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Oculus Rift Developer Kit im Praxis-Test

18.10.2013 | 09:09 Uhr |

Die VR-Brille Oculus Rift möchte den Spieler komplett in eine virtuelle Welt entführen – und das bekommt sie sogar recht passabel hin! Doch welche Probleme sich aktuell aus dem Developer Kit ergeben und wo der Hersteller noch nachbessern muss, erfahren Sie im Test.

Der Begriff "Virtual Reality" ist schon lange Bestandteil der Gaming-Branche. Seit jeher versuchen Entwickler, eine digitale Welt zu erschaffen, um das Spielerlebnis auf eine neue Stufe zu heben. Mit Oculus Rift ist ein großer Schritt gelungen, die VR-Brille besitzt die Größe einer Taucherbrille und lässt sich komfortabel aufsetzen. Die Finanzierung für dieses Projekt ist per Crowd-Funding über das Portal Kickstarter zustande gekommen. Wichtiger ist aber die Technik dahinter, die den Träger in eine virtuelle Dimension eintauchen lässt. Wir haben das Developer Kit für 300 Dollar im Praxis-Test.

Technik: eigentlich nur ein Display

Darstellung auf dem Bildschirm ohne Rift.
Vergrößern Darstellung auf dem Bildschirm ohne Rift.

Die Technik im Developer Kit ist vergleichsweise simpel: In der Vorderseite befindet sich ein 7 Zoll großes LC-Display, das in 1280 x 800 Pixeln auflöst. Die Augen sind dabei je nur auf die gegenüberliegende Hälfte des Bildschirms gerichtet, womit jedem Auge 640 x 800 Bildpunkte zur Verfügung stehen. Eine Software verzerrt das Bild so, dass ein rundlicher und somit räumlicher Eindruck entsteht (siehe Screenshot links). Im Anschluss entzerren zwei Linsen das Geschehen wieder etwas und vergrößern den Inhalt. Deshalb ist das Pixelraster deutlich erkennbar, die Auflösung ist in Zeiten von 4K sehr grob. Dem Träger eröffnet sich aber dennoch ein beeindruckendes Sichtfeld von 110 Grad in der Diagonale und 90 Grad horizontal.

Im Developer Kit befinden sich übrigens gleich drei Linsen-Paare, um auch Menschen mit Kurz- oder Weitsichtigkeit das 3D-Erlebnis zu bieten. Auch mit einer Brille auf der Nase lässt sich Oculus Rift aufschnallen, doch hier leidet der Tragekomfort erheblich. Flexibel einstellbare Schnallen sorgen für den richtigen Halt. Nichtsdestorotz ist die Brille mit rund 380 Gramm kein Leichtgewicht.

Eine kleine "Control Box" ist Dreh- und Angelpunkt, der Anschluss ans System erfolgt mittels HDMI oder DVI an die Grafikkarte. Eine separate Stromversorgung über die Steckdose ist ebenfalls nötig. Via USB übermittelt der Kasten die Bewegungen des Kopfes mit Hilfe eines Headtrackers: Der Sensor-Chip tastet mit einer üppigen Rate von bis zu 1000 Hz ab und wertet zusätzlich die Informationen des integrierten Gyroskops, Magnetometers und Beschleunigungssensors aus. Auf diese Weise erfasst die Brille die Kopfbewegungen und erkennt, wenn Sie nach links, rechts, oben oder unten blicken. Das geschieht sogar recht verzögerungsfrei im Vergleich mit älteren VR-Brillen, doch die Latenz ist mit rund 20 Millisekunden und einer Bildwiederholrate von 60 Hz immer noch erkennbar. Im Hinblick auf andere VR-Konzepte hat Oculus aber deutlich die Nase vorn.

Teile des Lieferumfangs: Adapter, Putztuch und Linsen.
Vergrößern Teile des Lieferumfangs: Adapter, Putztuch und Linsen.

Latenz: zum Kotzen!

Die VR-Brille wirkt noch klobig.
Vergrößern Die VR-Brille wirkt noch klobig.

Die eben erwähnte Latenz ist die Crux an der ganzen Sache. Denn ähnlich wie bei der Seekrankheit berichten Träger bereits nach kurzer Zeit oder schnellen Bild- und Perspektiv-Wechseln von zunehmender Übelkeit – ein altes, bis dato ungelöstes Problem. Doch wie kommt das zustande? Das Gehirn erhält widersprüchliche Informationen: Während wir eigentlich auf einer Achterbahn sitzen und erstaunt um uns schauen registriert unser Innenohr (zuständig unter anderem fürs Gleichgewicht) das exakte Gegenteil, nämlich dass wir auf einem Stuhl sitzen und uns kaum bewegen.

Dieser Umstand verursacht Stress und geht mit Symptomen wie Schweißausbrüchen, Schwindel und Übelkeit einher. Wirklich gefeit vor der sogenannten "Simulator Sickness" (Simulatorkrankheit) ist niemand. Abhilfe schafft eine möglichst geringe Verzögerung zwischen Kopfbewegung und Anzeige. Oculus selbst rät zu Pausen bei längeren Sessions.

Programmierung & Demos

Die Linsen entzerren das Bild wieder etwas.
Vergrößern Die Linsen entzerren das Bild wieder etwas.

Dank der Brille soll ein intensiveres und realistischeres Spielerlebnis möglich sein, indem Oculus Rift ein bisher noch nicht bekanntes Raumgefühl vermittelt und Inhalte zusätzlich noch in 3D darstellt. Aktuell unterstützt Oculus Rift zwei Entwicklungsumgebungen: Zum einen Unity Pro ab Version 4.0, und zum anderen die populäre Unreal Engine 3. Sofern Sie sich mit mindestens einer der beiden Engines auskennen, dürfen Sie selbst mit dem Erstellen und Programmieren neuer Szenarien anfangen. Für den programmierfremden Laien befinden sich aber auch schon einige Demos in den Umgebungen, um die Fähigkeiten der VR-Brille zu zeigen.

Zu den bekanntesten dürfte "Rift Coaster" zählen. In dieser Demo, basierend auf der Unreal-Engine, fahren Sie in einer mittelalterlich anmutenden Umgebung auf einer Achterbahn, die Sie über steile Abfahrten und enge Kurven führt. Das Übelkeits-Potenzial dieser Vorführung ist dabei sehr hoch. Zahmer geht es dafür in der Demo namens "Tuscany" zu: Hier stehen Sie im Garten eines schmucken Häuschsens in der Toskana und dürfen das Grundstück nach Belieben erkunden. Auch in das Gebäudeinnere dürfen Sie gehen. Sie steuern Ihr Alter Ego mit den WASD-Tasten, die Blickrichtung bestimmen Sie mit Ihrem Kopf oder der Maus. Letzteres erinnert uns an einen klassischen Shooter – nur in grober Auflösung, mit merklichen Nachziehen der Objekte und der bereits erwähnten Latenz.

Spielen mit Oculus Rift

Control-Box mit DVI oder HDMI.
Vergrößern Control-Box mit DVI oder HDMI.

Aktuell gibt es nur wenig speziell auf die VR-Brille angepasste Spiele. Darunter zählt beispielsweise Doom 3 und der Multiplayer-Shooter Team Fortress 2 von Valve, bekannt unter anderem für die "Half Life"-Reihe. In unserer Steam-Spielesammlung müssen wir lediglich den Zusatz "-vr" an die Startparameter anhängen, um das Spiel mit der Rift-Unterstützung zu starten. Der Spieler bekommt sogar einen virtuellen Körper verpasst, an den wir dank Oculus Rift herunter kucken können. Wir können zwar die Blickrichtung mit dem Kopf bestimmen, zielen müssen wir allerdings weiterhin mit der Maus, von der Stelle bewegen wir uns mit Hilfe der Tastatur.

Die Umsetzung im Spiel ist überwiegend gelungen, das Mittendrin-Gefäuhl ist auf jeden Fall vorhanden. Doch die Auflösung ist derart grob, dass wir nicht einmal die Schrift in den Spielmenüs entziffern können. Generell wirkt alles etwas unscharf und verwaschen. Das sogenannte HUD (Head-Up-Display), auf dem beispielsweise die Spieler-Gesundheit und die Munitionsanzeige stehen, schwebt einige Meter vor uns, anstatt am unteren Rand zu kleben. Das ist auch dringend notwendig, denn die Anzeige verzerrt sich zu den Rändern zunehmend. Doch in den flotten Multiplayer-Gefechten ist eine leichte Übelkeit wieder einmal vorprogrammiert.

Generell müssen Entwickler Spiele speziell an Oculus Rift anpassen. Es existieren jedoch auch spezielle Emulatoren, um auch aktuelle Spiele mit der VR-Brille zu daddeln. Mit VorpX entwickelt Ralf Ostertag aus Bremen einen Treiber, der bisher über 50 Spiele auf VR-Brillen adaptiert. Aktuell befindet sich das Projekt noch im Beta-Status.

Fazit: Oculus Rift Developer Kit

Oculus Rift DK1
Vergrößern Oculus Rift DK1

Oculus Rift schindet mächtig Eindruck und macht überwiegend Spaß. In Sachen Virtual Reality hat die Entwicklung einen großen Schritt nach vorne gemacht, Rift setzt definitiv neue Maßstäbe und ist dabei nicht einmal kompliziert in der Handhabung. Trotz des Lobs ist die VR-Brille noch weit von der Marktreife entfernt: Die Auflösung ist viel zu niedrig, die Latenz dafür immer noch zu hoch. Dennoch kommen wir nicht drumherum, uns tatsächlich wie mitten im Geschehen zu fühlen. Erschwerend hinzu kommt die auftretende Übelkeit. Bis zum Start Ende 2014 müssen die Entwickler noch viel nachbessern, unter anderem auch beim Gewicht und Aussehen von Rift. Merzt Oculus die Fehler des Developer Kits tatsächlich aus, werden wir eine neue Stufe des Gaming erleben.

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