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Das kann Ubuntu 13.04

04.06.2013 | 10:00 Uhr |

Keine Experimente – das neue Ubuntu schiebt nach den Diskussionen über die Zukunft der Distribution große Änderungen in die nächste Ausgabe und liefert jetzt ein solide aktualisiertes Linux-System ab.

Die Entwicklung des neuen Ubuntu begann mit zahlreichen Ankündigungen und Änderungen, die der Distribution teilweise herbe Kritik seitens der Anwendergemeinde einbrachte. In diesem Kontext wirkt die ruhige Veröffentlichung von Ubuntu 13.04 ohne große Überraschungen einerseits wie eine Versicherung Canonicals, dass alles vorerst wie gewohnt weitergeht, sie ist aber gleichzeitig die Ruhe vor dem Sturm.

Stürmische Zeiten für Ubuntu
Die Diskussionen ins Rollen brachte Canonical-Gründer Mike Shuttleworth mit der Ankündigung, einige der zukünftigen Ubuntu-Projekte ab sofort hinter verschlossenen Türen auszuarbeiten. Um was es sich dabei handelte, wurde kurz darauf zur CES im Januar 2013 klar, wo der Prototyp eines Ubuntu-Smartphones mit dem Betriebssystem „Ubuntu Touch“ zu sehen war. Die Ausrichtung auf Mobilgeräte wird zudem die neue Oberfläche „Ubuntu Next“ etablieren, deren grafische Elemente in der Scriptsprache QML entstehen sollen. Dazu ist aber der Wechsel des darunterliegenden Display-Servers nötig, und Canonical favorisierte erst „Wayland“, eine schlanke Alternative zum in die Jahre gekommenen X.org. Anfang März dann ein plötzlicher Kurswechsel: Die Eigenentwicklung „Mir“ soll in Zukunft die Basis der grafischen Oberfläche sein, ein weiterer Sonderweg Canonicals. Die Entscheidung stieß in der Entwicklergemeinde auf harsche Kritik, da sich Ubuntu damit weit von anderen Distributionen entfernen wird und offensichtlich einen Alleingang ohne Absprache mit langjährigen Entwicklern bevorzugt. Eher nebensächlich erschien da noch die interne Debatte um eine neue Erscheinungsweise von Ubuntu, nachdem auf dem „Ubuntu Developer Summit“ diskutiert wurde, Ubuntu in einen „Rolling Release“ umzuwandeln.

„Raring Ringtail“ räumt auf

Große Schaltflächen: Der Dialog zum Abmelden und zum Neustart ist umgestaltet und macht sich hübsch für Touchscreens.
Vergrößern Große Schaltflächen: Der Dialog zum Abmelden und zum Neustart ist umgestaltet und macht sich hübsch für Touchscreens.

Wie wenig von diesen Ankündigungen bisher tatsächlich umgesetzt wurden, zeigt das aktuelle Ubuntu: „Raring Ringtail“ bietet nur marginale Neuerungen. Der „Rolling Release“ ist ebenfalls vom Tisch, dafür gibt es aber einen deutlich kürzeren Support-Zeitraum: Nur noch neun statt achtzehn Monate bekommt Ubuntu 13.04 Aktualisierungen. An den LTS-Versionen soll sich dagegen nichts ändern.

Ubuntu One im Panel: Das neue Menü zum Synchroni- sieren von Dateien über den Cloud-Service ist sofort nach der Anmeldung am Dienst aktiv.
Vergrößern Ubuntu One im Panel: Das neue Menü zum Synchroni- sieren von Dateien über den Cloud-Service ist sofort nach der Anmeldung am Dienst aktiv.

Größere Sprünge bei Software-Versionen oder Funktionen gibt es diesmal nicht, Ubuntu 13.04 ist ein behutsames Update, das sich mit Fehlerkorrekturen begnügt. Die Desktop-Oberfläche Unity liegt nun in der Version 7 vor und bietet einige neue Animationen beim Minimieren von Fenstern. Neue Abmeldedialoge mit großen Schaltflächen erleichtern die Touch-Bedienung. Eine gelungene Ergänzung ist die Aufnahme von Bluetooth-Funktionen in den Indikator-Bereich. Zudem ist hier jetzt der Cloud-Dienst Ubuntu One eingebaut, um komfortabel Dateien mit dem Online-Speicher zu synchronisieren.

Fazit: Ein optionales Update
Wer jetzt von der Version 12.10 auf das neue Ubuntu umsattelt, muss wegen des kürzeren Supports trotzdem bereits im Januar 2014 auf die nächste Version aktualisieren. Für den Aufwand bekommen Anwender mit Ubuntu 13.04 einige Unity-Detailverbesserungen und aktuellere Software-Pakete. Die nächsten großen Schritte sind erst im Herbst mit der Nachfolgeversion zu erwarten.

Zum Download von Ubuntu 13.04

Ubuntu 13.04 in der Praxis
Auch wenn es bei Ubuntu 13.04 vor allen Dingen um Konsolidierung und nicht um atemberaubende Neuerungen geht, sind doch einige neue Funktionen hinzugekommen, die im Auslieferungszustand aber noch deaktiviert sind. Zudem gibt es wie bei jeder Ubuntu-Version mit Zusatz-Tools und tieferen Eingriffen auch wieder Einstellungsmöglichkeiten zur besseren Anpassung an die eigenen Bedürfnisse.

Privatsphäre schützen: Online-Suche im Dashboard

Privatsphäre: Der neue Dia- log fasst die Einstellungen für die Online-Suche in der Dash und für die Protokol- lierung über den Gnome-Dienst „Zeitgeist“ zusammen.
Vergrößern Privatsphäre: Der neue Dia- log fasst die Einstellungen für die Online-Suche in der Dash und für die Protokol- lierung über den Gnome-Dienst „Zeitgeist“ zusammen.
Die Verknüpfung von Such- ergebnissen: Im Dashboard mit Amazon lässt sich über die Deinstallation der unity-lens-shopping abschalten.
Vergrößern Die Verknüpfung von Such- ergebnissen: Im Dashboard mit Amazon lässt sich über die Deinstallation der unity-lens-shopping abschalten.

Ubuntu hat in der letzten Version eine Verknüpfung von Suchergebnissen in der Dash-Übersichtsseite mit Amazon eingeführt. Inzwischen gibt es dafür einen Einstellungsdialog zum Ein- und Ausschalten dieser Option. Dort lässt sich auch festlegen, welche Benutzeraktionen und geöffneten Dateien Unity für den späteren Zugriff mitprotokollieren soll. Für diese Aufzeichnung der geöffneten Dateien, besuchten Webseiten und verwendeten Programme nutzt Unity die Gnome-Komponente „Zeitgeist“, die beim Systemstart als Daemon im Hintergrund aktiv wird. Alle Einstellungen dazu finden sich unter „Systemeinstellungen > Privatsphäre“. Das Menü bietet auf der Seite „Suchergebnisse“ einen Hauptschalter, um die Online-Suchen bei Amazon und Co. mit einzubeziehen. Die Seite „Dateien“ bietet eine Auswahl von Kategorien, die mitprotokolliert werden sollen, etwa Mails, Webseiten, Sofortnachrichten und verschiedene Dokumenttypen.

Um nur die Suche bei Amazon abzuschalten, aber andere Online-Dienste wie etwa die „Friends“-Suche in sozialen Netzwerken weiter zu erlauben, muss die Amazon-Erweiterung gezielt deinstalliert werden. Das gelingt in einem Terminal-Fenster mit dem folgenden Kommando:
sudo apt-get remove unity-lens-shopping Danach ist eine Neuanmeldung am System nötig.

Virtuelle Arbeitsflächen: Mehrere Desktops
Nahezu jede Linux-Desktop-Umgebung bietet mehrere Arbeitsflächen, um geöffnete Programmfenster außerhalb des sichtbaren Bildschirmbereichs zu parken und per Maus oder Tastenkombination schnell umzuschalten. Ubuntu 13.04 hat hier den Rotstift angesetzt und bietet erst mal nur eine Arbeitsfläche. Die virtuellen Desktops müssen die Benutzer ab jetzt selbst aktivieren. Sie finden diese Einstellung über „Systemeinstellungen > Darstellung > Verhalten“. Klicken Sie hier die Option „Arbeitsflächen aktivieren“ an, und das gewohnte Desktop-Symbol erscheint wieder links im Launcher.

Smart Scopes: Noch in der Versuchsphase
Eine geplante Neuerung wurde nicht rechtzeitig für Ubuntu 13.04 fertig: Die „Smart Scopes“ sind Suchfilter für die Dash, die mit der Zeit dazulernen und die Ergebnisse bei wiederholten Eingaben automatisch auf eine bestimmte Kategorie eingrenzen. So werden bei der Dateisuche beispielsweise keine Ergebnisse von Online-Diensten angezeigt. Inzwischen ist die Funktion fast fertig und soll auf jeden Fall in die nächste Ubuntu-Version einziehen. Für das aktuelle Ubuntu gibt es die „Smart Scopes“ optional zum Nachrüsten und Experimentieren über ein PPA, also ein inoffizielles Repository. Um es einzubinden, geben Sie diesen Befehl in einem Terminal-Fenster ein:
sudo add-apt-repository ppa:ubuntu-unity/experimental-certified


Anschließend rüsten Sie die benötigten Pakete mit den beiden Befehlen nach
sudo apt-get update sudo apt-get dist-upgrade


Die neuen Scopes stehen dann nach einem Neustart zur Verfügung. Da es sich um ein Paket auf dem Entwicklungszweig handelt, ist dies eine optionale Ergänzung für experimentierfreudige Anwender.

Audio- und Videodateien: Alle Codecs installieren

Auf Wunsch bringt Ubuntu bei der Installation gleich den offiziellen MP3-Codec von Fluendo mit, wenn man im Installer die Option „Software von Drittanbietern installieren“ angeklickt. Weitere Codecs finden sich im Repository „Multiverse“, das nicht extra aktiviert werden muss. Mit dem Befehl

sudo apt-get install ubuntu-restricted-extras

lassen sich eine Menge weitere Codecs für Audio- und Videodateien nachrüsten, um nahezu alle Formate abzudecken. Für Videokonverter ist zudem die nicht-freie Version der libav-Bibliothek nötig, die mit dem Kommando
sudo apt-get install libavformat-extra-53 libavcodec-extra-53
nachgerüstet wird.

Mit Upstart neue Session-Verwaltung aktivieren

Session-Management: Das neue Upstart 1.8 kann optional die gesamte Benutzer-Session steuern. Dieser Befehl zeigt, welche Daemons über Upstart gestartet wurden.
Vergrößern Session-Management: Das neue Upstart 1.8 kann optional die gesamte Benutzer-Session steuern. Dieser Befehl zeigt, welche Daemons über Upstart gestartet wurden.

Anstatt auf das verbreitete Systemd oder den alten System-V-Init-Prozess zu setzen, nutzt Ubuntu schon seit Version 6.10 eine Eigenentwicklung namens Upstart, um zum Systemstart die benötigten Daemons und Hintergrundprogramme auszuführen. In der neuen Ubuntu-Version ist mit Upstart 1.8 die Möglichkeit hinzugekommen, auch die Prozesse und Autostart-Programme der Benutzer-Session über Upstart laufen zu lassen.

Bisher erledigt diese Aufgabe die Desktop-Umgebung, der Wechsel zu Upstart verspricht eine Vereinfachung des Session-Managements und einen schnelleren Start der Arbeitsfläche. Weil Upstart 1.8 erst kurz vor dem Veröffentlichungstermin von Ubuntu 13.04 fertig wurde, sind Benutzer-Sessions standardmäßig de-aktiviert. Um sie manuell einzuschalten, öffnen Sie die Datei „/etc/upstart-xsessions“ mit root-Rechten in einem Texteditor:
gksudo gedit /etc/upstart-xsessions
Entfernen Sie das Kommentarzeichen „#“ vor der Zeile „ubuntu“. Nach einem Neustart ist die neue Session-Verwaltung aktiv. Mit dem Befehl initctl list können Sie sehen, welche Benutzer-Prozesse jetzt über Upstart laufen. Die komplette englischsprachige Dokumentation zu Upstart liegt unter upstart.ubuntu.com bereit.

Desktop-Kosmetik: Unity Tweak Tool für kleinere Anpassungen

Unity Tweak Tool: Das Zu- satz-Tool ist in Ubuntu 13.04 in den Standard-Paket- quellen enthalten und bietet einen vollen Kosmetikkoffer, um Unity und Programm- fenster anzupassen.
Vergrößern Unity Tweak Tool: Das Zu- satz-Tool ist in Ubuntu 13.04 in den Standard-Paket- quellen enthalten und bietet einen vollen Kosmetikkoffer, um Unity und Programm- fenster anzupassen.

Es soll Anwender geben, die beim Umstieg auf Ubuntu mit Unity auf dem Desktop ihr Glück versuchen und damit auf Anhieb wunschlos glücklich sind. Es scheint aber, dass diese Anwender in der Minderheit sind: Zahlreiche Tuning-Tools für kleinere Anpassungen und Kosmetik der Oberfläche belegen den Bedarf an zusätzlichen Konfigurationsmöglichkeiten. Ein Tool, das bereits mit Unity 7 funktioniert und sogar in den Standard-Repositories von Ubuntu 13.04 vorhanden ist, nennt sich „Unity Tweak Tool“. Es ist über das Ubuntu Software Center unter dem Namen „Unity-Optimierungswerkzeug“ oder über Apt mit
sudo apt-get install unity-tweak-tool
verfügbar. Anders als vergleichbare Programme kann das Tool nicht nur kleine optische Details ändern, sondern auch das komplette GTK-Thema, Fensterverhalten, und das Aussehen des Launchers, inklusive Icon-Größe.

Normale Scroll-Leisten in Fenstern bekommen
Die Fenster in Unity blenden Scroll-Leisten erst ein, wenn Sie mit dem Mauszeiger auf den Fensterrand fahren. Was schick aussieht, ist bei Notebooks mit Touchpad-Steuerung und mit Touchscreen sehr umständlich. Um normale Scroll-Leisten zu bekommen, die immer sichtbar sind, müssen Sie in einem Terminal-Fenster mit folgendem Befehl
sudo apt-get remove overlay-scrollbar liboverlay-scrollbar* nur ein Paket deinstallieren.

Menulibre: Menü-Editor für Unity

Menulibre fügt Programmver- knüpfungen hinzu und bearbeitet vorhandene. Hinter „Tastenkürzel“ verbirgt sich ein Editor für die Quicklists des Launchers.
Vergrößern Menulibre fügt Programmver- knüpfungen hinzu und bearbeitet vorhandene. Hinter „Tastenkürzel“ verbirgt sich ein Editor für die Quicklists des Launchers.

Der Launcher am linken Bildschirmrand nimmt auf Wunsch Programmsymbole per Rechtsklick und „Im Starter behalten“ permanent auf. Eine beliebige Verknüpfung mit einem eigenen Befehl dort unterzubringen, ist dagegen schon schwieriger. Das Tool Menulibre springt ein und vereinfacht die Anpassung und Ergänzung der Verknüpfungen im Launcher und in der Dash-Übersichtsseite, unterstützt aber auch andere Desktop-Umgebungen wie XFCE, LXDE und Gnome. Die Installation gelingt über ein PPA mit folgenden Befehlen:
sudo add-apt-repository ppa:menulibre-dev/devel sudo apt-get update sudo apt-get install menulibre
Das Tool finden Sie jetzt unter „Systemeinstellungen > Hauptmenü“. Nach dem Aufruf zeigt Menulibre alle Menüeinträge nach Kategorien an, und per Doppelklick lassen sich Verknüpfungen editieren. Im Editor hat sich ein Übersetzungsfehler eingeschlichen: Mit „Tastenkürzel“ sind in Wirklichkeit die Quicklist-Einträge von Unity gemeint.

Externe Paketquellen: PPAs übersichtlich verwalten
Viele der hier empfohlenen Ergänzungen lassen sich nur über PPAs, also inoffizielle Paketquellen installieren. Damit dabei die Übersicht nicht verloren geht, gibt es zur Verwaltung von externen Paketquellen unter Ubuntu den Y-PPA Manager. Auch dieses Programm muss wiederum von einem PPA eingerichtet werden:
sudo add-apt-repository ppa:webupd8team/y-ppa-manager sudo apt-get update sudo apt-get install y-ppa-manager
Die Oberfläche des Programms ist zwar Englisch, aber weitgehend selbsterklärend. Mit „Add PPA“ fügen Sie ein PPA hinzu und mit „Manage PPA“ bearbeiten oder entfernen Sie eines. Nützlich ist hier die Funktion „Purge“, die auch alle von einem PPA installierten Programme komplett entfernt. Die Suchfunktion bietet eine Recherche in allen PPAs auf Launchpad.net und nicht nur in denjenigen, die bereits eingerichtet sind.

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