1805363

Lichtfeldkamera Lytro im Test

01.08.2013 | 09:30 Uhr |

Das US-Unternehmen Lytro hat eine Kamera entwickelt, bei der Sie nach der Aufnahme den Fokus ändern können. Diese so genannte Lichtfeldkamera will die Fotografie revolutionieren.

Bei einer herkömmlichen Digitalkamera wird das einfallende Licht vom Objektiv gebündelt und auf den Bildsensor geleitet. Mikrofarbfilter auf den einzelnen Fotodioden sowie die Kamera-Software sorgen dafür, dass die Farben im Bild stimmen. Die Helligkeit richtet sich nach der Menge des einfallenden Lichts, welche Sie über die Blende und die Belichtungszeit bestimmen.

Die Lytro-Kamera geht einen Schritt weiter: Sie nimmt neben den Farb- und Helligkeitsinfos auch die Richtung auf, aus der die Lichtstrahlen auf das Objektiv fallen. Diese Vektorinformationen sorgen dafür, dass Sie später auf jeden beliebigen Punkt im Bild scharf stellen können. Auch für 3D-Aufnahmen soll sich die Lytro-Technik eignen.

Technik: Aufbau der Lichtfeldkamera

Wie eine herkömmliche Digitalkamera besteht auch das Lytro-Gerät aus drei Komponenten, die vorrangig für das Bild verantwortlich sind: dem Objektiv, dem Bildsensor und dem Bildprozessor. Allerdings haben die Lytro-Komponenten einige Besonderheiten. Das Objektiv erlaubt eine 8fache digitale Vergrößerung und arbeitet im gesamten Zoombereich mit einer festen Blende von f:2,0. Es ist also sehr lichtstark.

Der Bildsensor der Lytro-Kamera löst nicht in Megapixeln auf, sondern in „Lichtstrahlen“. Außerdem liegt der Sensor, der bis zu 11 Millionen Lichtstrahlen aufzeichnen kann, hinter einem Mikrolinsengitter. Diese Mikrolinsen erweitern jeden einfallenden Lichtpunkt zu einem Kreis. Aus diesem Kreis errechnet die so genannte Light Field Engine 1.0 die Richtungsinfos und wandelt sie zusammen mit den Farb- und Helligkeitswerten in eine Bilddatei um. Diese trägt die Endung „lfp“ (Light field picture), ist etwa 16 MB groß und im Seitenverhältnis 1:1 aufgenommen. Außerdem enthält die Datei die dazugehörigen Schärfeebenen in den Metadaten.

Die spezielle Technik der Lytro-Kamera verlangt auch ein besonderes Gehäuse: Statt des gewohnten mehr oder weniger rechteckigen Gehäuses steckt die Lytro-Kamera in einem 4,1 x 4,1 x 11,2 Zentimeter großen rechteckigen Gehäuse, sehr minimalistisch gehalten ist: Es besitzt lediglich einen An-/Ausschalter, einen Auslöser und eine Sensorleiste als Zoomregler. Auf andere Bedienelemente verzichtet der Hersteller. Einstellungen nehmen Sie über das 3,7 Zentimeter große Touchdisplay vor, das auch zum Blättern zwischen den Aufnahmen dient. Übrigens: Einen Blitz hat die Lytro-Kamera nicht. Zum Übertragen der Bilder steht ein USB-Anschluss bereit.

Zum Übertragen der Bilder und zum Laden des Akkus steht ein USB-Anschluss bereit. Außerdem können iPhone-Nutzer Ihre Bilder per WLAN und App direkt auf die Lytro-Website laden.
Vergrößern Zum Übertragen der Bilder und zum Laden des Akkus steht ein USB-Anschluss bereit. Außerdem können iPhone-Nutzer Ihre Bilder per WLAN und App direkt auf die Lytro-Website laden.

Handhabung der Lytro: Mieses Display und gewöhnungsbedürftiger Zoom

Hier fällt bereits der erste große Kritikpunkt auf - das Display der Lytro. Es ist bei Sonnenlicht praktisch nicht mehr ablesbar, so dass Sie nur sehr schwer Einstellungen vornehmen können. Scheint die Sonne nicht, stört die grobpixelige Darstellung. Außerdem sollte das Display unbedingt klappbar sein, um die Bildkomposition zu vereinfachen.

Zum Zoomen streifen Sie mit dem Finger über eine Sensorfläche, die quer über die Gehäuseoberseite verläuft. Da ein Streif nur eine 1,5fache Vergrößerung ausmacht, dürfen Sie schon ein paar Mal streifen, um den maximalen 8fach-Zoom voll auszureizen. Apropos Streifen: Möchten Sie Ihre Bilder auf dem Display der Lytro ansehen, genügt es, mit dem Finger auf dem Display nach rechts zu streifen. Die entgegengesetzte Richtung bringt Sie zurück in den Aufnahmemodus. Möchten Sie das Menü aufrufen, müssen Sie von unten nach oben streifen.

Die Einstellungen, die Sie bei der Lytro vornehmen können, sind überschaubar: Im Menü selbst finden Sie Selbstauslöser mit 2 oder 10 Sekunden Wartezeit. Im manuellen Modus kommen noch die Verschlusszeit (1/250 bis 8 Sekunden) und die Lichtempfindlichkeit (ISO 80 bis 3200) hinzu, die Sie durch ein Streifen von oben nach unten aufrufen.

Erstellen der Bilder mit Schärfeverschiebung

Sind Ihre Bilder gemacht, schließen Sie die Lytro per USB-Kabel am PC an. Sie erscheint auf dem Desktop als eignenes Laufwerk. Im internen Speicher finden Sie einen Direktlink auf die Lytro-Download-Seite, von wo aus Sie die Windows-Software für Win 7 und 8 herunterladen können. Doppelklicken Sie die Installationsdatei und erlauben Sie bei Bedarf das Update der .NET-Framework-Laufzeitumgebung.

Starten Sie anschließend die Lytro Desktop Software. Ihre Kamera muss weiterhin mit dem PC verbunden sein. Melden Sie sich bei pictures.lytro.com/users/sign_in an und erstellen Sie ein Konto, in dem Sie Ihre Bilder samt Schärfeverschiebung ablegen. Alternativ können Sie sich auch mit Ihrem Facebook-Konto anmelden. In der Lytro Desktop Software klicken Sie auf den Kameranamen und anschließend auf "Alle importieren", um die Bilder zu laden. Ihre Bilder erscheinen in einem neuen Album in der Übersicht. Doppelklicken Sie ein Bild, um es zu vergrößern und die Schärfeverschiebung vorzunehmen.

Die Bilder der Lytro sind in der Lytro Desktop Software übersichtlich dargestellt und lassen sich auch in Alben einordnen.
Vergrößern Die Bilder der Lytro sind in der Lytro Desktop Software übersichtlich dargestellt und lassen sich auch in Alben einordnen.

Bilder, die Sie in Ihrem Lytro-Konto veröffentlichen möchten, markieren Sie mit einem Haken (mit der Maus erst in das Bild und dann auf den erscheinenden Haken klicken). Die ausgewählten Bilder erscheinen nun im Menüpunkt "Markiert" der Software. Markieren Sie nun alle Bilder (orangefarbener Rahmen), um sie über die rechte der vier Schaltfkächen am unteren Rand des Software-Fensters hochzuladen. Nach dem Upload erhalten Sie einen Direkt-Link zu Ihrem Album.

Möchten Sie nun ein Bild in Ihre Website einbinden oder auf Facebook, Twitter beziehungsweise Google+ posten, müssen Sie wieder auf das Teilen-Symbol klicken und die entsprechende Option auswählen. Alternativ zur Veröffentlichung mit variabler Schärfe können Sie die Lytro-Bilder auch als JPG exportieren. Sie müssen dann jedoch den Fokuspunkt vorher festlegen. Für iPhones besteht zudem die Möglichkeit, die Bilder gleich per App in das eigene Lytro-Album hochzuladen.

Ihre Bilder erscheinen auf der Lytro-Website, von wo aus Sie sie auf Facebook, Google+, Twitter posten oder via HTML-Code in eine Website einbauen können.
Vergrößern Ihre Bilder erscheinen auf der Lytro-Website, von wo aus Sie sie auf Facebook, Google+, Twitter posten oder via HTML-Code in eine Website einbauen können.

Bildqualität: Noch in den Kinderschuhen

Kein Zweifel: Die Lichtfeldtechnik ist revolutionär und hat die Chance, die Fotografie komplett umzukrempeln. Mit der Lytro wird das jedoch nicht gelingen. Denn obwohl der Effekt der Schärfenverschiebung beeindruckend ist, bleibt die Bildqualität bestenfalls mittelmäßig. Vor allem war in allen Bildern eine leichte Unschärfe zu entdecken, die auch im manuellen Modus mit Nachfokussieren nicht verschwand. Darüber hinaus stellten wir leichtes Bildrauschen fest.

Bildkomposition: Mit drei Tipps zum perfekten Bild

Um mit der Lytro gute perspektivische Bilder zu erstellen, bedarf es etwas Übung, denn nicht jedes Motiv eignet sich dafür. Auch sollten Sie die Lytro nicht als Schnappschusskamera sehen - dazu müssen Sie sich zu viel mit der Bildkomposition beschäftigen. Mit unseren drei Tipps sollte Ihnen der Einstieg in die Lichtfeldfotografoe jedoch gut gelingen.

1. Der Lytro-Effekt kommt vor allem bei Nahaufnahmen zur Geltung. Gehen Sie daher mit der Kamera so nahe wie möglich an Ihr Motiv heran. Wenn dabei der Vordergrund etwas unscharf wird - macht nichts!

2. Denken Sie in perspektivischen Schichten! Damit der Lytro-Effekt besonders eindrucksvoll wird, muss es auf dem Bild natürlich auch im Hintergrund etwas geben, was Sie scharf stellen können.

3. Spielen Sie mit dem Zoom und vergessen Sie nicht, dass auch hier Unschärfe den gewünschten Effekt bringen kann.

Fazit der Lytro-Lichtfeldkamera: Tolle Technik, Ausführung so làlà

Die Lichtfeldtechnik eröffnet der Fotografie völlig neue Wege. Wo sich der Fotograf bisher überlegen musste, wo der Fokus seines Bildes liegt, lässt sich dieser bei der Lytro nun nachträglich ändern. Das bringt aber auch Probleme mit sich: Nicht jedes Motiv eignet sich für die Lichtfeldfotografie. Die Bildkomposition wird noch wichtiger. Das ist jedoch nichts, was man mit Ausprobieren und Üben nicht in den Griff bekommt.

Schwieriger ist es, die Mängel der Hardware zu bewältigen. Das Display der Lytro ist fast unbrauchbar, da man bei Tageslicht nichts mehr darauf erkennt, es darüber hinaus sehr grobkörnig ist und sich nicht aufklappen lässt - was bei der speziellen Inszenierung eines Motivs unverzichtbar ist.

Bleibt also abzuwarten, wie das nächste Lytro-Modell aussehen wird. Und ob Lytro auch an der Preisschraube dreht, denn aktuell müssen Sie im Fotofachhandel 475 Euro für die Lytro mit 8 GB und 579 Euro für die Lytro mit 16 GB hinblättern.

0 Kommentare zu diesem Artikel
1805363