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Das ideale Mediencenter für Linux - so geht's

21.06.2013 | 10:23 Uhr |

Immer mehr Unterhaltungsmedien werden ausschließlich digital erworben und konsumiert. MP3-Dateien, Videos oder auch die eigene Fotosammlung: Lesen Sie hier, wie Sie mit Linux ein Medien-Center einrichten, das alle digitalen Schätze vereint.

Eine zentrale Rolle bei der Verwaltung digitaler Erinnerungsstücke oder Unterhaltungsmedien spielt nach wie vor der klassische PC oder das Tablet. Das liegt unter anderem auch daran, dass geschlossene Ökosysteme wie die Apple-Welt darauf bestehen, dass neue Medien zwingend über ein bestimmtes System erworben werden. Früher oder später dürfte bei jedem Anwender der Wunsch aufkommen, auf die Mediensammlung im Zentrum der eigenen vier Wände zuzugreifen. Dazu gibt es zahllose Möglichkeiten, die meisten davon sind jedoch unbefriedigend: Apple-TV benötigt etwa zwingend ein laufendes iTunes auf einem anderen Rechner, um auf Medien eines zentralen Speichers zugreifen zu können.

Und Spielekonsolen sind entweder zu laut oder unterstützen zu wenige Datenformate, um alle Elemente der eigenen Sammlung in Ruhe genießen zu können. Eine Lösung kann der Einsatz eines Medien-Centers sein – ein verkleideter PC, der sich um die Speicherung, Verwaltung und Wiedergabe unterschiedlichster Dateien kümmert. Diese Geräteklasse wird auch gern als Home Theater Personal Computer (HTPC) bezeichnet.

Welche Art von Systemen Sie nutzen können

Sie haben zwei grundlegende Optionen, wenn es darum geht, einen Wohnzimmer-PC zu betreiben. Wer nur ab und an auf die zentral auf einem Netzwerkspeicher oder auf dem Computer abgelegten Dateien zugreifen möchte, nutzt dafür einen Rechner, der sonst auch anderweitige Aufgaben übernehmen kann. Eine Möglichkeit besteht im Einsatz von Ubuntu, was aber mit einigen Nachteilen verbunden ist (siehe Kasten „Medien-Center mit Ubuntu“). Besser geeignet sind Spezialanwendungen, die alle Funktionen unter einer einheitlichen und leichter bedienbaren Oberfläche zur Verfügung stellen. Das XBMC Media Center ist eine freie Software, die nicht nur für Linux, sondern auch für Windows und Mac angeboten wird. Begonnen hat das Programm als Xbox Media Center, als einige Entwickler nach einer Möglichkeit suchten, auf der Spielekonsole von Microsoft auch Medien wiedergeben zu können, was damals noch nicht möglich war.

Parallele Installation von Linux & Windows auf dem PC

Das Hinzufügen neuer Mediendateien folgt stets dem gleichen Schema. Sind alle Netzwerkdaten der Datenquelle bekannt, ist das Einlesen binnen Minuten erledigt.
Vergrößern Das Hinzufügen neuer Mediendateien folgt stets dem gleichen Schema. Sind alle Netzwerkdaten der Datenquelle bekannt, ist das Einlesen binnen Minuten erledigt.

XBMC wird in zwei Varianten angeboten

Einerseits steht XBMC als Software in den offiziellen Paketquellen vieler Distributionen zur Verfügung und kann direkt aus dem Paketmanager installiert werden (unter Ubuntu also dem „Software Center“). Die in den Paketquellen enthaltenen Versionen hinken meist dem aktuellen Entwicklungsstand etwas hinterher. Dafür sind sie optimal auf die Distribution abgestimmt.

Zum anderen gibt es XBMC als eigenständiges System , das sich in der Live-Variante risikolos testen oder auch dauerhaft installieren lässt. Eine weitere Alternative zur Live-Version beziehungsweise deren dauerhaften Installation ist Open-Elec . Diese spezielle Distribution basiert nicht auf Ubuntu, sondern auf Komponenten, die so zusammengestellt worden sind, dass das System so schnell wie möglich starten und arbeiten kann. Das macht indes bereits die Auswahl der passenden Version für Einsteiger etwas schwieriger, da sie sich bereits auf der Projektseite für eine bestimmte Hardware- Architektur entscheiden müssen.

Medien-Cetner mit Ubuntu

Um die aktuellsten Pakete von XBMC unter Ubuntu nutzen zu können, müssen erst die Paketquellen angepasst werden. Das geht am einfachsten über ein Terminal. Geben Sie die nachfolgenden Befehle nacheinander in das Terminal ein.

sudo apt-get install python-software-properties pkg-config sudo apt-get install software-properties-common sudo add-apt-repository ppa:team-xbmc sudo apt-get update sudo apt-get install xbmc

Danach steht Ihnen XBMC zur Verfügung. Theoretisch können Sie aber alle Aufgaben eines HTPC (Home Theater Personal Computer) auch komplett ohne XBMC mit Ubuntu selbst erledigen, sofern es Sie nicht stört, dafür unterschiedliche Programme zu installieren und zu nutzen. Shotwell kann Ihre Fotos auch als Diashow darstellen. Mit Rhythmbox steht ein toller Audioplayer zur Verfügung, der kaum Wünsche offen lässt. Und wer gern auch das aktuelle Fernsehprogramm sehen möchte, nutzt etwa Myth TV oder greift mit Kaffeine zu einem für den KDE-Desktop optimierten Programm. Sind die entsprechenden Codecs und Bibliotheken installiert (immer vorausgesetzt, es ist auch die passende Hardware vorhanden), ist auch der Filmgenuss per DVD kein Problem.

Zehn Linux-Distributionen im Vergleich

Der große Vorteil eines solchen individuellen Systems: Sie können damit auch andere Aufgaben erledigen, also arbeiten und spielen. Das hat aber auch Nachteile: Gerade wenn alle Familienmitglieder auf das Gerät zugreifen sollen, müssen diese sich an viele verschiedene Oberflächen und Menüführungen gewöhnen. Zum anderen ist die Einbindung von Komfortfunktionen, wie die Nutzung einer Fernbedienung, nicht ganz trivial. Häufig müssen individuelle Konfigurationsdateien angepasst werden.

Kurzum: Das bedeutet viel Arbeit, die sich zwar mit Hilfe von Wiki- und Fanseiten erledigen lässt, aber im Vergleich zu einem Spezialsystem eine aufwendige Bastelei bedeutet.

Das Angebot an Erweiterungen wie funktionalen Add-ons oder optischen Skins ist sehr umfangreich und lässt kaum Wünsche offen.
Vergrößern Das Angebot an Erweiterungen wie funktionalen Add-ons oder optischen Skins ist sehr umfangreich und lässt kaum Wünsche offen.

Medien-Center XBMC einrichten

Ob Sie nun XBMC in der Live-Version ausprobieren oder als Programm beziehungsweise als Distribution installiert haben: Allen Ansätzen ist gemeinsam, dass das Medien-Center Sie zunächst mit seiner englischsprachigen Oberfläche begrüßt. Vor allen Dingen können noch keine Medien wiedergegeben werden, weil das Medien-Center erst einmal die Speicherorte kennen muss. Diese grundlegenden Einstellungen müssen Sie zunächst ändern.

Das Medien-Center lässt sich an einem normalen Computer mit der Maus oder ausschließlich mit der Tastatur bedienen. Durch die Hauptmenüpunkte navigieren Sie einfach per Pfeiltasten. Im Abschnitt „System“ sind alle wichtigen Optionen zusammengefasst. Wählen Sie dort „Settings“ aus, denn unter „Appearance“ lässt sich die Systemsprache ändern. Dazu klicken Sie „International“ an und blättern nach rechts, um „Language“ zu markieren. Neben solchen Auswahlmenüs sind stets zwei Pfeiltasten zu finden, die die Richtung des Blätterns andeuten. Durch den Druck auf die Eingabetaste springen Sie dann stets einen Schritt weiter.

Wählen Sie den Pfeil nach oben aus, und bewegen Sie sich in der Liste bis zum Schritt „German“. Danach müssen Sie unter „Region“ noch „Deutschland“ auswählen.

Jetzt können Sie daran gehen, Ihre Medien in das System einzutragen. Leider ist diese wichtige Funktion nicht sonderlich intuitiv gelöst. Um Ihre Musikdateien zu hinterlegen, rufen Sie zunächst den Bereich „Musik“ und anschließend „Dateien“ auf. Auf der nächsten Bildschirmseite entscheiden Sie sich für „Quelle hinzufügen“. Rufen Sie dann „Suchen“ auf. Damit öffnet sich ein zusätzlicher Dialog, der Ihnen verschiedene Kategorien anbietet. Liegen die Dateien im Benutzerordner Ihres Systems, wählen Sie „Home- Order“ und navigieren dann in der Struktur, bis Sie zum gewünschten Verzeichnis gelangen.

Verschiedene Geräte als Medien-Server nutzen

Möchten Sie einen Netzwerkspeicher (NAS) einbinden, probieren Sie es zunächst mit „UPnP Devices“, da die meisten Modelle über einen integrierten Server verfügen, der damit allen Nutzern im Netzwerk Zugriff auf Inhalte anbietet. Sobald Sie den Eintrag auswählen, durchsucht XBMC das lokale Netzwerk. Wählen Sie das Gerät aus und navigieren Sie zum Ordner der Freigabe, die Sie nutzen wollen. Etwas anspruchsvoller gestaltet sich das Einbinden von Netzwerkfreigaben. Angaben, die Sie kennen müssen, sind die IP-Adresse des Systems, das verwendete Protokoll sowie Benutzernamen und Kennwort (sofern vergeben). Am Ende der Liste potenzieller Quellen finden Sie den Eintrag „Netzwerkfreigabe“. Windows- und Apple-Freigaben sowie Verzeichnisse, die über das Netzwerkprotokoll von Linux veröffentlicht wurden, lassen sich dann bequem nach der Auswahl des Protokolls und einem Druck auf „Suchen“ im Netzwerk aufspüren. Bei allen anderen Protokollen füllen Sie die abgefragten Felder aus und bestätigen die Eingaben. Danach gelangen Sie zum Ausgangsdialog zurück und können dort der Datenquelle einen individuellen Namen zuweisen, um später leichter die Übersicht zu behalten.

Die Einbindung von Verzeichnissen mit Fotos oder Filmen funktioniert exakt auf die gleiche Weise. Sie müssen dazu nur in den entsprechenden Bereich des Medien-Centers wechseln.

Sie brauchen lediglich einen anderen Skin, um den coolen Look des Apple-TV auf dem XBMC zu genießen.
Vergrößern Sie brauchen lediglich einen anderen Skin, um den coolen Look des Apple-TV auf dem XBMC zu genießen.

Weitere Funktionen nachrüsten

Wie viele Open-Source-Anwendungen ist auch XBMC modular aufgebaut, um anderen Entwicklern die Möglichkeit zu bieten, das System um weitere Funktionen zu ergänzen. Nach einer frischen Installation sind nur einige wenige Add-ons aktiviert. Um das System um weitere Funktionen zu ergänzen, rufen Sie über „System > Einstellungen > Add-ons“ den entsprechenden Bereich auf. Über den Menüeintrag „Aktivierte Add-ons“ erhalten Sie eine Liste der bereits laufenden Zusatzprogramme. Die meisten davon besitzen zusätzliche individuelle Optionen. Blättern Sie so lange vor, bis ein Add-on, das Sie sich genauer ansehen wollen, aktiviert ist. Mit einem Druck auf die Eingabetaste blenden Sie sich die Detailseite für die Erweiterung ein. Dort befindet sich der Schalter „Konfigurieren“.

Windows-Schutz mit Linux aushebeln

Auf Wunsch installieren Sie auch noch weitere Ergänzungen. Dazu aktivieren Sie „Weitere Add-ons“. Als Quelle wird Ihnen nun „XBMX.org“ angeboten. Die Add-ons sind nach Kategorien geordnet. Wollen Sie darüber beispielsweise Ihrem System eine andere Optik verpassen, wählen Sie „Skin“ aus und lassen sich inspirieren. Nach der Auswahl eines Eintrags in der Kategorienliste blendet Ihnen die Software die Details ein. Mit „Installieren“ beginnen Sie den Download der Erweiterung. Sie werden nach der Datenübertragung und Einrichtung gefragt, ob Sie die andere Optik oder die zusätzliche Funktion aktivieren wollen. Danach lässt sich das Add-on wie die bereits ausgelieferten Ergänzungen konfigurieren.

Zwischen den Skins wechseln Sie in den Einstellungen der Software und haben dort auch die Möglichkeit, das Erscheinungsbild noch feiner zu steuern.
Vergrößern Zwischen den Skins wechseln Sie in den Einstellungen der Software und haben dort auch die Möglichkeit, das Erscheinungsbild noch feiner zu steuern.

XBMC von der Couch aus fernbedienen

Um das Wohnzimmer-Feeling zu vervollständigen, ist der Einsatz einer Fernbedienung zu empfehlen. Wer sein XBMC nicht gerade auf einem extra angeschafften Rechner betreibt, wird in den meisten Fällen keine Infrarot- Fernbedienung einsetzen können, weil es der Hardware schlicht am notwendigen Empfänger fehlt. Mit den offiziellen Apps für iOS und Android verwandeln Sie aber ein Smartphone oder auch ein Tablet ganz einfach in eine Fernbedienung.

Um per Fernbedienung auf das XBMC-Medien-Center zugreifen zu können, muss der integrierte Webserver den externen Zugriff erlauben.
Vergrößern Um per Fernbedienung auf das XBMC-Medien-Center zugreifen zu können, muss der integrierte Webserver den externen Zugriff erlauben.

Suchen Sie in den App-Stores nach „Official XBMC Remote Control“ und installieren Sie die Software. Sowohl die Fernbedienung als auch das Medien-Center müssen sich im gleichen Heimnetz (WLAN) befinden. In der Fernbedienungs-App legen Sie dann einen neuen Eintrag an und tragen dort die IP-Adresse sowie den Benutzernamen und das Passwort für das Medien-Center ein. Damit das nachhaltig funktioniert, empfiehlt sich statt der automatischen DHCP-Adresse eine feststehende IP-Adresse für den Rechner, auf dem das Medien-Center läuft. Wählen Sie in XBMC „System > Systeminfo“ aus, um die aktuell genutzte IP-Adresse zu erhalten. Ausführlichere Informationen finden Sie in der Rubrik „Netzwerk“. Um den Zugriff der Fernsteuerung überhaupt zu ermöglichen, muss diese Option innerhalb von XBMC aktiviert werden. Wechseln Sie zu „System > Einstellungen > Dienste“. Wählen Sie dort in die Rubrik „Webserver“. Dort müssen Sie die Option „Steuerung über HTTP zulassen“ aktivieren. In diesem Dialog lesen Sie auch die beiden weiteren Informationen, die Sie in die App eintragen müssen. Schließlich rufen Sie sich aus dem gleichen Bereich noch den Abschnitt „Fernsteuerung“ auf. Dort aktivieren Sie „Steuerung über entfernte Programme zulassen“. Mit den Daten und Einstellungen sollte sich jetzt über die App eine Verbindung herstellen lassen. Der Menüpunkt „Fernbedienung“ im Programm ruft eine Display-Tastatur auf, mit der Sie jeden Menüeintrag Ihres XBMC erreichen können.

Ob mit Tablet oder Smartphone: Steht die Verbindung, lassen sich alle Komponenten des Medien-Centers fernsteuern.
Vergrößern Ob mit Tablet oder Smartphone: Steht die Verbindung, lassen sich alle Komponenten des Medien-Centers fernsteuern.

Tipps & Tricks für Smart-TV und Co.

Youtube-Videos anschauen

Wer eine Fernsehsendung bei der Erstausstrahlung verpasst hat, findet diese bei vielen Fernsehsendern nachträglich innerhalb einer Mediathek, oder das laufende Programm wird gleich als Livestream verbreitet. Auch für die Nutzung solcher Angebote bietet XBMC die richtige Lösung. Wenn Sie Youtube-Videos ohne Smart-TV im Wohnzimmer sehen wollen, installieren Sie sich dazu einfach ein Add-on, und schon kann es losgehen. Dazu müssen Sie lediglich in den Hauptbereich „Videos“ wechseln. Wählen Sie danach das Untermenü „Add-ons“; nach der Wahl von „Mehr“ erhalten Sie die verfügbaren Erweiterungen in einer übersichtlichen Liste, an deren Ende auch „YouTube“. Installieren Sie dieses Add-on wie gewohnt. Danach enthält die Rubrik Videos gleich den neuen Eintrag „YouTube“. Darüber können Sie sich auch mit einem bestehenden Benutzerkonto einloggen und gezielt nach Filmen suchen.

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