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Das perfekte Porträt: Tipps und Tricks für Fotografen

31.10.2014 | 11:09 Uhr |

Mit Fotografien von Menschen kann man beeindrucken oder grandios scheitern. Wird ein Porträt länger als ein paar Sekunden betrachtet, hat man alles richtig gemacht. Es gibt viele Fallstricke, aber ebenso viele einfache Tricks, wie man erfolgreich an ein Porträt herangeht

Menschen sind sicher das am häufigsten fotografierte Motiv. Sie können schlicht Beiwerk in einer Stadtansicht sein, man kann sie wie in einer Reportage bei bestimmten Tätigkeiten zeigen, gesellschaftliche Abläufe und Rituale dokumentieren, sie künstlerisch darstellen oder ganz einfach allein und in Gruppen porträtieren. Der folgende Artikel beschränkt sich im Kern auf klassische Porträts eines einzelnen Menschen im und außerhalb des Studios. Betrachtet man in einschlägigen Communities zum Thema Fotografie ganz gezielt Porträts, sollte man auf das Geschlecht des Fotografen achten. Man hat oft den Eindruck, dass es Unterschiede zwischen den Bildern gibt – je nachdem, ob ein Fotograf oder eine Fotografin hinter der Kamera stand. Das Vorurteil, dass Männer sich mehr auf die Technik, Frauen mehr auf das Motiv konzentrieren, lässt sich gerade im Amateurbereich sehr häufig belegen. Die meisten Frauen (die ich kenne), interessieren sich nur dafür, wie man eine Kamera einschaltet und im Höchstfall noch die Brennweite verstellt. Alles andere an technischen Details hat sich dem Ziel, einen Augenblick so schön wie möglich festzuhalten, gefälligst unterzuordnen. Meine Damen, Sie haben vollkommen recht! Denn das oberste Ziel der Porträtfotografie ist nicht, jederzeit das technisch Machbare, das technisch Optimale aus seiner Kamera herauszuholen, sondern das beste Licht, die schönste Pose, den intensivsten Blick „in die Kamera hineinzuholen“. Erst wenn man in der Lage ist, auf die emotionalen und gestalterischen Feinheiten in der Porträtfotografie zu achten, ist es sinnvoll, über die zur Verfügungstehende Technik nachzudenken. Ergo, es ist zu Beginn vollkommen egal, mit welcher Kamera und welchem Equipment Sie arbeiten. Bringen Sie die Menschen vor der Kamera für ein gutes Porträt zum Lachen, zum Träumen, zum Schreien oder Weinen und drücken Sie einfach auf den Auslöser. Mit der Vollautomatik oder dem Aufnahmeprogramm für Porträts können Sie sich in den meisten Situationen auf die Kamera verlassen.

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Wer auf Perfektion beim Porträt aus ist, muss auch auf die Haare achten. Sicher könnte man die einzelnen abstehenden Haare retuschieren, aber: Muss denn alles so glatt sein?
Vergrößern Wer auf Perfektion beim Porträt aus ist, muss auch auf die Haare achten. Sicher könnte man die einzelnen abstehenden Haare retuschieren, aber: Muss denn alles so glatt sein?
© Christian Haasz

Styling/Make-up

Mal abgesehen von Umgebung, Hintergrund und Licht stellt sich anfangs die Frage, ob man einen Menschen eher natürlich oder gestylt porträtieren soll. Das hängt natürlich zunächst vom Model ab, denn einem alten sizilianischen Fischer wird man kaum mit einer aufgedrehten Make-up-Künstlerin zu Leibe rücken. Einem hübschen Mädchen aus der Nachbarschaft, das vor der Kamera sehr nervös agiert, wird aufwändiges Make-up und Hairstyling zu etwas mehr Sicherheit verhelfen. Ob sich die Stylistin für einen Stundensatz von 65 Euro dabei lohnt, muss man selbst entscheiden. Für den Anfang tut es sicher auch ein ambitionierter Amateur, also jemand aus dem Bekanntenkreis,der/die Spaß am Schminken und Frisieren hat. Thema Haare: So wie beim Make-up alles von Glamour bis Natur möglich und abhängig vom Modeltyp und der Bildidee ist, lässt sich auch mitden Haaren allerhand anstellen. Streng gebunden, Zopf oder offen, mit Accessoires oder einfach wild – die Frisur muss passen.

Lange Brennweite, offene Blende (hier 160 mm und f/2,8) sorgen dafür, dass man sich ganz auf das Motiv konzentrieren kann. Außerdem merkt der Porträtierte nicht gleich, dass er fotografiert wird, was dem Ausdruck zugute kommt.
Vergrößern Lange Brennweite, offene Blende (hier 160 mm und f/2,8) sorgen dafür, dass man sich ganz auf das Motiv konzentrieren kann. Außerdem merkt der Porträtierte nicht gleich, dass er fotografiert wird, was dem Ausdruck zugute kommt.
© Christian Haasz

Hintergrund und Umgebung

Über die Frage, vor welchem Hintergrund bzw. in welcher Umgebung man die Porträts machen soll, kann man sich ewig den Kopf zerbrechen. Ist die Umgebung farblich und gestalterisch langweilig, wirken die Bilder vermutlich auch nicht sonderlich interessant. Andererseits kann eine atemberaubende, detail- und kontrastreiche Umgebung zu sehr vom Menschen ablenken. Soll das Porträt den Menschen bei einer gewohnten Tätigkeit z. B. in beruflicher Umgebung zeigen? Oder ist ein künstlerisches Porträt mit einer Aussage über den Charakter das Ziel, das sich also ganz auf die Person konzentriert? Sie müssen sich entscheiden, ob Sie besser ins Studio gehen, um unter kontrollierten Bedingungen zu fotografieren, oder ob Sie die Situation locker angehen und einfach mit lichtstarkem Objektiv drinnen oder draußen bei verfügbarem Licht arbeiten. Vom farbigen Studiohintergrund bis zur weiten Landschaft steht dem Fotografen eine unendliche Vielfalt zur Verfügung. Die Entscheidung für (oder gegen) einen Hintergrund ist ein wichtiger Teil des Schaffensprozesses.

Der Hintergrund ist immer ein wichtiger Teil eines Porträts. Hier wurde im Stil alter Pin-up-Fotos ein einfarbiger Karton verwendet und mit einem Spot ein Helligkeitsverlauf erzeugt.
Vergrößern Der Hintergrund ist immer ein wichtiger Teil eines Porträts. Hier wurde im Stil alter Pin-up-Fotos ein einfarbiger Karton verwendet und mit einem Spot ein Helligkeitsverlauf erzeugt.
© Christian Haasz

Licht indoor und outdoor

Drinnen zu fotografieren, bedeutet, dass Sie entweder in einer Wohnumgebung, einer interessanten Location (Schloss, alte Fabrik etc.) oder im Studio arbeiten. Je nachdem, wie interessant die vorherrschenden Lichtverhältnisse sind, kann man möglicherweise ganz auf Fotografenlicht verzichten. Das diffuse Sonnenlicht eines nach Norden ausgerichteten Fensters schafft sanfte Stimmungen, die man mit künstlicher Beleuchtung nur mit etwas Aufwand hinbekommt. Allerdings ist die verfügbare Lichtmenge drinnen in der Regel nicht besonders groß. Da man Porträts aber ohnehin meistens mit offener Blende eines lichtstarken Objektivs fotografiert, um den Hintergrund unscharf werden zu lassen, spielt die Lichtmenge nur eine untergeordnete Rolle. Kleiner Tipp, wenn die Lichtmenge viel zu gering ist: Verwenden Sie einen Aufsteckblitz mit schwenkbarem Reflektor, um indirekt gegen Wand oder Decke zu blitzen. Die Wirkung ist dann trotz erhöhter Lichtmenge relativ dezent. Draußen hat man an einem sonnigen Tag eher mit dem Problem zu kämpfen, dass zu viel Licht da ist. Harte Schatten, extreme Kontraste – da kann die Kamera schonmal überfordert sein, weil die Lichter ausfressen und die Tiefen absaufen. Was der altmodische Fachjargon meint: Helle Stellen werden in den Bildern einfach nur weiß, dunkle Stellen einfach nur schwarz. Damit fehlt es an allen Ecken und Enden an Detailzeichnung, für Porträts im Freien bei hellem Sonnenlicht empfiehlt sich daher für die Lichtgestaltung zumindest ein Reflektor zum Aufhellen von Schatten und ein Diffusor (halbtransparente Fläche, der das Sonnenlicht nur teilweise durchlässt) oder gleich ein Ort, der im Schatten liegt. Alternativ lässt sich auch am Tage mit einem Blitz arbeiten, der dann lediglich dazu dient, ein Licht in die schattigen Bereiche zu bringen und damit die Kontraste abzumildern.

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Die schwere Lederjacke ist ein wichtiges Accessoire bei diesem Porträt. Die Jacke zieht durch die unruhige Struktur und die Schärfe viel Aufmerksamkeit auf sich. Würde das Model nicht in die Kamera sehen, wäre der Mensch nur Beiwerk.
Vergrößern Die schwere Lederjacke ist ein wichtiges Accessoire bei diesem Porträt. Die Jacke zieht durch die unruhige Struktur und die Schärfe viel Aufmerksamkeit auf sich. Würde das Model nicht in die Kamera sehen, wäre der Mensch nur Beiwerk.
© Christian Haasz

Farben kontrollieren

In der Porträtfotografie ist bezüglich der Farben nichts wichtiger als der Hautton. Das Problem mit seltsamen Farbstichen auf der Haut lässt sich natürlich einfach durch Schwarzweißbilder umgehen ; das sollten Sie aber bitte nicht ernsthaft in Erwägung ziehen. Wenn Sie von vornherein Schwarzweißfotos planen, ist das in Ordnung, aber ein farblich verhunztes Porträt notgedrungen in Schwarzweiß zu konvertieren, ist keine gute Wahl. Nutzen Sie für korrekte Farben die Weißabgleichsfunktion der Kamera. Jede Digitalkamera bietet Voreinstellungen für den Weißabgleich, um Standardsituationen korrekt wiederzugeben. Die Farben werden dann mit großer Wahrscheinlichkeit passen. Liegt die Kameramit der Farbtemperatur des Presetstrotzdem daneben, müssen Sie den manuellen Weißabgleich in Verbindung mit einer Graukarte nutzen. Dazu wird eine Graukarte, die man im Fachhandel bekommt, ins Motiv gehalten und die Kamera sozusagen auf den Farbwert der Karte geeicht.

Um Tiefe in ein Porträt zu bringen, kann man den Vorder- und den Hintergrund mit einbeziehen. Die Schärfe muss natürlich auf dem Model, am besten auf den Augen liegen.
Vergrößern Um Tiefe in ein Porträt zu bringen, kann man den Vorder- und den Hintergrund mit einbeziehen. Die Schärfe muss natürlich auf dem Model, am besten auf den Augen liegen.
© Christian Haasz

Hardware

Wie oben gesagt, ist für Porträts in erster Linie eine Kamera mit lichtstarkem Objektiv hilfreich. Ein zusätzliches Blitzgerät zum Aufstecken und mit schwenkbarem Reflektor ist gerade in Innenräumen sehr sinnvoll. Selbst, wenn genug Licht vorhanden ist, kann man das Blitzgerät mit sehr geringer Leistung betreiben, dadurch die Schatten aufhellen und Lichtreflexe in den Augen erzeugen. Zum Aufweichen des Sonnenlichts bzw. zum Aufhellen gibt es Reflektoren in verschiedenen Größen und Formen. Besonders praktisch unterwegs sind runde Faltreflektoren mit unterschiedlich beschichteten Seiten. Je nach Farbe lässt sich Licht zum Aufhellen nicht nur reflektieren, sondern auch noch dezent einfärben. Neben Reflektoren zum Aufhellen gibt es noch Lichtschlucker, mit denen man Schatten erzeugen bzw. verstärken kann. Hierbei handelt es sich einfach um schwarz bespannte Reflektoren. Für die Lichtgestaltung im Studio gibt es ebenfalls etliches Zubehör. Mit Reflexschirmen, Softboxen Größen oder Spotaufsätzen kann man Licht auf ganz unterschiedliche Art formen. Dazu kommen Speziallichtquellen wie Ringblitze, LED-Ringlichter oder andere ringförmige Lampen, die gerade in der Porträtfotografie zurzeit besonders angesagt sind und für interessante Reflexe in den Augen sorgen. Ob man für Porträts unbedingt ein Stativ benötigt, sei dahingestellt. Immerhin leben viele Porträts von der Spontanität, die man eher mit der Kamera in der Hand ausleben kann. Einschränkung: Wenn die nötige Verschlusszeit zu lang wird oder man mit sehr exakter Lichtführung im Studio experimentiert (Stichwort Streiflicht), ist ein Stativ sinnvoll.

Zwei Varianten, ein Porträt anzugehen. Links nur das Gesicht, rechts noch mit der Halspartie. Beides hat seine Berechtigung, das eng gefasste Gesicht wirkt allerdings intensiver.
Vergrößern Zwei Varianten, ein Porträt anzugehen. Links nur das Gesicht, rechts noch mit der Halspartie. Beides hat seine Berechtigung, das eng gefasste Gesicht wirkt allerdings intensiver.
© Christian Haasz

Brennweite und Blende

Die typische Brennweite in der Porträt-fotografie liegt bei ca. 85 mm (Vollfor-mat/ Kleinbild), ca. 60 mm (APS-C-Ka-mera/ Cropfaktor 1,5) und 40 mm (Sys – temkameras/Cropfaktor 2). Die leichte Telebrennweite sorgt dafür, dass die Tiefenausdehnung des Kopfes leicht gemildert wird. Einfach gesagt, rücken Ohren und Nasenspitze scheinbar näher zusammen. Zudem reduziert man mit längerer Brennweite und offener Blende (z. B. f/2,8 oder f/4) einfacher die Schärfentiefe für unscharfen Hintergrund. Apropos Schärfentiefe: Porträts lassen sich nicht nur mit klassischen Objektiven machen, sondern auch mit den eher spielerischen Lens-babys. Diese Linsen lassen sich von Hand verdrehen und verbiegen, sodass Schärfe und Schärfentiefe ganz nach Belieben beeinflusst werden können (Stichwort Tilt-Shift-Effekte). Hat man mal raus, wie das funktioniert, kann man die Schärfe z. B. ganz exakt auf die Augen legen, während alles andere schon unscharf wird.

Fotos gegen das Licht

Bildgestaltung

Kopf-Brust, nur Kopf, ein enger Ausschnitt des Kopfes, Oberkörper, Ganzkörper: Porträts kann man auf unterschiedliche Weise angehen. Wenn Ihre Porträts besonders intensiv wirken sollen, sind eher enge Bildausschnitte sinnvoll, bei denen man Augen und Mund gut sehen kann. Der Hintergrund ist in diesem Fall nur kleiner Teil des Arrangements, nichtsdestotrotz aber auch wichtig. Der Blick in die Kamera ist nicht obligatorisch, zieht den Betrachter aber im Normalfall eher ins Bild. Je dokumentarischer die Porträts werden, desto mehr wird man mit kürzeren Brennweiten bzw. größeren Bildwinkeln arbeiten, um die Umgebung einzubeziehen. Grundsätzlich gilt: Beachten Sie Gestaltungsregeln wie den Goldenen Schnitt bzw. die einfachere Drittelregel und positionieren Sie bildwichtige Details entsprechend. Spannung entsteht aber nicht nur durch diese eher formalen Regeln, sondern auch durch inhaltliche sowie optische Kontraste. Helle Bereiche ziehen den Blick an, dunkle treten in den Hintergrund der Wahrnehmung. Farbkontraste (Rot- Grün, Blau-Gelb) machen Kompositionen interessant, ebenso das gezielte Setzen von Schärfe. Bei Porträts sollten übrigens üblicherweise die Augen scharf sein!

Christian Haasz, Fotograf
Vergrößern Christian Haasz, Fotograf
© Christian Haasz

Wichtige Küchenpsychologie

Wenn ich persönliche Porträts (also keine rein formalen Bilder mit professionellen Models für Werbezwecke) mache, steht am Anfang immer ein Gespräch. Das Gespräch hat weniger die Funktion, den Menschen bis ins Detail kennenzulernen. Viel wichtiger ist für mich, die Situation zu entkrampfen und festzustellen, welche Art von Humor das Porträtmodell hat. Eine vertrauensvolle Basis ist für mich wichtig, da man mit der Kamera ziemlich tief in einen Menschen hineinblicken kann. Immerhin spricht man von den Augen als dem Spiegel der Seele. Zunächst reagieren die meisten Menschen zurückhaltend bis ablehnend, wenn sie fotografiert werden. Diese Zurückhaltung muss man überwinden, um emotionale Porträts machen zu können. Das klappt am ehesten über einfachen Humor, selbst wenn man ernste Themen wie Traurigkeit, Wut oder Verzweiflung fotografieren möchte. Wer hat gesagt, dass Porträtfotorafie einfach ist? Ein guter Fotograf muss nicht nur seine Kamera beherrschen, sondern auch Menschenkenntnis und ein wenig Küchenpsychologie im Repertoire haben.

Dieser Artikel stammt aus der FotoWelt 1/2014

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