Rollenspiel aus Deutschland

Risen 2 im Test

Donnerstag, 26.04.2012 | 16:30 von Benjamin Schischka
Weg von Fantasy, Rittern und Burgen hin zu Karibik, Grog und Piratengelage. "Risen 2" macht vieles anders als sein Vorgänger. Wir verraten in unserem Test, warum sich Kenner trotzdem genauso wohlfühlen, wie Rollenspiel-Neulinge.
Deutsche Spieleentwickler können nur Aufbaustrategie und Wirtschaftssimulationen? Weit gefehlt! Das Essener Studio Piranha Bytes macht seit jeher mit umfangreichen Fantasy-Rollenspielen von sich reden - früher unter dem Namen "Gothic", seit 2009 als "Risen". Der neueste Ableger, "Risen 2: Dark Waters", der am 27. April für PC erscheint, entfernt sich jedoch merklich von seinen Vorgängern. Statt graubrauner Farbpalette, schroffen Burgmauern und jeder Menge Fantasy-Klischee erwartet Sie diesmal ein waschechtes Piratenabenteuer. Aber keine Bange: "Risen 2" verlernt dabei keineswegs, was ein echtes Piranha-Bytes-Abenteuer ausmacht.

Sie schlüpfen erneut in die Rolle des namenlosen Helden, der schon im ersten "Risen" den Kampf gegen die Titanen bestritt – leider völlig umsonst, wie es scheint. Denn noch immer treiben die riesigen Ungetüme ihr Unwesen am Festland. Und in den Meeren wüten nun auch noch monströse Seeungeheuer. Da wird es Zeit, einzugreifen. Die Lösung aller Probleme verspricht ein magischer Speer zu sein, den ein schrulliger Piratenkapitän sein Eigen nennt – und natürlich nicht freiwillig raus rückt. So steht Ihnen eine rund 50-stündige Reise quer über den Kontinent Caldera und seine angegliederten Inseln bevor, die "Risen"-typisch mit einer toll erzählten Story unterfüttert und ausgeschmückt wird.

Die Spielwelt von "Risen 2" erkundet man am ehesten per pedes. Das eigene Schiff steht nur für storyrelevante Reisen zur Verfügung und darf auch leider nicht selbst gesteuert werden. Wer also schon auf ausufernde Seeschlachten gehofft hatte, wird enttäuscht. Dafür bietet die mehr oder weniger offene Spielwelt ausreichend Entdeckungsmögllichkeiten. Im dichten Dschungel, in pilzbewachsenen Höhlen und an schneeweißen Sandstränden liegen vergrabene Schätze, finstere Voodoo-Altäre und wertvolles Treibgut versteckt. Es lohnt sich also immerzu, die Augen offen zu halten. Auch, um die außerordentlich attraktiven Areale zu bestaunen. Zwar reicht "Risen 2" grafisch bei weitem nicht an Genrekollegen wie "The Witcher 2" heran, hübsch anzusehen ist es aber allemal. Vor allem wegen des bezaubernden Tag- und-Nacht- und Wetterwechsels.

Risen 2: Namenloser Held vor Dreimaster.
Vergrößern Risen 2: Namenloser Held vor Dreimaster.

Wer in der Wildnis umher stromert, sollte sich auch auf Feindkontakt einstellen. Vor allem wilde Tiere laufen dem Helden regelmäßig über den Weg: Warzenschweine, Grabspinnen, riesige Krabben, Wölfe und feuerspeiende Laufvögel etwa. Zu Anfang erwehrt man sich solchem Getier noch recht unmotiviert mit bloßem, rhythmischem Hämmern auf die linke Maustaste. Nach einiger Zeit – und einigen gesammelten Erfahrungspunkten – lernt der Held aber neue Maneuver und Taktiken dazu. Bald tritt er seine Widersacher also beherzt von sich weg, landet geschickte Parade-Konter oder wendet einen seiner "schmutzigen Tricks" an. Diese neue Kampf-Facette erlaubt den Einsatz nicht ganz so fairer Mittel, streut dem Gegner etwa Sand in die Augen oder lenkt ihn mit einem dressierten Papageien ab. Und wo wir gerade bei typisch seeräuberischen Aktionen sind: Geheilt wird der Held in erster Linie mit dem Konsum von Rum und Grog.

Je nachdem, welchen Weg der Held im Laufe des Spiels einschlägt, lernt er zudem unterschiedliche, neue Fähigkeiten. Macht er sich beispielsweise beim Ureinwohner-Volk der Shaganumbi beliebt, beherrscht er schon bald die Kunst des Voodoo. Mit Hilfe von selbst genähten Voodoo-Puppen kann er zum Beispiel andere Personen per Gedankenkontrolle steuern, Gegner vergiften und sie schwächen. Bei den schießwütigen Inquisitoren bringt man stattdessen in Erfahrung, wie man Pistolen herstellt und Schießpulver gewinnt. Damit – und mit zahlreichen individuellen Talentwerten – kann die Spielfigur stark an den persönlichen Spielstil angepasst werden.

Dafür, dass die Welt von "Risen 2" atmet und lebt, sorgen vor allem die raubeinigen Haupt- und Nebenfiguren der Geschichte, die nur selten ein Blatt vor den Mund nehmen. Der Umgangston ist wenig jugendfrei und hier gibt es öfters mal "was aufs Maul" als Sie "Nein, danke. Heute nicht" entgegnen können. Rauher Piraten-Charme eben. Schade nur, dass die dazugehörigen Figuren so lebendig wirken wie ein Besenstiel: Kaum Mimik, hölzerne Gesichter, staksige Animationen. Menschlich geht anders... Trotzdem halten sie die eine oder andere Nebenmission parat, die mal mehr, mal weniger motiviert, sich auch abseits der Haupthandlung zu verdingen. Zum Beispiel als Laufbursche, Monsterjäger, Schlösserknacker, Fluchthelfer oder Überredungskünstler. Leider sind auch eher langweilige Sammelaufgaben mit dabei – aber immerhin bleibt es jedem selbst überlassen, die zu absolvieren oder links liegen zu lassen.

Fans der "Risen"-Serie freuen sich neben der bekannten und bewährten Steuerung und kleinen Details wie den offenen Grillfeuern vor allem über ein Wiedersehen mit bekannten Charakteren. So sind aus dem ersten "Risen" beispielsweise wieder Piratenkapitän Stahlbart und seine Tochter Patty mit an Bord und auch das schweinsnasige Volk der Gnome feiert sein Comeback.

Fazit: Wer das erste "Risen" mochte, greift auch mit Teil Zwei nicht in den Kajüten-Nachttopf. Echte Rollenspiel-Veteranen, die sich zuletzt zum Beispiel von "The Witcher 2" verzaubern ließen, müssen aber vor allem technische Abstriche hinnehmen. Selbst mit höchsten Details und höchster Auflösung sieht "Risen 2" noch immer etwas veraltet aus. Alles in allem begeistert "Risen 2" Fans und Neulinge aber durch die Story, die dank guten deutschen Sprechern sehr ordentlich inszeniert und spannend erzählt wird; und natürlich die extrem entdeckenswerte, offene Spielwelt. Genre-Liebhaber sollten dem durchaus charmanten Rollenspiel aus deutschen Landen trotz einiger Mängel also definitiv eine Chance geben.

Risen 2 erscheint auch für Xbox 360 und Playstation 3 - jedoch erst in wenigen Monaten.

Donnerstag, 26.04.2012 | 16:30 von Benjamin Schischka
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