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25 dubiose Tempo-Mythen enttarnt

24.03.2011 | 08:33 Uhr |

Versteckte Parameter, Registry-Hacks: Windows funktioniert erst mit dem richtigen Tuning perfekt. Doch viele Tipps, die im Netz kursieren, stammen aus dem Märchen-Reich.

In Sachen Windows-Tuning für XP und Vista ist das Netz das reinste Märchenbuch. Zu Tausenden stehen selbst ernannte PC-Experten mit Tipps und Tricks parat. Je technisch versierter eine Erklärung klingt, umso eifriger wird das vermeintliche Dopingmittel ausprobiert. Viele Nutzer erliegen dabei der Placebo-Wirkung – fühlt sich der Rechner nicht wirklich etwas flotter an? Gerne gibt man solche scheinbar oder gefühlt erfolgreichen Tipps in Foren und auf wohlmeinenden Web-Seiten weiter. Und schon sind manche Legenden einfach nicht mehr aus dem Netz zu schaffen. Ein Beispiel dafür ist die von der Quality-of-Service-Funktion, die in Windows XP angeblich die Internet-Verbindung ausbremst. Sie als Anwender kosten solche Pseudo-Tipps viel Zeit, und nicht wenige geben sogar gutes Geld für angeblich nützliche Tuning-Programme aus. Deshalb setzen wir den auf Halbwissen, Glauben und absurden Behauptungen aufgebauten Tuning-Mythen harte Fakten entgegen.

Solid State Drives machen derzeit vor allem Notebook-Festplatten Konkurrenz.
Vergrößern Solid State Drives machen derzeit vor allem Notebook-Festplatten Konkurrenz.
© 2014

1. Solid State Drives
Mythos: Die neuen SSD (Solid State Drives) sind so schnell, dass sie jede konventionelle Festplatte in die Tasche stecken.
Fakten: Solid State Drives werden über Standard-Schnittstellen (SATA oder PATA/IDE) mit dem Rechner verbunden und von diesem als Festplatte genutzt. Daten werden hier nicht von beweglichen Schreib-/Leseköpfen auf rotierende, magnetische Scheiben geschrieben, sondern in festen Speicherchips abgelegt. Weil das umständliche Positionieren der Köpfe entfällt, verkürzt sich die Datenzugriffszeit, das heißt der Zeitraum zwischen dem Eingang eines Lesekommandos und dem Beginn des Datentransfers. Dieser Vorteil fällt oft allerdings gar nicht so sehr ins Gewicht, weil moderne Betriebssysteme die langen Zugriffszeiten konventioneller Festplatten mit Techniken wie Prefetch (Windows XP) und Superfetch (Vista) in vielen Fällen kompensieren können (siehe Mythos 2).
Vergleicht man SSD und konventionelle Festplatten, ist deshalb die Datentransferrate, also die Geschwindigkeit, mit der Daten nach Ablauf der Zugriffszeit von der Festplatte und SSD gelesen werden, viel wichtiger. In dieser Disziplin halten aber erst die allerneuesten SSD mit derzeitigen 3,5-Zoll-Festplatten Schritt. Nennenswert überlegen sind sie den vergleichsweise langsamen 2,5-Zoll-Platten, wie sie in Notebooks verbaut werden. Beim Schreiben von Daten holen ebenfalls erst die aktuellen SSD-Laufwerke konventionelle Platten ein – bisher waren sie deutlich langsamer.
Vom Mythos, dass SSD jede konventionelle Platte in die Tasche stecken, bleibt also nicht viel übrig. Derzeit eignen sie sich vor allem für den Einsatz in Notebooks. Hier macht sich auch die geringere Leistungsaufnahme der Speicherchips in Form längerer Akkulaufzeiten bemerkbar. Und außerdem sind SSD unempfindlich gegenüber Erschütterungen. Dieser Luxus hat seinen Preis: Der Kosten pro GB Speicherplatz liegt mit rund 2,40 Euro deutlich über den etwa 20 Cent für konventionellen Festplattenspeicher. Außerdem ist die Kapazität der SSD derzeit auf 250 GB begrenzt.

2. Prefetch-Cache leeren
Mythos: Prefetch- beziehungsweise Superfetch-Cache müssen durch Tuning-Utilities geleert werden, damit der Rechner mit optimaler Geschwindigkeit arbeitet.
Fakten: Mit XP hat Microsoft die Prefetch-Funktion eingeführt. Im Ordner „C:\Windows\Prefetch“ merkt sie sich beim Rechner-Neustart und bei jedem Aufruf eines Programms, welche Dateien in welcher Reihenfolge geladen wurden. Die Infos aus dem Prefetch-Ordner nutzt der Windows-Defragmentierer, um diese Dateien im Interesse kurzer Ladezeiten optimal auf der Festplatte anzuordnen. Für Vista wurde Prefetch nicht nur in Superfetch umbenannt. Die Technik versucht sich jetzt auch als Hellseher und nutzt freie Rechner-Ressourcen dazu, voraussichtlich demnächst benötigte Dateien in freie Teile des Arbeitsspeichers zu laden.
Dem Mythos zufolge muss „der Schrott im Prefetch-Cache“ regelmäßig entsorgt werden, damit keine Altlasten den Rechner blockieren. Das ist Quatsch: In der Datei NTOSBOOT-B00DFAAD.pf bleiben ohnehin nur die Infos aus den letzten acht Boot-Vorgängen erhalten, ältere Einträge entsorgt Windows selbständig. Und die übrigen Prefetch-Einträge werden nur dann ausgewertet, wenn Sie das entsprechende Programm aufrufen.
Verheerend: Durch Löschen des Prefetch-Caches steigt die für den nächsten Neustart des PCs oder den folgenden ersten Aufruf einer Software benötigte Zeit sprunghaft an, denn Windows muss die Prefetch-Dateien erst wieder neu anlegen. Ebenfalls einem Märchenbuch entspringt die Behauptung, in XP gäbe es einen geheimen Superfetch-Modus nach Vista-Vorbild, den man über einen Registry-Key aktivieren könne.

3. Vista Readyboost
Mythos: Die Technik Readyboost ist ein günstiger Turbo für Vista-Rechner.
Fakten: Readyboost nutzt Flash-Speicher auf einem USB-Stick oder einer Speicherkarte oder per PCI Express angeschlossenen Turbo Memory als Erweiterung für den Arbeitsspeicher und stellt diesen Superfetch (siehe Mythos 2) zur Verfügung. Microsoft argumentiert zu Recht, dass sich die sehr vielen sehr kleinen Superfetch-Dateien von diesen Medien wegen ihrer sehr kurzen Zugriffszeit schneller einlesen lassen als von der Festplatte. Allerdings machte der Preisverfall bei RAM-Bausteinen den Vista-Entwicklern einen Strich durch die Rechnung. Arbeitsspeicher ist mittlerweile derart günstig, dass es viel sinnvoller ist, in einen zusätzlichen RAM-Riegel als in einen Readyboost-fähigen USB-Stick zu investieren.

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