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Zwei kostbare Buchstaben

03.10.2000 | 13:24 Uhr |

Ein Inselreich im Pazifik hat neuerdings einen großen Bekanntheitsgrad unter Internet-Experten: Tuvalu. Der Grund: seine virtuelle Länderkennung. Die Internetadressen des Inselstaates enden auf ".tv" und Fernsehsender aus aller Welt sind darauf ganz heiß.

Ein Inselreich im Pazifik hat neuerdings einen großen Bekanntheitsgrad unter Internet-Experten: Tuvalu. Knapp 11.000 Einwohner haben die neun Atolle im Pazifik mit insgesamt nur 26 Quadratkilometern Fläche. Schlagartig bekannt geworden aber ist das winzige Land durch seine virtuelle Länderkennung: Die Internetadressen des Inselstaates enden auf ".tv". Das unverhofft aufgetauchte Phänomen macht das Winzland jetzt reich und die Konkurrenz aus anderen Kleinstaaten neidisch. Denn: Fernsehsender aus aller Welt hätten sicher gern eine Webadresse mit den beiden Buchstaben am Ende.

Beim globalen Verwalter von Internetadress-Endungen, der "Internet Assigned Numbers Authority" (IANA), sind über 200 Kürzel registriert, von ".ac" für Ascencion Island (Himmelfahrtsinsel) über ".de" für die Bundesrepublik bis zu ".zw" für Simbabwe.

Erfahrene US-Geschäftsleute versuchen im Interesse von Ländern wie dem Südseereich Tonga oder der Insel Niue (Neuseeland) Nutzer für die Domains ".to" und ".nu" zu finden. Das "Tongan Network Information Center" (Tonic) in San Francisco hat nach eigenen Angaben seit 1997 etwa 50 000 ".to"-Abnehmer registriert, die 100 Dollar (rund 220 Mark) bezahlen. "Bisher ist unsere Kundenzahl natürlich winzig, etwa im Vergleich zu den zwölf Millionen Punkt-Com-Adressen", meint Tonic-Sprecher Eric Lyons.

Bill Semich, Chef der Firma .NU Domain, vergibt für eine geringe Gebühr von 45 Dollar ".nu"-Domains aus seinem Büro im Bundesstaat Massachusetts. Ein Viertel seiner Einnahmen führt er nach Niue ab. 80 000 Kunden hat Semich bereits, vor allem im skandinavischen Raum, wo das Wort "nu" mit der Bedeutung "jetzt" als Teil einer Web-Adresse sehr beliebt ist. Die Gelben Seiten (Gula Sidorna) Schwedens etwa sind im Web unter "gulasidorna.nu" zu finden. "Auch in Deutschland haben wir Kunden, zum Beispiel jemanden, der vor kurzem "im.nu" registrieren ließ", berichtet Semich.

Ein völliger Reinfall allerdings wurde der Handel mit der Länder-Domain für Turkmenistan. Das Kürzel ".tm" ergab in Verbindung mit anderen Worten leider häufig eine für Turkmenen unakzeptable Obszönität, weshalb ".tm" vorläufig aus dem Verkehr gezogen wurde.

Unter den Kleinstaaten mit Web-Ambitionen ist Tuvalu aber der große Star. Beim UN-Millenniumsgipfel im September in New York nahm die Vollversammlung den Kleinstaat als 189. Mitglied auf. Die Bewerbung um diese Anerkennung kostete 30 000 Dollar. Den Betrag konnte das Land erst jetzt aufbringen, als Folge des ertragreichen Geschäfts mit der ".tv"-Domain.

Tuvalu vertraute das Geschäft 1998 dem kanadischen Unternehmer Jason Chapnik an. Für den Vertrieb der ".tv"-Namen wurde in Kalifornien die Firma Dot TV gegründet. Dem Inselreich brachte das eine Firmenbeteiligung sowie eine über mehrere Jahre verteilte Mindestzahlung von 50 Millionen Dollar ein. Etwa ein Drittel des Geldes wurde nach Angaben von Dot TV bereits ausbezahlt. Generatoren sorgen in Tuvalu neuerdings für eine stabile Stromversorgung auf allen Inseln, Krankenhäuser und Schulen konnten mehr Personal einstellen. Außerdem dient das Geld der Tourismuswerbung und dem Ausbau des Flughafens.

Die Preisliste für die Internet-Adressen beginnt bei 100 Dollar, aber besonders attraktive Web-Adressen wie "free.tv" erzielten schon bis zu 100.000 Dollar, so Dot TV-Sprecherin Sarah Alcorn. Seit dem Geschäftsstart im Mai diesen Jahres hat es nach ihren Angaben bereits "Hunderttausende" von ".tv"-Neuregistrierungen gegeben. Zu den Abnehmern gehören prestigeträchtige Organisationen wie die amerikanische Academy of Television Arts & Sciences, die ihre Fernsehpreis-Verleihung im Internet jetzt erstmals unter "emmys.tv" präsentierte.

Und auch in Deutschland fand Dot TV schon Kunden. Websurfer können "onyx.tv" ansteuern, um sich über das Programm des Kölner Musiksenders zu informieren - oder auch über die Konkurrenz, unter "viva.tv". (PC-WELT, 03.10.2000, dpa/ lmd)

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