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Deutsche Telekom: Internet zweiter Klasse

04.09.2013 | 10:55 Uhr |

Die Netzneutralität, also ein wertneutrales Internet, ist in Deutschland kein Gesetz. Da ist es kein Wunder, dass die Telekom sie in Frage stellt. Es droht ein Zwei-Klassen-Netz.

Als die Deutsche Telekom mit ihren Plänen herausrückte, bei Überschreiten eines bestimmten Datenvolumens die DSL-Geschwindigkeit für den Rest des Monats drastisch auf 384 KBit/s zu drosseln, war der Aufschrei groß: „Drosselkom“ zählte noch zu den freundlicheren Ausdrücken. Die Reduzierung der Surf- und Downloadgeschwindigkeit, die das Bonner Staatsunternehmen tatsächlich seit Anfang Mai in die neuen DSL-Verträge hineinschreibt, ist aber nur ein Aspekt. Mindestens ebenso wichtig ist, dass der durch das unternehmenseigene IP-TV-Angebot „Entertain“ verursachte Traffic nicht auf das schnelle Datenkontingent angerechnet wird: Wer also über den Telekom-eigenen Dienst fernsieht oder sich dort Filme oder Serien anschaut, behält sein schnelles Kontingent für andere Zwecke.

Tatsächlich dürfte mancher Telekom-Kunde so davor zurückschrecken, Filme bei der Konkurrenz wie Lovefilm, Maxdome oder iTunes zu streamen. Für die Kritiker stellt diese „Benachteiligung“ eine Diskriminierung der Wettbewerber und damit einen Verstoß gegen die Netzneutralität dar, eben gegen die wertneutrale Datenübertragung im Internet. Dem widerspricht Telekom-Chef René Obermann: Entertain sei eben „kein typischer Internetdienst, sondern eine von den deutschen Landesmedienanstalten durchregulierte separate Fernseh- und Medienplattform, für die Kunden ein entsprechendes Zusatzentgelt bezahlen“.

Die Originalmeldung vom März 2013: Telekom denkt über Bandbreiten-Drosselung nach

„Managed services“ sollen weiter erlaubt bleiben

Zwei gegensätzliche Standpunkte, über die sich die Kontrahenten demnächst vor Gericht streiten werden. Denn die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (NRW) hatte die Telekom wenige Tage nach Inkrafttreten der Neuregelung diesbezüglich abgemahnt. Nach Ansicht der Verbraucherschützer stellt die Drosselung eine „unangemessene Benachteiligung der Verbraucher“ dar. Außerdem beschneide der Provider seinen Kunden damit den diskriminierungsfreien Zugang zu allen Diensten. Weil die Deutsche Telekom die Frist zum Abgeben einer Unterlassungserklärung verstreichen ließ, werden sich beide Seiten aller Wahrscheinlichkeit nach nun vor Gericht treffen. Anfang Juli hat die Verbraucherzentrale deshalb Klage gegen den Ex-Monopolisten angekündigt.

Diese öffentliche Diskussion um die geplante Geschwindigkeitsdrosselung mitsamt der Sonderregelung für den Entertain-Dienst setzte auch die Politik unter Druck. Schließlich haben mittlerweile mehr als 200.000 Kritiker eine Petition mit dem Ziel unterschrieben, die Netzneutralität gesetzlich festzuschreiben.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler kündigte daraufhin an, schnell eine Verordnung auf den Weg bringen, die „die schnellstmögliche Übermittlung von Angeboten im Internet ohne Unterschiede“ gewährleisten soll. Die Privilegierung eigener Dienste, auch als „Managed Services“ bezeichnet, soll nach Röslers Plänen aber erlaubt bleiben – und damit auch das Entertain-Angebot der Telekom.

Das Wirtschaftsministerium hat nun einen ersten Verordnungsentwurf vorgelegt, den der IT-Branchenverband Bitkom heftig kritisiert: „Der Entwurf des BMWi ist ein regulatorischer Schnellschuss und wird der komplexen Thematik nicht gerecht.“ Kritik kommt auch von Verbraucherschützern und Bürgerrechtlern, denen die Regelungen „zu schwammig“ sind.

Ganz nebenbei kommt mit dem Verordnungsentwurf allerdings ein Thema wieder auf die Tagesordnung, das Anfang des Jahres mit einer Stellungnahme der Bundesnetzagentur praktisch beerdigt schien. Im Januar hatte die Behörde festgestellt, dass sie gegen den „Routerzwang“, also das Bereitstellen vorkonfigurierter DSL-Router durch den Provider, nichts machen könne.

Wenn die Provider ihren Kunden aber keine Zugangsdaten geben, können diese auch keine anderen Router als das gestellte Gerät verwenden und damit auch keine Dienste wie IP-Telefonie über alternative Anbieter nutzen. Kritiker werten auch dies als Eingriff in die Netzneutralität.

Politik will „Routerzwang“ per Verordnung untersagen

Im Entwurf der Netzneutralitätsverordnung heißt es nun in § 4 zur Reichweite der Netzneutralität: „Nach Maßgabe des Gesetzes über Funkanlagen und Telekommunikations endeinrichtungen dürfen Betreiber das Gebot der Netzneutralität nicht dadurch beeinträchtigen, dass sie den Netzzugang nur über ein von ihnen bestimmtes Endgerät ermöglichen. Der Netzabschluss muss grundsätzlich über ein vom Nutzer frei wählbares Endgerät technisch zugänglich sein.“

Damit wäre der Routerzwang zwar vom Tisch, hingegen das Ziel der Drosselgegner, „Managed Services“ wie das Entertain-Angebot der Telekom zu verbieten, aber nicht erreicht. Allerdings ist in der Verordnung als Ziel ausdrücklich das „Best-Effort-Prinzip“ festgehalten, also die grundsätzliche Gleichbehandlung aller Datenpakete unabhängig von Inhalt, Dienst, Anwendung, Herkunft oder Ziel.

Wann und ob all diese Pläne umgesetzt werden, ist allerdings offen. Schließlich herrscht in Deutschland Wahlkampf und die EU-Kommssion spricht sich sogar ausdrücklich für das „Zwei-Klassen-Internet“ aus.

Satire-Video erklärt gute Seite der DSL-Drosslung

Extra: Zwangs-Router vom Provider - Das können Sie tun

Viele Fritzbox-Modelle, im Bild die 7270, können das Internetsignal von einem anderen Modem – meist einfach mit „Router“ bezeichnet – durchschleifen.
Vergrößern Viele Fritzbox-Modelle, im Bild die 7270, können das Internetsignal von einem anderen Modem – meist einfach mit „Router“ bezeichnet – durchschleifen.

Wie bereits erwähnt, ist es fast schon selbstverständlich, dass einige DSL-Anbieter, zum Beispiel O2 oder Vodafone, ihren Kunden speziell vorkonfigurierte Router ausliefern. Das ist einerseits praktisch, weil man keine kryptischen Kundenkennungen mehr eingeben muss und damit seinen Internetzugang schnell betriebsbereit hat. Auf der anderen Seite bleibt aber auch gar keine Wahl mehr, einen anderen Router zu verwenden, wenn man – abhängig vom Provider und Vertrag – seine Kundendaten nicht mehr zur Verfügung gestellt bekommt. Damit lassen sich unter anderem keine alternativen VoIP-Anbieter zum Telefonieren über das Internet nutzen. Zudem muss man – verglichen mit der Funktionsvielfalt der Fritzbox-Modelle – auf allerlei Komfort verzichten. Gleiches gilt für Internet- Anschlüsse über das TV-Kabel, bei denen der Kunde stets ein speziell konfiguriertes Modem erhält.

Was also können Sie tun, wenn Sie vom DSL-Anbieter eine vorkonfigurierte „Internet- Box“ gestellt bekommen? Am besten, Sie lassen sich vor Vertragsabschluss schriftlich zusichern, dass man Ihnen Ihre Zugangsdaten mitteilt. Manchmal rückt der Provider sie auch im Nachhinein noch heraus. Tut er das nicht, wird es komplizierter: In einigen Fällen können Sie aber die Zugangsdaten aus dem Datenstrom oder über den Telnet-Modus herausfinden.

Gerade für Besitzer der verbreiteten Fritzboxen bietet sich aber noch eine andere bequeme Lösung an: Man benutzt beide Geräte, und zwar hintereinander. Dabei verwendet die Fritzbox nicht ihr internes Modem, sondern die im Netzwerk bereits vorhandene Internetverbindung im Netzwerk. Das Websignal wird durch geschleift.

So geht’s: Sie verbinden Ihre Fritzbox am LAN-1-Anschluss (wichtig!) per Netzwerkkabel mit dem Kabelmodem oder der Internetbox des Providers. Durch Ein geben des Befehls fritz.box in die Browser-Zeile und die Eingabe Ihres Kennworts in die Fritzbox-Abfrage starten Sie die Benutzeroberfläche der Fritzbox. Stellen Sie gegebenenfalls die Ansicht über „Einstellungen > Erweiterte Einstellungen > System > Ansicht > Expertenansicht aktivieren > Übernehmen“ auf die Expertenansicht um. Nun wählen Sie "Internet > Zugangsdaten > Verbindungseinstellungen ändern“. Tragen Sie darunter die Geschwindigkeit Ihres DSL-Anschlusses ein (zum Beispiel 1000 und 16000) und bestätigen mit einem Klick auf „Übernehmen“.

Eine ausführliche Anleitung stellt der Hersteller im Internet ebenso zur Verfügung wie eine Liste der Fritzbox-Modelle, die „LAN 1-fähig“ sind.

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