1781271

DRM-Gängelungen bei Ebooks: Weitergeben bei Kindle und Co nicht möglich

26.08.2013 | 11:09 Uhr |

Ebooks sind ungemein praktisch: Sie wiegen nichts, auf das Lesegerät passt eine ganze Bibliothek und Lesenachschub gibt es jederzeit in einer Minute. Da werden die Nachteile der elektronischen Bücher schnell vergessen.

Für leidenschaftliche Leser ist ein Buch pro Ferientag nichts Besonderes. So kommen bei einer zweiwöchigen Flugreise schnell vier bis fünf Kilogramm zusammen, die man schleppen muss und die zudem das knappe Freigepäck beanspruchen. Ganz abgesehen von der Frage, was danach mit den gelesenen Werken geschehen soll.

Das Beispiel verdeutlicht die Vorteile von Ebook-Reader und digitalen Büchern. Die Lesegeräte wie die Kindle-Modelle von Amazon  wiegen nur gut 200 Gramm, je nach Speicherkapazität passen da 1.000 oder gar 2.000 Bücher drauf. Ebooks lassen sich per WLAN ganz schnell nachkaufen und wegen der geringen Datenmenge von nur rund einem MByte sogar im Urlaub über die Hotspot-Funktion des Smartphones laden. Abgesehen davon liegen die Preise der digitalen Werke – festgelegt ebenfalls per Buchpreisbindung – rund 10 bis 15 Prozent unter denen der gedruckten Ausgaben.

DRM-Schutz: Ebooks mit vielen Vor- und vielen Nachteilen

Soweit die wirklich praktische Seite, doch es gibt auch eine weniger schöne – auch dazu wieder ein Praxisbeispiel: Einer in der Familie fängt mit einem solchen Lesegerät an, die anderen sind begeistert und kaufen auf dem Gerät ebenfalls Bücher.

Ebook-Reader Amazon Kindle Paperwhite im Test

Amazon kennt die Lesegewohnheiten der Kindle-Besitzer über die automatische Synchronisierung genau – die Weitergabe gelesener Bücher unterbindet das US-Unternehmen dagegen strikt.
Vergrößern Amazon kennt die Lesegewohnheiten der Kindle-Besitzer über die automatische Synchronisierung genau – die Weitergabe gelesener Bücher unterbindet das US-Unternehmen dagegen strikt.
© Amazon

Nach einiger Zeit ist klar, dass ein zweiter oder gar dritter Ebook-Reader her muss. Doch dann kommt die Ernüchterung: Je nach Anbieter gibt es keinerlei (legale) Möglichkeit, die zuvor über einen Account gekauften Digitalwerke auf mehrere Geräte und Nutzer wieder zu verteilen – ein Ding der Unmöglichkeit. Man stelle sich einmal vor, man dürfe ein gedrucktes Buch anderen nicht zum Lesen überlassen!

Genau das aber ist bei den Anbietern elektronischer Bücher die Regel. Egal ob Amazon, Ebook.de, Hugendubel, Thalia oder Weltbild, der „Käufer“ eines Ebooks erwirbt nicht das Werk an sich, sondern nur ein stark eingeschränktes Nutzungsrechts, das ein Verleihen, Verkaufen oder die Weitergabe ausdrücklich untersagt. „Ihre Kindle-Inhalte werden durch den Anbieter von Inhalten lizensiert, nicht aber verkauft“, heißt es in den Nutzungsbedingungen für den Kindle-Shop. „Halten Sie eine Bedingung dieser Vereinbarung nicht ein, so enden Ihre Rechte aus dieser Vereinbarung automatisch. … Amazon kann Ihnen den Zugang zum Kindle-Shop oder zu Kindle-Inhalten ohne Erstattung von Entgelten sofort sperren“, droht Amazon unverhohlen.

Technisch wird das über einen Kopierschutz realisiert. So verständlich ein solcher DRM-Schutz (Digital Rights Management) aus Sicht der Autoren, Rechtinhaber und Verleger auch ist, damit die Werke nicht gleich als illegale Kopien im Internet kursieren, so hoch sind derzeit die Barrieren. Denn warum es nicht, beispielsweise über eine offizielle Formularseite, möglich sein soll, die DRM-Lizenz innerhalb einer Familie auf eine andere Person zu übertragen, erschließt sich jeder Logik: Soll man etwa ein Ebooks ein zweites Mal kaufen und bezahlen?

Illegale Tools zum Entfernen des Kopierschutzes

Angesichts solcher Alltagsszenarien im Freundes- und Familienkreis, bei denen es ausdrücklich nicht um das illegale Veröffentlichen kommerzieller Buchinhalte im Internet geht, ist es nicht verwunderlich, dass manch einer zu einem der vielen Tools zum Entfernen des Kopierschutzes greift. Seiten wie Epubdrmentfernen.com beschreiben nicht nur detailliert, wie sich die DRM-Sperre aushebeln lässt, sie verlinken auch gleich auf die Tools zum Entfernen des Kopierschutzes im Epub-, PDF- oder Kindle-Format.

Das Übertragen elektronischer Bücher vom PC auf Lesegeräte ohne WLAN und integrierten Buch-Shop stellt manchen Anwender vor gehörige Probleme.
Vergrößern Das Übertragen elektronischer Bücher vom PC auf Lesegeräte ohne WLAN und integrierten Buch-Shop stellt manchen Anwender vor gehörige Probleme.
© Trekstore

Dabei verbietet das Urheberrecht in § 95a Abs.1 dies ausdrücklich: „Wirksame technische Maßnahmen zum Schutz eines nach diesem Gesetz geschützten Werkes oder eines anderen nach diesem Gesetz geschützten Schutzgegenstandes dürfen ohne Zustimmung des Rechtsinhabers nicht umgangen werden.“ Das schließt auch Herstellung und Verbreitung von Software ein, die der Umgehung solcher Schutzmaßnahmen dienen (§ 95a Abs. 3 UrhG).

In der Praxis bauen die Hersteller von Ebook-Readern ohne integrierten Shop und WLAN-Anbindung an Internet ungewollt zusätzliche Hürden auf – so selbst beim brandneuen, knapp 150 Euro teuren Pyrus Maxi von Trekstor. Wer ein über den PC gekauftes Ebook auf einem solchen Gerät lesen möchte, muss die Software Adobe Digital Editions installieren, sich beim Hersteller registrieren und mit seiner „Adobe-ID“ das Lesegerät freischalten.

Amazon Kindle: Der gläserne Leser ist längst Realität

Jeder Online-Händler „kennt“ seine Käufer umso besser, je häufiger sie bei ihm einkaufen. Wer sich für ein iPad von Apple interessiert, ist vermutlich auch für andere hochwertige Produkte empfänglich – so wie Tausende andere Kunden eben auch.

Ebook-Reader Tolino Shine im Test

So weit, so gut. Anbieter von Ebooks und Lesegeräten, die wie Amazon Inhalte und Lesefortschritt automatisch über das Internet synchronisieren, wissen aber noch viel mehr – vermutlich mehr, als manchen unbedarften Nutzern lieb sein dürfte. Denn ein Kunde, der ein Buch praktisch nonstop bis zu Ende liest, wird dies kaum schlecht finden. Das weiß der Anbieter auch ohne ausdrückliche Bewertung. Gegen solche „Überwachung“ hilft es nur, in seinem Kundenkonto, auf dem Ebook-Reader und in den Lese-Apps für Smartphone und Tablet das Speichern und Handeln mit den persönlichen Daten zu unterbinden – so weit der Anbieter das eben zulässt.

Fazit: Déjà-vu beim Kopierschutz

Gab es das nicht alles schon einmal? Versuchte nicht die Musikindustrie, ihre Songs mit einem Kopierschutz vor der unerlaubten Weitergabe zu schützen? Der Versuch ist bekanntlich gescheitert , denn spätestens bei der Weigerung des Autoradios, eine Original-Musik-CD abzuspielen, war klar, dass der Bogen überspannt war. Die großen Labels mussten zurückrudern und taten dies nach schmerzlichen Lehrjahren aber insofern geschickt, als sie MP3-Dateien ohne DRM-Schutz günstiger – und gleichzeitig viel einfacher – als früher anboten. Warum noch etwas illegal herunterladen, wenn Preis und Handling stimmen!

Einerseits erinnert die fehlende Weitergabemöglichkeit DRM-geschützter Ebooks im Freundes- und Familienkreis fatal an die Anfänge kopiergeschützter Musik. Solche Absurditäten werden sich die ehrlichen Käufer auf die Dauer nicht gefallen lassen –spätestens dann werden solchen Schranken gelockert. Andererseits ist die Situation heute mit der vor zehn Jahren nicht vergleichbar: Statt jedes Werk auf jedem Gerät einzeln abzusichern, kommt heute ohnehin immer mehr aus der Cloud, ist also an einen Online-Konto gebunden. Zudem geht der Trend ganz klar zur Flatrate, also zu uneingeschränkten Nutzungsmöglichkeit zu einem pauschalen Preis.

Trend: Erste Flatrates, bei denen man gegen einen Monatsgebühr beliebig viele Bücher ausleihen kann, gibt es wie bereits. Marktführer Amazon hält sich derzeit noch zurück.
Vergrößern Trend: Erste Flatrates, bei denen man gegen einen Monatsgebühr beliebig viele Bücher ausleihen kann, gibt es wie bereits. Marktführer Amazon hält sich derzeit noch zurück.
© Skoobe

Dieses Streaming-Geschäftsmodell hat sich bei Musik längst etabliert , die Video-on-Demand-Dienste bieten ebenfalls Film-Flatrates. Bei den Ebooks steckt das Gleiche allerdings noch in den Kinderschuhen: Marktführer Amazon offeriert seinen „Prime“-Kunden mit der Kindle-Leihbücherei hierzulande gerade einmal ein Buch pro Monat.

Der Münchener Ebook-Verleih Skoobe ist da schon weiter. Es bietet für einen monatlichen Beitrag zwischen 10 und 20 Euro die Möglichkeit, aus einer Auswahl von über 25.000 Büchern beliebig viele „auszuleihen“ und auf dem iPhone, iPad, Android-Geräten oder dem Kindle Fire zu lesen. Das kommt dem Nutzungsverhalten vielen Nutzer entgegen, birgt aber eben die Gefahr des gläsernen Lesers.

 

 

 

 

0 Kommentare zu diesem Artikel
1781271