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Das Internet der Dinge auf dem Prüfstand

26.06.2015 | 09:15 Uhr |

Das Internet of Things (IoT) entwickelt sich zum Megatrend, vor allem in der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsindustrie (TMT-Industrie). Allerdings befindet sich die Branche noch im Experimentiermodus. Während die Business-Anwender auf den Zug aufgesprungen sind, lassen sich die Endkunden nur schwer begeistern.

Aus der Vernetzung von Objekten ergeben sich scheinbar grenzenlose Möglichkeiten: Unternehmen verknüpfen Produktions- und Logistikprozesse, zusätzlich erhobene Daten erlauben neue Analyse- und Steuerungsoptionen. Auch Konsumenten greifen schon zu Wearables oder vernetzen ihre Haushalte. So können immer mehr "intelligente Objekte" über das Netz miteinander kommunizieren und interagieren. Im laufenden Jahr soll weltweit mehr als eine Milliarde solcher vernetzter Gegenstände abgesetzt werden. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme von zehn bis 20 Prozent. Noch ausgeprägter dürfte das Wachstum bei IoT-bezogenen Diensten ausfallen; hier ist ein Umsatzanstieg um 40 bis 50 Prozent zu erwarten.

Wie bei vielen Hypes der vergangenen Jahre muss sich nach der Euphorie über das tech-nisch Machbare nun die Erkenntnis des praktisch Sinnvollen durchsetzen. Dabei zeigen sich im Consumer- und Enterprise-Segment jeweils unterschiedliche Entwicklungen. Eine Bestandsaufnahme des Internets of Things erfordert daher eine differenzierte Betrachtung beider Bereiche.

Rund 60 Prozent der Hardware für das IoT wird derzeit von Unternehmen gekauft und genutzt. Diese Popularität erklärt sich aus dem unmittelbaren Mehrwert, den IoT-Lösungen im B2B-Bereich bereits bieten. Deutlich wird dies am Beispiel des intelligenten Stromzählers. Dessen Nutzen beschränkt sich nicht allein auf das automatische Ablesen von Zählerständen. Die "Smart Meters" erlauben den Energieversorgern auch eine Fehlerdiagnose in Echtzeit sowie die Lokalisierung von Stromausfällen. Mindestens ebenso attraktiv sind zusätzliche Möglichkeiten im Analytics-Bereich: Durch das Monitoring des Stromverbrauchs können die Anbieter das Nutzungsverhalten ihrer Kunden sowie etwaige Lastspitzen genauer vorhersagen, was gerade im Zusammenhang mit der Energiewende von erheblichem Wert ist.

Ähnliche Fallbeispiele haben sich auch für andere Branchen entwickelt. Nicht zuletzt der Manufacturing-Bereich profitiert von einer intelligenten Vernetzung der Produktionstechnik mit anderen Systemen. Im Fertigungsprozess und der Logistik ergeben sich daraus deutliche Optimierungspotenziale.

Paradigmenwechsel: Weg vom Kostenaspekt

Im Mittelpunkt der bisherigen IoT-Aktivitäten von Unternehmen überwog der Wunsch nach einer spürbaren Kostenreduzierung und/oder einem besseren Risiko-Management. In den vergangenen Monaten zeichnete sich jedoch ein Paradigmenwechsel ab: Immer mehr Unternehmen begreifen das Internet der Dinge als Chance, zusätzliche Umsätze zu generieren oder gar völlig neue Produkte und Dienste zu entwickeln.

Sichtbar wird dies am Beispiel von Wearable Devices. Sie bieten Innovationspotenzial, das über reine Hardwareangebote deutlich hinausgeht. So können Unternehmen mit smarten Brillen im technischen Außendienst selbst komplexe Reparatur- und Wartungsarbeiten ohne Spezialisten vor Ort leisten: Der Mitarbeiter erhält genaue Instruktionen über die Brille. Und er kann mittels der integrierten Kamera einen Experten per Ferndiagnose zurate ziehen. Für technische Dienstleister ergeben sich daraus neue Umsatzquellen. Die Außendienstmitarbeiter werden flexibler und effizienter.

Der technischen Faszination erlegen

Während also die Unternehmen bereits heute vom Internet der Dinge profitieren, lassen sich die Konsumenten von den bisherigen Angeboten noch nicht so recht überzeugen. Die intelligente Haushaltsautomatisierung nimmt erst langsam Fahrt auf. Und jüngste Produktneuheiten befremden die Endverbraucher vielfach: Vernetzte Blumenvasen oder Gabeln bieten für sich genommen nur einen geringen Mehrwert.

Darin liegt wohl das größte Problem vieler Consumer-Angebote: Die Vorteile sind entweder nicht klar erkennbar oder zu spezifisch. Anbieter und Entwickler lassen sich zu oft vom technischen Potenzial des IoT inspirieren, verlieren über dieser Faszination aber den Nutzen für die Konsumenten aus den Augen.

Die Fokussierung auf sinnvolle Anwendungsbeispiele ist daher einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren für Consumer-IoT-Lösungen. Dazu gehören neben durchdachten Use Cases auch ein attraktives Gerätedesign sowie intelligente Bündelangebote aus Hardware, Installation und Diensten.

Die vier IoT-Erfolgsfaktoren aus Consumer-Sicht. Wer die Anwender für das Internet of Things begeistern will, darf über der technischen Inspiration nicht den konkreten Nutzen aus den Augen verlieren. Eine offene Plattform, ein transparentes Leistungspaket und ein ansprechendes Design tragen zur Akzeptanz erheblich bei.
Vergrößern Die vier IoT-Erfolgsfaktoren aus Consumer-Sicht. Wer die Anwender für das Internet of Things begeistern will, darf über der technischen Inspiration nicht den konkreten Nutzen aus den Augen verlieren. Eine offene Plattform, ein transparentes Leistungspaket und ein ansprechendes Design tragen zur Akzeptanz erheblich bei.

Die Bedeutung offener Plattformen ist auch nicht zu unterschätzen. Sie ermöglichen uneingeschränkte Kommunikation über Geräte- und Systemgrenzen hinweg. So entsteht zusätzlicher Nutzen: Einzellösungen mit individuell beschränktem Mehrwert können Teil eines Applikationsverbunds sein, der übergreifend Daten auswertet und unmittelbare Folgeaktionen auslöst. Beispielsweise kann eine zentrale Smart-Home-Steuerung unterschiedliche Anwendungskomponenten - von der Jalousiebedienung bis zur vernetzten Unterhaltungselektronik - zu einem integrierten Management von Gebäudefunktionen zusammenführen. Generell verzeichnen vor allem solche Consumer-Lösungen Markterfolge, die die vier Erfolgsfaktoren unmittelbar berücksichtigen.

Weitere Herausforderungen

Die starke Präsenz des IoT in der öffentlichen Diskussion täuscht darüber hinweg, dass sich dessen Entwicklung noch in einem frühen Stadium befindet. Nach wie vor experimentieren Unternehmen mit innovativen Konzepten und Geschäftsmodellen. Neue Teilnehmer bringen Bewegung in den Markt, gleichzeitig brechen etablierte Strukturen entlang der Wertschöpfungskette auf. Auch Datenschutz und Datensicherheit müssen sich mitentwickeln.

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