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Worauf Sie bei der Notebookwahl für Linux achten müssen

03.08.2016 | 12:19 Uhr |

Damit der Notebookkauf für den Linux-Einsatz nicht zur Glücksache wird, gilt es, die wichtigsten Kriterien im Auge zu behalten. Sonst drohen bei einem frisch erworbenen Notebook umgehend Treiberjagd und Softwarebastelei.

Kompakt, leistungsfähig und das auch noch transportabel: Notebooks sind inzwischen für viele Anwender deutlich attraktiver als Desktop-PCs, deren Marktanteil sich im Sinkflug befindet und im vergangenen Jahr wieder 14 Prozent abgeben musste. Kein Wunder, denn wer nicht gerade einen Boliden als Server, zur Videoproduktion oder als kompromisslose Gamingmaschine braucht, wird bei einer Neuanschaffung für eher harmlose Standardaufgaben ein Notebook vorziehen. Linux-Anwender tun allerdings gut daran, bei der Auswahl genau auf Hersteller, Modellgeneration, Hardwarespezifikationen und sogar auf Typenbezeichnungen einzelner Komponenten zu achten. Denn obwohl sich die Unterstützung verbreiteter Hardware durch den Linux-Kernel zusehends bessert und Firmen wie Intel, AMD und Netzwerkausrüster wie Broadcom auch Patches zum Kernel beisteuern, läuft Linux nicht auf jedem Notebook optimal. Zu groß sind die Unterschiede bei verbauten Chipsatzserien und ihrer Firmware, die für den Massenmarkt hergestellt werden – und dort ist eben Windows der Platzhirsch mit ungebrochener Dominanz.

Prozessor: Leistung ist nicht alles

Mit dem Hauptprozessor gibt es noch die wenigsten Probleme – solange eine CPU im Notebook steckt, die schon länger auf dem Markt ist, kommen alle Linux-Distributionen damit klar. Ein Doppelkern- oder Vierkern-Prozessor und vier GB Arbeitsspeicher sind die derzeit gängige Ausstattung. Der Linux-Kernel lädt über den Mikrocode die nötigen Aktualisierungen des CPU-Herstellers und sorgt für bessere Kompatibilität und Fehlerbehebungen. Die großen Chiphersteller sind stets darauf bedacht, möglichst früh ihren Mikrocode in die Kernelentwicklung einzubringen. Probleme gibt es dann, wenn die neueste Chipgeneration zum Einsatz kommt, und diese zeigen sich dann im Powermanagement und bei den häufig eingebetteten Grafikeinheiten.

Läuft heiß und lässt die Lüfter blasen: Intels neue Skylake-CPUs laufen noch nicht optimal.
Vergrößern Läuft heiß und lässt die Lüfter blasen: Intels neue Skylake-CPUs laufen noch nicht optimal.

Intel oder AMD: Intel-Chips sind zumeist teurer, daher sind in kostengünstigen Notebooks häu g Prozessoren von AMD in Kombination mit einer AMD-Radeon-Gra keinheit zu nden. Die AMD-CPUs kosten zwar weniger, bieten allerdings oft auch weniger Leistung. Der AMD A8 6410 beispielsweise schneidet bei den meisten Benchmarktests schlechter ab als ein Intel Core i5 4200U. Zum Leistungsvergleich lohnt sich ein Blick in die Datenbank der Webseite http://cpuboss.com . Generell ist Intel eine Spur schneller und gründlicher mit seiner Linux-Unterstützung als der Mitbewerber. Ein Ausreißer ist die aktuelle Skylake-Generation von Intels Core-i-Chips. Die Energieverwaltung dieser Chips funktioniert noch nicht in vollem Umfang unter Linux und generell läuft der Prozessor sowieso erst ab dem Linux-Kernel 4.4 stabil, der etwa in Ubuntu vorhanden ist. Dieser Mangel bei der Energieverwaltung verhindert die Stromsparmodi, deswegen laufen auch die CPUs unter Linux heißer als unter Windows. Auch ein von Tuxedo bereitgestelltes Testgerät mit Skylake-Prozessor zeigte erhöhte Temperaturen im Leerlauf. Bis auf Weiteres sollte man als Linux-Anwender bei Intel-Chips die Skylake-Generation noch meiden.

Spezialisierte Hersteller: Linux serienmäßig

Es sind nicht nur unerschrockene Bastler und ausdauernde Fans, die Linux auf dem Notebook wollen: Für Entwickler aller Couleur ist das freie Betriebssystem mit seinen Dev-Tools heute ebenfalls eine gute Wahl. Notebooks, die mit einer vorinstalliertem Linux-Distribution ausgeliefert werden, sind daher keine Seltenheit. Dell und System 76 liefern für den US-Markt schon länger Geräte mit vorinstalliertem Linux aus.

In Deutschland hat sich Tuxedo seit 2006 als Ausrüster zunächst mit Linux-PCs und dann mit Linux-Notebooks einen Namen gemacht. Die Fertigung der Grundsysteme erfolgt von ausgewählten Herstellern in Taiwan, während die Endmontage der weiteren Linux-kompatiblen Komponenten Tuxedo selbst in Augsburg erledigt. Der Problematik, dass der Linux-Kernel nicht immer die optimalen Treiber für die gesamte Hardware bietet, begegnet Tuxedo durch eigene und angepasste Treiberpakete oder auch mit Vorabversionen. Diese gibt es über eigene Repositories für Ubuntu, Linux Mint und Open Suse – die drei Distributionen, die Tuxedo offiziell auf seinen Geräten unterstützt.

Der höhere Aufwand gegenüber Windows-Notebooks von der Stange hat seinen Preis: Ein Tuxedo-Notebook mit 15,6-Zoll-Display, Intel-CPU vom Typ i3-6100U und vier GB RAM gibt es bei den Linux-Spezialisten ab 750 Euro ( www.tuxedocomputers.com ). Ein Windows-Modell eines No-Name-Herstellers mit ähnlicher Ausstattung ist für 150 bis 200 Euro günstiger zu haben – dort aber natürlich ohne Garantie, dass Linux überhaupt darauf läuft.

Wer keine Lust und Zeit für Linux-Experimente und langwierige Treibersuche hat, zahlt für solch ein Tuxedo-Notebook zwar etwas mehr, bekommt dann aber ein wirklich von Beginn an funktionierendes Linux-Gerät und den Support für drei populäre Distributionen.

Läuft heiß und lässt die Lüfter blasen: Intels neue Skylake-CPUs laufen noch nicht optimal.
Vergrößern Läuft heiß und lässt die Lüfter blasen: Intels neue Skylake-CPUs laufen noch nicht optimal.

Grafikchip: Separat oder eingebettet

In Sachen Grafik stehen bei Notebooks zwei Varianten zur Wahl: Entweder mit einer integrierten GPU, die im Hauptprozessor untergebracht ist, oder mit zusätzlichem Mobilgrafikchip. In den Core-i-CPUs von Intel ist die Grafikeinheit integriert und wird von Linux-Distributionen gut unterstützt, abgesehen von der letzten Chipgeneration Skylake. AMD muss sich jedoch mit seinen integrierten Grafikeinheiten, die der Hersteller APU nennt (AMD Accelerated Processing Unit), auch nicht verstecken und schlägt in der Grafikleistung die Intel-Konkurrenz im Preis-Leistungs-Verhältnis. Linux-Anwender müssen aber beachten, dass AMD-Grafikchips derzeit in aktuellen Distributionen keinen leistungsfähigen, proprietären Catalyst-Treiber bekommen, sondern mit dem alternativen Radeon-Treiber des Kernels auskommen müssen.

Um die Leistungsaufnahme zu senken, setzen einige teurere Notebookmodelle auch auf Hybridlösungen. Bei Anwendungen, die weniger anspruchsvoll sind, kommt nur die sparsame Grafikeinheit des Prozessors zum Einsatz. Nvidia nennt dies „Optimus“ und AMD „PowerXPress“. Die separate GPU muss manuell zugeschaltet werden. Das funktioniert grundsätzlich auch unter Linux.

Doch bei AMD mit den freien Radeon-Treibern und bei Nvidia mit dem proprietären Treibern und der Kernelerweiterung „Prime“, die lange Zeit das Entwicklungsstadium durchlief und beispielsweise ab Fedora 21 oder Ubuntu 15.04 funktioniert, erfordert dies Nacharbeiten.

Es ist eine Frage des Preises: Erschwingliche Notebooks mit Intel-CPU und separatem Grafikchip von Nvidia oder AMD gibt es kaum noch. Wozu auch, denn die Intel-GPUs haben aufgeholt. Modelle mit zusätzlichem Grafikchip sind in Kombination mit Intel-CPU im hochpreisigen Marktsegment angesiedelt. Dabei gibt es auch Modelle mit der Bezeichnung „Gaming-Notebook“, aber passionierte Gamer greifen eher selten zum mobilen Rechner, denn die doch kleinen Bildschirme und die Notebooktastaturen sind nur eingeschränkt spieletauglich. Für Linux-Zwecke darf es ein Notebook mit integrierter Grafik sein, das gemeinhin als „Business-Notebook“ angeboten wird.

WLAN lahmt: Der Network Manager meldet, dass proprietäre Firmware fehlt.
Vergrößern WLAN lahmt: Der Network Manager meldet, dass proprietäre Firmware fehlt.

Netzwerk: Achtung beim WLAN-Chip

Die WLAN-Verbindung kommt und geht – das ist leider bei Notebooks, die nicht für Linux spezifiziert sind, keine Seltenheit. Zwar hat sich die Situation unter Linux in den letzten sieben Jahren gebessert, zumal mit Intel, Qualcomm Atheros, Broadcom und Mediatek (Ralink) eine überschaubare Herstelleranzahl von WLAN-Chipsätzen bei Notebooks im Rennen ist. Aber gerade die erschwinglichen Geräte mit neueren Realtek-WLAN-Chips können wegen instabilen WLAN-Verbindungen erheblich Kopfzerbrechen bereiten. Generell sollte man bei der Recherche nach geeigneten Notebooks auf die genaue Typenbezeichnung des WLAN-Chips achten und dann im Web gezielt nach der Linux-Unterstützung forschen.

Unter Linux bereiten WLAN-Chipsätze von Intel, Qualcomm Atheros und Broadcom erfahrungsgemäß die wenigsten Probleme. Den aktuellen Stand der Linux-Unterstützung verschiedener Chips zeigt die offizielle Webseite des Linux-Kernels unter  http://wireless.kernel.org/en/users/Devices . Dies ist die umfangreichste Übersicht im Web, geht aber nicht auf einzelne Distributionen ein.

Eine gute deutschsprachige Übersicht zu WLAN-Chipsätzen für Ubuntu und Co, die stellenweise auch schon für Ubuntu 16.04 aktualisiert ist, findet sich im Wiki von Ubuntu Deutschland e.V.

Temporäre Lösung: Ein externer WLAN-Adapter an einem USB-Port.
Vergrößern Temporäre Lösung: Ein externer WLAN-Adapter an einem USB-Port.

Ausweg per externem Adapter: Wenn das Wunschnotebook nicht in das WLAN will oder dazu erst Treiber und eine Distributionsaktualisierung verlangt, hilft nicht nur ein Ethernet-Kabel weiter. Ein günstiger externer WLAN-Adapter, der per USB angeschlossen wird, kann die Funknetz-Leiden erst mal beheben. Noch besser jedoch: Verbinden Sie den Adapter über ein USB-Anschlusskabel. Dann können Sie das WLAN-Modul mit seinen Antennen je nach Bedarf und Standort auch noch unabhängig vom Notebook ausrichten und damit oft einige ausschlaggebende dBm-Signalstärke herausholen. Der in der Linux-Welt schon öfters empfohlene, winzige WLAN-USB-Adapter Edimax EW-7811UN kostet mittlerweile nur noch sechs Euro und läuft anstandslos unter allen Distributionen.

Praxis-Test: Linux-Notebook mit Macbook-Optik - geht das?

Display: Spiegelnd, matt, mit Touch

Tolle Farben, aber schlecht zum Arbeiten: Leider sind die meisten Notebooks mit einem spiegelnden Glare-Display ausgestattet. Es wirkt heller und stellt Sättigung und Kontrast kräftiger dar als ein matter Bildschirm. Dafür ist der Vorteil jedoch bei den üblichen Lichtverhältnissen wegen starker Reflexionen von hellen Flächen und direktem Licht auch schnell wieder dahin. Wer vorhat, mit dem Notebook sinnvoll unterwegs zu arbeiten, muss zu einem matten (Non-Glare) Display greifen und dunkelt lieber beim Ansehen von Filmen das Umgebungslicht ab.

Verspiegelt: Ein Glare-Display hat unter guten Lichtverhältnissen starke Farben.
Vergrößern Verspiegelt: Ein Glare-Display hat unter guten Lichtverhältnissen starke Farben.

Beinahe völlig überflüssig sind berührungsempfindliche Display für den Linux-Einsatz, wenn es nicht gerade um Geräte für sehr spezialisierte Zwecke geht. Denn bis auf Gnome sind Linux-Desktops kaum für die Touchbedienung geeignet. Und auch wenn Gnome in den neuen Versionen ab 3.14 nette Touchfunktionen wie Zwei-Finger-Zoom versteht: Die typischen Linux-Anwendungen sind berührungsscheu und nicht mal Firefox ist per Touchscreen akzeptabel zu bedienen.

Auflösung: Hi-DPI bleibt exotisch

Ein von Apple losgetretener Trend sind hochauflösende Notebookbildschirme mit mehr als 1920 x 1080 Bildpunkten. Inzwischen gibt es auch Modelle von Toshiba für den Einsatz von Windows mit voller 4K-Auflösung (3840 x 2160 Pixel).

Hi-DPI verlangen für die Arbeit auf kleinen Notebooks hochskalierte Schrift- und Desktopelemente.
Vergrößern Hi-DPI verlangen für die Arbeit auf kleinen Notebooks hochskalierte Schrift- und Desktopelemente.

Was bei der Bildbearbeitung und zur Betrachtung von HD-Filmen prima aussieht, hat bei der üblichen Arbeit keinen großen Nutzen: Der verwendete Desktop muss hohe Auflösungen unterstützen, indem Text- und Menüelemente durchgehend hochskaliert werden, sonst wird die Oberfläche zum kleinteiligen Suchbild. Derzeit bieten nur die Linux-Desktops Gnome, Unity, Cinnamon und KDE Plasma 5 eine brauchbare Skalierung für extrem hohe Auflösungen. Auch dann zeigen sich aber noch Probleme mit Programmen wie Gimp und Thunderbird, die diese Einstellungen nicht umsetzen. Auch ein Mix von Gtk-Programmen (Gnome) und Qt (KDE-Anwendungen) führt zu einem uneinheitlichen Bild. Linux-Anwender sollten Notebooks mit Bildschirmauflösungen über 1920 x 1080 Pixeln noch meiden – die Augen werden es danken.

Preis: Billigware versus Markengerät

Der Preisunterschied bei Notebooks verschiedener Hersteller ist enorm, auch bei scheinbar ähnlicher Ausstattung. Tatsächlich ist ein kein Zufall, dass einige Notebookmodelle verschiedener Marken mit der gleichen Ausstattung und sogar mit einem ähnlichen Chassis aufwarten. Die Fertigung ist an große Hardwarehersteller im Hintergrund ausgelagert. Diese Auftragshersteller bieten ihre Dienste als Original Design Manufacturer (ODM) an und verkaufen Barebonemodelle mit unterschiedlichen Ausstattungsoptionen an die bekannten Firmen, die nur mehr die Bestückung mit CPU, RAM und Festplatte wählen.

Die Fertigung verschiedener Notebookmarken findet oft am gleichen Fließband und mit den gleichen Komponenten statt, denn ODMs mit entsprechenden Anlagen und Kapazitäten gibt es nur wenige. Marktexperten schätzen, dass eine Handvoll ODMs aus Taiwan wie Quanta Computer und Compal Electronics fast 90 Prozent aller Notebooks verschiedener Marken in China produzieren. Was den Preisunterschied zwischen Notebookmodellen ausmacht, ist also nicht die eigentliche Fertigung, sondern die Zusammenstellung der angebotenen Komponente und die Qualitätssicherung. Wirklich hochwertige Notebooks bekommen Sie deshalb nicht in der identischen Ausführung von einer No-Name-Marke. Hingegen lohnt sich der Vergleich verschiedener Hersteller bei günstigen Modellen unter 1000 Euro durchaus, denn hier sind oft die gleichen ODMs im Hintergrund für die komplette Zusammenstellung und Fertigung verantwortlich.

Quanta Computer fertigt unter anderem für Dell/Alienware, HP, Toshiba, Lenovo und LG.
Vergrößern Quanta Computer fertigt unter anderem für Dell/Alienware, HP, Toshiba, Lenovo und LG.
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