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Bezahlen mit dem Handy – daran hakt es

05.06.2014 | 09:41 Uhr |

Handy auflegen, Kassenzettel nehmen und fertig. So einfach soll das Bezahlen künftig funktionieren. Hierzulande fehlen allerdings noch Akzeptanz und Standards. PC-WELT erklärt, woran es krankt.

Während das mobile Bezahlen per NFC in Nordamerika bereits weit verbreitet ist, kränkelt die neue Bezahlmethode hierzulande an fehlenden NFC-Terminals und Standards. Doch in Zukunft wird sie kommen, da sind sich die Experten einig. Mit mehr Komfort für die Verbraucher.

MyWallet von der Deutschen Telekom
 
Im Mai stellte die Deutsche Telekom gerade ihren Dienst MyWallet vor. Die digitale Brieftasche wird zunächst zum mobilen Bezahlen nutzbar sein. Ab Sommer soll sie digitale Coupons von Hit und Edeka verwalten und später auch Tickets, Fahrscheine, Bonuskarten und mehr. Voraussetzung zur Nutzung ist ein Mobilfunkvertrag bei der Telekom.

MyWallet von der Deutschen Telekom
Vergrößern MyWallet von der Deutschen Telekom

MyWallet lässt sich als App kostenfrei im Google Play Store herunterladen. Die App verwandelt derzeit 18 Smartphone-Modelle von Samsung und Sony (die allerdings von der Telekom gekauft werden müssen und Telekom-gebrandet sind) in eine digitale Brieftasche. Bereits mehr als zwei Millionen Telekom-Kunden in Deutschland hätten die Voraussetzung für das mobile Bezahlen.
 
Für das Bezahlverfahren ist zum Start eine Guthabenkarte von MasterCard verfügbar, die die Telekom-Tochter ClickandBuy ausgibt. Anfangs muss die Karte manuell aufgeladen werden; eine automatische Aufladung vom Girokonto sei in Arbeit, teilte die Telekom mit.
 
MyWallet war bereits im Herbst 2012 in Polen gestartet. In der Slowakei soll es MyWallet noch im Mai geben. Ein kommerzieller Launch in 2014 ist ebenfalls in Ungarn geplant, wo sie gerade mehrere Dienste wie Bezahlen oder Ticketing in einer Pilotphase testet.

mpass - O2 startet bargeld- und kontaktloses Bezahlen

mpass

In Deutschland schon weiter verbreitet ist der Anbieter mpass, entstanden aus einer Kooperation zwischen Wirecard, O2, Vodafone und Telekom. Weitere Beispiele sind MasterCard mit PayPass, die Sparkassen mit girogo und Visa mit payWave. Ende 2013 kam der „Vodafone Wallet“ genannte Dienst zusammen mit VISA auf den heimischen Markt, der ebenfalls NFC-fähig ist.

Funk statt PIN - Was taugt die NFC-Technik?
 
Ein Konkurrent zu NFC-Sticker ist das Verfahren Host Card Emulation (HCE), das ohne eigene Antenne auskommt. Es wird von Googles Android-Plattform unterstützt, und auch Microsoft zeigte Interesse. Es eröffnet Mobilfunkunternehmen neue Chancen im deutschen M-Payment-Markt und ermöglicht diesen eine neue Rolle einzunehmen, wie Christian von Hammel-Bonten von Wirecard in Frankfurt sagt.

Wer mit dem Smartphone bezahlt, verlangt größtmögliche Sicherheit
Vergrößern Wer mit dem Smartphone bezahlt, verlangt größtmögliche Sicherheit
© Polylooks

 
M-Payment: Kein Thema der Banken?
 
In Deutschland regelt fast jeder Zweite seine Bankgeschäfte online. Mehr als 50 Prozent der Online-Banker checken mehrmals pro Woche ihr Konto per PC oder Smartphone.
 
Allerdings ist inzwischen klar: Das Feld des Mobile Bezahlens läuft an den etablierten Banken vorbei. Zurückholen können sie ihre Kunden mit einer Bank-eigenen App zur Kontoverwaltung, dessen sind sich Branchenkenner sicher.
 
Als erste europäische Großbank tritt die niederländischen Rabobank ins Feld, die mit dem Kauf des Mobile-Commerce-Dienstleisters MyOrder mobile Dienste für Handel und Gastronomie anbietet. Auf der der 14. Konferenz Mobile Commerce - Technologien, Märkte, Anwendungen (mcta) in diesem Jahr in Frankfurt, parallel zu den m-days, stellte sie ihre Mobile-Payment-Strategie für Deutschland vor.
 
„Die Kuchenstücke im Bereich mobiles Bezahlen sind noch immer nicht verteilt", sagte ein Banker am Rande der m-days. Dennoch gerät der Bankensektor in diesem Segment zunehmend in einen Verdrängungswettbewerb, hat aber gute Chancen zu partizipieren. Denn insbesondere die Nicht-Banken, allen voran die digitalen Ökosysteme, greifen – auch branchenübergreifend – an.
 
Warum sich M-Payment, auch mit NFC, in Deutschland noch nicht durchgesetzt hat, liegt zum einen an den Gebühren. Es werden dieselben Gebühren wie für die gleichnamigen Plastikkarten zum Bezahlen berechnet.

Bezahlen mit dem Smartphone muss vor allem bequem sein.
Vergrößern Bezahlen mit dem Smartphone muss vor allem bequem sein.
© Polylooks

 
Die Vorteile fehlen
 
Zum anderen fehlt es aber auch an veritablen Vorteilen gegenüber beispielsweise der EC-Karte: Mobile Payment allein erspart bislang weder das Warten an der Kasse noch verschafft es exklusive Vorteile oder Kostenersparnisse.
 
Alles, was den Bezahlvorgang womöglich komplizierter und aufwändiger macht als Bares oder Karte, wird primär Technik-Begeisterte überzeugen können, schwerlich aber die Massen.
 
Laut eco-Analyse anlässlich der Messe m-days mangelt es den Anbietern bislang an fantasievollen Ideen für sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten. Paradebeispiel dafür wäre die myTaxi-App, in der Mobile Payment ein logischer Schritt ist: Mit ihr kann man nicht nur einen Wagen bestellen, den Fahrer bewerten und als Stammfahrer abspeichern, sondern die Fahrt auch gleich bezahlen.
 
Die meisten Ansätze erhöhen aber aus Sicht des eco-Verbandes lediglich die Abwicklungskosten ohne derartigen Mehrwert für den Verbraucher. Erst wenn Big Player wie Amazon, Apple, Google, die Deutsche Telekom, Vodafone, O2 oder die Visa- oder MasterCard-Organisation eine durchgängige Lösung für Mobile Payment entwickeln würden, gäbe es auch in Deutschland eine echte Chance für das Bezahlen mit dem Handy.
 
Der Leiter der 14. Konferenz Mobile Commerce - Technologien, Märkte, Anwendungen (mcta), die in diesem Jahr erstmals in Frankfurt am Main stattfand, PD Dr. Key Pousttchi, zeigte mit seiner neuen Studie "Warum wir Mobile Payment neu denken müssen" den Handlungsbedarf bei M-Payment-Verfahren auf: Über Sicherheit etwa würden viele Mythen kursieren, ebenso darüber, warum bisher keiner den Durchbruch geschafft habe.
 
"An den Kunden liegt es nicht, bereits vor zehn Jahren wollte die Hälfte der Deutschen gern mit dem Handy bezahlen", so Pousttchi. "Aber es hat bislang kein einziges Verfahren gegeben, das wirklich gut war – und die Kunden haben klare Anforderungen, die man für einen Marktdurchbruch erfüllen muss."
 
Zu bemerken ist, dass auch Facebook ins Mobile Payment einsteigt. Wie im April bekannt wurde, bemüht sich der blaue Internetriese um eine Banklizenz in Irland. Dies würde das Unternehmen berechtigen, elektronisches Geld – beispielsweise Facebook Credits in Neuauflage – in der ganzen EU auszugeben.
 
Wenn die deutschen Anbieter es nicht hinbekommen, werden es die "AGFEAs" machen, so Pousttchi: Apple, Google, Facebook, eBay/PayPal und Amazon. Und das wäre fatal für Deutschland und Europa. Denn es geht dabei in erster Linie um Kundendaten und das Marketing der Zukunft.
 
Wer das M-Payment beherrscht, so Pousttchi, erhält die Empfehlungsmacht über die künftigen Einkäufe des Kunden. Denn M-Payment ermögliche auch Daten zu sammeln über die Waren, Käuferprofile, Ort und Zeitpunkt des Einkaufs. Daraus ließen sich dann auch vor allem Kaufempfehlungen - "Predictive Analysis" - aussprechen, für die der Anbieter Provisionen erhält. Bei einem neutralen Anbieter wie einem Telekomdienstleister haben Verbraucher da mehr Vertrauen.

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