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Wikipedia kommt vorerst nicht als 100-bändiges-Lexikon

24.03.2006 | 12:03 Uhr |

Das ambitionierte Projekt liegt vorerst auf Eis: Die Zenodot Verlagsgesellschaft hat bekannt gegeben, dass die deutschsprachige Wikipedia vorerst nicht als gedrucktes Lexikon erscheinen wird.

Die Überraschung war perfekt, als Zenodot Ende Januar mit der Absicht an die Öffentlichkeit trat, eine überarbeitete Druckversion von Wikipedia.de in 100 Bänden auf den Markt zu bringen ( die PC-WELT berichtete ). Sofort begann die Diskussion über Sinn oder Unsinn dieses Projekts. Jeder Band sollte bei Vorbestellung 14,90 Euro kosten, insgesamt würde die gedruckte Ausgabe mit insgesamt 80.000 Seiten also fast 1500 Euro kosten.

Jetzt erklärte Zenodot, dass das Vorhaben vorerst nicht umgesetzt wird. Der Verlag hatte von vornherein die Mitarbeit der Community zur Voraussetzung gemacht. Das bedeutete unter anderem, dass die Wikipedia-Autoren nicht mehr nur nach ihren persönlichen Interessen und Vorlieben und wann sie gerade Zeit und Lust haben etwas schreiben, sondern die vorhandenen Artikel beginnend in alphabetischer Reihenfolge für das gedruckte Lexikon aufarbeiten (also Fehler korrigieren, Texte längen oder kürzen etc.). Gefordert wäre also ein disziplinierten, straff durchorganisiertes Vorgehen gewesen, bei dem die Autoren ihre persönlichen Interessen hätten zurückstellen müssen. Für die oftmals detailverliebten Wikipedianer, die sich beim Schreiben ihrer Texte oft selbst verwirklichen und ihre Steckenpferde pflegen wollen, war das offensichtlich zu viel verlangt.

Denn Zenodot stellt resigniert fest: "Nach vielen sinnvollen und noch mehr sinnlosen Diskussionen in den letzten zwei Monaten möchten wir einen Strich ziehen. Es ist leider abzusehen, dass das Projekt im vorgeschlagenen Zeitrahmen wegen der schleppenden Beteiligung sowie der Abwartehaltung vieler Mitarbeiter nicht zu realisieren ist."

Ganz gibt das Berliner Unternehmen die Hoffnung aber noch nicht auf, denn: "Wir werden im Januar 2007 erneut versuchen, eine Diskussion über die Realisierung in Gang zu setzen."

Interessant finden wir, dass einige Autoren von Wikipedia nicht mit der Verwertung in einer kommerziellen Printausgabe einverstanden sind. Zenodot schreibt nämlich in seiner Stellungnahme: "Auffällig und erschreckend an der begleitenden Diskussion war die massive Unkenntnis über die Lizenz unter der die Mitarbeiter hier ihre Texte einstellen. Über die Nutzungsmöglichkeiten, insbesondere über die kommerziellen Nutzungsrechte durch die Lizenz, sollte dringend besser informiert werden. Mitarbeiter, die ihre Inhalte nicht in dieser Form verwertet wissen wollen, sollten darüber besser aufgeklärt werden."

Auf dieses Problem hatte PC-WELT bereits Ende Januar mehrmals hingewiesen : "Außerdem interessiert uns, ob Sie es grundsätzlich für in Ordnung halten, dass Inhalte, die von Autoren ohne jedes Entgelt verfasst wurden, nun in einem kommerziellen Produkt Verwendung finden (auch wenn das durch die GNU-Lizenz abgedeckt ist)." Und : "Allerdings stellt sich in diesem Zusammenhang noch eine andere Frage: Wie reagieren enthusiastische Wikipedianer darauf, dass ihr Content, den sie kostenlos erstellt haben, nun kommerziell verwertet wird? Denn so mancher Autor von Wikipedia.de dürfte sich die Nächte um die Ohren schlagen, um einen seitenlangen und umfassend informierenden Beitrag für Wikipedia zu erstellen."

Der Verlag hatte unseren Einwand aber mit Hinweis auf die GNU-Lizenz zurückgewiesen.

Zwar habe kein Autor konkrete (Geld)-Forderungen gestellt, aber einige hätten eben ihre Unzufriedenheit mit dieser Vorgehensweise zum Ausdruck gebracht, wie Gertraud Götz, Pressesprecherin von Directmedia/Zenodot, gegenüber der PC-WELT erläutert. Das zeige einerseits nur, so Götz, dass einige Autoren mit den Bedingungen der GNU FDL nicht vertraut sind, und gebe natürlich andererseits auch keine Grundhaltung ab, mit der sich gut zusammenarbeiten lässt.

Götz führt weiter aus: "Wie sich auf den Seiten gut nachvollziehen lässt, sind solche Stimmen sowie viele andere mit eher ablehnenden Argumenten in der Überzahl gegenüber denen, die bereits angefangen haben, bei A zu überarbeiten und die sich eher positiv und unterstützend für das Projekt äußern. Da hilft es auch nichts, dass diese positiven Stimmen eher aus der Admin-Ebene, also aus den Reihen derer kommen, die in der Wikipedia eine moderierende und lenkende Funktion haben. Denn für WP 1.0 bräuchte es eine breitere Basis an Autoren, die für eine systematische Überarbeitung der Artikel einstehen."

Wikimedia wiederum betonte gegenüber der PC-WELT, dass Zenodot Wikipedia durchaus unterstützen würde. So hat der Verlag beispielsweise dem Online-Lexikon die Rechte an 10.000 Bildern zur Verfügung gestellt. Wikimedia hat die Hoffnung auf eine erfolgreiche Durchführung des Projekts keineswegs aufgegeben. Auch Gertraud Götz, Pressesprecherin von Directmedia/Zenodot, äußerte sich vorsichtig optimistisch: "Man kann eben nur abwarten, dass sich dieses Klima vielleicht irgendwann ändert. Und das ist letztlich gar nicht so unwahrscheinlich."

Die vollständige Erklärung der Zenodot Verlagsgesellschaft können Sie hier nachlesen.

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