25.02.2010, 16:22

Benedikt Plass-Fleßenkämper

Interaktives Meisterwerk?

Heavy Rain im Test (Playstation 3)

Interaktives Meisterwerk oder spielerische Nullnummer? Heavy Rain vom Fahrenheit-Schöpfer Quantic Dream spaltet die Spielerschaft. Unser Test klärt auf.

Die französischen Entwickler von Quantic Dream haben den Ruf, innovative Konzepte und tolle Geschichten zu liefern, auch wenn die spielerische Komponente nicht immer nicht immer reibungslos flutscht. Wer sich etwa an Fahrenheit (in den USA Indigo Prophecy) erinnert, wird uns zustimmen.
Seit etlichen Jahren nun arbeitet Quantic Dream am interaktiven Krimi Heavy Rain für die PlayStation 3. Nach viel Geheimnistuerei um Story, Charaktere und Technik liefern wir hier den Test zum innovativen Action-Adventure Heavy Rain.
Gebannt blicken wir auf unseren Plasma-Fernseher. Wir wollen es jetzt endlich wissen: Wer ist der Origami-Killer? Und wie kommt er überhaupt auf die Idee, Jahr für Jahr Kinder in Regenwasser zu ertränken? Nur, um ihnen anschließend eine Faltfigur in die Hand und eine Orchidee auf die Brust zu legen? Nach fünf Stunden des Leidens, Rätselns und Mitfieberns steht es endlich fest: Der Origami-Killer ist ... das wird natürlich nicht verraten. Denn wie ein guter Krimi führt euch auch das Action-Adventure Heavy Rain über die gesamte Spielzeit in die Irre. Und wie in einem guten Psycho-Thriller konnten wir nicht fassen, wer sich später tatsächlich hinter dem Origami-Killer versteckte.
Ihr merkt es schon: Heavy Rain spielt wie kaum ein anderer Titel mit euren Gefühlen. Nur selten wurden Emotionen derart lebensnah in einem Spiel umgesetzt. Trauer, Wut und Freude sind in Heavy Rain wirklich zum Greifen nah. Die Suche nach dem Origami-Killer ist eine emotionale Achterbahnfahrt -- auf die man sich allerdings einlassen muss. Nur wenn ihr Heavy Rain als meisterhaft inszenierten, interaktiven Film mit raffinierter Erzählstruktur akzeptiert, werdet ihr von seiner Atmosphäre und der Wucht seiner Bilder förmlich erschlagen. Seht ihr das Quantic Dream-Experiment hingegen als gewöhnliches Videospiel, wird Heavy Rain bereits nach wenigen Spielminuten bei euch scheitern. Zu banal, zu simpel ist die Spielmechanik. Aber genau das ist es komischerweise, was das Spiel zu einer der außergewöhnlichsten Erfahrungen der letzten Jahre macht.
Heavy Rain beginnt mit einem Familienidyll, wie es Rosamunde Pilcher nicht besser hätte darstellen können. Im Hause Mars herrscht frohes und liebendes Miteinander. Daddy Ethan spielt glücklich mit seinen beiden Söhnen im Garten. Im Wohnzimmer hängen Luftballons für die nahende Geburtstagsfeier des älteren Sprösslings. Wir amüsieren uns, während wir die Kinder mit einem Ruck am rechten Analogstick auf Ethans Schulter hieven und anschließend über die Wiese laufen. Später decken wir noch den Tisch und achten dabei darauf, das gute Geschirr ja nicht zu fest auf die Holzplatte zu legen. Sonst schimpft unsere virtuelle Ehefrau.
Es sind solche Banalitäten des Alltags, die Heavy Rain sympathisch und greifbar machen. Doch erfüllen diese manchmal lästigen Pflichtaufgaben ihren Zweck: Wir identifizieren uns besser mit den Figuren im Spiel (und lernen nebenbei die simplen Steuerungskommandos). Doch nach einem Schicksalsschlag zerbricht das Familienglück. Zwei Jahre danach ist der einst erfolgreiche Architekt ein gebrochener Mann. Ihn plagen Vorwürfe und Depressionen. So nimmt Heavy Rain nach etwa einer halben Stunde Spielzeit die entscheidende Wandlung von der süßen Familiengeschichte zum finsteren Thriller. Nichts wird in dieser Geschichte dem Zufall überlassen -- jeder Satz wurde von den Drehbuchautoren um Projektleiter David Cage genau platziert, jede Handlung erfüllt ihren Zweck.
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