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Angetestet: Gilette-Box bestellt Ersatzklingen per Knopfdruck

27.01.2015 | 11:30 Uhr |

Wenn „Mann“ wieder einmal vergessen hat, frische Rasierklingen einzukaufen, hat nicht nur er das Nachsehen – dem Klingenhersteller geht gleichzeitig potenzieller Umsatz verloren. Gilette will diesem Problem nun mit einer IoT-Lösung aus der Welt schaffen. Wir haben die Gilette-Box bereits vor Verkaufsstart angetestet.

Durch die Vernetzung von Dingen mit dem Internet werden Produkte zur Dienstleistung: Was dieser Lehrspruch für künftige Produktmanager in der Praxis bedeutet, testet aktuell der Rasierklingenhersteller Gilette. Gemeinsam mit der hauseigenen Shopping-Plattform Perfect Shave entwickelte die Procter& Gamble-Tochter (P&G) eine Ablage für einen Nassrasierer (natürlich nicht irgendeinen, sondern den neuen Gilette Fusion ProGlide mit Flexball-Technologie) mit Internet-Zugang. Die Box ist dazu mit einem M2M-Modul der Telekom ausgestattet und besitzt eine eigene ID.

Die Idee dahinter: Stellt "Mann" frühmorgens im Badezimmer fest, dass sich der Vorrat an Rasierklingen dem Ende neigt, kann er gleich vor Ort per Knopfdruck Nachschub bestellen und direkt nach Hause liefern lassen, ohne den Online-Shop von Perfect Shave (oder gar einen anderen) besuchen zu müssen. Die Ware soll dann innerhalb von 24 Stunden verschickt werden.

Ganz so glatt wie beschrieben geht der Vorgang in der Praxis natürlich (noch) nicht: Vor der ersten Nutzung muss die Gilette-Box über ihre ID einmalig im Shop von Perfect Shave registriert und einem Kunden mit Liefer- und Zahlungsdaten zugewiesen werden. Danach kann sie dann über GSM-Anbindung online gehen und per Knopfdruck die Nachbestellung übermitteln. Dazu muss das Gerät aber erstmal hochfahren. Bis aus dem Blinken der tiefblauen LED ein konstantes Leuchten wird, vergehen bei dem von Gilette bereitgestellten Prototypen noch zehn lange Sekunden. Bei der endgültigen Gilette-Box soll der Boot-Vorgang laut Hersteller aber nur noch zwei Sekunden dauern. Aktuell funktioniert das Bestellen außerdem nur in Deutschland selbst, auch hier soll es nach Ablauf der Testphase Änderungen geben.

Mit der Betätigung des Buttons ist es allerdings nicht getan, es gibt noch einen - vollkommen notwendigen - Medienbruch: Aus rechtlichen Gründen und um versehentliche Bestellungen zu vermeiden, muss man nämlich den Kauf noch in einer Bestätigungs-Mail verifizieren. Später flattern dann zwei weitere Mails ins Postfach: Die Bestellbestätigung und Rechnung mit insgesamt fünf Anhängen sowie die Benachrichtigung einen Tag darauf, dass die Bestellung versandt wurde. Geliefert wird die Warensendung dann in der Regel ein bis zwei Tage später.

Das Viererpack Klingen ist mit einem Preis von 16,99 Euro (inklusive Versand) nicht eben billig, aber genauso teuer wie im Online-Shop von Perfect Shave selbst. Wie ein Blick auf Idealo.de ergab, gibt es auch nur wenige E-Commerce-Anbieter, die das Produkt einschließlich Versand billiger anbieten. Angesichts der relativ geringen Differenz von ein bis drei Euro dürfte sich daher sicher der eine oder andere Nutzer finden, dem die bequeme Bestellung im Badezimmer einen kleinen Aufpreis wert ist.

Für den Hersteller selbst dürfte sich die Investition in die Gilette-Box samt M2M-Modul auf jeden Fall lohnen: Das Unternehmen bietet seinen Kunden damit eine interessante Alternative zu konkurrierenden Lieferdiensten wie Mornin' Glory, Shavenu oder Shavelab, die Rasierklingen im Abo offerieren. Außerdem ist die Gilette-Box eine Art Testballon, dem Vernehmen nach will der Konzern die Möglichkeiten des Internet der Dinge auch bei anderen Produkten ausschöpfen. Betrachtet man die verschiedenen Marken des Konsumgüter-Riesen kämen andere hochmargige Produkte wie etwa Bürstenköpfe für elektronische Zahnbürsten oder Baby-Windeln in Frage.

Weg zu neuen Geschäftsmodellen

Auch Joachim Dressler von Sierra Wireless geht davon aus, dass solche Vernetzungsszenarien sehr realistisch sind und in den nächsten Jahren wesentliche Teile des IoT darstellen werden. Es gebe immer mehr Projekte, die Funktechnologie in Consumer-nahen Anwendungen platzierten, erklärte der Vertriebschef des US-amerikanischen M2M-Spezialisten für den Emea-Raum. Die Modulkosten - 2G-GSM-Module sind Dressler zufolge in großen Stückzahlen schon für unter zehn Dollar zu haben - seien dabei relevant, aber nicht immer entscheidend für den Erfolg oder Sinn einer Lösung.

Allerdings wird eine einfache Müsli Packung wird aus Sicht des Wireless-Experten vermutlich keinen WWAN-Funksender bekommen. Dressler kann sich aber gut Smart-Home-Szenarien vorstellen, in denen die Packung einen RFID-Chip hat, der dann von einem mit dem Home-Hub vernetzten Kühlschrank automatisch ausgelesen wird. Kühlschränke, Wasch- und Kaffeemaschinen seien bereits in einer Preis- und Serviceklasse, die in nicht zu ferner Zukunft autonome WWAN Verbindungen haben werden. Das Geschäftsmodell liege dann aber in den Cloud-Diensten, die der reinen Möglichkeit des Datenaustausches den Sinn geben, also etwa präventive Wartung, das Ausnutzen von günstigen Stromtarifen, Nachbestellen von Sonderangeboten, etc.

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