2091640

Die Kernel-Entwicklung von Linux in Zahlen

23.07.2015 | 12:09 Uhr |

Über viertausend Entwickler haben sich in den letzten Monaten mit dem Linux-Kernel beschäftigt. Wer steuerte die meisten Änderungen bei? Jedes Jahr wertet die Linux Foundation diese Zahlen im Entwickler-Report aus.

Mit einem Klischee räumt der Report der Linux Foundation vom Februar 2015 endgültig auf: Linux wird nicht mehr maßgeblich von versponnenen Idealisten mit wilder Gesichtsbehaarung am heimischen PC als Hobby vorangetrieben. Aber natürlich gäbe es Linux ohne Hobbyprogrammierer nicht, war doch gerade der Start „nur ein kleines Hobby“ eines Enthusiasten: 1991 begann Linus Torvalds als Student an der Universität Helsinki mit einem Unix-Klon für seinen damals brandneuen 386er-PC. Diese CPU bot erstmals den 32-Bit-Protected-Mode, der einen Speicherschutz zwischen Betriebssystem und Anwendungen ermöglichte – ideal für Multitasking. Nur gab es dafür noch wenig Software. Lediglich das Unix-ähnliche System Minix konnte die neuen Eigenschaften des 386ers bereits nutzen. Da es aber strikt als Lehr- und Demonstrationssystem ausgelegt war, das fremde Patches und Erweiterungen ablehnte, kam es für den praktischen Einsatz kaum in Frage. Linus Torvalds wollte eine offene Alternative für Minix kurzerhand selbst bauen, sah aber sein Projekt eben nur als persönliches Hobby, dem er keine große Bedeutung beimaß.

Sieben neue Desktop-Optimierungen für Linux

Die Entwicklung professionalisiert sich

Die Wurzeln dieses größten gemeinschaftlichen Software-Projekts sind noch gut im lässigen, aber manchmal auch ruppigen Umgang der Entwickler untereinander auf den öffentlichen Mailing-Listen abzulesen. Davon abgesehen ist Linux aber kein Hobbyunternehmen mehr, sondern Motor einer Milliarden-Industrie. In logischer Konsequenz professionalisiert sich die Linux-Entwicklung zusehends: Fast 90 Prozent der Programmierer, die sich in den letzten 12 Monaten am Kernel beteiligt haben, sind angestellt und werden von einer Firma für ihre Arbeit bezahlt. Und deren Zahl steigt stetig. Seit 2012 ging der Anteil der Hobbyprogrammierer von 14,6 Prozent auf heute 11,8 Prozent zurück. Linux Torvalds interpretiert dies als Erfolg: Kernel-Spezialisten seien nun mal gefragte Leute und blieben nicht lange ohne Festanstellung. Am eigentlichen Entwicklungsprozess ändere das aber nichts, versichert Torvalds.

Der Chef-Pinguin Torvalds im Herbst 2014 auf der Linux Con in Düsseldorf: Dank funktionierender Arbeitsteilung liefen im vergangenen Jahr nur noch 0,4 Prozent aller Patches über seinen Schreibtisch.
Vergrößern Der Chef-Pinguin Torvalds im Herbst 2014 auf der Linux Con in Düsseldorf: Dank funktionierender Arbeitsteilung liefen im vergangenen Jahr nur noch 0,4 Prozent aller Patches über seinen Schreibtisch.
© krd (Creative Commons)

Alte Bekannte und frische Gesichter

Diesen Trend begrüßen aber nicht alle. Die meisten der heute gut bezahlten und tonangebenden Linux-Entwickler fingen aus Begeisterung und Interesse an, sich in der Freizeit mit dem Kernel zu beschäftigen. Oft einfach nur, um ein kleines persönliches Problem mit der eigenen Hardware zu lösen. Eine gesunde Kernel-Entwicklung braucht auch weiterhin die Mitarbeit individueller Bastler, meint die Linux Foundation. Es gibt inzwischen Bedenken, die auch im Entwicklerreport 2015 zur Sprache kommen, dass nicht mehr genügend feste Kernel-Programmierer nachkommen. Die Zahl von 4169 Entwicklern, die sich von 2013 bis 2014 am Kernel beteiligten, scheint zwar kolossal, aber dahinter stehen häufig nur kurze Gastspiele: Ein Drittel der Entwickler steuern nur einen Patch hier dort bei und wenden sich dann wieder anderen Projekten zu.

Ein erheblicher Teil der Arbeit lastet auf den Schultern weniger Spezialisten: 17 Prozent aller Kernel-Änderungen stammen von nur 30 Programmierern. Die Linux Foundation legt deshalb immer wieder Stipendien auf und will auch Frauen für Linux begeistern. Immerhin brachte das letzte Programm dieser Art zwei Dutzend neue Entwicklerinnen zum Kernel.

Exakte Vermessung des Kernels

Sich in den kompletten Kernel-Quellcode einzuarbeiten, wäre bei gegenwärtig 19 Million Codezeilen eine aussichtslose Aufgabe. Die Entwicklung ist deshalb nach Subsystemen aufgeteilt, etwa für die Speicherverwaltung, USB-Schnittstellen, x86- und ARM-Unterstützung. Insgesamt hundert Subsysteme formen den Kernel. Programmierer arbeiten üblicherweise an einem dieser Codezweige. Änderungen und Ergänzungen werden in kleinere Stücke aufgeteilt („Patches“) und mit dem Namen des Entwicklers eingereicht. Über die Versionsverwaltung Git, die ebenfalls Linus Torvalds als Open-Source-Projekt ins Leben gerufen hat, ist es möglich, den Werdegang jedes Patches seit 2005 zurückzuverfolgen. Über die Zahlen und Verhältnisse in der Entwicklergemeinde des Kernels hat die Linux Foundation dank Git deshalb sehr genaue Daten. Streng genommen ist Linux aber nur die Bezeichnung für den Kernel, der die zentralen Aufgaben im System übernimmt, aber eben noch kein komplettes Betriebssystem ist. Über viele andere Open-Source-Projekte, die ein System erst komplett machen, liegen weniger Daten vor. Dass viele kleinere Projekte im Schatten des Kernels ein eher unbeachtetes Dasein fristen, könnte zu einer Gefahr für das Linux-Umfeld werden.

Hilfe für unterfinanzierte Projekte

Der Entwickler Eric Raymond formulierte den Satz „Bei genügend Augenpaaren werden alle Bugs offensichtlich“, der auch als „Linus-Gesetz“ bekannt ist. Nach wie vor gibt es eine Menge Programme und Bibliotheken, die in jeder Linux-Distribution zum Einsatz kommen, auf Millionen von Systemen arbeiten und trotzdem unterfinanziert und unterbesetzt sind. Prominentes Beispiel ist Open SSL, das vor gut einem Jahr den katastrophalen Heartbleed-Bug offenbarte, der es Angreifern erlaubte, über sicher geglaubte SSL/TLS-Verbindungen ganze Speicherauszüge zu lesen. Gepflegt wurde das fundamentale Open SSL bis dahin von zwei unterbezahlten Programmierern. Anfang 2015 meldete sich Werner Koch, der Entwickler des ebenfalls weit verbreiteten GNU Privacy Guard, über einen Online-Artikel zu Wort und wies auf seine finanziellen Nöte hin, die ihn zur Einstellung des Projekts zwingen würden.

In beiden Fällen sprang die Linux Foundation mit einer Finanzierung ein. Aber die Aufgabe ist größer: Nun geht es darum, eine Landkarte der Open-Source-Projekte zu erstellen, die für die Sicherheit von Linux-Systemen essenziell ist. Projekte mit Problemen sollen schneller Hilfe bekommen, und die Linux Foundation hat für diese Initiative zwanzig Partner aus der Industrie gefunden.

Linux-Kernel: Dateien – Patches – Codezeilen

Version

Jahr

Dateien

Patches

Codezeilen

0.01

1991

88

10.000

1.0

1994

563

k A

170.000

3.11

2013

44.017

10.893

17.407.037

3.12

2013

44.601

10.927

17.730.630

3.13

2014

44.985

12.127

17.934.674

3.14

2014

45.950

12.311

18.275.747

3.15

2014

46.795

13.722

18.636.331

3.16

2014

47.440

12.804

18.882.881

3.17

2014

47.505

12.354

18.868.140

3.18

2014

47.986

11.379

18.997.848

3.19

2015

48.424

12.617

19.130.604

4.0

2015

48.945

ca 10.000

19.312.370

0 Kommentare zu diesem Artikel
2091640