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Microsoft soll Windows neu entwickeln

30.06.2008 | 16:08 Uhr |

Windows braucht einen vollständigen Neu-Anfang. Das fordert der Wirtschafts-Professor Randall Stross. Windows sei im Laufe der Jahr zu übergewichtig geworden und sollte nicht auf der Basis von Vista und Server 2008 weiter entwickelt werden. Stattdessen solle Microsoft den Code von Windows 7 von Grund auf neu programmieren.

Randall Stross. Professor of Business, San Jose State University
Vergrößern Randall Stross. Professor of Business, San Jose State University
© 2014

Randall Stross schreibt regelmäßig Kolumnen für die renommierte New York Times. Jetzt hat der an der San Jose State University lehrende Professor für Wirtschaft mit seiner jüngsten Äußerung in ein Wespennest gestochen. Denn Stross fordert Microsoft auf, das kommende Windows 7 (so die derzeitige Code-Bezeichnung für den Vista-Nachfolger) von Grund auf neu zu entwickeln ohne dabei auf das bestehende Windows Vista oder den neuen Windows Server 2008 zurückzugreifen.

Windows habe nämlich im Laufe der Jahre viel Gewicht angesetzt, begründet Stross seine Forderung. Windows habe als schlanke Schale für alten Software-Code angefangen und sich im Laufe der Zeit zu einem fettleibigen Monolithen auf einem alten Rahmen entwickelt. Immer neue Features kamen hinzu, Sicherheitslöcher wurden gestopft, Fehler korrigiert und schließlich sogar die Patches und Bugfixes wiederum repariert. Bei all diesen Nachbesserungen sollte Windows zudem abwärtskompatibel bleiben und weiterhin alte Software sowie Hardware unterstützen. Das habe zu schmerzhaften Design-Defiziten geführt.

Microsoft soll bei der Entwicklung von Windows 7 alle diese Altlasten abwerfen und bei Null beginnen. Und ein schlankes neues System auf die Beine stellen. Damit fordert der Wirtschaftsprofessor so ziemlich das Gegenteil von dem, was Microsoft mit Windows 7 derzeit plant. Denn laut Bill Veghte, Microsoft Senior Vice President, soll sich der Code von Windows 7 nur geringfügig von dem von Vista unterscheiden. Dadurch soll Unternehmen garantiert werden, dass sich die Investitionen in Vista auch noch in ein paar Jahren lohnen. Doch Experten bewerten gerade diesen Versuch der größtmöglichen Kompatibilität als Fehlentscheidung.

Bereits im April 2008 prophezeiten Analysten von Gartner den Kollaps von Windows, weil es zu viele Altlasten mit sich herumschleppe. Die Gartner-Mitarbeiter forderten ebenfalls einen Neuanfang bei Windows. Stross betont zudem, dass sich auch schon der eine oder andere Software-Entwickler von Microsoft für einen Neuanfang bei Windows ausgesprochen habe. Die Microsoft-Entwickler hoffen, dass sich mit einer kompletten Neuentwicklung von Windows Sicherheitslücken und System-Instabilitäten beheben ließen. Doch diese Microsoft-Leute würden nicht in der zuständigen Windows-Unternehmensgruppe sitzen, sondern im Research-Zweig und seien damit vom Entscheidungsprozess bei Windows weit entfernt.

Microsoft Research (MSR), die Forschungsabteilung des Redmonder Unternehmens, arbeitet denn auch bereits an einem komplett neuen Betriebssystem, das auf den Codenamen Singularity hört. Nur wie gesagt, bis auf weiteres sei nicht daran zu denken, dass Singularity den bestehenden Windows-Code ersetzen könnte, wie Rick Rashid, General Direktor von Microsoft Research betont: "Singularity ist nicht das nächste Windows”. Stattdessen solle man sich Singularity eher als Konzeptstudie vorstellen, ähnlich wie es bei Autoherstellern Konzept-Autos gäbe. Wenn man sich vor Augen hält, wie skuril und futuristisch viele derartige Konzeptautos anmuten, wenn sie auf den Automessen vorgestellt werden, und wie wenig davon dann schließlich in die Serienproduktion einfließt, dann dürfte einem klar werden, dass Singularity keinesfalls ein neues Windows bedeutet. Zumindest nicht mittelfristig.

Stross nennt denn auch ein Beispiel, das beweisen soll, dass ein großes Software-Unternehmen durchaus einen massiven Schwenk bei der Entwicklung seines Betriebssystems machen kann: Apple nämlich. 2001 präsentierte die Marke mit dem angebissenen Apfel MacOS X auf einer völlig neuen Basis, nämlich auf der von Unix beziehungsweise BSD. Bei Apple war das damals sogar eine Frage des Überlebens, dank MacOS X konnte Apple seinen Marktanteil wieder spürbar steigern.

Einen ähnlich mutigen Schritt wie seinerzeit bei Apple fordert Stross jetzt von Microsoft, also quasi ein Windows OS X. Dieses neue Windows sollte von allen Altlasten befreit sein und wirklich nur die Leistungen bieten, die die Anwender heute auch benötigen.

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