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Zweifel an die Versprechen des Öko-PCs

15.07.2008 | 10:01 Uhr |

Der britische Hersteller CherryPal hat ein Gerät angekündigt, das nur 5 bis 10 Prozent der Leistung eines herkömmlichen PC verbrauchen soll. Ob das Versprechen eingehalten kann und vor allem wie, bleibt abzuwarten.

Noch gibt es den Öko-PC von CherryPal nicht auf dem Markt zu kaufen. Vielleicht fällt es auch dem Hersteller deswegen so leicht, vor allem die Vorzüge des Konzepts seines PC zu preisen. Im Unterschied zu handelsüblichen Geräten wird der Öko-PC mit einem Prozessor von Freescale arbeiten. Letzterer ist für seine Energieeffizienz bekannt und weist beim Stromverbrauch wesentlich bessere Werte als die Produkte von AMD oder Intel. Während die aktuellen stromsparenden CPUs etwa 50 Watt verbrauchen und die damit gebauten PCs üblicherweise 100 bis 120 Watt, soll sich der CherryPal-PC mit 2 Watt begnügen können.

Wie das allerdings im Detail funktionieren soll, will der Hersteller bis zur offiziellen Vorstellung am 4. August noch nicht verraten. Auf dessen Webseite ist außer Marketing und dem Slogan vom "Weniger ist mehr" nicht allzu viel zu erfahren.

Vom Konzept her ist Freescales Prozessor mit der Bezeichnung "Mobile GT MPC5121e" an die Power-Architektur angelehnt. Er wird bei nur 400 MHz getaktet. Das ist ein Wert, der in der Prozessorwelt als weit überholt gilt – teilweise arbeiten sogar Smartphones mit höheren Taktraten.

Auch die Ausstattung des PC erinnert mehr an einen Thin Client als an ein vollwertiges Gerät. Er wird ohne Festplatte geliefert, besitzt stattdessen einen 4 GB großen Flash-Speicher und weitere 256 MB Arbeitsspeicher. Flash-Speicher sind zwar zunehmend ein Trendthema, aber 4 GB sind definitiv ein "Das geht gar nicht". Bei 256 MB Arbeitsspeicher kommt jeder Anwender ebenfalls ins Grübeln. Das System soll ein paar USB-Ports und eine Monitorschnittstelle besitzen.

Britischer Optimismus

Wer den CEO von CherryPal, Max Seybold, fragt, der bekommt zu hören, dass sein Rechner jede Applikation, und sei sie noch so rechenintensiv - weil etwa grafiklastig - locker verarbeiten könne. Seinen Optimismus bezieht er aus der Tatsache, dass der Freescale-Chip anders als Prozessoren von AMD oder Intel keine ausgewachsene PC-CPU ist. Vielmehr handelt es sich um eine, die drei Rechenwerke besitzt, die jeweils spezifische Aufgaben erfüllen. Eins ist für die Grafik-, eine für die Audio- und Videobearbeitung zuständig. Die dritte soll "herkömmliche" Rechenarbeiten erledigen.

Was der PC kosten soll, ist ebenfalls noch unklar. Seybold sagte lediglich, dass das Gerät im Vergleich beispielsweise zu dem Asus-Rechner Eee-PC (der kostet etwa 300 Euro) wesentlich preisgünstiger sein werde.

Bei allen Fragezeichen könnte es aber doch sein, dass CherryPal mit dem Rechner einen neuen Medien-Typ kreiert. Kein Thin Client aber auch kein schwergewichtiger PC . Allerdings stellt sich die Frage, wer solch ein Medium-System braucht - einmal abgesehen von dem zu erwartenden niedrigen Preis. Für kommerzielle Anwender dürfte das System zu wenig Leistung bieten. Zudem ist unklar, ob sich Unternehmen heute schon auf ein Cloud-Konzept einlassen. Analysten sagen Cloud zwar eine Zukunft voraus - aber nicht in drei Monaten und vielleicht auch erst in drei Jahren.

Der CherryPal-Rechner soll - Verneigung gegenüber Jugendlichen, einer angepeilten Kundengruppe - iTunes unterstützen. Wie das gehen soll bei den mageren Speicherkapazitäten, bleibt das Geheimnis von Seybold. Die offizielle Haltung ist: Es wird gehen.

Offensichtlich ist das Gerät bislang nicht einmal in Großbritannien irgendwo gesichtet, geschweige denn unter die Lupe genommen worden. Was von den Versprechungen des CherryPal-CEO zu halten ist, lässt sich somit nicht sagen. Ob er einfach einen großen Medienhype erzeugen wollte, bleibt abzuwarten. Bislang ist das Gerät - um es mit einem anderen neudeutschen Begriff zu belegen - nichts anderes als Vaporware. (jm)

COMPUTERWOCHE

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