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Der X-Server von Linux streikt - was nun?

11.02.2015 | 17:30 Uhr |

Der X-Server ist die Schnittstelle zwischen der grafischen Oberfläche und Bildschirmen und Eingabegeräten. Ohne funktionierenden X-Server gibt es keine Desktop-Umgebung und keine Bedienung mit der Maus. Dieser Beitrag analysiert und behebt mögliche Probleme.

Der vollständige Ausfall des grafischen Systems ist selten. Die Entwickler wissen, dass eine Systembedienung ausschließlich auf der Konsole nur für die wenigsten Nutzer machbar ist. Deswegen sind allerlei Routinen in den Start des X-Servers eingebaut, um nötigenfalls zumindest eine Notfallkonfiguration einsetzen zu können.

Der Bildschirm bleibt schwarz

Passiert nach dem Einschalten gar nichts oder der PC reagiert bereits in den ersten Sekunden mit Alarmtönen, handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um ein Hardware-Problem. Machen Sie in diesem Fall einen Test mit einem Live-System, und versuchen Sie damit einen erneuten Start. Bei Hardware-Problemen dürfte das Ergebnis damit identisch ausfallen. Hier hilft nur das Auswechseln defekter Komponenten.

Anders steht es, wenn die Probleme erst nach einem zunächst normalen Systemstart auftreten. Bleibt der Bildschirm nach dem Starten von Ubuntu schwarz, sollten Sie den Systemstart mit speziellen Notfall-Parametern wiederholen: Starten Sie den PC neu, und sobald Sie den Bildschirm des Bootloaders Grub sehen, markieren Sie den Eintrag des Systems, das Sie starten wollen, und drücken die Taste E. Mit den Pfeiltasten navigieren Sie anschließend zur Zeile, die mit „linux“ oder „kernel“ beginnt. Die Zeile kann dabei durchaus auch über zwei Zeilen laufen. Tragen Sie an deren Ende folgende Parameter ein:

xforcevesa nomodeset noplymouth

Damit zwingen Sie das grafische System in einen einfacheren Modus und schalten das Verstecken von Rückmeldungen aus. Nun drücken Sie Strg-X oder F10, um mit diesen Parametern das System zu starten. Verfolgen Sie den Systemstart. Wenn alles optimal gelaufen ist, erreichen Sie jetzt wieder die grafische Oberfläche. Zumindest aber sollte der Zugriff auf das System selbst möglich sein. Wenn Ihnen der Rechner die Aufforderung „login“ zeigt, melden Sie sich mit Ihrem Benutzernamen und dem Passwort an. Versuchen Sie jetzt die Oberfläche durch Eingabe von startx aufzurufen. Achten Sie dabei auf eventuelle Fehlermeldungen, falls sich kein Desktop zeigt. Zur Recherche auf den Seiten von Entwicklern oder Herstellern ist es auch nützlich, sich einmal anzusehen, welche Grafikkarte das System erkannt hat. Das funktioniert mit einem Terminal-Kommando:

lspci -nnk | grep "VGA\|'Kern‘\|3D\|Display" -A2

Das System gibt dann das Kernel-Modul, den Namen des Controllers sowie der gefundenen Grafikkarte zurück.

So können Sie Ihre Systempartition bereinigen

Mit den erweiterten Boot-Optionen – hier für Ubuntu – können Sie sich in den allermeisten Fällen Zutritt zum System verschaffen.
Vergrößern Mit den erweiterten Boot-Optionen – hier für Ubuntu – können Sie sich in den allermeisten Fällen Zutritt zum System verschaffen.

Selbstheilung ohne Hokuspokus

Was vorher monatelang funktioniert hat, stellt nicht mit einem Mal seinen Betrieb ein. Die Wahrscheinlichkeit ist bei massiven Grafikproblemen hoch, dass Sie ein Update eines Treibers eingespielt haben oder etwas aus Versehen oder absichtlich gelöscht haben. Ein eher instabiles System ist häufig die Folge, wenn in jüngeren Distributionen plötzlich die Konfigurationsdatei „/etc/X11/xorg.conf“ vorhanden ist. Das Internet ist voll von obskuren Hinweisen zum manuellen Bearbeiten dieser Datei, deren Bedeutung aber in den vergangenen Jahren zusehends abgenommen hat. Aktuelle Systeme sollten auch völlig ohne diese Datei laufen, die aber immer noch ausgewertet wird. Wenn Sie zumindest bis zum Log-in des Systems gekommen sind, können Sie mit root-Rechten die Datei sichern und anschließend das Original löschen. Dazu melden Sie sich an und beenden den Window-Manager mit

sudo /etc/init.d/lightdm stop

Dann kopieren Sie die „xorg.conf“ mit diesem Befehl:

sudo cp /etc/X11/xorg.conf /etc/X11/xorg.conf.bak

Antwortet das System damit, dass die Datei nicht gefunden werden konnte, ist dies möglicherweise bereits die Lösung, und der nächste Schritt würde damit entfallen. Nachdem Sie die Kopie angelegt haben, löschen Sie die Datei:

sudo rm /etc/X11/xorg.conf

Jetzt legen Sie mit

sudo X -configure

die Datei neu an. Diese wird aber im Home-Verzeichnis jenes Nutzers angelegt, der das Kommando ausführt – das ist also das Home-Verzeichnis von root. Kopieren Sie die Datei mit

sudo cp xorg.conf.new /etc/X11/xorg.conf

an die richtige Stelle. Starten Sie den Window-Manager jetzt neu, wobei Sie im oben genannten Kommando das „stop“ durch „start“ ersetzen.

Root-Shell im Recovery-Modus: Hier kopieren Sie Konfigurationsdateien und lesen und bearbeiten diese mit dem Editor Nano. So reparieren Sie einen defekten X-Server.
Vergrößern Root-Shell im Recovery-Modus: Hier kopieren Sie Konfigurationsdateien und lesen und bearbeiten diese mit dem Editor Nano. So reparieren Sie einen defekten X-Server.

Die Probleme können auch durch ein Update einer Anwendung oder eines Treibers ausgelöst worden sein. Trat das Problem etwa nach der Installation einer Software auf, ist es möglich, dass deren Setup die xorg-Konfigurationsdatei bearbeitet hat. Auf der Konsole wechseln Sie dann mit cd mit root-Rechten in das Verzeichnis „/etc/X11“ und sehen sich mit ls den Inhalt an. Wenn Sie dort Dateien wie „xorg.conf.1“ oder mit der Endung „bak“ finden, kopieren Sie diese auf den Originalnamen „xorg.conf“ zurück. Sie haben gute Chancen, dass die vorherige Version funktioniert.

Proprietäre Treiber für Nvidia oder ATI: Wenn Probleme nach der Einrichtung eines proprietären Nvidia- oder ATI-Treibers aufgetreten sind, hilft möglicherweise ein Downgrade oder auch die radikale Entfernung der Treiber wieder.

Ganz hartnäckige Fälle: Wenn alle genannten Maßnahmen scheitern, verweisen wir auf den Artikel zu Sound-Problemen ab Seite 40. Dieser zeigt nämlich, wie Sie Kernel-Versionen oder das Update von Paketen wieder rückgängig machen. Solches Rollback lässt sich ohne grafische Oberfläche in einer Konsole durchführen.

Die Fehler-Logdatei des X-Servers

Konkrete Ansatzpunkte für die Recherche im Internet zu der von Ihnen genutzten Distribution sollte der Blick in das Fehlerprotokoll des X-Servers liefern. Sie finden es unter „/var/log/Xorg.0.log“. Da Sie ja im Problemfall die grafische Oberfläche des Desktops nicht starten können, nutzen Sie einen Editor, der auf der Konsole funktioniert:

sudo nano /var/log/Xorg.0.log

Wenn Sie sich als Benutzer root angemeldet haben, können Sie auf das „sudo“ natürlich verzichten. In Ihrem Home-Verzeichnis existiert außerdem die versteckte Datei „.xsession-errors“. Darin schreiben Anwendungen ihre Fehlermeldungen, die unter der grafischen Oberfläche arbeiten. Möglicherweise finden Sie auch hier einen Hinweis auf das Programm, das den X-Server beschädigt hat.

Dieser Artikel stammt aus der LinuxWelt 6/2014

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