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20 Jahre Linux: Die Geschichte des Pinguins im Überblick

10.01.2015 | 09:21 Uhr |

Die Welt ohne Linux wäre gigantisch ärmer. So wie sich die IT entwickelt hat, würde ohne Linux (und Abkömmlinge) heute schlicht nichts mehr funktionieren. Wir nehmen das zehnjährige Bestehen der LinuxWelt zum Anlass, 20 Jahre freies Linux zu würdigen.

Für große Persönlichkeiten, Entdeckungen, Ideen gibt es das heroische und das nüchtern-historische Erklärungsmuster: Das erste bewundert die besondere Tat und Leistung, das zweite relativiert und verweist auf den historischen Zeitgeist. Tatsächlich wäre auch ohne einen Kolumbus Amerika sicher nicht viel später entdeckt worden. Im Falle von Linux, dem Jahr 1991 und dem damals 21-jährigen finnischen Studenten Linus Torvalds ist die Lage aber komplizierter. Warum komplizierter und was der Mann ausgelöst hat, lesen Sie hier.

Dieser Artikel stammt aus der LinuxWelt 6/2014

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Einstiegshürden und Zeitfenster

„Ich bastle ein freies Betriebssystem (nur als Hobby). Nachdem ich Bash und GCC anscheinend erfolgreich portiert habe, sollte das Ganze in einigen Monaten funktionieren.“ Dieses (frei übersetzte) Posting im Usenet im August 1991 wurde berühmt: Es bedeutete den Startschuss für Linux. Linus Torvalds selbst nennt sein Minix-Betriebssystem erst „Freax“ und „Buggix“, andere taufen es dann nach seinem Entwickler „Linux“. Linux ist zunächst ein Versuchsballon für Freaks und Entwickler. 1992 erhält es die freie GPL-Lizenz, 1993 erscheint die allererste Distribution Slackware 1.0, 1994 die Kernel-Version 1.0 und mit Debian 1.0 die Urmutter der bis heute tonangebenden Distributionen. Daher hat unsere großzügig rundende Aussage „20 Jahre Linux“ einige Berechtigung: Die Jahre vor 1994 waren die Grundsteinlegung.

Vom Nerd zum Kernel-Manager: Linus Torvalds 1993 ist ein freundlicher Nerd, der die Welt verändern will, 2012 ein gereifter Code-Manager, der weiß, dass er die Welt verändert hat.
Vergrößern Vom Nerd zum Kernel-Manager: Linus Torvalds 1993 ist ein freundlicher Nerd, der die Welt verändern will, 2012 ein gereifter Code-Manager, der weiß, dass er die Welt verändert hat.

Amerika wäre auch ohne Kolumbus entdeckt worden, ein freies Betriebssystem ohne Linus Torvalds womöglich nicht: Torvalds, der sich selbst als einen Nerd bezeichnet, dem (damals) ein Computer und ein gelegentlicher Teller Spaghetti neben der Tastatur als ideales Biotop genügten, kam genau zur richtigen Zeit. Anfang der 90er-Jahre waren die Ansprüche an ein Betriebssystem eindeutig funktional definiert: Stabilität, Leistung, Speicher – alles andere war sekundär und die Kommandozeile bei den verbreiteten Systemen das selbstverständliche Werkzeug. Nur aufgrund dieser vergleichsweise niedrigen Einstiegshürde konnte nach relativ kurzer Entwicklungszeit auf der Basis von Minix ein System wachsen, das seinen Zeitgenossen technisch ebenbürtig bis überlegen war – und zudem frei und Open Source.

Aus heutiger Rückschau war das Zeitfenster für ein Linux eng. Schon Mitte der 90er endeten die Ansprüche an ein Betriebssystem nicht mehr in technischen Belangen wie Multitasking und Speicherverwaltung. Und im Laufe der 90er-Jahre bröckelte die Generation der überwiegend linksgerichteten Assembler-Nerds und C-Autodidakten, die das Projekt Linux idealistisch begeistert und technisch kompetent mitgefördert hatten.

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Installer in Debian 1.1 vom Jahr 1996: Debian GNU/Linux ist der Ausgangspunkt der erfolgreichsten Distributionen inklusive der Ubuntu-Familie.
Vergrößern Installer in Debian 1.1 vom Jahr 1996: Debian GNU/Linux ist der Ausgangspunkt der erfolgreichsten Distributionen inklusive der Ubuntu-Familie.

Der Hype der 90er-Jahre kam zu früh

Die Linux-Erfolgsgeschichte ist unaufhaltsam und nachhaltig, die Erfolgskurve aber längst nicht so steil wie zunächst angenommen. Die technische Avantgarde erhob Linux etwa ab 1996 zum Megathema, dem die Zukunft gehören sollte – schneller, sicherer, stabiler als jede kommerzielle Konkurrenz inklusive des den Markt beherrschenden Windows. Während Microsoft an den Messeständen der Cebit und Comdex das Geschehen prägte, diskutierten Nerds, Programmierer und Journalisten abends beim Bier über Linux – in Hannover deutlich mehr als in Las Vegas. Zur gleichen Zeit war der Name „Linux“ auch in den IT-Fachbuchregalen des Buchhandels schon allgegenwärtig. In einer Zeit mit ständig wechselnden Standards und oft auch kurzsichtigen Technologien musste der Technikinteressierte den Eindruck bekommen, dass Linux und Linux-Kenntnisse künftig unabdingbar würden. Viele stiegen ein, viele wieder aus: Die Besten blieben – und sind heute oft gefragte Spezialisten für Server-Administration und Apache- Konfiguration. Für durchschnittliche Benutzer aber waren die technischen Hürden zu hoch und die Hardware- Probleme zu groß. Das deutsche Suse Linux mit seinem Yast-Kontrollzentrum erfüllte den Anspruch eines Linux am Desktop am ehesten, doch kam auch Suse nicht an der Ignoranz der Hardware-Hersteller vorbei, die sich damals nicht mit der Treiberprogrammierung für ein Nischensystem aufhalten wollten. Das Umschwenken der Hardware-Firmen und die wachsende und bis heute fast lückenlose Treiberausstattung des Linux-Kernels kamen erst ab der Jahrtausendwende. Aber da hatten viele Enttäuschte das Thema Linux erst mal abgehakt.

Die Anfänge von Android: Was hier als Beta 0.9 noch recht unscheinbar aussieht, erweist sich innerhalb kürzester Zeit als iPhone-Killer.
Vergrößern Die Anfänge von Android: Was hier als Beta 0.9 noch recht unscheinbar aussieht, erweist sich innerhalb kürzester Zeit als iPhone-Killer.

Die Relationen sind heute drastisch: Auf Webservern hat Linux mit knapp 40 Prozent die Nase klar vorne, auf Datei-Servern in Unternehmen ist Linux mit knapp 30 Prozent an zweiter Stelle hinter Windows, und auf Supercomputern läuft fast überall Linux. Nur am Desktop, also auf Home- und Büro-PCs, spielt Linux bis heute eine marginale Rolle mit kaum zwei Prozent Marktanteil: Vielleicht war der Hype der 90er-Jahre einfach zu früh. Aber auch Microsoft hat sich kräftig bemüht, Linux vom Massenmarkt fernzuhalten: Als Netbooks mit Linux auf den Markt kamen, durfte das vorher abgeschriebene Windows XP noch einige zusätzliche Lifecycle-Runden drehen…

Yast und Suse Linux: Das deutsche Suse Linux besetzte ein Jahrzehnt lang den Claim des „Desktop-Linux“. Das Kontrollzentrum Yast hatte großen Anteil an diesem Erfolg.
Vergrößern Yast und Suse Linux: Das deutsche Suse Linux besetzte ein Jahrzehnt lang den Claim des „Desktop-Linux“. Das Kontrollzentrum Yast hatte großen Anteil an diesem Erfolg.

Such den Pinguin: Er ist überall

Desktop-PC mal beiseite: Ohne Linux würde bei Ihnen zu Hause allenfalls eine Microsoft-Textverarbeitung laufen. Ein Internet, ein Netz generell würden Sie nicht sehen: Ihr Router? Läuft mit Linux. Der Webserver, auf dem Ihre Website gehostet wird? Läuft wahrscheinlich mit Linux und Apache. Das NAS-Gerät in der Besenkammer? Ebenfalls Linux. Der Server in Ihrem Unternehmen? Oft auch mit Linux. Ihr Smartphone oder Tablet? Läuft mit Linux, falls es sich um ein Android-Gerät handelt. DVD-Player, Smart-TV, mobile Audioplayer, Auto-Infotainment – das sind nur einige weitere, alltagsübliche Geräte, die fast ausschließlich den Pinguin beherbergen. Und wo Sie den Pinguin vielleicht nicht erwarten: Er steckt unter anderem auch im Cern-Teilchenbeschleuniger bei Genf, in der Raumstation ISS oder in der Boeing 787. Beginnend vom klassischen PC (x86) unterstützt Linux seit 1995 Alpha, i386, Mips, Sparc, seit 1996 (Kernel 2.0) zusätzlich M68K und Power-PC, seit 1999 die ARM-Architektur. Die Portierbarkeit auf die genannten und weitere exotische, hier nicht erwähnte Architekturen hat Linux – und insbesondere Hardware-spezialisiertes Embedded Linux – zum meistverbreiteten Betriebssystem weltweit gemacht.

Auf der Raumstation ISS hatte die Umstellung auf Linux einen banalen Grund: Für das vorher genutzte Windows XP lief der Support aus.
Vergrößern Auf der Raumstation ISS hatte die Umstellung auf Linux einen banalen Grund: Für das vorher genutzte Windows XP lief der Support aus.
© NASA

Während Embedded Linux auf vielen Geräten gar nicht wahrgenommen wird, stehen auf der anderen Seite populäre Erfolgsgeschichten: Google hat den Linux-Kernel mit Android für Smartphones optimiert; Android-Smartphones erreichen inzwischen circa 85 Prozent Markanteil und marginalisieren langsam die Konkurrenz inklusive Apples iPhone. Nicht ganz so klar sind die Chancen von Chrome-OS, des zweiten Linux-basierten Google-Systems. Hardware-Hersteller wie Intel, Acer und Lenovo bieten inzwischen zahlreiche Geräte mit Chrome-OS (Chromebooks), weil sich für Chrome-OS im Vergleich zu Windows auch preisgünstige, leistungsschwächere Komponenten verbauen lassen. Chromebooks liegen jedenfalls voll im Trend.

Eine Reihe weiterer Linux-basierter Systeme für Smartphones und Tablets verzeichnet bislang hingegen bescheidene Erfolge – dazu gehören etwa Firefox- OS, Mobilinux, Web-OS.

Steam Machine: Gaming- Boliden mit Steam-OS sollen demnächst den Markt der Gaming-PCs und Spielekonsolen aufmischen.
Vergrößern Steam Machine: Gaming- Boliden mit Steam-OS sollen demnächst den Markt der Gaming-PCs und Spielekonsolen aufmischen.
© Alienware

Mit einem weiteren Erfolgs-Linux konnte 2012 niemand rechnen: Vor zwei Jahren kam eine ominöse Platine namens Raspberry Pi auf den Markt, für den ein angepasstes Debian-Linux „Raspbian“ bereitstand. Die damit ausgelöste Bastlerwelle übertraf und übertrifft bis heute alle Erwartungen.

Und noch ein spektakuläres Linux wartet als „Steam-OS“ auf seine Fertigstellung: Dieses Debian-basierte Linux von Valve ist als Spiele- und Multimedia- System spezialisiert, kann aber auch als Arbeitsplattform dienen. Als kompromisslose Gaming-Boliden mit Steam-OS sind Steam Machines von einschlägigen Hardware-Herstellern wie Alienware angekündigt.

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Linux-Meilensteine 1991 bis 2014

1991: Linus Benedict Torvalds ist 21, als er sein Minix-Projekt für 386-PCs im Usenet erstveröffentlicht – vorgeschlagener Name ist „Freax“. Kurz danach erfolgt die Namensgebung „Linux“.

1992: Der Kernel erhält eine GNU-GPL-Lizenz: Das ist der Startschuss für freie Distributionen.

1993: Die ersten Linux-Bücher erscheinen mit „Installation and Getting Started“, ein Jahr später mit „Unleashing the Workstation …“.

1993: Mit Slackware 1.0 erscheint die erste Linux-Distribution.

1993: Die Laufzeitumgebung Wine startet. doch erst 2005 (!) erscheint die erste Beta 0.9, und erst 2008 die Version 1.0.

1994: Debian 1.0 legt den Grundstein für die erfolgreichsten Linux- Distributionen.

1994: Torvalds hält den Linux-Kernel reif für Version 1.0. Linux 1.0 enthält bereits Samba und ist damit netzwerkfähig.

1994: Die Projekte Suse Linux und Red Hat starten.

1995: Linux wird auf die Plattformen Amiga, DEC und Sun Sparc portiert.

1996: Star Office 3.1 erscheint plattformübergreifend für Linux, Windows, Mac-OS.

1996: Linux erhält sein Maskottchen, den Pinguin Tux.

1996: Mit Stoag erscheint der erste Linux-Virus. Die Liste der Linux- Schädlinge bleibt aber sehr überschaubar, und ihre Schadenwirkung ist insgesamt zu vernachlässigen.

1996: Erster „LinuxTag“ in Kaiserslautern: Die jährliche Messe rund um Linux und Open Source wird bald zur Institution.

1996: Das Projekt KDE-Desktop wird gestartet.

1997: Der Gnome-Desktop wird gestartet.

1997: Der Netscape Navigator wird erster Standard-Browser unter Linux.

1998: Der KDE-Desktop erscheint in Version 1.0.

1998: Microsofts „Halloween Documents“ gegen Linux: Vertrauliche Firmenberichte offenbaren, dass Microsoft Linux und Open Source generell als ernste Bedrohung einstuft.

1998: Word Perfect 8 erscheint für Linux.

1999: Der Gnome-Desktop erscheint in Version 1.0.

1999: Samba reift zu Version 2.0.

1999: Linux wird auf die ARM-Architektur portiert.

2000: „Linux is a cancer“: Microsofts Steve Ballmer schimpft Linux ein Krebsgeschwür.

2000: Knoppix legt die Basis für Linux-Linux-Live-Systeme.

2001: IBM investiert eine Milliarde Dollar in die Linux-Entwicklung.

2001: Die wichtige Kernel-Version 2.4 unterstützt 64 GB RAM, USB und ACPI-Energieverwaltung.

2002: Open Office 1.0 wird veröffentlicht.

2002: Mozilla (Firefox) 1.0 entwickelt Netscape weiter und wird schnell zum Linux-Standard-Browser.

2003: „Munich goes Linux“: Die Entscheidung des Münchner Stadtrats (SPD), 14.000 Arbeitsstationen auf Linux umzustellen, findet weltweit Beachtung.

2004: Das erste Ubuntu startet gleich mit der Versionsnummer 4.10.

2004: Microsoft „Get the facts“: Die offensive Microsoft-Kampagne gegen Linux argumentiert unter anderem mit angeblich höherer Ausfallsicherheit von Windows-Systemen.

2006: Linux Mint 1.0 erscheint – vorerst als leicht modifiziertes Kubuntu (Ubuntu mit KDE-Desktop).

2007: Die gemeinnützige Linux Foundation wird gegründet mit dem Ziel, Linux und generell Open-Source-Software rechtlich zu schützen und auf Einhaltung fundamentaler Standards zu achten. Zu den namhaftesten Mitgliedern gehören mittlerweile Intel, Samsung, Google, Citrix, Cisco.

2007: Asus bietet auf EEE-Netbooks vorinstalliertes Xandros Linux, Dell setzt bei einigen seiner PCs und Notebooks auf Ubuntu. 2008: Version 1.0 von Google Android auf Basis des Linux-Kernels 2.6 erscheint.

2009: Microsoft trägt konstruktiv und in größerem Umfang Quellcode zum Linux-Kernel bei. Diese als „historische Wende“ im Microsoft- Linux-Streit interpretierte Aktion hat aber auch das Image-Motiv „Wir können es besser!“.

2010: Das Linux-basierte Android übernimmt bereits zwei Jahre nach Einführung die Marktführerschaft bei Smartphones.

2011: Das US-Verteidigungsministerium gibt mit Lightweight Portable Security (LPS) eine eigene Linux-Distribution heraus.

2011: Google liefert Notebooks von Acer und Samsung mit dem Linux- basierten Chrome-OS aus (Chromebooks).

2012: Der Mini-PC Raspberry Pi begründet eine neue Geräteklasse für Bastler. Zeitgleich ist das dafür optimierte Raspbian fertig, das auf Linux Debian 7 basiert.

2013: Der Spieleentwickler Valve veröffentlicht den Linux-Client für die Spieleplattform Steam.

2014: Nach dem Support-Ende von Windows XP zeichnet sich eine Umstiegswelle Richtung Linux ab.

2014: Nach der Betaversion des Vorjahres wird gegen Jahresende die finale Version des Debian-basierten Steam-OS erwartet, ferner der Verkaufsstart der ersten Steam Machines.

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