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Pornoindustrie gegen Rotlichtdomain

04.09.2010 | 14:09 Uhr |

Um Moral und Anstand besorgte Kritiker können sich freuen: Auch die Erotikindustrie ist vehement gegen die geplante Pornodomain .xxx. Das zeigen die zum aktuellen Vertragsentwurf für die neue Top-Level-Domain (TLD), welche die oberste Domainverwaltung ICANN derzeit entgegen nimmt.

Besonders laut wird der Vorwurf, dass die hinter dem .xxx-Antrag stehende ICM Registry der Erotikindustrie einfach nur das Geld aus den Taschen ziehen will. Weitere Kritikpunkte umfassen die fehlende allgemeingültige Definition von "Erwachseneninhalten", Zensurbefürchtungen sowie eben, dass die Pornoindustrie gar keine eigene Domain will. Ob die Gegner .xxx diesmal noch stoppen können, ist fraglich. "Die Public Comments sind vermutlich eher Formsache. Die ICANN wird .xxx wohl nicht wieder abblasen", meint nic.at-Geschäftsführer Richard Wein im Gespräch mit pressetext.

".xxx ist nur unternehmerisch sinnvoll, um von defensiven Registrierungen zu profitieren", schreibt etwa die amerikanische Sex-Kolumnistin Violet Blue. Befürchtet wird, dass Erotik-Webseitenbetreiber .xxx-Domains letztlich registrieren müssen, um einen Markenmissbrauch durch Cybersquatter zu verhindern. Davon wird sich die ICANN aber kaum beeindrucken lassen. "Das ist allgemein das meistgenutzte Argument gegen neue TLDs", erklärt Wein. Dennoch wurde die Einführung neuer Endungen fix beschlossen.

Für Zündstoff sorgt aber auch der Preis von .xxx-Domains, die mit 60 Dollar pro Jahr deutlich teurer ausfallen sollen als Seiten mit .com-Endung. "Das ist schon relativ teuer. Doch das wird aber bei allen neuen TLDs ein Thema - die Zahl der Registrierungen wird einfach deutlich geringer sein als etwa bei .com", sagt Wein. Insofern dürften die Gegner der Rotlichtdomain auch mit diesem Argument wenig ausrichten.

George Kirikos, Präsident von Leap of Faith Financial Services, warnt in seinem Kommentar, dass offenbar keine Preisobergrenze für .xxx-Jahregebühren geplant ist. "Wenn das nicht sinnvoll geregelt ist, würde ich das als potenzielle Gefahr sehen", bestätigt der nic.at-Geschäftsführer. Denn Betreiber anderer TLDs wie VeriSign für .com könnten dann über Gleichbehandlungsklauseln versuchen, ebenfalls höhere Jahresgebühren durchzusetzen. Das würde die Internetwirtschaft allgemein belasten.

Die Gemüter erregt ferner, dass dem Vertragsentwurf zufolge .xxx für Webseitenbetreiber gedacht ist, die einen Sinn in der Pornodomain sehen. Diese Gruppe ist überschaubar, hat sich doch mit der mit der Free Speech Coalition die Branchenorganisation der US-Pornoindustrie gegen .xxx gestellt. "Die Umsetzung einer .xxx-TLD betrifft die gesamte Erwachsenenindustrie, nicht nur jene, die der Idee zustimmen", kritisiert Quentin Boyer, PR-Leiter bei Pink Visual.

Außerdem gibt es keine sinnvolle internationale Definition von Pornografie und somit, welche Inhalte überhaupt auf .xxx-Domains gehören würden. Viele europäische Länder sind merklich liberaler als die prüden USA oder gar Staaten wie der Iran. Das spielt mit Zensurbefürchtungen zusammen. "Mit .xxx wäre eine Filterung relativ leicht", sagt Wein.

Dass die Diskussion jetzt überhaupt in dieser Form entbrannt ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Immerhin war die Pornodomain schon 2007 vermeintlich endgültig vom Tisch - damals noch auf Bestreben konservativer Gruppen. Doch ICM hat sich zurück ins Rennen gekämpft, wobei auch eine Klage gegen die ICANN im Raum Stand. Eben das ist ein Grund, warum eine erneute Ablehnung für manche Experten illusorisch scheint.

(pte)

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