25.02.2010, 16:22

Benedikt Plass-Fleßenkämper

Interaktives Meisterwerk?

Heavy Rain: Entscheidungen und DialogeHeavy Rain: Rätsel und Aufgaben

Die ausufernden Gespräche mit anderen Charakteren nehmen einen Großteil der Spielzeit von Heavy Rain ein. Allerdings dürft ihr in dem Adventure nicht gedankenlos auf euer Gegenüber einplaudern. Denn ähnlich wie in Mass Effect 2 haben alle eure Entscheidungen und Aussagen einen direkten Einfluss auf die weitere Geschichte. Bedroht Scott Shelby den bewaffneten Ladendieb zu Beginn des Spiels etwa allzu scharf, hat das natürlich Konsequenzen für ihn. Ist FBI-Agent Jayden auf der anderen Seite mit einem Verdächtigen zu zimperlich, rückt dieser nicht mit den Informationen raus. Die Gespräche sind immer eine Gratwanderung. Wenn euch zum Ende hin Informationen fehlen, werdet ihr das auch zu spüren bekommen. Wie, verraten wir an dieser Stelle nicht!

Anscheinend kapiert man inzwischen in Entwicklerkreisen, dass es sich lohnt, kompetente Autoren zu engagieren: Wie schon in Mass Effect 2 sind auch in Heavy Rain die Dialoge außerordentlich gelungen. Allerdings ist die deutsche Synchronisation eher mittelprächtig. Es passen zwar beinahe alle Stimmen zu ihrer Figur, doch schaffen es die Sprecher nicht, den Charakteren glaubhaft Leben einzuhauchen. Bei einem Projekt dieser Größenordnung ist das unverzeihlich, denn schließlich steht und fällt das Spielerlebnis mit der Glaubwürdigkeit der beteiligten Figuren. Lobenswert: Zu Beginn könnt ihr unter einer Vielzahl von Sprachen wählen und Heavy Rain etwa komplett auf Englisch (inkl. Untertitel) spielen.
Während das Dialogsystem mit durchaus hohem Anspruch glänzt, fehlt es dem eigentlichen Spieldesign hinter Heavy Rain an der notwendigen Tiefe. Die Rätsel und Aufgaben sind derart eindeutig und simpel, dass sie selbst ein Schimpanse problemlos meistern könnte. Beispiel: Ethan ist verletzt, und wir -- als Madison Paige -- sollen ihn verarzten. Der gesunde Menschenverstand sagt uns: »Im Badezimmerschränkchen sind garantiert Verbände und Bandagen.« Und so ist es dann auch. Es folgt ein anspruchsloses Minispiel, in dem wir vorsichtig Ethans Arm abtupfen und mit kreisenden Stick-Bewegungen einen Verband anlegen. Auch spätere Rätsel werden nicht kniffliger. Ist Madison für den Informanten in einem Nachtclub nicht scharf genug, brezeln wir uns einfach in der Toilette ein wenig auf.

Die Aufgaben passen stets hervorragend in den aktuellen Zusammenhang und unterstreichen damit die Natürlichkeit des ganzen Spiels. Trotzdem sind die Rätsel derart banal, dass der Faktor der »Herausforderung eines Spiels« eigentlich nahezu vollständig fehlt. Und solltet ihr dennoch einmal hängen bleiben, verraten euch die Gedanken eures Helden -- jederzeit per »L2«-Taste einblendbar -- die notwendigen Tipps.
Spielerisch gibt es übrigens keine Unterschiede zwischen Madison, Shelby und Ethan. Einzig dem FBI-Agenten Norman Jayden wurden einige nützliche Hightech-Helferlein spendiert. Mit seiner Virtual-Reality-Brille und dem dazu passenden Handschuh sucht ihr Tatorte nach Beweisstücken ab, scannt Blut- oder Pollenproben und geht euren Forschungen nach. Die Idee eines virtuellen Arbeitsplatzes wurde hier bildlich umgesetzt. Sein Equipment verwandelt das Büro kurzerhand in einen Schreibtisch auf dem Mars. Akten und Fundstücke werden lediglich virtuell durchgearbeitet. Trotz dieser guten Idee genügt es meistens vollkommen, alle Gegenstände zu analysieren und den gesamten Tatort abzuscannen -- richtige Detektivarbeit verlangt Heavy Rain nicht von euch!
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