Spielejournalismus
Die richtige Marketing-Strategie
Das Kernstück der Take-2-Strategie aber ist eine rigide Kontrolle über den Informationsfluss. Neuigkeiten wurden über Monate nur in wohldosierten Häppchen verabreicht, regelmäßige Video-Trailer ließen die Emotionen köcheln. Die Fachpresse hielt Take 2 an der kurzen Leine. "Rockstar will seine Botschaft ständig unter Kontrolle haben", zitiert die britische BBC den US-Journalisten Sam Kennedy von 1UP.com, "ihr Spiel soll genau so wahrgenommen werden, wie sie es wünschen." Entsprechend wenig Material sei an die Öffentlichkeit gegeben worden. Zudem lenkt Take 2 bei wichtigen Spielen selbst die Vorab-Tests zumindest der US-amerikanischen Magazine und Webseiten in kontrollierte Bahnen. Sowohl für Bioshock als auch für GTA 4 wurden Journalisten gemeinsam in Hotelzimmer oder Büroräume geladen, um unter Aufsicht und Zeitdruck zu spielen. Grund dafür seien Sicherheitsbedenken, beschwichtigt der Take-2-Pressemann Wilding, mit Hype habe das nichts zu tun: "Aus PR- und Marketingsicht sind wir eher dagegen." Die Nebenwirkungen dürften dennoch im Sinne der Firma sein, denn im sozialen Kontext schaukeln sich positive Meinungen hoch, weil die Tester untereinander von ihren Erlebnissen erzählen. Und im Zweifel sind Firmenmitarbeiter nah, die Kritikpunkte abwiegeln. Deutsche Spielekritiker zumindest einflussreicher Magazine und Websites sperren sich zumeist aus gutem Grund gegen solche Testverhältnisse.
Das Risiko, bei professionellen Testern auf Ernüchterung zu stoßen, ist für die Hersteller gehypter Spiele überschaubar. Von der "Stunde der Wahrheit" kann zumindest auf Presseseite oft keine Rede sein. Denn in der klassischen Spielekritik finden die Hersteller eher Verbündete als Kontrolleure. Im Fall von Grand Theft Auto 4 nimmt das erstaunliche Ausmaße an. In Sachen rauschhafter Jubel hatten die Spiele-Fachorgane den Publikumsmedien ordentlich vorgelegt. Webseiten wie Metacritic.com sammeln die Einzelwertungen von weltweiten Kritiken und errechnen einen Mittelwert. Am 9. Mai, zehn Tage nach dem Erscheinen von Grand Theft Auto 4, betrug dieser Sammelwert 99 von 100 Punkten. 35 der 55 aufgeführten Tests vergaben 100 Punkte (oder das Äquivalent dazu auf ihrer Skala). Die niedrigste Wertung war eine 85. "Sie müssen nur eines wissen: Sie müssen dieses Spiel spielen. Punkt", urteilte die große amerikanische Spieleseite IGN. "Es müsste schon ein Wunder geschehen, um Grand Theft Auto 4 den Titel ›Spiel des Jahres‹ noch streitig zu machen", orakelte Eurogamer. "GTA 4 verändert die Landschaft des Spielens", deklarierte Game Informer. Selbst die traditionell britisch-steiflippige Edge, die Bioshock 2007 mit 8 von 10 Punkten abkanzelte, vergab die Höchstnote - das Spiel sei ein "Triumph".



