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Risiken von sozialen Netzwerken

29.07.2008 | 11:46 Uhr |

Jeder braucht sie: soziale Netzwerke wie die Rentnerbank an der Dorfstraße sind unverzichtbar. Neuerdings verlagern sich solche Gemeinschaften immer mehr ins Web. Dabei sind vielen Anwendern allerdings die Gefahren der digitalen Kontaktpflege nicht bewußt.

"Nathalie" lockte in nur fünf Minuten über 50 Nutzer an
Vergrößern "Nathalie" lockte in nur fünf Minuten über 50 Nutzer an
© 2014

Von Simon Hülsbömer

Unzählige Web-Angebote, die auf das Prinzip "Social Networking" setzen, buhlen um die Gunst der Anwender. Allein in Deutschland sind es über 100, Tendenz steigend. Die Nutzerschar segmentiert sich immer feiner, für jede Interessens- und Lebenslage gibt es digitale Gemeinschaften. Längst zählen populäre Netze wie SchülerVZ und StudiVZ Millionen an Mitgliedern, auch Myspace ist hierzulande akzeptiert. Die Bewohner einzelner Städte und Gemeinden tun sich bei den Lokalisten zusammen. Xing ist zum Vorreiter der Kontaktpflege im Business-Sektor geworden, viele Unternehmen schreiben offene Stellen zuerst hier aus oder kontaktieren anhand der Kandidaten die passenden Arbeitnehmer gleich selbst. Bei Netmoms und Mamiweb tauschen sich Mütter über Erziehung aus, für die Väter gibt es ichbinpapa.de . Sportsfreunde lockt alle, die sich für Leibesertüchtigung begeistern können. Das deutsche Flickr-Pendant Fotocommunity ist zu einer riesigen Bilddatenbank herangewachsen. Allen Angeboten ist eines gemein: Vor der Nutzung steht das obligatorische Registrieren mit Namen, E-Mail-Adresse und unterschiedlich vielen weiteren persönlichen Informationen. Was mit diesen Daten geschieht, merken viele Anwender erst, wenn es zu spät ist.

Fünf Minuten Eldorado
Dass sich die elektronischen Postfächer, die bei der Registrierung genannt wurden, plötzlich schnell mit Spam füllen, scheint niemanden mehr aufzuregen. "Wir spüren eine zunehmende Abstumpfung, gerade gegenüber Werbung im Netz", stellt Christoph Hardy vom Security-Dienstleister Sophos fest. Je häufiger die Nutzer nach ihren persönlichen Informationen gefragt werden, desto schneller geben sie sie freiwillig heraus, da vieles an anderer Stelle im Netz schon bekannt ist. Damit steigt die Anfälligkeit für Spam oder gar Phishing-Attacken. "Viele Leute sind immer noch blauäugig oder sogar auf beiden Augen blind", konstatiert Hardy.

Um das zu beweisen, startete er im Online-Netzwerk Wer-kennt-wen Anfang des Jahres ein Experiment. Unter dem Pseudonym "Natalie" erstellte Hardy ein Profil mit dem Foto einer leicht bekleideten jungen Frau sowie einigen Angaben zu persönlichen Interessen und Vorlieben. Er beschrieb Natalie unter anderem als "suchend" und "für alles aufgeschlossen". "Ziel des Versuchs war es, herauszufinden, was innerhalb von fünf Minuten ohne eigenes Zutun mit einem solchen Profil passiert", so Hardy. Das Ergebnis war erhellend: Als Hardy das Profil nach fünf Minuten wieder entfernte, hatte die fingierte Single-Frau bereits 19 sofort bestätigte neue Kontakte, 27 E-Mails mit Kontaktanfragen sowie 48 Nachrichten. Über Natalie hatte Hardy freien Zugang zu den persönlichen Daten dieser Mitglieder wie zum Beispiel Adresse, Alter, Instant-Messenger-Name und persönliche Interessen. Social Networks sind laut Hardy "ein Daten-Eldorado für Spammer und Phisher."

Das Netz vergisst nichts
Welche Langzeitfolgen die Freigiebigkeit vieler Internet-Nutzer mit ihren persönlichen Daten haben wird, ist noch schwer einzuschätzen. "Was einmal öffentlich ist, bleibt öffentlich", warnt Thilo Weichert, der Landesdatenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein. Er macht auf eine wichtige Tatsache aufmerksam, die viele Anwender vernachlässigen: "Es liegt kein Missbrauch vor, wenn der Nutzer diese Daten vorher freiwillig publiziert hat." Und das machten sich nicht nur kriminelle Identitätsdiebe zunutze, sondern auch Behörden, Ämter und Arbeitgeber. "Sehr wahrscheinlich verwenden sogar Wirtschaftsauskunfteien öffentliche Informationen im Internet wie Ebay-Bewertungsprofile zu Bonitätsüberprüfungen", vermutet Weichert. Wer seine Nutzerprofile in Social Networks in ihrer Sichtbarkeit nicht einschränkt, muss damit rechnen, dass der Google-Bot schneller vorbeischaut, als ihm lieb sein kann, und die persönlichen Daten damit umgehend in die Trefferliste der größten Suchmaschine einziehen.

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