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Google Glass, Oculus Rift, Samsung Gear VR, Cardboard

Datenbrillen - der große Überblick

09.12.2014 | 10:14 Uhr |

Google Glass, Oculus Rift, Samsung Gear VR – welche Datenbrillen gibt es, was sind die Unterschiede und welche Vorteile bieten die kleinen Wunderdinger? Und wo liegen die Nachteile? Ein Überblick über den Zukunftstrend.

Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage würden sich 10 Millionen Deutsche eine Videobrille zulegen. Immer mehr Menschen sind an dem Thema interessiert. Doch welche Videobrillen gibt es in Deutschland, für was sind sie geeignet und wo geht der Markt hin? Warum hat zum Beispiel Facebook Interesse an der Technologie?  Wir stellen die derzeit erhältlichen Datenbrillen vor und geben einen Ausblick auf die kommende Entwicklung.

Im Interview erklärt Dirk Schart, Leiter Kommunikation und Marketing der RE´FLEKT GmbH und Augmented Reality Experte, was es für Arten von Datenbrillen gibt, wie Leute auf Google Glass reagieren und wie die Brillen der Zukunft unser Leben verändern werden.

PC-Welt: Worin unterscheidet sich die Google Glass von einer Oculus Rift? 

Dirk Schart: „Grundsätzlich spricht man von Virtual-Reality- (VR)  oder Augmented Reality-Brillen (AR).  Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist: Habe ich ein „see through“-Device und kann ich die reale Umgebung noch sehen oder nicht? Die Oculus Rift ist geschlossen. Der Träger befindet sich damit komplett in der virtuellen Realität.  Daher handelt es sich dabei um eine VR-Brille.

Google Cardboard ohne Smartphone.
Vergrößern Google Cardboard ohne Smartphone.
© Alexander Hoffmann

Bei der anderen Variante, einer Augmented-Reality-Brille, sehe ich noch die echte Welt und bekomme dazu passende Informationen eingeblendet. Beispiel hierfür: Google Glass oder Moverio BT-200 von Epson.“

PC-Welt:  Was bedeutet Virtual Reality konkret?

Dirk Schart:   „Virtual Reality bedeutet, die reale Umgebung zu verlassen und in eine computergenerierte virtuelle Welt einzutauchen. Man begibt sich in eine geschlossene Welt und vergisst die Realität - man ist mit vollständiger Immersion in einem virtuellen Umfeld. Immersion bedeutet, dass man die Realität weniger wahrnimmt und sich mit der virtuellen Umgebung identifiziert."

Google Cardboard mit Smartphone. Bild wird für jedes Auge gespiegelt.
Vergrößern Google Cardboard mit Smartphone. Bild wird für jedes Auge gespiegelt.
© Alexander Hoffmann

PC-Welt:   …und Augmented Reality?

Dirk Schart:   „Augmented Reality ist die ‚erweiterte Realität‘. Das heißt,man fügt der Realität digitale Informationen hinzu, die auf einem Display einer Datenbrille oder auch einem Smartphone eingeblendet werden. Beispiel mit Geo-Daten: Man ist in Paris und hält sein Smartphone auf den Eiffelturm und erhält dazu dann passende Informationen - lagegerecht und maßstabsgetreu: Wie hoch ist er? Wann kann ich ihn besuchen? Oder eine komplette Überlagerung: wie hat die Szenerie vor 50 Jahren ausgesehen?
 
PC-Welt: Aktuell hagelt es viel negative Kritik auf Google Glass: die Entwickler verlassen das Projekt, Firmen stellen die Entwicklung ein und ähnliches. Steht das Projekt vor dem Aus?

Dirk Schart:   „Ich glaube nicht, dass das Projekt stirbt. Google Glass wird kein Gerät sein, das den Massen jeden Tag auf dem Kopf sitzt. Es wird definitiv ein Device sein, das uns in vielen Phasen unseres Alltags begleiten und erleichtern wird. Davon bin ich überzeugt. Google Glass kommt.“

Google Cardboard mit Smartphone. Vorderansicht. Loch für Kamera.
Vergrößern Google Cardboard mit Smartphone. Vorderansicht. Loch für Kamera.
© Alexander Hoffmann

PC-Welt: Wieso ist Google Glass noch nicht in Deutschland angekommen?

Dirk Schart: „Zuerst muss man sehen, dass Google Glass noch im Entwicklungsstadium und in Deutschland überhaupt nicht auf dem Markt ist. Google hatte nie die Absicht aus der Google Glass eine Augmented Reality Brille zu machen. Sie sollte kontextbezogene Informationen liefern. Informationen zur richtigen Zeit auf dem richtigen Device zur Verfügung stellen, die für den User relevant sind. Die Entwicklung hin zur Augmented Reality Brille dauert noch ein oder zwei Gerätegenerationen. Ich bin mit der Brille aber bereits eine Woche durch München gelaufen.

Der Blick durch das Google Cardboard.
Vergrößern Der Blick durch das Google Cardboard.
© Alexander Hoffmann

PC-Welt: Wurden Sie bei Ihrer Tour durch München auch mal als „Glass Hole“ bezeichnet?

Dirk Schart: „(Lacht) Also mich hat keiner verprügelt. Es hat mich auch niemand beschimpft. Glücklicherweise  hat auch keiner meine Brille heruntergerissen und zertreten. Es gab zwei Ausprägungen: Entweder sind die Leute neugierig und sie sprechen dich an und wollen sofort ein Selfie mit der Brille machen.

Oder sie sind skeptisch: Was macht der da? Filmt er mich? Fotografiert er mich? Hört er mich ab? Ist der von der NSA? Vom BND? Der Grund der Skepsis ist, dass die Leute kein Signal erkennen, dass jetzt gefilmt wird, dass jetzt ein Foto gemacht wird. Wie es bei einem Smartphone oder Tablet der Fall wäre. Bei einer Google Glass weiß niemand, wann oder wie aufgenommen wird. Dieses Problem muss Google lösen.“

Beim Testen der Oculus Rift.
Vergrößern Beim Testen der Oculus Rift.
© RE'FLEKT GmbH

PC-Welt: Waren Sie mit der Google Glass auch mal im Kino?

Dirk Schart: „Nein, aber in den USA überlegen die Kino und Theater-Betreiber die Google Glass bei Vorstellungen zu verbieten. Meiner Meinung nach ist das eine Hysterie-Reaktion, da Google Glass Videos nur mit einer begrenzten Zeit aufnehmen kann. Man müsste sie also immer wieder einschalten, wenn man eine längere Sequenz aufnehmen würde. Auch die Qualität der Videos ist noch nicht besonders gut. Nach 15-20 Minuten ist die Google Glass leer und bis zu 50°C heiß.“

Beim Testen der Spaceglasses
Vergrößern Beim Testen der Spaceglasses
© RE'FLEKT GmbH

PC-Welt: Wie erfolgt die Bedienung bei der Google Glass?

Dirk Schart: „Sie wird per Sprachsteuerung und Touchpad bedient. Die Sprachsteuerung ist auch einer der größten Kritikpunkte für mich. Befindet man sich in der Öffentlichkeit ist es für viele ein Hindernis, da die meisten Leute sich nicht trauen Selbstgespräche zu führen. Vor allem, wenn man sich drei Mal wiederholen muss, weil die Spracherkennung nicht funktioniert hat.“

PC-Welt: Wann kommt die flächendeckende Nutzung von Datenbrillen?

Dirk Schart: „Rein vom Aussehen her kann man sich nur mit der Google Glass auf die Straße trauen. Alles andere ähnelt einem Cyborg. Sie wird salonfähig werden, davon bin ich überzeugt: Design, Ergonomie, Faszination und Neugier. Niemand will mit einer Brille herumlaufen, die nicht gut aussieht. Egal wie performant sie ist. Da traut sich ja keiner mehr raus, außer ein paar Nerds. Aber auch in fünf Jahren schätze ich nicht, dass Leute permanent mit einer Datenbrille wie Google Glass herumlaufen werden, sondern sie bei Bedarf nutzen werden. Neben Brillen wie der Google Glass wird sich die Oculus Rift dauerhaft etablieren. Erst im Gaming-Bereich, um dann den Business-Sektor zu erobern.“

PC-Welt:  Warum interessiert sich Facebook für Oculus Rift?

Dirk Schart: „Die Oculus-Mannschaft hat viele Probleme im VR-Bereich gelöst. Sie sind in großen Sprüngen vorangekommen, was die Technologie angeht. Auch die Kosten werden mit geschätzten 300 US-Dollar verhältnismäßig gering sein. Man kann sie überall nutzen, darin sieht Facebook das Potenzial.  Klar, im Gaming-  aber auch im Entertainment-Bereich lassen sich virtuelle Räume schaffen, mit denen man Werbeeinnahmen generieren kann.“

Dirk Schart, Pressesprecher der RE´FLEKT GmbH und Augmented Reality Experte. Mit Google Glass
Vergrößern Dirk Schart, Pressesprecher der RE´FLEKT GmbH und Augmented Reality Experte. Mit Google Glass
© RE'FLEKT GmbH

PC-Welt: Datenbrillen ohne Gaming oder Entertainment? Geht das überhaupt?

Dirk Schart: Es ist nicht nur das virtuelle Kino oder der Shooter – auch Reisebüros können von der Technologie profitieren: Kataloge müssen nicht mehr durchgeblättert werden. Mit einer VR-Brille kann der Kunde das Reiseziel in der virtuellen Umgebung besuchen. Der Eindruck ist ganz anders, wenn man die Gelegenheit hat, vor dem Reiseantritt durch das Hotel zu laufen. Im Showroom des Autohauses kann man sein Traum-Auto zusammenstellen und in der virtuellen Umgebung sofort betreten. Die Technologie ist für jeden erschwinglich. Auch der emotionale Faktor  eingebunden zu sein und selbst zu bestimmen, was in der VR-Welt passiert, ist ein treibender Faktor für eine starke Verbreitung der Technologie. Mark Zuckerberg rechnet mit einer flächendeckenden Nutzung innerhalb von fünf bis Jahren.

Überblick: Ausgewählte Datenbrillen

Es folgt ein Überblick über die verschiedenen Datenbrillen, die es aktuell auf dem Markt gibt bzw. in nächster Zeit erhältlich sein werden.

Google Cardboard

Ein Karton? Richtig! Ein Brillengestell aus Pappe, das sich dank Online-Anleitung auch nachbauen lässt. Die DIY-VR Brille Google Cardboard benötigt ein Smartphone, um die erweiterte Realität anzeigen zu können. VR-App starten und das Smartphone einfügen. Fertig. Schon ist die VR-Brille einsatzbereit. Die Steuerung erfolgt über einen Magneten, der auf Knopfdruck elektrische Impulse aussendet, die der Kompass des Smartphones empfängt. Damit kann man z. B. durch die Informationen, die die VR-Anwendungen einblendet, navigiert werden. 

Samsung Gear VR

Wie beim Google Cardboard besitzt die Gear VR kein eigenes Display. Hier muss auch ein Smartphone eingesetzt werden. Z. B. ein Samsung Galaxy Note 4. Die Brille hat Samsung in Zusammenarbeit mit Occulus VR produziert. Das Brillengestell basiert auf einer Occulus Rift. Dank dem eingesetzten Smartphone ist keine Verbindung zu einem PC notwendig. Die Brille kann ohne mobile Einschränkungen – z. B. ein Kabel - genutzt werden. Bei unserem Test war das Bild im Vergleich zur Google Cardboard viel schärfer. Die Steuerung erfolgte durch ein Touchpad an der Seite des Brillengestells. Die Brille hatte durch eine Kopfbefestigung einen sehr stabilen Halt. Die Gear VR soll noch bis zum Weihnachtsgeschäft erhältlich sein. Der Kaufpreis liegt bei 200 US-Dollar.

VR One

Auch der deutsche Hersteller Carl Zeiss will noch vor dem Weihnachtsgeschäft eine eigene VR-Brille auf den Markt bringen: die VR One. Vom Aufbau ähnelt sie sich der Gear VR von Samsung, da sie für die Anzeige auch ein Smartphone benötigt. Handys mit einer Diagonale von 4,7 bis 5,2 Zoll werden dabei vor die Linsen gespannt. Die Brille kann bereits vorbestellt werden. Der Preis liegt bei 99 Euro.

Occulus Rift

Die neben der Google Glass wohl bekannteste Brille ist die Oculus Rift. Mit ihr war ich zum ersten Mal in einer vollständigen virtuellen Realität. Ein 360-Grad-Sichtfeld und eine schnelle Reaktion lassen mich schnell die Unterschiede zwischen Realität und Fiktion vergessen. Bei der Demo sehe ich ein Fahrzeugmodell vor mir, das sich in einem Globus befindet. Den Globus kann ich mit meinen Händen drehen. Die Hände werden in der VR als Modell angezeigt. Striche symbolisieren die Finger und ein Kreis repräsentiert die Handfläche. Legt man beide Handflächen aufeinander und entfernt die Hände langsam voneinander, bewegen sich auch die Teile des Autos auseinander. Ich blicke jetzt auf eine Explosionszeichnung und habe den Motor direkt vor der Nase. Ein zusammenführen der Handflächen lässt das Auto wieder in den Anfangszustand zurückführen.

Moverio BT-200

Die Moverio BT-200 liegt nicht besonders elegant auf der Nase. Man muss die Brille ein Stück höher halten, um ein optimales Seh-Erlebnis zu erhalten. Sie ist auch extrem breit gebaut, so dass sie eher locker sitzt. Die eingeblendeten AR-Informationen sind lesbar, aber man erkennt, dass sich die Technologie noch im Entwicklungsstadium befindet.  Die Moverio BT-200 AR-Brille ist ein Produkt von Epson. Der Preis liegt bei 699 Euro.

Blick in die Zukunft: Spaceglasses

Die Spaceglasses der Firma Meta sind die Zukunft. Sie vereint die Stärken aus beiden Welten: Virtual Reality trifft auf Augmented Realilty. Man sieht durch die Brille durch und sieht noch die Realität. Objekte werden 3D dargestellt und können per Gesten gesteuert werden. Ein Beispielszenario ist das virtuelle Schachspielen auf dem realen Wohnzimmertisch. Oder das mobile Arbeiten und die Verteilung von Windows-Applikationen innerhalb des 360° Blickfeldes. Der Anzahl an Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Sie befindet sich noch im Entwicklungsstadium. AR-Entwickler können aber seit Juli 2014 ein Developer KIT bestellen, um eigene AR-Anwendungen für die Brille zu programmieren. Kosten: 667 US-Dollar.

Fazit

Die Datenbrillen besitzen kaum optische Korrekturen. Damit werden Brillenträger nicht eingebunden. Das ist ein Problem, denn jeder Zweite trägt eine Brille. Das heißt die Hälfte der Menschen wird von der Nutzung ausgeschlossen. Auch bei Ergonomie und Passform besteht Nachholbedarf.  Alle Brillen außer der Google Glass sind von einer komfortablen Brille noch weit entfernt. Eine Nutzung von 20 Minuten ist erträglich, aber einen ganzen Tag damit zu arbeiten ist noch undenkbar. 

Auch das Thema Angst oder Mobbing verhindert eine flächendeckende Nutzung: Es gibt viele Menschen, die sich gar nicht trauen einen riesen Klotz aufzusetzen und damit in der Öffentlichkeit aufzufallen.

Darüber hinaus wissen wir noch fast gar nichts über die Auswirkungen. Wie lange kann ich eine Datenbrille tragen, ohne dass  mir schlecht wird? Ohne dass mir die Nase weh tut und ohne dass ich Kopfweh bekomme?

Last but not Least: VR-Umgebungen erzeugen noch keine Gerüche. Auch ein virtuelles Geschmackserlebnis steht noch auf der To-Do Liste der Virtual Reality Entwickler.

An dieser Stelle nochmal recht herzlichen Dank an die VR und AR Experten der RE´FLEKT GmbH, die uns ihre Datenbrillen zum Testen zur Verfügung gestellt haben.
 

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