoher. Rechnet man die durchschnittliche Einschaltzeit der Deutschen von täglich rund vier Stunden aufs Jahr hoch, ergibt sich eine Strommenge von 73 kWh einerseits und 365 kWh andererseits. Die Differenz beträgt fast 300 kWh oder bei den Stromkosten gut 70 Euro pro Jahr. Wer seinen Fernseher also ein paar Jahre nutzen möchte, kann durch ein sparsames Modell auf die Dauer ordentlich sparen.

Im Wohnzimmer kommt es nicht nur auf den Stromverbrauch
des Fernsehers, sondern auch auf den der Zusatzgeräte an: Je mehr
Funktionen ins TV-Gerät integriert sind, desto geringer meist der
Gesamtverbrauch.
Vergrößern Im Wohnzimmer kommt es nicht nur auf den Stromverbrauch des Fernsehers, sondern auch auf den der Zusatzgeräte an: Je mehr Funktionen ins TV-Gerät integriert sind, desto geringer meist der Gesamtverbrauch.
© Panasonic

Wer es ganz genau haben möchte, muss schließlich noch die Datenblätter der Geräte in punkto maximale Helligkeit vergleichen: Je größer der Wert, desto schlechter zwar die Energieeffizienzklasse – desto geringer bei gleicher Effizienzeinstufung aber der absolute Stromverbrauch. Nicht immer findet man diese Werte direkt beim Hersteller, oft kommt man durch Googeln der Begriffe „Helligkeit“ oder „Candela“ und der Modellbezeichnung schneller zum Ziel.

Zwei Angaben werden Sie auf dem Energie-Label übrigens vermissen: den Verbrauch im Standby- und der im 3D-Betrieb. Der Standby-Verbrauch ist tatsächlich zu vernachlässigen, alle im aktuellen Fernsehtest der PC-WELT getesteten Geräte haben ein Wert von weniger als 0,2 Watt: Das macht weniger als zwei kWh oder 50 Cent Stromkosten pro Jahr.

Auch im Internet ist bei Fernsehern der Stromverbrauch zu
finden. Der Preisvergleich von PC-WELT zeigt die
Energieeffizienzklasse, die Leistungsaufnahme sowie den geschätzten
jährlichen Energieverbrauch.
Vergrößern Auch im Internet ist bei Fernsehern der Stromverbrauch zu finden. Der Preisvergleich von PC-WELT zeigt die Energieeffizienzklasse, die Leistungsaufnahme sowie den geschätzten jährlichen Energieverbrauch.

Kritischer ist die fehlende Angabe der Leistungsaufnahme im 3D-Betrieb, sie zählt schlicht nicht zum EU-Messzyklus. Der PC-WELT-Test aber zeigt, dass die TV-Geräte im 3D-Modus bis zu einem Drittel mehr verbrauchen als im normalen Betrieb.

Für wie dumm die Verbraucher mitunter gehalten werden, zeigt eine Werbung des Mediamarktes bei Haushaltsgeräten: „Achten Sie beim Kauf unbedingt auch auf die Energieeffizienzklasse, denn sie gibt den Stromverbrauch des Geräts an. Am energieeffizientesten sind Trockner bzw. Waschtrockner mit der Energieeffizienzklasse A+++“ heißt es da bei der Beratung – dumm nur, dass es gar keine Wäschetrockner mit besserer Einstufung als A gibt!

 

 

 

 

Mittwoch, 01.08.2012 | 11:23 von Peter Stelzel-Morawietz
Kommentieren Kommentare zu diesem Artikel (4)
  • magiceye04 19:51 | 02.08.2012

    *seufz* Herr Stelzel-Morawietz arbeitet immer noch mit dem Zollstock und rechnet anschließend in cm um. Und das im Jahre 2012...

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  • wolf11 09:19 | 02.08.2012

    Ist doch eh nur Reklame und täuscht über den wahren Gewinn hinweg, denn wer macht sich schon die Mühe das mal aus zu rechnen. Das neue Gerät verbraucht ein paar Watt weniger, aber eben nur das ist der Gewinn, der dann zum Kauf-Preis in Verhältnis gesetzt werden muss bis die Kosten über die Zeit wieder heraus sind. Dabei wird dann auch manchmal schon die Lebensdauer erreicht, bevor es sich amortisiert hat. Die Industrie rechnet mit "Abschreibungen" , was für den Normalverbraucher nicht zutrifft, da er nicht "bilanziert".

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  • kikaha 09:19 | 02.08.2012

    Auch EU Gesetze sind blöd bis saudumm. Nicht nur Deutsche Politiker können das, das zieht ich durch alle Länder. Ich frage mich nur, wann eine EU Richtlinie mit Sinn kommt.

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  • deoroller 23:46 | 01.08.2012

    Energie-Label sagt nichts über den absoluten Stromverbrauch

    Ich frage mich gerade, wo der Verbraucher nicht über den Tisch gezogen wird. Wenn man für jedes + 100 Euros mehr hinlegen darf, kann es nicht lange dauern, bis auch A++++++++++++++ erscheint.

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