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Wie der Client in den Serverraum wandert

10.06.2008 | 10:01 Uhr |

Hersteller von Virtualisierungslösungen und Thin Client Computing versuchen häufig, den Client-PC vom Schreibtisch in den Serverraum wegzuloben. Das Konzept hat durchaus seinen Charme, doch seine Zeit muss erst noch kommen.

Von Wolfgang Sommergut

Das Thema Virtualisierung hat sich bei Servern und zunehmend auch im Bereich Storage etabliert. Die Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen: Man kommt mit weniger aber besser ausgelasteter Hardware aus und spart damit Geld. Die einschlägigen Hersteller scheinen sich allerdings immer mehr auch auf die Client-Infrastrukturen einzuschießen.

Grundsätzlich bringt Desktop-Virtualisierung eine räumliche Trennung zwischen Anwender und den Standort des Clients. Erfolgreiche Modelle für dieses Konzept gibt es bereits reichlich. Eines davon sieht vor, das über Remote-Control-Software auf einen Desktop zugegriffen wird. Ein allgemein gültiges Modell für die systematische Zentralisierung des Clients ist das jedoch nicht. Vielmehr wird durch die Virtualisierung eine Verlagerung des Desktops ins Rechenzentrum angestrebt.

Im Gegensatz zur bloßen räumlichen Verlagerung des PC ins Rechenzentrum verspricht das Terminal-Modell mehr Vorteile und ist deswegen beliebter. Bei diesem laufen alle Client-Anwendungen auf dem Server, die Bildschirmausgabe wird zum lokalen Client übertragen und die Bedienungssignale von Tastatur und Maus zurück an den Server. Nach diesem Prinzip funktionieren Microsofts "Terminal Server" oder der "Presentation Server" von Citrix, den kürzlich in "XenApp" umbenannt wurde.

Bei der zuletzt ausgerufenen Form der Desktop-Virtualisierung läuft dagegen ein komplettes Client-Betriebssystem inklusive aller normalerweise lokal installierten Anwendungen in einer virtuellen Maschine auf dem Server. Für jeden Mitarbeiter existiert in einer solchen Konstellation ein Software-PC im Rechenzentrum, auf den er von seinem Arbeitsplatzrechner oder einem Terminal aus zugreifen kann.

Als Basistechnologie kommt jene zum Einsatz, die auch zur Virtualisierung von Servern dient. Dabei handelt es sich zuvorderst um Software zur Hardwarevirtualisierung, zumeist in Form eines Hypervisors, der nur eine schlanke Abstraktionsschicht über dem blanken Metall darstellt. VMware setzt auf seinen "ESX"-Server, Citrix auf den mit XenSource erworbenen "XenServer", Microsoft bringt in den nächsten Monaten für Windows Server 2008 "Hyper-V" auf den Markt, und Sun entwickelt auf Basis des quelloffenen Xen den Hypervisor "xVM" mit Solaris-Kernel. In den von diesen Produkten erzeugten virtuellen Maschinen laufen jedoch nicht wie bisher zumeist üblich Server-Betriebssysteme, sondern in der Regel Windows XP oder Vista.

Deutliche Kostenvorteile

Wie schon bei anderen zentralistischen Ansätzen verheißen die Anbieter von Virtualisierungssoftware für ihr neues Modell eine Reihe von Vorteilen gegenüber den traditionellen Arbeitsplatz-PCs. Zu den Versprechen zählen Einsparungen durch das zentrale Management der Desktops sowie höhere Sicherheit, weil sich die virtuellen PCs in einer kontrollierten Umgebung befinden. Außerdem lasse sich damit die vorhandene Hardware besser auslasten, da die Prozessoren herkömmlicher Client-Systeme kaum beschäftigt seien. Am Server hingegen könne eine Maschine durch die dynamische Umschichtung von virtuellen Desktops bis zur Kapazitätsgrenze gefahren werden.

Wo sich DV-Verantwortliche für das zentrale Management von Applikationen entschieden haben, nutzen sie zumeist die Terminal-Dienste von Windows sowie den Präsentations-Server von Citrix. Wenn Endanwender mehr Gestaltungsmöglichkeiten benötigen und häufig offline arbeiten müssen, dann bekommen sie jedoch einen voll ausgestatteten PC (beziehungsweise Notebook) mit lokal installierten Programmen. Virtuelle Desktops sollen nun zwischen diesen beiden etablierten Ansätzen einen Platz finden oder diese gar verdrängen.

Allerdings treffen die meisten Vorteile, die für virtuelle Desktops reklamiert werden, auch für das Terminalmodell zu, das Citrix und Microsoft neuerdings nicht mehr "Server Based Computing", sondern Präsentationsvirtualisierung nennen. Die Verfechter der Desktop-Virtualisierung lassen zudem gerne außer Acht, dass sich das Management herkömmlicher Arbeitsplatz-PCs über die Jahre deutlich verbessert hat und durch die Zentralisierung alleine noch keine Vorteile zu erzielen sind. In einer vernetzten Welt bewirkt eine geringere Distanz zwischen dem Administrator und einem verwalteten System alleine weder mehr Sicherheit noch geringeren Aufwand.

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