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Aktuelle Linux-Distros im PC-WELT-Check

20.06.2013 | 11:34 Uhr |

Welche Distribution passt zum eigenen Wissenstand und zum anvisierten Einsatzzweck? Diese Übersicht präsentiert die wichtigsten Distributionen und zeigt deren Stärken und Eigenheiten.

Ein- und Umsteiger, die das perfekte Linux suchen, haben nicht wenig damit zu tun, Vor- und Nachteile verschiedener Distributionen abzuwägen. Und nicht jeder Anwender hat die gleichen Auswahlkriterien: Wer Windows hinter sich lässt, braucht eine einsteigerfreundliche Distribution. Administratoren setzen auf Stabilität, und fortgeschrittene Linux-Anwender bevorzugen hochaktuelle Programmversionen sowie eine breite Auswahl an Desktop- Umgebungen. Die folgende Übersicht konzentriert sich auf dominierende Distributionen mit großer Verbreitung und tonangebenden Merkmalen. Erfahrene Linux-Nutzer werden fragen: Warum ist mein Lieblingssystem nicht dabei? Dieser Überblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Neben den vorgestellten Distributionen tummelt sich eine Schar spezialisierter Zwergpinguine, die hier nicht zur Sprache kommen können.

Das Bewertungssystem

Die Stärken und Schwächen der Distributionen zeigt eine Bewertungsgrafik (jeweils im Bild am Ende der ensprechenden Passage zu einer Distribution inklusive Fazit), die den interessierten, aber nicht mit allen Aspekten der Linux-Administration vertrauten Anwender als Fixpunkt nimmt. In die Wertung fließt die Dokumentation ein, die auch inoffizielle Wikis und Community-Webseiten umfasst. Die Werte für Server und Desktop zeigen, für welchen Zweck eine Distribution vornehmlich geeignet ist. Eine Einschätzung der Aktualität gibt Aufschluss darüber, ob die Auswahl offizieller Programmversionen konservativ ausfällt oder brandneue Pakete bevorzugt werden. Wie gut die jeweiligen Standard-Repositories bestückt sind, zeigt der Wert „Pakete“. Die Wertung Installation ergibt sich nicht allein aus dem Installationsprozess, hier fließt auch die Verfügbarkeit von Konfigurationswerkzeugen ein. Die Größe der Nutzer- und Entwicklergemeinde lässt sich an der Community ablesen, und die Performance gibt den Erfahrungswert wieder, wie schnell und leistungsfähig eine Distribution in der Standardkonfiguration ist. Die ideale Distribution für alle Zwecke gibt es nicht, wie Sie sehen werden: Sie würde die Grafik an allen acht Punkten mit dem Maximalwert „100“ voll ausfüllen. 

Arch

Ein aufsteigender Stern unter den Systemen für fortgeschrittene Anwender: Arch legt Wert auf einen einfachen, schlanken Aufbau und manuelle Konfiguration, um die Innereien des Linux-Systems nicht hinter Tools zu verbergen. Die Lernkurve ist deshalb steil und beginnt schon mit der Installation. Lohn der Mühe ist die volle Kontrolle, was auf dem System installiert ist, und eine besonders ansprechende Leistung dank sorgfältiger Konfiguration. Zum Bekanntheitsgrad von Arch trägt dessen hochkarätiges Wiki mit größtenteils englischsprachigen Anleitungen zu Systemkomponenten und Programmen bei, die auch für andere Distributionen gelten. Als „Rolling Release“ muss Arch nur einmal installiert werden und lässt sich dann über den Paketmanager mit eigenem Binär-Paketformat und über ein Build-System immer aktuell halten.

Fazit: Arch ist der aktuelle Liebling avantgardistischer Linux- Fans. Es hat einen hohen Do-it-Yourself-Faktor und eine Installation, die Erfahrung mit Linux voraussetzt.
Vergrößern Fazit: Arch ist der aktuelle Liebling avantgardistischer Linux- Fans. Es hat einen hohen Do-it-Yourself-Faktor und eine Installation, die Erfahrung mit Linux voraussetzt.

Arch Webseite

Debian

Fels in der Brandung: Debian wird 20 Jahre alt und steht wie keine andere Distribution für Stabilität und Zuverlässigkeit. Deswegen werden neueste Programme und Komponenten sorgfältiger und langsamer integriert als bei der Konkurrenz, was das System besonders für Server geeignet macht. Patches und Bugfixes von Debian-Paketbetreuern fließen oft „upstream“ zurück zu Kernel-Entwicklern und Programmierern. Auf dem Paketformat DEB und der Paketverwaltung APT ist auch Ubuntu aufgebaut. Neue Debian-Ausgaben erscheinen rund alle zwei Jahre, und die Entwicklung erfolgt in mehreren Zweigen: Debian Unstable bietet neueste Software, die für weitere Tests in Debian Testing landet, das wiederum die Vorstufe zu Debian Stable ist. Die Software-Auswahl ist riesig: Allein in Stable stehen mehr als 23 000 Pakete bereit.

Fazit: Debian ist das Linux-Urgestein, bei dem Stabilität vor Aktualität kommt. Es taugt auch als Desktop-System für Konservative und bietet seit Version 6 einen grafischen Installer.
Vergrößern Fazit: Debian ist das Linux-Urgestein, bei dem Stabilität vor Aktualität kommt. Es taugt auch als Desktop-System für Konservative und bietet seit Version 6 einen grafischen Installer.

Debian Webseite

Fedora

Fazit: Fedora ist in der Regel ein Linux-Trendsetter mit stets topaktueller Programmauswahl. Der Preis ist die nicht immer einfache Administration des Systems.
Vergrößern Fazit: Fedora ist in der Regel ein Linux-Trendsetter mit stets topaktueller Programmauswahl. Der Preis ist die nicht immer einfache Administration des Systems.

Das von Red Hat gesponserte Fedora wagt sich bei den mitgelieferten Programmversionen und Systemkomponenten stets besonders weit vor und spricht ambitionierte Anwender an, die eine möglichst aktuelle Distribution für den Desktop suchen. Wenn sich eine Technologie wie der Init-Daemon Systemd bei Fedora bewährt, wandert sie oft später zu Red Hat Enterprise Linux. Fedora nutzt das RPM-Paketformat und ist vornehmlich für den Desktop-Einsatz geschaffen, da sich das System mit sehr häufigen Updates ändert und auch innerhalb einer Ausgabe Kernel und Programme auf neue Hauptversionen aktualisiert werden. Typischer Desktop ist Gnome 3, aber auch KDE kann sich unter Fedora sehen lassen. Die Installation erfolgt über Live-Systeme oder mit der umfangreicheren DVD-Ausgabe. Der Installer ist aktuell Beta-Ware. 

Fazit: Fedora ist in der Regel ein Linux-Trendsetter mit stets topaktueller Programmauswahl. Der Preis ist die nicht immer einfache Administration des Systems.
Vergrößern Fazit: Fedora ist in der Regel ein Linux-Trendsetter mit stets topaktueller Programmauswahl. Der Preis ist die nicht immer einfache Administration des Systems.

Fedora Webseite

Gentoo

Wer sein eigenes Linux-System nicht nur aus Paketen zusammenstellen will, sondern Programme auch mal gerne selbst kompiliert, kommt bei Gentoo auf seine Kosten. Ein Paketformat, das mit dem Paketmanager Portage an die „Ports“ von Free BSD erinnert, erlaubt die Kompilierung von Programmen nach Bedarf aus einem Repository mit mehr als 10 000 Quell- Paketen. Dies ist natürlich eher für Fortgeschrittene interessant, die sich um jedes Detail und die Konfiguration selbst kümmern, aber es gibt auch Binärpakete. Gentoo ist ein „Rolling Release“, das sich über den Paketmanager auf dem neusten Stand halten lässt. Der Ruhm von Gentoo verblasste nach Streitereien unter den Entwicklern und einem Festplattencrash, der das hervorragende Wiki des Projekts auslöschte. Gentoo ist trotzdem noch Kult, viele Fans schwören darauf.

Fazit: Anpassungsfähigkeit und Quelltextpakete machen Gentoo zu einem besonderen, schnellen, aber auch anspruchsvollen System. Die Installation erfolgt per Scripts.
Vergrößern Fazit: Anpassungsfähigkeit und Quelltextpakete machen Gentoo zu einem besonderen, schnellen, aber auch anspruchsvollen System. Die Installation erfolgt per Scripts.

Gentoo Webseite

Mageia

Als Abspaltung vom mittlerweile nahezu in der Versenkung verschwundenen Mandriva Linux wird das erst drei Jahre alte Mageia von einer freien Community gepflegt. Die kümmert sich um die Fortführung jener Eigenschaften, die Mandriva einst beliebt machten. Die Distribution übernimmt von Mandriva etwa das RPM-Paketsystem und den Paketmanager Urpm. Mageia will als typisches Desktop-System möglichst einfach zu bedienen sein und bietet für die Konfiguration eine zentrale grafische Oberfläche. Die Installation erfolgt über ein Live-System mit komfortablem grafischem Installer. Erschienen sind erst drei Versionen, jeweils in 18 Monaten Abstand. Die Paketquellen bieten mehrere Desktop-Umgebungen: KDE, Gnome 3, XFCE und LXDE sind gleichberechtigt. Die Paketversionen und Updates sind eher konservativ.

Fazit: Mageia ist ein stabiles Desktop-System mit einer erfahrenen Entwicklergemeinde und richtet sich an Anwender, die grafische Konfigurations-Tools bevorzugen.
Vergrößern Fazit: Mageia ist ein stabiles Desktop-System mit einer erfahrenen Entwicklergemeinde und richtet sich an Anwender, die grafische Konfigurations-Tools bevorzugen.

Mageia Webseite

Linux Mint

War Linux Mint anfangs einfach eine inoffizielle Ubuntu- Variante mit umgestalteter Arbeitsoberfläche, so tritt es inzwischen mit Eigenentwicklungen aus dem Schatten des Vorbilds. Mint basiert immer noch auf Ubuntu und erscheint stets eine Weile nach einem neuen Ubuntu. Mit dem Cinnamon- Desktop, dem Verzicht auf Unity und den beigelegten Konfigurations-Tools mit eigenem grafischen Paketmanager setzt Mint Akzente, die bei jenen Anklang finden, die mit Ubuntu nicht recht zufrieden sind. Mit eingepackt sind zudem patentrechtlich geschützte Codecs, etwa zum Abspielen von DVDs. Seit drei Jahren gibt es zudem Linux Mint Debian, das die Ubuntu-Basis mit Debian ersetzt und damit flotter läuft. Es handelt sich um ein reines Desktop-Linux: Als Server ist Mint aufgrund der Erscheinungsweise ungeeignet.

Fazit: Mint ist eine Desktop-Alternative zu Ubuntu mit größerer Software-Auswahl. Eigene Entwicklungen reichen von Konfigurations-Tools bis zur Arbeitsumgebung Cinnamon.
Vergrößern Fazit: Mint ist eine Desktop-Alternative zu Ubuntu mit größerer Software-Auswahl. Eigene Entwicklungen reichen von Konfigurations-Tools bis zur Arbeitsumgebung Cinnamon.

Mint Webseite

Open Suse

Einen langen und wechselhaften Weg hat das besonders einsteigerfreundliche Open Suse hinter sich, das ebenfalls auf dem RPM-Paketformat basiert. Ursprünglich entstand die Distribution 1992 in Fürth unter dem Namen S.u.s.E Linux (Software- und System-Entwicklung). Nach der Übernahme durch Novell im Jahr 2005 änderte sich der Name zu Open Suse und ist wie Fedora ein von der Community entwickeltes Projekt. Aktuell ist es beim Netzwerkausrüster Attachmate untergekommen, der mit SLES auch eine kommerzielle Variante unterhält. Open Suse ist dagegen als KDE-Vorzeigesystem für Desktop-Anwender konzipiert, die Konfigurationshilfen wie Yast zu schätzen wissen. Die Paketauswahl ist eher schmal und nicht brandaktuell, lässt sich aber durch inoffizielle Paketquellen und den Open Suse Build Service erweitern.

Open Suse musste den Pokal für Einsteigerfreundlichkeit an Ubuntu abgeben, bietet aber einen exzellenten Desktop, Hardware-Unterstützung und die Konfigurationshilfe Yast.
Vergrößern Open Suse musste den Pokal für Einsteigerfreundlichkeit an Ubuntu abgeben, bietet aber einen exzellenten Desktop, Hardware-Unterstützung und die Konfigurationshilfe Yast.

Open Suse Webseite

Slackware

Als lebendiges Fossil unter den Linux-Distributionen hat sich Slackware in eine Nische zurückgezogen, in der hauptsächlich Entwickler, Administratoren und experimentierfreudige Nutzer zu Hause sind. Die älteste, seit 1993 aktive Distribution war anfangs auch die Basis für Suse Linux. Slackware vertritt die reine Lehre der Linux-Administration: Es gibt bis auf den Installer kaum Konfigurationshilfen. Lediglich Scripts helfen bei Installationen und der Systemaktualisierung. Dies ist auch auf das Paketformat von Slackware zurückzuführen, das gepackte TAR-Archive ohne ausführliche Metadaten nutzt. Dies erlaubt eine sehr freie Systemeinrichtung, freilich mit dem Nachteil einer fehlenden Abhängigkeitsprüfung. Slackware ist sehr schnell und schlank und mit seinen stabilen Programmversionen geeignet für Server.

Slackware ist bei den ausgewählten Programmen auf ausführlich getestete, stabile Versionen bedacht und bietet Fortgeschrittenen maximale Konfigurationsmöglichkeiten.
Vergrößern Slackware ist bei den ausgewählten Programmen auf ausführlich getestete, stabile Versionen bedacht und bietet Fortgeschrittenen maximale Konfigurationsmöglichkeiten.

Slackware Webseite

Ubuntu

Die einsteigerfreundliche Distribution mit der größten Popularität unter Desktop-Anwendern ist ein Allrounder mit hervorragender Hardware-Unterstützung. Auf dem Desktop geht Ubuntu zunehmend Sonderwege, die etwas am Image des Debian- Abkömmlings kratzen. Varianten wie Kubuntu, Xubuntu und Lubuntu mit traditionellen Desktops genießen seit der Einführung von Unity mehr Aufmerksamkeit. Bis Version 13.04 erschien Ubuntu alle sechs Monate und eine LTS-Variante mit Langzeit-Support alle zwei Jahre. Für den Server-Einsatz gibt es eine eigene LTS-Ausgabe, die sogar fünf Jahre mit Updates versorgt wird. Vom Vorbild Debian übernimmt Ubuntu das DEB-Paketformat und APT, ist aber zu Debian nicht kompatibel. Entwickelt wird Ubuntu von der Firma Canonical, die vom Multimillionär Shuttleworth finanziert wird.

Fazit: Ubuntu ist eine von Debian abstammende Allround- Distribution mit großer Community und häufiger Erscheinungsfrequenz. LTS-Versionen sind auch für Server geeignet.
Vergrößern Fazit: Ubuntu ist eine von Debian abstammende Allround- Distribution mit großer Community und häufiger Erscheinungsfrequenz. LTS-Versionen sind auch für Server geeignet.

Ubuntu Webseite

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