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Avira-Chef Tjark Auerbach im Interview

21.09.2010 | 11:42 Uhr |

Im Gespräch mit der PC-WELT verrät Tjark Auerbach, warum er vor dem Bundestrojaner wenig Respekt hat und wie es dazu kam, dass er sein Antiviren-Programm verschenkt und trotzdem Geld verdient.

Avira ist der Hersteller des beliebten Antiviren-Programms Antivir Personal Free. Die Leser der PC-WELT haben in der großen Brand-Awareness-Umfrage die Marke Avira zur „ Marke des Jahres 2010 “ gewählt. Bei der Preisverleihung nutzte PC-WELT die Chance, den Firmenchef Tjark Auerbach zu interviewen.

PC-WELT: Sie haben 1986 eine Schutz-Software gegen einen Virus selbst programmiert. Heute hat Ihre Firma mehr als 400 Angestellte und das aktuelle Antiviren-Programm Antivir befindet sich weltweit auf mehr als 130 Millionen PCs. Kommen Sie heute noch zum Programmieren?
Auerbach: Schon lange nicht mehr. Ich habe aber sehr engen Kontakt zu unseren Entwicklern und freue mich immer, wenn ich mit ihnen Ideen austauschen kann. Neue Viren schaue ich dennoch täglich an und beobachte die Viren-Szene sehr genau.

PC-WELT: Wie viele Programmierer kümmern sich um Ihr Antiviren-Programm?
Auerbach: Die gesamte Entwicklungsabteilung in Tettnang am Bodensee ist rund 120 Leute stark und dann kommen nochmal rund 70 Leute in Bukarest dazu.

PC-WELT: Sie haben nun auch Handelsniederlassungen in Kuala Lumpur, Hongkong und Tokio. Sind Sie auch schon in China?
Auerbach: Ja, wir sind mit einer Niederlassung in Peking vertreten.

PC-WELT: Ist die mögliche Zensur in China ein Problem für Ihr Produkt?
Auerbach: Die Sorge über eine mögliche Zensur hat zumindest dazu geführt, dass wir unser neues Antivirenlabor nicht in China, sondern in Kuala Lumpur eröffnen. Außerdem hatten wir im Vorfeld intern lange überlegt: Wie reagieren wir, wenn jemand in China von uns verlangt, bestimmte Programme nicht zu melden. Doch schließlich ist das gar kein spezifisch chinesisches Problem. Das kann uns in jedem Land der Welt passieren.

PC-WELT: So könnte etwa auch das Bundeskriminalamt kommen und verlangen, dass Sie den sogenannten Bundestrojaner nicht erkennen. Was machen Sie dann?
Auerbach : Ja, vor dem Bundestrojaner habe ich weniger Respekt (dabei wischt Herr Auerbach mit der rechten Hand über den Tisch, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen). Wenn uns morgen ein deutscher Gerichtsbeschluss verbieten will, den Bundestrojaner zu melden, dann zieht unsere ganze Firma übermorgen einfach in die Schweiz. Von Tettnang aus haben wir es dahin nicht weit.

PC-WELT: Ist denn überhaupt schon jemand wegen eines Polizei- oder Staatstrojaners auf Sie zugekommen?
Auerbach: Nein. Und wenn irgendeine Regierung zu uns kommt und sagt: Ihr dürft diese Datei nicht entdecken, dann würden wir vermutlich unser Produkt so anpassen, dass der Anwender eine Meldung erhält. Die sagt dann: „Dieses Produkt darf diese eine Dateien nicht melden.“

PC-WELT: Momentan haben Sie nur Antiviren-Labore in Europa. Wie schafft es Avira da 24 Stunden am Tag auf neue Schädlinge zu reagieren? Schieben Ihre Virenanalysten Nachtschichten?
Auerbach: Einige unserer Leute dürfen nachts arbeiten andere sind in Bereitschaf. Mit dem neuen Labor in Asien hoffen wir, dass wir in Tettnang ruhiger schlafen können.

PC-WELT: Jeden Tag gibt es mehrere Zehntausend neue, schädliche Dateien. Woher bekommt Avira all diese Dateien für die Entwicklung eines Gegenmittels?
Auerbach: Da gibt’s viele unterschiedliche Wege in unseren Laboren. Zum Einen schicken unsere Anwender viele verdächtige Dateien rein. Die Masse aber kommt über automatisierte Systeme, etwa Honeypots. Außerdem sind wir selber im Internet unterwegs und suchen nach Virenquellen und schließlich tauschen wir uns mit anderen Antiviren-Firmen aus.

PC-WELT: Immer mehr Viren gibt es nur genau einmal, da sie für jedes Opfer neu generiert werden. Wie kann Antivir vor diesen Schädlingen schützen?
Auerbach (lacht verschmitzt): Ganz einfach: Durch die ausgefeilte Heuristik in unseren Produkten, die alleine schon 60 - 70 Prozent aller unbekannter Viren stoppt. Aber zugegeben: 70 Prozent heißt auch, dass wir 30 Prozent der völlig neuen Viren nicht erkennen. Also versuchen wir mit neuen Techniken diese 30 Prozent auf 3 zu verringern.
Mit einer Antiviren-Engine alleine wird das aber nicht gehen. Ich glaube, dass wir in Zukunft mehrere Engines im Antiviren-Programm haben werden, die etwa per Verhaltensanalyse Schädlinge erkennen.

PC-WELT: Für Privatanwender ist Ihre Antiviren-Software gratis. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein gefragtes Produkt kostenlos herzugeben?
Auerbach: Die Idee ist nach einem ganz langen Cebit-Tag abends beim Bier entstanden. Da hatte der damalige Leiter der Entwicklungsabteilung, der Herr Salomon, die Idee ausgesprochen. Es ging uns damals darum, bekannter zu werden.

PC-WELT: Bekannt ist Freeware heute wohl bei vielen PC-Nutzern, aber womit verdienen Sie Ihr Geld?
Auerbach: Wir verdienen vor allem mit unserer Sicherheits-Software für Unternehmen. Dort werden wir oft und gerne gekauft, denn die Administratoren der Firmen kennen Antivir von ihren privaten PCs und wissen, was das Programm leistet.

PC- WELT: Wie hat sich der Umsatz im ersten Halbjahr 2010 entwickelt?
Auerbach: Ich bin zufrieden.

PC-WELT: 2009 lag der Umsatz bei 44 Millionen Euro. Läuft es dieses Jahr besser?
Auerbach: Es läuft auf jeden Fall besser. Wir werden unsere vorweg optimistisch gesteckten Ziele bis Ende des Jahres erreichen.

PC-WELT: 5 Euro pro verkaufte Version für Privatanwender gehen an die Auerbach-Stiftung, die sich um benachteiligte Menschen kümmert. Sie sprechen aber nicht gerne darüber. Warum?
Auerbach: Ich versuche da den Ball flach zu halten. Das eine ist die Stiftung und getrennt davon gibt es die Avira. Ich möchte nicht, dass die Stiftung für Avira Werbung macht. Denn meiner Frau und mir liegt die Stiftung wirklich sehr am Herzen und sie soll kein Marketing-Instrument für Avira sein.

PC-WELT: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte PC-WELT Redakteur Arne Arnold

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