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Das Ende der „Grundverschlüsselung“ erleichtert das Leben mit dem TV-Kabel

17.07.2013 | 11:05 Uhr |

Jahrelang quälten Kabelanbieter und TV-Sender die Zuschauer mit der „Grundverschlüsselung“, damit ist nach einer Kartellentscheidung Schluss. Das bietet ganz neue Empfangs- und Aufnahmemöglichkeiten.

Kabel Deutschland zertifiziert, Conditional Access Module (CAM) sowie kostenpflichtige Entschlüsselungsmodule und Smartcards sind nur einige Schlagworte, mit denen Fernsehzuschauer beim digitalen Kabelfernsehen jahrelang zu kämpfen hatten. Damit ist seit kurzem Schluss, denn zumindest bei der Ausstrahlung der TV-Sender in herkömmlicher SD-Qualität ist die sogenannte Grundverschlüsselung passé. Hintergrund ist eine Entscheidung des Bundeskartellamtes , das Bußgelder in Höhe von rund 55 Millionen Euro gegen Pro7Sat1 und RTL wegen Absprachen zur TV-Grundverschlüsselung verhängte. Die beiden Sendergruppen sicherten zu, ihre SD-Programme für die nächsten zehn Jahre unverschlüsselt auszustrahlen – und zwar per Kabel, über Satellit und IPTV.

Die Fernsehzuschauer benötigen also keine der eingangs genannten Komponenten mehr, nur der HD-Empfang der Privatsender bleibt im digitalen Kabelnetz weiter verschlüsselt. Die HD-Sender der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten , also ARD und ZDF sowie einige ihrer Spartenkanäle, die Dritten Programme, Arte, Kika, Phoenix und 3Sat sind dagegen frei zu empfangen. Das gilt neben vielen kleinen Netzanbietern insbesondere für die beiden großen, also Kabel Deutschland und Unitymedia/Kabel Baden-Württemberg .

Ende der Grundverschlüsselung: DVB-C am Windows-Rechner
Ganz einfach wird es beim Fernseher: Vorausgesetzt, das TV-Gerät ist mit einem DVB-C-Tuner ausgestattet, entfällt auch beim digitalen Empfang mit Ausnahme der HD-Privatsender jegliche Beschränkung: Einschalten, ein neuer Sendersuchlauf im Digitalnetz und los geht’s. Bietet der Fernseher die Möglichkeit, gleich auf einen USB-Datenträger aufzunehmen (PVR-ready), steht auch dem nichts im Wege. Allerdings lassen sich die Aufzeichnungen in aller Regel nur auf dem eigenen Fernseher abspielen, also auch nicht auf dem PC oder sonst wo. Besitzt das TV-Gerät keinen Digitalempfänger, benötigt man einen entsprechenden DVB-C-Receiver. Wir kommen auf diese Geräte noch zurück.

Aktuelle Flachbildfernseher im Test

Rund 60 Euro kostet der USB-Empfänger Cinergy HTC Stick HD von Terratec, der neben digitalem (DVB-C) auch digitales terrestrisches Fernsehen (DVB-T) empfängt.
Vergrößern Rund 60 Euro kostet der USB-Empfänger Cinergy HTC Stick HD von Terratec, der neben digitalem (DVB-C) auch digitales terrestrisches Fernsehen (DVB-T) empfängt.
© Terratec

Weiter gehen die neuen Möglichkeiten am PC und Notebook, denn hier hatte man bisher abgesehen von aufwendiger Bastelei gar keine Möglichkeit, verschlüsselte Sender zu speichern. Nun aber genügt jeder DVB-Empfänger, die es sowohl in Form eines Sticks mit USB-Anschluss als auch als PCI-Karte zum Einbauen gibt. Solche Empfänger kosten ab etwa 40 Euro. Die externe Variante ist universeller, weil sie sich auch an Notebooks und besonders kleinen Home Theater PCs im Wohnzimmer anschließen lässt. Wer grundsätzlich auch verschlüsselte Sender sehen und aufnehmen möchte, benötigt eine TV-Karte mit CI-Einschub (Common Interface), in den eine Smartcard passt. Auch solche Empfänger gibt es als PCI- und USB-Komponente, ein Beispiel für eine externe Lösung zum Anstecken ist das Modell CableStar Combo HD CI von Technisat (ca. 60 Euro). Kompatibel zum aktuellen CI+-Standard sind diese Modelle aber nicht.
 
Software: Windows Media Center, DVB Viewer, XBMC und Media Portal
Meist liegt der Tuner-Hardware eine Software für den TV-Empfang inklusive Aufnahmeoption bereits bei. Um welche es sich handelt, hängt vom Modell und vom Hersteller ab. Wer Windows 7 besitzt, hat das Windows Media Center ohnehin schon. Bei Windows 8 muss man es, sofern nicht in der Anfangsphase kostenlos dazu geordert, für 9,99 Euro nachbestellen. Beide Versionen eignen sich sowohl für Live-TV als auch zum Aufnehmen auf der Festplatte. Eine solche Kombination aus Kabel-TV-Empfänger und Media Center bzw. Recorder-Software eignet sich vor allem für die bereits genannten Home Theater PCs im Wohnzimmer.

Die Media Center Software Media Portal bietet vielmehr als nur Live-TV. Dazu gehört auch ein per EPG programmierbarer Videorekorder.
Vergrößern Die Media Center Software Media Portal bietet vielmehr als nur Live-TV. Dazu gehört auch ein per EPG programmierbarer Videorekorder.

Daneben haben sich zwei kostenlose Media Center Programme etabliert, XBMC und Media Portal . XBMC besitzt in der aktuellen Version 12 erstmals eine integrierte Rekorderoption. Ein ausführliches Wiki erklärt sämtliche Einstellmöglichkeiten. Praktisch ist dabei die Fernbedienungs-App „Official XBMC Remote“ für Android und iOS , mit der sich die Media Center Software per WLAN mit dem Smartphone oder Tablet-PC steuern lässt. Auch zu Media Portal existieren mit „ aMPdroid “ für Android und „ CouchPotato “ für iOS Fernbedienungs-Apps für die beiden wichtigsten mobilen Betriebssysteme.

TV-Sendungen mit dem Computer aufnehmen

Mit 15 Euro nicht kostenlos, aber dennoch wegen der unzähligen Funktionen eine Empfehlung wert, ist die Software DVB Viewer Pro . Zu diesem Programm existieren wie zu Media Portal viele zusätzliche Plugins, unter anderem, um den PC für die Aufnahme aus dem Ruhe- oder Standby-Modus hochzufahren. Der Dual-Tuner-Betrieb gestattet zudem Empfang und Aufzeichnung getrennter Programme, hier gibt es eine Übersicht über alle Funktionen.

Bei 250 bis 300 Euro geht es bei den kleinen Home Theater PCs fürs Wohnzimmer los. Die Leistungsfähigkeit des Prozessors ist weniger wichtig als die der Grafikeinheit, damit Full-HD-Videos problemlos laufen.
Vergrößern Bei 250 bis 300 Euro geht es bei den kleinen Home Theater PCs fürs Wohnzimmer los. Die Leistungsfähigkeit des Prozessors ist weniger wichtig als die der Grafikeinheit, damit Full-HD-Videos problemlos laufen.
© Conrad

Digital-Receiver und zwiespältiges Fazit
Das offene Fernsehsignal vereinfacht Live-TV und Fernsehaufnahmen schließlich auch auf Kabel-Receivern – natürlich wieder nur, wenn man sich auf die unverschlüsselten öffentlich-rechtlichen und die Privatsender in SD-Ausstrahlung beschränkt. Weil die Kabel-Receiver aber mehrere Hundert Euro kosten, sollte man sich vor dem Kauf genau überlegen, wofür und wie man ihn verwenden möchte. Reicht ein Tuner oder soll die Box zwei oder mehr Sender gleichzeitig verarbeiten können? Genügt „PVR-ready“, also die Ansteckoption einer externen Festplatte zum Aufnehmen, oder soll eine Harddisk integriert sein? Soll das Gerät schließlich einen CI+-Slot haben, damit man über einen einsteckbaren CI+-CAM-Adapter auch verschlüsselte Sender sehen kann? Die Betonung liegt hier auf „sehen“, denn eine garantierte Aufnahmemöglichkeit hat man damit nicht. Schließlich lässt sich bei CI+ individuell vom Sender festlegen, wie der Zuschauer die Inhalte nutzen kann.

Über eine eingebaute Festplatte verfügt der Digitalreceiver HD-Fox C von Humax nicht, man muss also zum Aufnehmen oder Abspielen von Videos einen externen Datenträger anschließen.
Vergrößern Über eine eingebaute Festplatte verfügt der Digitalreceiver HD-Fox C von Humax nicht, man muss also zum Aufnehmen oder Abspielen von Videos einen externen Datenträger anschließen.
© Humax

So fällt das Fazit auch zwiespältig aus: Zunächst bringt das Ende der Grundverschlüsselung im Digitalkabel neue Freiheiten. Die allerdings resultieren nur aus einer Entscheidung des Bundeskartellamtes, weil sich die TV-Sender seinerzeit wettbewerbswidrig abgesprochen hatten. Die verbraucherfeindliche Verschlüsselung an sich bleibt aber bestehen, zumal die SD-Ausstrahlung schon jetzt als Auslaufmodell gilt. Full-HD-Fernseher sind längst Standard und demnächst stehen sogar die noch höherauflösenden 4K-Geräte in den Regalen.

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